Ein Berliner Junge erlebt die schweren Luftangriffe auf Spandau 1942-1945
Als im Krieg die Luftangriffe auf Deutschland und damit auch auf
Berlin begannen, war ich 8 Jahre alt. Es war also das Jahr 1942.
Erlebt habe ich dies alles in Berlin-Spandau, Scharfe Lanke, auf
der damaligen Lanke Werft. Meine Mutter arbeitete dort als Buchhalterin,
und wir hatten auf der Werft eine Werkwohnung. Dass wir in unserer
relativ ruhigen und grünen Gegend von den Alliierten dermaßen
mit Bomben "bepflastert" wurden, ist uns erst nach dem
Kriege bewusst geworden. Meinem Vater, der nach dem Kriege bei
den Engländern auf dem Flugplatz Gatow arbeitete, fiel eine
Angriffskarte der Royal-Air Force (RAF) in die Hände. Auf
dieser Karte war die Lanke Werft als Rüstungsbetrieb markiert.
Der Hintergrund hierfür war folgender: die Lanke Werft, der
damalige Besitzer hieß Hugo Reinicke, baute für die
Kriegsmarine Pinassen und Barkassen und gegen Kriegsende auch
noch Sprengboote für die K-Verbände. Dies alles wurde
von den Alliierten als Rüstungsproduktion angesehen.
Ende 1941fingen die Angriffe relativ harmlos an und wurden von
der Bevölkerung quasi als Feuerwerk zur Volksbelustigung
angesehen. Zumal der Reichsluftfahrtsminister Herrmann Göring
lautstark verkündet hatte, wenn eine feindliche Maschine
die Reichshauptstadt erreicht, wolle er "Meyer" heißen.
Da die Realität aber anders verlief, hieß er fortan
"Herrmann Meyer", jedenfalls wurde er nur noch so genannt.
Wie wir aber wissen, wurde aus dem "Feuerwerk" sehr
schnell blutiger Ernst, dem ca. 500.000 Deutsche, hauptsächlich
Frauen und Kinder, zum Opfer fielen. Ende 1941 und auch noch Anfang
1942 kamen noch nicht die großen "Bomberverbände",
wie sie genannt wurden, sondern es waren einzelne Maschinen. Diese
wurden von der zum Anfang des Krieges noch sehr massiven Flak-Abwehr
erfasst und meistens auch abgeschossen.
Zu bemerken wäre hierzu, dass unsere Abwehr hauptsächlich
aus der 8,8 Flak (Fliegerabwehrkanone) bestand. Diese "8,8"
war das Standardgeschütz der Wehrmacht, es wurde auch im
Erdkampf zur Panzerabwehr eingesetzt. Diese Flak hatte ein sehr
hochfrequentiertes Detonationsgeräusch und war sehr gut von
den mehr dumpfen Bombeneinschlägen zu unterscheiden. Wie
bereits erwähnt, konnte man zum Anfang des Bombenkrieges
dieses Schauspiel noch relativ gefahrlos beobachten. Ich kann
mich erinnern, dass ich mit den Männern der Luftschutzwache
unser Dach besteigen durfte, um das Geschehen am Himmel zu beobachten.
Am Himmel, im Schnittpunkt der Scheinwerferstrahlen, sah man silberglänzend
ein Flugzeug. Um dieses Flugzeug herum sah man die weißen
Wölkchen der detonierenden Flakgranaten. Bis man durch ein
helles Aufleuchten erkannte, dass ein Treffer erzielt wurde. Die
Scheinwerfer erloschen dann oder suchten sich ein anderes Ziel.
Mit diesem Schauspiel war es aber bald vorbei, als die Bomber
in größeren Pulks anflogen. Das Spiel der Flakscheinwerfer
konnten wir besonders gut beobachten, da sich in unserer unmittelbaren
Nähe, oben auf der Weinmeisterhöhe, eine Scheinwerferstellung
mit 2 Scheinwerfern befand. Zuerst trafen uns die Angriffe überraschend,
aber man hatte sich schon ein Gespür angeeignet, die Erwachsenen
sagten dann immer: heute kommen sie wieder. Bei besonders hellen
Nächten habe ich heut noch, nach ca. 70 Jahren, das erwartungsvolle
Kribbeln auf der Haut.
Später installierte man im Rundfunk eine Einrichtung, die
nannte sich "Luftlagemeldung". Diese Durchsage kam nach
jeder Nachrichtensendung. Brenzlig wurde es für uns, wenn
es dort hieß: "Schwere Bomberverbände im Anflug
auf Nordwestdeutschland". Wir wussten dann, dass entweder
Hamburg oder Berlin "Maß genommen" wird. Hieß
es dann später: "Schwere Bomberverbände im Raum
Hannover-Braunschweig", dann wussten wir, dass Berlin das
Ziel war. Das funktionierte natürlich nur in den Abendstunden
oder auch später am Tage. Nachts wurde man von der Luftschutzsirene
aus dem Schlaf gerissen, oder wenn man die Sirene nicht gehört
hatte, von den Nachbarn geweckt. Das notdürftige Anziehen
und Greifen des Notfall-Koffers, hier waren immer die wichtigsten
Papiere drin, musste dann innerhalb von Minuten geschehen. Es
setzte dann schon das Flakfeuer ein. Der erste schwerere Angriff,
der unsere Gegend erreichte und an den ich mich gut erinnern kann,
war der 1. März 1942. Unser erster Luftschutzkeller unter
dem Haus war noch nicht fertig, wir mussten also in den Wohnungen
bleiben. Da ja geteiltes Leid bekanntlich halbes Leid ist, versammelten
sich die vier Familien, die das Haus bewohnten, in einem Raum
des Hauses. Es heulte und knallte und zwischendurch die Detonationen
der Flakabwehr. Wie lange der Angriff gedauert hat, kann ich heut
nicht mehr sagen, man hat in der Gefahr kein Zeitgefühl.
Jedenfalls kauerten wir uns auf den Fußboden und warteten
buchstäblich, dass uns die Decke auf den Kopf fällt.
Dass wir diesen Angriff heil überstanden haben und dass sogar
die Fensterscheiben überwiegend ganz geblieben sind, haben
wir dem Umstand zu verdanken, dass bei den ersten Angriffen noch
nicht die schweren Sprengbomben und Luftminen eingesetzt wurden,
sondern überwiegend Stabbrandbomben. Diese Brandbomben waren
sechseckig, ca. 60 cm lang und hatten einen Durchmesser von ca.
5 cm (alles nur geschätzt). Beim Aufschlag versprühten
sie brennendes Magnesium und setzten die Umgebung in Brand. Wenn
man schnell zur Stelle war, konnte man sie noch löschen,
allerdings nur mit Sand, Wasser war wirkungslos. Die Werft und
auch unser Wohnhaus bekamen an diesem 1. März 1942 etliche
von diesen Brandbomben ab, die aber sämtlich von der Luftschutzwache
gelöscht werden konnten. Trotzdem sind aber in unserer Nähe,
in der Siedlung Weinmeisterhorn und Weinmeistergrund, zwei Häuser
abgebrannt.
Unser erster Luftschutzkeller unter dem Haus musste also schnellstens
fertiggestellt werden. Fertigstellen hieß, er musste luftschutzmäßig
hergerichtet werden. Es wurden Holzbalken zur Unterstützung
der Kellerdecke eingesetzt, Löschutensilien wurden deponiert.
Dazu gehörten: ein Sandkasten, Wasserbehälter, eine
Feuerpatsche und ein Einreißhaken. Auch ein großer
Verbandskasten wurde an der Wand befestigt. Wenn ich mir heute
die Statik dieses Kellers vor Augen führe, so kann ich nur
sagen, dass wir Glück hatten, dass unser Haus nicht von schweren
Bomben direkt getroffen wurde. Der Keller war weder bombensicher
noch hätte er die Last des einstürzenden Hauses getragen,
außerdem war er eine Mausefalle, denn einen zweiten Ausgang
gab es nicht. In diesem Keller haben wir die schweren Angriffe
1942/43 überlebt.
Die Bomber griffen jetzt in immer größeren Pulks an.
Das tiefe Gebrumme der Britischen Blenheim-, Halifax- oder Lancaster-Bomber
erfüllte manchmal den ganzen Himmel. Wenn sich das Ganze
mal nicht direkt über uns abspielte, durften wir auch mal
einen Blick nach draußen werfen. Wobei man immer darauf
achten musste, dass man immer überdacht stand - oder wie
die Luftschutzwarte einen Stahlhelm trug. Denn die größte
Gefahr beim Aufenthalt im Freien waren die herumfliegenden Granatsplitter
der Flakgranaten. Ansonsten bot der Himmel immer ein riesiges
Feuerwerk. Man sah die sog. "Weihnachtsbäume",
das waren Bündel von Leuchtkugeln, mit denen die Vorhut Bombardierungsgebiete
für die nachfolgenden Maschinen absteckte, Scheinwerfer suchten
den Himmel ab und dazwischen die Mündungsfeuer der Flak und
die Leuchtspur der 2 cm Schnellfeuer-Vierlings Flak. Die Luft
war außerdem erfüllt mit einem gewaltigen Schlachtenlärm.
Für uns, d.h. für die Bewohner unseres Hauses, wurden
die nächtlichen Angriffe beinahe zur Routine. Geweckt von
der Sirene zog man sich, noch schlaftrunken, notdürftig an,
schnappte sich den Notfallkoffer und dann ab in den Keller. Dann
setzte auch schon der Flakbeschuss ein und die ersten Bomben pfiffen
durch die Luft. Wir konnten von Glück sagen, dass die Lanke
Werft, trotzdem sie ja als Bombenziel interessant war, zwar etliche
Bombentreffer erhielt, aber immer weiter produzieren konnte. Auch
unser Wohnhaus erhielt, Gott sei Dank, nur Brandbombentreffer,
die aber von der Luftschutzwache immer rechtzeitig gelöscht
werden konnte. Den größten Schaden auf der Werft richtete
der Treffer einer Luftmine an. Zu dem Begriff "Luftmine"
muss folgendes gesagt werden: Es waren sehr große Bomben
mit mindestens 500 kg Sprengstoff. Die Zünder waren so eingestellt,
dass die Bombe nicht erst in der Erde, sondern bereits kurz vor
dem Aufschlag explodierte. Sie hinterließ dadurch keinen
großen Trichter, entwickelte aber eine sehr große
Druckwelle, die noch in ca. 1000 m Entfernung ihre Wirkung zeigte.
Ich kann mich an diesen Angriff noch genau erinnern. Die Mine
traf die hintere Slip Anlage der Werft, also ca. 250 m von unserem
Luftschutzkeller entfernt. Wie immer, wenn wir das Pfeifen einer
Bombe hörten, lagen wir bereits auf dem Boden. Es setzte
ein unbeschreibliches Grollen, Pfeifen und prasseln ein, die Erde
bebte, das Licht ging aus und alles war mit dichtem Staub erfüllt.
Obwohl kein Gebäude der Werft direkt getroffen wurde, ging
doch ziemlich viel zu Bruch. Die Fenster sind teilweise mit Rahmen
rausgeflogen, Türen waren eingedrückt. Balken, Transportkisten
und anderes Arbeitsmaterial waren über den ganzen Werft-Hof
verstreut. Ein großes Trümmerfeld. In unseren Wohnungen
waren natürlich auch keine Fensterscheiben mehr ganz, Putz
war von den Wänden gefallen und lag teilweise auf den Betten.
Um noch ein paar Stunden zu schlafen, musste erst einiges aufräumt
werden. Bomben dieses Kalibers hat die Werft nicht mehr abbekommen,
für kleinere Sprengbomben und Brandbomben waren wir aber
immer noch ein lohnendes Ziel. In unserer Nähe, wie z.B.
Weinmeisterhöhe, Weinmeisterhornweg oder im vorderen Teil
der Scharfen Lanke, wurden aber doch etliche Häuser zerstört.
Unser Schulweg führte uns dann immer an brennenden Trümmern
vorbei, es lag ein ekliger Brandgeruch in der Luft. Am schlimmsten
war der Geruch wenn Phosphorbomben, die sog. "Phosphorkanister",
abgeworfen wurden. Unser Hobby hieß jetzt "Granatsplitter
sammeln". Der Weg zur Schule war lang und die Ausbeute dementsprechend.
In der Schule wurde die Ausbeute begutachtet und die größten
Funde bewundert. Bedauert haben wir nur, dass unsere Schule nie
voll getroffen wurde.
Es entstanden jetzt im Stadtgebiet immer mehr Luftschutzbunker
aus Beton. Der nächst gelegene von uns ein sog. Flachbunker
also nur ebenerdig, befand sich an der Gatower Ecke Heerstraße,
ungefähr hinter der heutigen Esso-Tankstelle. Da wir uns
in unserem Luftschutzkeller nicht mehr sicher genug fühlten,
bemühten wir uns um einen Platz in diesem Bunker. Da die
Schlafplätze hier sehr begehrt waren, kamen wir erst mal
auf eine Warteliste. Wir mussten uns damit begnügen, den
Bunker bei Sonnenuntergang aufzusuchen und wenn bis ca. 23.00
Uhr kein Fliegeralarm erfolgte, wieder den Heimweg anzutreten,
um wenigsten noch etwas zu schlafen. Es war immerhin ein Fußweg
von ca. 30 Min., wobei wir uns immer der Gefahr aussetzten, unterwegs
von einem späteren Angriff überrascht zu werden. Alles
strapaziös und gefährlich. Man hatte aber bald ein Einsehen
mit uns, und wir bekamen Bunkerschlafplätze zugewiesen.
Der Bunker war in Schlafkabinen mit je 6 Schlafplätzen eingeteilt.
Wie viel Kabinen der Bunker hatte, weiß ich heute nicht
mehr, wir hatten jedenfalls die Kabine 16. Der Platz war sehr
beengt, in der Mitte ein schmaler Gang und rechts und links je
ein 3-stöckiges Bett. Meine Mutter, ich, mein Freund Horst
mit Mutter und noch zwei fremde Personen schliefen in diesem "Kaninchenstall",
wie wir unsere Schlafstätte immer nannten. Es ging gut, wir
störten uns nicht, wir waren alle froh, dass wir ohne von
der Luftschutzsirene gestört zu werden, durchschlafen konnten.
Wenn nachts bei Alarm Bomben fielen und Flakbeschuss den Himmel
erhellte, wir hörten im Bunker nichts. Da ich im obersten
Bett kurz unter der Decke schlief und sich in meiner Nähe
das Lüftungsgitter befand, hörte ich durch die Lüftung
immer nur ein leises Grummeln. Die hygienischen Zustände
waren natürlich stark eingeschränkt. Man zog sich ja
zum Schlafen auch nie ganz aus. Alles war praktisch Notbetrieb.
Uns Kinder störte dies alles natürlich nicht, und wie
die Erwachsenen dies empfanden, kann ich heute leider nicht mehr
sagen. Wir gingen jedenfalls dann von hier aus zur Schule und
die Erwachsenen an ihre Arbeitsstätten. Da unsere Schule
erstaunlicher Weise von Bomben nie voll getroffen wurde, hatten
wir bis kurz vor Kriegsende, so ca. bis Ende März 1945, einen
verhältnismäßig regelmäßigen Schulbetrieb.
Es gab natürlich auch Nächte, an denen wir unseren Betonklotz
nicht aufsuchten, z. B. am Wochenende, oder wenn die Großeltern
aus Berlin-Kreuzberg zu Besuch kamen oder mein Vater hatte Fronturlaub.
Bei Alarm mussten wir dann wieder unseren Hauskeller aufsuchen,
wo wir dann wieder das ganze Feuerwerk erlebten. An Daten der
Angriffe bzw. der schweren Angriffe kann ich mich nicht mehr im
Einzelnen erinnern. Nur Einige, aus meiner Sicht besonders heftige,
verfolgen mich seit meiner Kindheit. Es war der 16. Dezember 1943,
also kurz vor Weihnachten. Wieder eine Kriegsweihnacht, bereits
die fünfte. Große Höhepunkte waren nicht zu erwarten,
aber meine Mutter zusammen mit den Großeltern versuchte
doch immer, das Weihnachtsfest zu gestalten, einige Überraschungen
waren immer noch drin. Also am 16. Dezember 1943 verzichteten
wir auf unseren Aufenthalt im Bunker, in der Hoffnung, dass es
keinen Alarm gibt, und meine Mutter wollte die Wohnung auf "Weihnachtsglanz"
bringen. Da meine Mutter tagsüber arbeitete, ging abends
das Großreinemachen los. Das ganze Programm, mit Staubsaugen
usw.. Es kam dann doch anders, als wir es uns gedacht haben, am
späten Abend heulten die Sirenen: es war Fliegeralarm.
Die Frage war jetzt wohin? Der Luftschutzstollen, der gegenüber
dem Werfteingang in den Sand der Haveldüne hinein gebaut
wurde, war noch nicht fertig und unseren etwas unsicheren Hauskeller
wollten wir nicht mehr benutzen. Da fiel uns ein, dass man am
Ende der Scharfen Lanke, also direkt neben uns vor dem Segelklub
S.V. U. H. einen kleinen Luftschutzbunker in den Sand hinein gebaut
hatte. Es waren hölzerne Balkenrahmen zur Hälfte ins
Erdreich versenkt, mit Holzbohlen verbunden und das Ganze mit
ca. 2 m Sand bedeckt. Das ganze Gebilde war ca. 15 m lang und
hatte an jedem Ende eine Holztür. Entgegen aller Vorschriften
hatte dieser kleine Splittergraben in der Mitte keine Abknickung,
die Druckwellen der Sprengbomben und Luftminen konnten uns also
ungehindert um die Ohren pfeifen. Die Druckwelle einer Luftmine
z.B. war noch in 1000 m Entfernung zu spüren. Wir vier Personen,
mein Freund Horst mit Mutter und ich mit meiner Mutter, waren
an diesem Abend die einzigen Personen im Hause, suchten also schleunigst
diesen kleinen Splittergraben auf, denn das Flakfeuer setzte schon
ein.
Es wurde, soweit ich mich erinnern kann, der schlimmste Luftangriff,
den unsere Gegend abbekommen hat. Vom Anfang bis zum Ende des
Angriffes lagen wir auf den Holzfußboden des Bunkers, die
Türen wurden aufgerissen und die Druckwellen schossen durch
den Splittergraben. Über die Länge des Angriffes kann
ich heute keine Angaben mehr machen, aber dieses Feuerwerk aus
Bombeneinschlägen und Flakfeuer hielt mindestens über
eine Stunde an. Nach der Entwarnung, also nach Beendigung des
Angriffes, krochen wir buchstäblich aus dem Splittergraben
und stellten als erstes fest, dass unser Haus noch stand. Fenster
und teilweise auch Türen waren raus bzw. eingedrückt,
der Putz war in großen Flächen von der Wand gefallen,
aber man konnte alles wieder notdürftig reparieren. Viele
Bomben sind, trotz der überall brennenden Häuser, offensichtlich
in die Havel oder in den Sand der Haveldüne gefallen. Wir
haben in den Kriegsjahren viele schreckliche Bombennächte
und später auch Bombentage erlebt, aber dieser 16. Dezember
1943 wird mir immer im Gedächtnis bleiben. Nach dieser schrecklichen
Bombennacht zogen wir es vor, die Nächte wieder im Bunker
zu verbringen.
Für mich persönlich waren die Bombennächte ab Februar
1944 erstmals zu Ende. Mit anderen Spandauer Jungs, alle zwischen
10 und 14 Jahre, wurde ich im Rahmen der Kinderlandverschickung
in ein KLV-Lager in die Slowakei verschickt. Dort hatten wir andere
gefährliche Abenteuer, vor allem bei unserer überstürzten
Rückkehr und Flucht im September 1944, zu bestehen. Also
ab Ende 1944 hatten uns die Luftangriffe wieder voll im Griff,
die ja auch während meiner Verschickung unvermindert angedauert
hatten. Da jetzt auch vermehrt Tagesangriffe geflogen wurden,
hatte sich die Situation noch verschärft. Auf unserem Schulweg
und auch während des Unterrichts wurden wir oft von den Alarmsirenen
überrascht und mussten dann versuchen, irgendeinen in der
Nähe liegenden Luftschutzkeller oder Bunker aufzusuchen.
Während meiner Kinderlandverschickung ist auch unser lang
ersehnter, in die Haveldüne hineingebauter Luftschutzbunker
fertig geworden. Dieser Bunker, gebaut mit dicken Eichenbalken
und mit mehreren Metern märkischen Sand darüber, bot
uns endlich den Schutz, den wir uns in den davor liegenden Jahren
immer gewünscht hatten. Gegen Ende des Krieges wurden die
Angriffe unregelmäßiger und auch heftiger. Aber auch
diese schwere Zeit musste überstanden werden. Bei aller Schrecklichkeit,
die uns das Jahr 1945 mit Kriegsende und Besetzung noch brachte,
waren wir letztendlich froh, dass wir ab Mai 1945 wenigstens wieder
nachts durchschlafen konnten. Es gab jetzt andere Widrigkeiten
und Notsituationen die überwunden werden mussten.
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