Meine Erlebnisse in einem KLV-Lager in der Slowakei 1944
Als 1942/43 die Luftangriffe auf Berlin immer heftiger wurden und jetzt auch
verstärkt Tagesangriffe geflogen wurden, wurde eine Aktion
ins Leben gerufen, die sich Kinderlandverschickung nannte. Trotz
der politischen Situation in Deutschland war das aus damaliger
Sicht, so wurde es jedenfalls von der Bevölkerung empfunden,
eine vernünftige Sache. Man muss sich diese schreckliche
Zeit mal vor Augen führen: die Luftangriffe nahmen an Heftigkeit
zu und wie bereits erwähnt, gab es vermehrt Tagesangriffe.
Es kam vor, dass man nachts zweimal in den Keller musste, ein
geregelter Schulbetrieb war eigentlich nicht mehr gegeben. So
entschlossen sich viele Eltern, so auch meine Mutter, ihre Kinder
an dieser Aktion teilnehmen zu lassen. Es war der Februar 1944.
Wie die Anmeldeformalitäten vor sich gingen, weiß ich
nicht mehr genau, wir bekamen einen Abreisetermin und einrn Treffpunkt
genannt. Wie sich zu meinem Glück heraus stellte, fuhren
mehrere Jungs aus meiner Schulklasse mit, so dass wenigsten einige
bekannte Gesichter um mich waren. Nach welchen Gesichtspunkten
diese Transporte zusammengestellt wurden, kann ich heute nicht
mehr nachvollziehen, wir waren jedenfalls ca. 100 Jungs im Alter
von 10 bis 14 Jahren aus mehreren Bezirken Berlins. Treffpunkt
war der damalige Görlitzer-Bahnhof in Kreuzberg.
Unser Transport ging in die Slowakei. Ein Ort wurde nicht genannt,
die Eltern würden später brieflich Bescheid bekommen.
Wir bestiegen also den Zug, es waren Waggons mit Holzbänken.
Jeder hatte einen Sitzplatz und wir bekamen Stullenpaket als Verpflegung.
Die Fahrt ging durch die Nacht, Richtung Osten, durch eine dunkle
Landschaft. Im Kriege bestand in Deutschland wegen der Fliegerangriffe
Verdunklungspflicht. Es wurde dann auch mal gehalten, es wurde
rangiert, aber da unsere geographischen Kenntnisse als Kinder
gering waren, wusste auch niemand so recht, wo wir waren. Am nächsten
Tag kamen wir in einem Ort Namens Silein (Zilina) an. Das war
die Grenzstation zwischen dem damaligen "Reichsprotektorat"
und der Slowakei. Wir wurden verpflegt und konnten uns endlich
ausschlafen. Silein war das sog. Durchgangslager, hier wurden
die Transporte zu den einzelnen Lagern zusammengestellt. Es folgte
wieder eine Bahnfahrt, irgendwann im Dunkeln kamen wir in Kremnitz
an (slowakisch: Kremnica). Wir wurden auf Pferdeschlitten verladen
und rauf gings zur Skalka, einem ca. 1200 m hohen Berg. Oben befand
sich ein ehemaliges Erholungsheim, das unser Lager wurde. Erinnern
kann ich mich - und dieses Bild habe ich immer noch vor den Augen:
wir kamen aus dem zerbombten Berlin und fuhren jetzt durch eine
traumhafte Winterlandschaft!
Unsere Ankunft im Heim führte uns wieder die harte Realität
vor Augen. Dass Innenleben des sog. Erholungsheimes ähnelte
dem einer Kaserne. Lange Flure, von denen die einzelnen Stuben
abgingen. Die Stuben, die übrigens keine Nummern hatten sondern
nach den damaligen Kriegshelden wie z.B. Prien, Kretschmer oder
Mölders benannt waren, wurden mit 4 bis 7 Schülern belegt.
Da wir Schüler zwischen 10 und 14 Jahren waren, wurden die
Stubenbelegungen so geregelt, dass jeder Stube ein älterer
Schüler zugeteilt wurde. Dieser Schüler wurde dann gleichzeitig
der Stubenälteste. Ich wurde einer Sieben-Mann-Stube zugeteilt,
die den Namen des legendären U-Boot-Kapitäns Günter
Prien trug. Hierauf war ich damals besonders stolz, da mein Vater
bei der Kriegsmarine war.
Bis hierher hört sich das alles ganz normal an, aber der
Ton, die Behandlung und der ständige Zwang, hatte bald starke
Ähnlichkeit mit einer Preußischen Kadettenanstalt.
Alles war reglementiert, jede Minute war eingeteilt, individuelle
Freizeit gab es nicht. Zwei Lehrer und eine Lehrerin waren von
Berlin aus mitgefahren, einer der Lehrer war der Lagerleiter.
Aber die eigentliche Macht im Lager übten die sog. Lagermannschaftsführer
(LMF) aus. Es waren drei an der Zahl, im Alter so um die 20 und
alle Absolventen der Adolf-Hitler-Schulen (AHS). Unter uns und
hinter vorgehaltener Hand sagten wir immer: AHS= Allgemeine Hilfsschule.
Das durfte natürlich nicht laut werden, die Folgen wären
fürchterlich geworden. Von diesen LMF wurden wir drangsaliert
und geschliffen wie die Soldaten, vom Wecken bis zur Nachtruhe.
Es gab, zugegebener Maßen, natürlich auch angenehme
Stunden, an die ich mich gern erinnere. Da waren z.B. der Sport,
der viel und ausgiebig betrieben wurde, und die Heimabende. Entschädigt
wurden wir für all unsere Mühsal durch reichhaltiges
und gutes Essen.
Hier der typische Ablauf eines Tages: Der Tag begann mit dem Wecken,
es erfolgte ein Pfiff, und jede Stube musste sich im Flur, noch
im Schlafanzug, in Reihe aufstellen. Der Stubenälteste musste
dem LMF Meldung machen. Es folgte dann das Zähneputzen und
Waschen, natürlich alles mit kaltem Wasser. Die Betten mussten
gebaut und die Schränke wieder exakt eingeräumt werden.
Sollte hier irgendetwas schief sein oder das Bett Falten schlagen,
so wurde alles vom LMF, der während des Frühstückes
die Stuben inspizierte, rausgerissen und mitten in der Stube auf
einen Haufen geschmissen. Dann erfolgte wieder ein Pfiff, das
hieß dann raustreten auf den Vorhof zum Morgenappell. Der
Jungschaftsführer machte dem LMF Meldung, die Fahnen wurden
gehisst, ein Lied wurde gesungen und es ging in den großen
Speisesaal zum Frühstück. Zum Fahnenhissen noch eine
Erklärung: die Slowakei hatte ja während des Krieges
eine Scheinselbstständigkeit von "Hitlers Gnaden".
Sie wurde quasi als souveräner Staat behandelt. Es wurden
also immer 2 Fahnen gehisst: die deutsche und die slowakische.
Das Frühstück war sehr reichhaltig, es bestand aus einen
Stapel Butterstullen und einer Milchsuppe. Man durfte aber nicht
einfach in den Saal stürmen und sich an den Tisch setzen,
nein, wir marschierten in den Speisesaal und nahmen hinter den
Stühlen Aufstellung. Dann mussten wir uns auf Kommando lautlos
hinsetzen. Das wurde dann solange geübt, bis es wirklich
lautlos klappte. Heute würde ich sagen: das war alles reine
Schikane, ehe wir diesen ganzen Zirkus hinter uns hatten, hing
uns manchmal der Magen schon an den Fußsohlen. Nach dem
Frühstück hieß es wegtreten auf Stube, in den
noch winterlichen Monaten mussten jetzt die Öfen geheizt
werden. Das Haus hatte keine Zentralheizung. Als Heizmaterial
wurde Holz verwendet, das an jedem Nachmittag von einem Stubeninsassen
nach oben getragen werden musste.
Wie ich schon erwähnte, es waren Lehrer aus Berlin mit gefahren,
wir hatten normalen Schulunterricht. In drei altersmäßig
aufgeteilten Gruppen begann jetzt der Unterricht im Speisesaal.
Nachdem wir uns wieder in unseren Stuben versammelt hatten, folgte
wieder der obligatorische Pfiff, das hieß dann antreten
auf dem Flur zum Mittagessen. Marsch in den Speisesaal und Aufstellung
hinter den Stühlen. Es folgte dann wieder der Zirkus mit
dem lautlosen Hinsetzen, auf und nieder 3-mal und mehr. Nach dem
Essen war eine Stunde Mittagsruhe angesagt. Wir mussten uns in
die Betten legen, die Stubentüren mussten offen bleiben und
es musste absolute Ruhe herrschen. Wurde man beim Schwatzen erwischt
oder man machte andere Unruhe, waren Strafen zu erwarten. Als
Strafe musste man z.B. in Liegestütz auf dem Flur vor der
Tür des LMF den Rest der Mittagsruhe verbringen. Oder man
musste stehen und ein Stück Holz in den ausgestreckten Armen
halten, eine anstrengende und manchmal auch schmerzhafte Strafe.
Nach der Mittagsruhe ging es ein kleinwenig lockerer zu, wir durften
uns unser Vesperbrot im Speisesaal abholen und zum Essen mit auf
die Stube nehmen. Vesperbrot hieß in diesem Falle: mehrere
mit Butter und Marmelade beschmierte Stullen und ein Pott süßen
"Muckefuck"-Kaffee. Der Rest des Tages war mit wechselnder
Beschäftigung ausgefüllt. Wir hatten entweder Sport,
im Winter meistens Skifahren, oder machten Geländespiele,
oder es stand der berüchtigte "Ordnungsdienst"
auf der Tagesordnung. Hinter dieser harmlosen Bezeichnung verbarg
sich für uns ein kleines Martyrium, es war schlicht und einfach
ein Exerzieren wie bei den Soldaten auf dem Kasernenhof. Das hieß:
laufen, dann hinlegen, dann wieder "auf, auf, Marsch-Marsch",
dann wieder "hinlegen und weiter robben" usw. Wir waren
zwar in körperlich guter Verfassung, aber nach diesem sog.
Ordnungsdienst waren wir immer vollkommen fertig und froh, wenn
wir uns vor dem Abendbrot noch etwas hinlegen konnten. Es war
praktisch eine vorsoldatische Ausbildung, die man mit uns Kindern
hier betrieb, heute nicht mehr vorstellbar. Danach ging es dann
zum Abendessen. Wieder die gleiche Prozedur: auf Pfiff raustreten,
antreten, dann Marsch in den Speisesaal, lautlos hinsetzen usw.
Nach dem Abendessen standen uns eigentlich immer die schönsten
Stunden des Tages bevor, es waren die Heimabende. Wir verbrachten
einige Stunden mit Singen oder Vorlesen, oder es wurden Geschichten
erzählt. Dass diese Geschichten vom Krieg und von Kriegshelden
handelten, versteht sich von selbst. Ich kann mich aber auch erinnern,
dass der LMF uns Geschichten aus Karl-May Büchern vorlas.
So ca. um 22.00 Uhr war dann Zapfenstreich. Der LMF kontrollierte
dann stichprobenartig die Stuben, der Stubenälteste musste
Meldung machen, die da hieß: keine besonderen Vorkommnisse,
dann war absolute Nachtruhe.
Einmal in der Woche stand nach der Mittagsruhe die sog. "Putz
und Flickstunde" auf der Tagesordnung, d.h. wir mussten unsere
Kleidung in Ordnung bringen. Knöpfe annähen und Strümpfe
stopfen, wie das bei 10 bis 14 Jährigen manchmal aussah,
kann man sich ja vorstellen. Es wurden aber auch Schuhe und Koppel
geputzt. Da wir im Februar, also mitten im Winter, dort angekommen
sind, gab es viel Schnee. Unsere Versorgung erfolgte also ausschließlich
mit Pferdeschlitten. Es passierte einige Male, dass infolge von
Neuschnee die Pferdeschlitten nicht den Berg hinauf kamen und
im Schnee stecken blieben. Da uns in der Zwischenzeit dann das
Brot ausging, musste der Koch improvisieren. Er backte dann auf
der Pfanne dünne Fladen, heute würde man sagen Crêpes,
die mit Marmelade bestrichen und zusammengerollt wurden. Für
uns eine angenehme Abwechslung. Die größeren Jungs
aber, also die 13 bis14 Jährigen, mussten sich die Skier
anschnallen und bis zu den steckengebliebenen Pferdeschlitten
den Berg herunter fahren, um rucksackweise unsere Verpflegung
nach oben zu holen.
Gegen Ende April 1944 verließ uns dann der Schnee, und es
bot sich uns eine herrliche Gebirgslandschaft, die man unter den
Schneemassen nur erahnen konnte. An dem streng reglementierten
Lagerleben änderte sich natürlich nichts, aber mit zunehmender
Wärme wurde alles etwas freundlicher. Es entfiel z.B. das
lästige Heizen mit dem dazu gehörigen Schleppen des
Holzes. Erwähnen möchte ich noch, dass der Kontakt zu
unseren Eltern aufrechterhalten wurde. Wir erhielten regelmäßig
Post von zu Hause und wir wiederum mussten jede Woche unter Aufsicht
einen Brief schreiben.
Eine weitere angenehme Abwechslung im täglichen Einerlei
des Lagerlebens waren die Zahnarztbesuche in Kremnica. Wenn man
Zahnschmerzen oder andere Zahnprobleme hatte, manchmal simulierten
wir auch nur, um in die Stadt zu kommen, musste man sich melden.
Es wurde dann ein Trupp von 6 bis 8 Jungens zusammengestellt,
wir mussten unsere Uniformen anziehen, einer bekam die Aufsicht
und wir marschierten los. Es war ein Weg von ca. 5 bis 6 km zu
bewältigen. Wir bekamen ein Taschengeld von 10 Slowakischen-Kronen
pro Monat, und die einzige Möglichkeit, dieses Geld auszugeben,
waren eben diese Zahnarztbesuche. Der Zahnarzt lag mitten in der
Altstadt von Kremnica, direkt am Markt. Dort waren immer Marktstände
aufgebaut - und wie ich mich erinnern kann, gab es dort wirklich
alles, natürlich auch Süßigkeiten. Man muss sich
das vorstellen, wir waren mitten im Krieg, wir kamen aus dem zerbombten
Berlin und hier herrschte offenbar tiefster Frieden. Unsere paar
Kronen waren natürlich bald aufgebraucht, und wir freuten
uns schon auf den nächsten Zahnarztbesuch.
Im Spätsommer stand uns eine weitere Abwechslung ins Haus.
In der Nähe unseres Heimes gab es Bergwiesen mit vielen großen
Blaubeerbüschen. Herrliche große Beeren boten sich
uns an. Wir zogen also los zum Blaubeerpflücken und Essen.
Denn ehe wir uns selber an den Blaubeeren gütlich tun durften,
mussten erst die Wannen, die wir mitgenommen hatten, gefüllt
werden. Die Beeren wurden in der Küche abgeliefert und es
gab dann Böhmische-Hefeklöße mit Blaubeeren. Unvergesslich,
ich schwärme heut noch davon. Der Ton im Lager blieb natürlich
rau militärisch, aber die oben beschriebenen Abwechslungen
entschädigten uns ein wenig.
Unsere Rückreise bzw. unser Aufbruch nach Deutschland im
September 1944 erfolgte ganz plötzlich und war chaotisch/dramatisch.
Wie wir erst später erfuhren, hatte die Partisanentätigkeit
in der eigentlich am Kriege nicht beteiligten Slowakei derartig
zugenommen, dass unsere Sicherheit nicht mehr gegeben war. Ich
kann mich noch genau erinnern, wir saßen vormittags beim
Unterricht, als plötzlich der LMF erschien und den Unterricht
abbrach. Wir bekamen die Order, das nötigste zu packen und
uns mit wenig Gepäck und ohne Uniform innerhalb kurzer Zeit
auf dem Platz vor dem Heim zu versammeln. Wir wurden auf Pferdefuhrwerken
verladen und ab ging es zum Bahnhof. Dort bekamen wir noch einen
Proviantbeutel in die Hand gedrückt und wurden in den bereitgestellten
Zug verteilt. Keiner wusste genau, wo es hingeht. Nach ca. 2 Tagen
und vielen Halts auf freier Strecke, zeitlich kann ich das nicht
mehr genau einordnen, landeten wir in Prag. Da die hygienischen
Zustände im Zug sehr mangelhaft waren, waren wir ziemlich
"verdreckt" und natürlich auch hungrig. Wir wurden
verpflegt und übernachteten in einem Barackenlager. Am nächsten
Tag ging es weiter mit dem Zug Richtung Deutschland. Nach langer
Fahrt und vielen Halts landeten wir schließlich in Dresden.
Unsere Odyssee war aber noch nicht beendet, wir wurden in einen
Vorortzug verfrachtet und weiter ging die Fahrt. Wie wir später
merkten, war unser Ziel Hohenstein-Ernstthal in Sachsen, der Geburtsstadt
von Karl May. Dort wurden wir in einer Schule untergebracht. Die
Schule, die es heute übrigens noch gibt, heißt "Pestalozzi-Schule".
Heute glaube ich, dass man uns dann möglichst schnell loswerden
wollte, denn wir sollten unseren Eltern schreiben, dass sie uns
abholen sollen. Der Aufenthalt dort dauerte also nur ca. 14 Tage,
dann stand meine Mutter vor der Tür und ab ging die Fahrt
nach Berlin. Die raue Wirklichkeit des Krieges, mit Bombennächten
und Entbehrungen, hatte uns wieder. Dass diese Zeit noch bis Mai
1945 anhalten sollte, wusste damals natürlich niemand.
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