Das Kriegsende 1945 in Berlin-Spandau
Die nachfolgenden Ereignisse beschreiben, wie ich als 11-Jähriger
das Kriegsende in Berlin-Spandau, genauer gesagt im Spandauer
Ortsteil Pichelsdorf/Scharfe-Lanke, erlebt habe. Es geht um die
Monate April bis Juni 1945.
Als Anfang des Jahres 1945 die Fliegerangriffe immer häufiger
und heftiger wurden, wurde der Schulbesuch für uns Kinder
immer schwieriger. Zumal es sich jetzt überwiegend um Tagesangriffe
handelte. Der lange Schulweg, den wir hatten, bot einfach unterwegs
zu wenig Schutzmöglichkeiten, und die Gefahr von einem Fliegerangriff
überrascht zu werden, war groß. Von unseren Eltern
wurden wir jetzt angewiesen, den längeren Schulweg über
die Pichelsdorfer Straße zu nehmen, da sich dort in den
Häusern Luftschutzkeller befanden. Immer haben wir diesen
Rat nicht befolgt, ich kann mich erinnern, dass wir oft auf dem
Heimweg beim Ertönen der Sirene rennen mussten. Zum Glück
konzentrierten sich die Angriffe jetzt auf die Innenstadt, wie
z.B. der verheerende Tagesangriff vom 28. März 1945, der
die Spandauer-Altstadt weitgehend zerstörte. Es geschah aber
auch, dass es während des Unterrichtes Alarm gab, wir mussten
dann die Klassenräume schnell verlassen und uns in den Luftschutzbunker
begeben.
Dieser Hochbunker, den man erst vor ein paar Jahren abgerissen
hat, stand auf der anderen Seite des Földerichplatzes. Überflüssig
zu sagen, dass diese Bunker absolut bombensicher waren. Ungefähr
Anfang April 45 kam der Schulbetrieb in unserer Schule gänzlich
zum Erliegen. Um, wie es hieß, den "Befreiungskampf
um Berlin", zu überstehen, gab es für die Haushalte
Lebensmittel-Sonderzuteilungen. Zu Menge und Qualität kann
ich heut nichts mehr sagen, ich weiß nur die Leute staunten,
dass noch Lebensmittel in dieser Menge vorrätig waren. Ca.
ab dem 20./21. April schliefen wir in unserem Luftschutzbunker.
Dieser, in den Sand der Haveldüne hinein gebaute Stollen
bot doch einige Sicherheit. Zumal die "Luftlage" (wie
es damals hieß) immer unübersichtlicher wurde. Einen
regulären Fliegeralarm gab es nicht mehr. Es tauchten jetzt
unregelmäßig überwiegend sowjetische Flugzeuge
auf, die sich ihrer Bombenlast ungezielt entledigten. Viel Schaden
richteten diese russischen Doppeldecker Gott sei Dank nicht an,
aber es krachte doch hin und wieder erheblich.
Den Geschützdonner der näher rückenden Front hörte
man jetzt schon beinahe ständig, und einzelne Einschläge
lagen schon in mittelbarer Nähe. Es war eine eigenartig gespannte
Stimmung unter den Leuten, niemand wusste, was uns erwartet, es
kursierten die tollsten Gerüchte. Die verbliebenen bekannten
Parteigenossen verbreiteten weiterhin "Endsiegstimmung",
sie erzählten von kommenden Wunderwaffen und von der legendären
Armee Wenck, die angeblich vor Berlin steht, um uns zu befreien.
Es wurde auch von marodierenden und wütenden Rotarmisten
berichtet, einiges wurde bewusst übertrieben, aber einiges
mussten wir später leider ertragen. Ängstliche Erwartung
und Ungewissheit waren vorherrschend. Nachdem am 27. April 1945
Spandau praktisch besetzt war, rückten die Russen in unsere
Richtung, Pichelsdorf, Bocksfelde, Weinmeisterhornweg vor. Erst
später bekamen wir mit, dass es dort noch heftige Kämpfe
gegeben hatte. Versprengte Trupps deutscher Soldaten, die sich
noch vor den nachrückenden Russen in Sicherheit bringen wollten,
kamen immer wieder bei uns vorbei.
Eines Morgens war es dann soweit. Jemand sagte: "Sie sind
da!" Die noch verbliebenen Männer - und wir Jungs natürlich
dazwischen - drängten uns zum Ausgang. Vor dem Bunkereingang
stand ein russischer Panzer, ein T 34 mit aufsitzender Infanterie.
Heute noch erinnere ich mich an die erdbraunen Uniformen und die
runden grünen Stahlhelme der fremden Soldaten. Wir Kinder
wurden aber schnell wieder in den Bunker, in unsere Hängematten,
beordert. Es folgte ein Ereignis, dass für mich bis heute
immer noch gegenwärtig prägend ist: Durch den Luftschutzstollen,
vom nördlichen zum südlichen Eingang, stürmte ein
russischer Offizier. Mit einem blutigen Kopfverband, russisch
schimpfend, schoss er beim Laufen ständig mit einer Pistole
in die Decke. Alles lag flach, nur mir oben in meiner Hängematte
flogen buchstäblich die Kugeln um die Ohren. Aber alles ging
noch mal gut. Dann kamen welche, die alles durchsuchten und Uhren
forderten, "Uri, Uri" wie sie sagten. Unsere Wohnungen,
die gegenüber unserem Bunker lagen, wurden auch durchsucht.
Hierbei bin ich mein Fahrrad losgeworden.
Wie ja allgemein bekannt, gab es auch viele Übergriffe auf
Frauen, wir als Kinder haben davon nicht viel mitbekommen, unser
Bunker blieb davon weitgehend verschont. Wir hatten aber auch
einen "Schutzengel". Dieser Schutzengel war Albaner,
von uns "Albani" genannt (den Namen weiß ich nicht
mehr). Dieser Albaner arbeitete während des Krieges auf der
Werft, wie er dort hingekommen ist, ist nicht bekannt, ich weiß
nur, dass er mit allen gut befreundet war und er ein Verehrer
Hitlers war. Albani sprach fließend russisch, redete ständig
mit den russischen Soldaten und Offizieren und konnte sie so scheinbar
etwas besänftigen.
Die Russen richteten auf dem Werftgelände ein Heerlager ein.
Pferde bespannte "Panje-Wagen", Lastwagen und auch einige
Panzer standen auf dem Gelände. Für uns Kinder alles
neue und interessante Fahrzeuge und Ausrüstungsgegenstände.
Kinder hatten von den Russen eigentlich nichts zu befürchten,
im Gegenteil; wenn wir um die Pferdewagen rumstanden und die Verpflegung
bestaunten, die dort lagerte, bekamen wir schon öfter mal
etwas ab. Mal ein Stück Brot oder ein Stück Speck. Plötzlich
wurden Frauen gesucht, alles war in heller Aufregung, aber die
Frauen sollten nur für die Russen kochen. Meine Mutter war
nicht dabei, die versteckte sich vorsichtshalber zusammen mit
der Tochter unserer Nachbarin im Holzschuppen unseres Gartens.
Denn tagsüber waren wir, nachdem der Kampflärm sich
verzogen hatte, wieder in unseren Wohnungen. Was die Frauen für
die Russen gekocht haben weiß ich nicht mehr, es muss aber
etwas mit Fisch gewesen sein, denn die Russen betrieben Fischfang
mit Eierhandgranaten. Eine einfache Sache: man zieht die Handgranate
ab und wirft sie ins Wasser, es sprudelt auf, die betäubten
Fische kommen nach oben und man braucht sie nur noch einsammeln.
Heute würde man sagen, nicht sehr umweltfreundlich.
Dass wir Kinder immer kesser wurden und uns jetzt beinahe ständig
bei den Russen aufhielten, bescherte uns ein tief greifendes Ereignis.
Ein Offizier sagte zu meinem Freund und mir: mitkommen! Wir bekamen
jeder ein Behälter mit warmen Essen über die Schulter
gehängt (wie ein Rucksack) und mussten dem Russen hinterher
traben. Der Weg ging die Scharfe-Lanke entlang bis zum Weinmeisterhornweg,
dann den Weinmeisterhornweg rauf bis etwa zum Margaretenweg. Wir
trauten unseren Augen nicht, hier musste der Krieg gerade erst
zu Ende gewesen sein. Die Straße war übersät mit
toten, meist deutschen Soldaten. Dazwischen ausgebrannte Fahrzeuge
und tote Pferde. Wir gelangten an ein Schützenloch mit russischen
Soldaten. Hier wurden uns die Essenbehälter abgenommen, der
Offizier sagte, "dawai" und wir mussten den Weg allein
zurück gehen. Wieder an all dieser gespenstischen Totenwelt
vorbei. Ein für mich bis heute prägendes Erlebnis.
Eines Tages im Mai 1945 zog der Russentross von der Lanke-Werft
wieder ab. Vor unseren "Befreiern" hatten wir auch jetzt
noch keine Ruhe. Einzelne Trupps russischer Soldaten durchstreiften
unsere Gegend. Wohnungen wurden immer wieder durchsucht, man war
auf der Jagt nach Uhren, Schmuck und vor allem Schnaps. Auch Frauen
mussten sich weiterhin verstecken. Dieser Spuk wurde erst nach
hartem Durchgreifen der Sowjetischen Kommandantur weitgehend eingedämmt
(siehe Befehl Nr. 1 vom 28. April 45, vom Stadtkommandanten Generaloberst
Bersarin). Das größte Problem, das jetzt auftrat, war
die Versorgung. Alle wollten überleben, Lebensmittelkarten
und eine geregelte Versorgung gab es noch nicht. Eines Morgens
verbreitete sich die Meldung: Es gibt Brot! Die Russen hatten
mitbekommen, dass unser Bäcker Palm im Weinmeisterhornweg
noch genügend Mehl auf Lager hatte. Bäcker Palm musste
also Brot backen, alles strömte zum Weinmeisterhornweg und
stellte sich an. In meiner Erinnerung würde ich sagen, dass
die Schlange vor dem Bäckerladen über 100 m lang war.
Bewacht wurde diese ganze Szenerie von russischen Soldaten. Glücklich
zogen die, die ein Brot bekommen hatten, nach Hause.
Um die ersten Wochen nach dem Kriege verpflegungsmäßig
gut zu überstehen, kam uns ein anderer Umstand zu gute: Unser
Verpflegungsschiff! Dieser Lastkahn, voll mit Wehrmachtsverpflegung,
konnte wohl seinen Zweck bei den Endkämpfen um Berlin nicht
mehr erfüllen. Jedenfalls wurde er in der Scharfen-Lanke
am Akademischen-Seglerverein (ASV) von der Besatzung verlassen
und abgestellt. Die Ladung bestand aus Konservendosen mit Schweinefleisch,
Rindfleisch und Fleischschmalz ferner, für uns Kinder besonders
interessant, sauren Vitaminbonbons und Schokoladenriegel. Die
Bevölkerung bekam sehr schnell Wind von dieser Quelle und
begann den Kahn zu entladen. Auch wir machten uns mit einem Handwagen
auf den Weg. Entladen war mit einigen Schwierigkeiten verbunden,
denn der Laderaum war mehrere Meter tief und Leitern hatten wir
nicht. Also wurden die leichtesten Personen, wir Kinder, an einem
Seil herab gelassen. Wir banden unten die Kartons an das Seil
und so wurden sie dann hochgezogen. Den hoch beladenen Wagen zogen
wir dann heimwärts. Die ganze Gegend bediente sich hier,
auch wir haben mehrere Fuhren gemacht. Dies geschah alles mit
Billigung der Russen, die sogar einen Wachposten an den Kahn stellten
und sich natürlich auch selbst bedienten.
Mit den Konserven hatten wir ein Tauschmittel, d.h. wir konnten
sie gegen andere Lebensmittel eintauschen. Man muss nämlich
wissen, dass die Bevölkerung noch auf Selbstversorgung angewiesen
war. So wurden Lebensmittellager, Geschäfte in zerstörten
Häusern und Kasernen buchstäblich "geplündert".
Besonders denke ich hier an das Lager von Kaisers-Kaffee am Brunsbütteler-Damm
oder die Seeckt-Kaserne in der Wilhelmstraße, überall
gab es was Brauchbares zu holen. Da denke ich auch an eine Marmeladenfabrik
in der Götelstraße, nahe Pichelsdorf, hier wurden einfach
die Fässer eingeschlagen, um an die Marmelade zu kommen.
Es klingt alles etwas unwahrscheinlich, besonders für die,
die diese Zeit nicht mitgemacht haben, aber es ist wirklich alles
passiert.
Die Zeit beruhigte sich langsam ein wenig, ich glaube noch im
Mai 1945 gab es die ersten Lebensmittelkarten und Anfang Juni
fuhr vom Straßenbahnhof in der Pichelsdorfer Str. wieder
die erste Straßenbahn. Für uns Kinder war besonders
schmerzlich, dass wir ab dem 1. Juni 1945 wieder zur Schule gehen
mussten. Erwähnen möchte ich noch, dass überall
Kriegsgerät und Munition herum lag. Ausgebrannte Panzer,
Geschütze, Panzerfäuste, Gewehrpatronen usw. begleiteten
unseren Schulweg. Dass dies ideale Spielzeuge für uns waren,
kann sich wohl jeder denken. Es grenzt schon an ein Wunder, dass
hier keine größeren Unglücke passiert sind. Niemand
dachte zu dieser Zeit daran, dass wir noch vier schwere und entbehrungsreiche
Jahre zu überstehen hatten, ehe wir wieder ein halbwegs normales
Leben führen konnten.
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