Am 20. April 1944 - Hitler wurde an diesem Tag 55 Jahre alt -
erfolgte der erste Tagesangriff auf Köln, sozusagen das Geburtstagsgeschenk
der Alliierten für Hitler. Noch unter dem eigentlichen Keller
meiner Schule in der Spichernstr. (in der Nähe des damaligen
innerstädtischen Güterbahnhofes Köln-Gereon) befand
sich ein Versorgungsgang, an dessen Decke sich alle Leitungen
von Strom, Heizung, Wasser und Abwasser befanden. Weil der Fliegeralarm
zu spät erfolgte, konnten wir nicht in einen nahe gelegenen
Luftschutzbunker gehen sondern mussten da Zuflucht suchen. Da
saßen also rund 240 Kinder und die Lehrer in diesem Gang
und erlebten hautnah den Angriff. Es gab weder Panik noch Hysterie.
Als der Angriff vorbei war, stellten wir fest, dass die Schule
auch einen Treffer mitbekommen hatte. Als wir - weiß wie
die Schneemänner vom Kalkstaub - auf der Straße standen
und niemand etwas passiert war spendete uns unser Rektor Dr. Züfle
das größte Lob, das er jemals losgelassen' hatte:
Er sagte: "Jungens, ich bin stolz auch Euch!"
Nach diesem Angriff wurde uns eine Evakuierung mit der Kinderlandverschickung
(KLV) nach Nideggen in der Eifel angeboten. Da sich die Sicherheitslage
so verschlechtert hatte, sah meine Mutter darin die beste Lösung
und ich durfte mit. Das KLV-Lager befand sich in dem - aus Kriegsgründen
geschlossenen - Hotel Heiliger auf der Hauptstraße. In den
ehemaligen Hotelzimmern schliefen, abhängig von der Zimmergröße,
bis zu vier Schüler. Nach ein paar Wochen war das Gartenhaus',
das sich direkt an der Stadtmauer befand, bewohnbar gemacht worden,
und so zogen wir Schüler der Klasse 4 b dort ein. In den
ersten Wochen wurde jeden Morgen auf der Hotelterasse Frühsport
gemacht. Als wir eines Morgens ins Freie kamen, herrschte dichter
Nebel - aber nur ca. 1,10 Meter hoch. Wenn wir uns bückten
und nur eine Handbreit Nebel über uns hatten, war von uns
Nichts mehr zu sehen. Orientieren konnten wir uns nur an den Büschen
und Bäumen des Hotelparks, die aus dem Nebel in den makellos
blauen Himmel ragten. Ein solches Naturschauspiel habe ich danach
nie mehr erlebt.
Jedes KLV-Lager hatte als Lagermannschaftsführer (LMF), eine
von der HJ bestimmte Person. Wir hatten zunächst keinen LMF.
Eines abends beim Abendessen überraschte er uns in HJ-Uniform,
mit drei Sternen auf den Schulterklappen = Dienstgrad Gefolgschaftsführer
(im DJ = Fähnleinführer), rotem Streifen = Kriegsfreiwilliger
und mit weißer Affenschaukel' = Dienststellung Stammführer
[Die an der linken Schulterklappe und am Knopf der linken Brusttasche
befestigte weiße geflochtene Schnur hing grundsätzlich
etwas durch' und wurde deshalb Affenschaukel' genannt.].
Natürlich musste Walter, so hieß der LMF, seine Macht'
demonstrieren. Dazu scheuchte er uns am nächsten Samstagnachmittag
nach dem Motto: "An den Horizont, marsch marsch" durch
das Gelände. Als wir müde und verdreckt zurück
kamen, meinte unser Lehrer Weiste im vorbeigehen: "Wenn unser
Spieß das 1914/18 mit uns gemacht hätte, wäre
dem in der nächsten Nacht der heilige Geist' erschienen."
Das war natürlich Wasser auf unsere Mühlen. Abends haben
die Lehrer in einem Zimmer - der LMF hatte das Zimmer daneben
- einigen Flaschen Wein den Hals gebrochen und dazu laut Rhein-
und Weinlieder gesungen. Von dem Krach nebenan, als der LMF von
uns Prügel bezog, haben sie absolut Nichts gehört
.
sagten Sie jedenfalls. Weistes ebenfalls im vorbeigehen hingeworfenes:
"Sehr gut Jungens!" ließ aber etwas Anderes vermuten.
Die Situation eskalierte. Am nächsten Samstag wurden wir
wieder geschliffen. Die Antwort darauf war subtiler. Der LMF hatte
sich in die Bäckerstochter verkuckt, die aber Nichts von
ihm wissen wollte. Ein paar von uns haben das Mädchen überredet,
mit ihm mindestens zwei Stunden spazieren zu gehen. Da ihr unser
Plan gefiel stimmte sie zu. Als der LMF von seinem Rendezvous
zurückkam, fand er in seinem Zimmer nur einen Zettel "Das
nächste Mal liegst Du im Krankenhaus!" Wir hatten gemeinsam
das ganze Zimmer ausgeräumt. Möbelteile lagen in der
Dachrinne, auf der Mauer an der Terrasse und waren auch hinter
Büschen im Park versteckt. Seine Kleider hingen hoch in den
Bäumen. Die Lehrer haben sich darüber amüsiert,
wir hatten unseren Spaß und unsere Ruhe. Endgültig!
In Nideggen gab es damals inzwischen drei KLV-Lager: In der Jugendherberge
waren Kinder aus einer Volksschule in Köln-Kalk untergebracht.
Außerhalb der historischen Stadtmauer, direkt am Zülpicher
Tor, lebten in einer alten Villa Mädchen aus einer Kölner
Mittelschule. Als drittes Lager hatten wir das aus Kriegsgründen
geschlossene Hotel Heiliger besetzt. Die Leitung des Mädchenlagers
hatte das ganze Lager Heiliger zu einem Nachbarschaftsbesuch'
eingeladen. Zu unserer Unterhaltung hatten sie sich eine Menge
ausgedacht: so wurde z.B. ein Gedicht von Morgenstern vorgetragen,
es wurde gesungen und Szenen - man würde heute sagen Sketche
- aufgeführt. Alles Dinge, die Mädchen imponiert hätten,
die aber für Jungens, um die 15 Jahre alt, völlig ungeeignet
waren. Statt Beifall ernteten sie Zwischenrufe und höhnisches
Gelächter. Aber was kann man von einer Horde Jungens in diesem
Alter schon erwarten? Jedenfalls waren die Mädchen restlos
sauer auf uns!
Im Hochsommer hatte das DJ und die HJ aus Köln in der Nähe
von Nideggen ein Zeltlager abgehalten. Ein paar Jungens davon
hatten aus unserem Lager ein Hitlerbild geklaut. Sie wollten uns
das Bild nur zurück geben, wenn wir mit ihnen ein so genanntes
Geländespiel' machen würden: Wir sollten die Stadt
Nideggen verteidigen, die von ihnen angegriffen würde. Das
müsste uns doch möglich sein, die vier Stadttore in
der ansonsten voll erhaltenen Stadtmauer zu verteidigen. Dachten
wir! Am Nachmittag des ausgemachten Angriffstages besetzten wir
rechtzeitig die Stadttore. Der Angriff erfolgte aber mit unfairen
Mitteln: Die Angreifer bewarfen uns mit Knallkörpern beträchtlicher
Größe. Wir haben uns mit allen zur Verfügung stehenden
Kräften gewehrt
bis wir plötzlich auch von hinten
angegriffen wurden. Aus Rache für den von uns zerstörten'
Nachmittag hatten die Mädchen den Angreifern verraten, daß
von der Rur durch ein Nebental ein Waldweg direkt zu unserer Terrasse
führte.
Als Trost für unsere Niederlage schenkten uns die Sieger'
einen Karton voll Knallkörper. Einige Tage später sind
wir vor die Villa gezogen, haben laut Verräter' gerufen
und Knallkörper - natürlich mit brennender Zündschnur
- durch die offenen Fenster ins Haus geworfen. Die Mädchen
haben sofort alle Rollladen herunter gelassen. Nur im zweiten
Stock war noch ein Fenster offen. Das nahm ich mir zum Ziel. Der
Knallkörper flog aber zu hoch und flog nicht durch das offene
Fenster, sondern durch die Scheibe des Oberlichtes in das Zimmer.
In der Scheibe klaffte ein kreisrundes Loch. Dann ratterte auch
dort die Rolllade vor das Fenster. Bei allem Verständnis
unserer Lehrer für unseren jugendlichen Übermut: Die
Standpauke, die wir anschließend verpasst bekamen, war nicht
von schlechten Eltern.
Hier muss ich eine Episode einflechten, die sich gut vier Jahre
später ereignete: Am 19.März 1948 hatte ich einen Tanzabend
im zweiten Kursus der Tanzschule Steinkamp. Beim Tanzen mit einer
Josephine stellte sich heraus, dass sie auch in Nideggen im KLV-Lager
war. Als ich mich als Mitglied des Lagers Heiliger' vorstellte,
sagte sie: "Dann gehörtest Du wohl auch zu den Flegeln,
die uns Knallkörper in die Zimmer geworfen haben? In unserem
Zimmer ist ein Knallkörper durch das Oberlicht geflogen und
hat dabei die Scheibe zerstört. Das Ding ist neben mir -
ich lag auf dem Bett und las - explodiert. Wenn ich den Kerl,
der das geworfen hat, erwische, den bringe ich um!" "War
in der Scheibe ein kreisrundes Loch?" "Ja!" "Dann
fang an, mich zu ermorden. Der Werfer war nämlich ich!"
Im KLV-Lager informierte uns Herr Merten jeden Abend nach dem
Abendessen über die Lage: Den siegreichen Rückzug in
Russland, die strategische Front-Begradigung im Westen und ob
Köln in der Nacht wieder bombardiert und was ggf. zerstört
wurde. So auch am 20. Juli 1944. Entgegen seiner Gewohnheit begann
er nicht mit der militärischen Lage, sondern begann seinen
Vortrag mit den Worten: "Auf unseren Führer und Reichskanzler
Adolf Hitler ist heute ein Attentat verübt worden. Es ging
leider schief." (Das ist ein wörtliches Zitat!!) Mein
erster Gedanke war: "Hoffentlich hat das kein "Falscher"
mitbekommen".
Nach dem Krieg habe ich Herrn Merten besucht und auf seine Freudsche
Fehlleistung angesprochen. Er sagte mir: "Die anderen Lehrer
haben mich damals schockiert darauf angesprochen. Ich habe das
immer bestritten, weil ich mir das nicht vorstellen konnte. Aber
jetzt fängst Du auch noch davon an. Dann muss ich es wohl
gesagt haben!" Wenn Irgendjemand Merten damals verpfiffen
hätte, das hätte er nicht überlebt!
Als die Alliierten im Herbst 1944 immer näher rückten,
wurden Jungen ab vierzehn Jahren und die Männer, die für
den Wehrdienst zu alt waren, an den Westwall geschickt, um Panzergräben
auszuheben. Unser Lagerleiter Merten sollte eine Liste der dafür
infrage kommenden Jungen nach Köln schicken. Das hat er aber
nie getan. Stattdessen hat er, unterstützt von den anderen
drei Lehrern, mit Hochdruck unsere Verlagerung in ein weniger
gefährdetes Gebiet betrieben. Wenn das heraus gekommen wäre,
hätte man die Lehrer wegen "Wehrkraft-Zersetzung"
vor ein Kriegsgericht gestellt und zum Tode verurteilt! Das nennt
man wohl Zivilcourage und Verantwortungsbewusstsein! Anfang Oktober
1944 wurden wir jedenfalls nach Thammühl am See, Kreis Böhmisch
Laipa im Sudetengau verlegt.