Das KLV-Lager in Thammühl am See (Sudetenland)
Aufgrund des alliierten Vormarsches wurden wir Schüler aus
dem KLV-Lager in Nideggen in der Eifel Anfang Oktober 1944 nach Thammühl
am See, Kreis Böhmisch Laipa im Sudetengau verlegt. Geographisch
gesehen lag der Ort in Nord / Süd Richtung ungefähr
in der Mitte zwischen Dresden und Prag. In Ost / West Richtung
ungefähr mittig zwischen der Elbe und Reichenberg im Riesengebirge.
Die Fahrt in einem Sonderwagen dorthin dauerte gut zwei Tage.
Die erste Nacht verbrachten wir im Zug, die zweite Nacht schliefen
wir in Dresden in einer Turnhalle, die mit Matratzen ausgelegt
war.
Als wir in Thammühl ankamen - der Bahnhof' der eingleisigen
Strecke bestand aus einer Schranke und einem Häuschen für
den Schrankenwärter, der auch Fahrkarten verkaufte - begrüßten
uns einige 18- bis 20-jährige Tschechen mit dem Ruf: "Seid
Ihr auch Hitlerjungen und könnt fein Pfeifen?" und bewarfen
uns mit Steinen. Was der Spruch bedeuten sollte, haben wir nie
erfahren. Erfahren haben die Tschechen aber, dass man Kölsche
Jungen nicht ungestraft mit Steinen bewirft. Später haben
die Alle einzeln von uns - allerdings in Übermacht, denn
ein 15-jähriger ist gegen einen 5 Jahre Älteren im Nachteil
- eine Tracht Prügel bezogen. In Thammühl waren rund
zweitausend Kinder untergebracht. Wir waren die einzigen Westdeutschen,
alle Anderen waren Gymnasiasten der Sexta und Quinta aus Nürnberg.
Alles feine Pinkel, deren Eltern Ärzte, Rechtsanwälte
oder sonstige gut Verdienende waren. Bei denen konnten die Tschechen
den starken Mann machen. Bei uns nicht!
In Thammühl war für uns nichts vorbereitet. So wurden
wir in kleinen Gruppen auf die Nürnberger Lager verteilt.
Zu viert wohnten wir ca. 2 Wochen im Haus Seeblick'. Dann
waren wir kurze Zeit zu sechst in einem Zimmer im Restaurant und
Cafe Hotel Lenz', wo auch für uns gekocht und von uns
gegessen wurde. Zum Schluss waren wir im Haus Marianne';
im Haus Kamilla' und im Hotel Lenz verteilt. Der Nideggener
Lagerleiter Merten wurde zum Hauptlagerleiter befördert und
wohnte mit seiner Frau separat in einer Ferienwohnung. Aus den
Lagerlehrern wurden in Thammühl Lagerleiter. Ordnung muss
sein! Bei den Lagern "Marianne" und "Kamilla"
handelte es sich um Sommer-Pensionen, deren Beton-Außenwände
höchstens 15 cm dick waren. Eine Heizung war nicht vorhanden.
Um wenigstens etwas Wärme zu haben wurde in jede Stube ein
Kanonenofen eingebaut. Da wir keine Kohlen bekommen konnten, mussten
wir für den Winter einen Holzvorrat anlegen. Statt im Unterricht
zu sitzen, streiften wir durch den Wald um Holz zu sammeln.
Zwischen Thammühl und Hirschberg am See lag mitten im Wald
eine unbenutzte Kaderschule der SA, einer Organisation der NSDAP,
in der lediglich ein Verwalter oder Hausmeister wohnte. Wir hatten
gesehen, dass in dem dazu gehörenden Wald eine Menge ca.
3 Meter langer, trockener Birkenstämme herumlag. Die haben
wir uns natürlich "unter den Nagel gerissen". Die
Stämme wurden zersägt und gehackt und sauber im Vorgarten
des Hauses aufgeschichtet. Vielleicht zwei Wochen später
erklärte uns Herr Merten beim Mittagessen, dass der Verwalter
der SA-Schule bei ihm vorstellig geworden wäre und uns beschuldigte,
im SA-Wald sämtliche Birkenstämme geklaut zu haben.
Merten widersprach, nach eigener Aussage, mit den Worten "Meine
Jungens stehlen nicht!" und bot dem Herrn an, am Nachmittag
des Tages unsere Lager zu inspizieren. Merten hatte noch nicht
ganz ausgesprochen, da rannten wir schon los. Auf seine erstaunte,
an die Kollegen gerichtete Frage "Was haben die denn?"
antwortete Segschneider vieldeutig: "Kümmere Dich nicht
drum. Es ist besser so!" Wir haben dann in Windeseile das
Birkenholz in den Keller der Hausbesitzerin geräumt. Als
der Kontrolleur kam, war nichts von Birkenholz zu sehen. Selbst
der kleinste Holzspan war sorgfältig aufgelesen worden.
In der Nähe des Ortes hatte ein Bauer, zwischen in den Boden
gerammten Pfählen, so um die fünf Kubikmeter Holz aufgeschichtet,
das hatten mein Kumpel Helmut und ich gesehen. Wir haben uns nur
angesehen und uns zugenickt. Abends nach zehn Uhr hat die ganze
Lagerbesatzung - das waren zwischen 15 bis 18 Jungen - das, angeblich
von uns abgelegte Holz ins Lager geschafft. Als das ganze
Holz weg war, habe ich mit ein paar Kameraden die Pfähle
losgerüttelt, aus der Erde gezogen, die Löcher aufgefüllt
und die Stellen mit Fichtennadeln bedeckt. Petrus war mit uns
und hat in der Nacht mit einem kräftigen Regen unsere Spuren
verwischt. Ein paar Tage später kamen Helmut und ich in die
Nähe der Stelle, wo das Holz gelegen hatte. Da standen der
Bauer und ein Gendarm. Wir hörten, wie der Bauer beteuerte:
"Herr Wachtmeister, hier hat das Holz wirklich gelegen."
"Wenn Sie das Holz hier aufgestapelt hätten, müssten
die Löcher von den Pfählen zu sehen sein. Aber da ist
Nichts. Sie verwechseln sicher die Stelle. Das Holz steht bestimmt
anderswo!" Als wir außer Hörweite waren, haben
wir beide losgeprustet.
Mit der nahenden militärischen Niederlage Deutschlands wurde
die Versorgung mit Lebensmitteln zunehmend schwieriger. War unsere
Verpflegung im Oktober 1944 noch sehr gut, so hatten wir Ende
November / Anfang Dezember schon wesentlich schlechteres Essen.
Mitte Dezember gab es den ersten Schnee, und die Temperaturen
fielen am Tag auf minus 15 und nachts auf minus 25 Grad. Helmut
und ich schliefen in einem Bett, um uns gegenseitig zu wärmen
und um uns mit den zwei Decken gleichzeitig zuzudecken. Wenn wir
morgens wach wurden, war die ganze Außenwand innen völlig
vereist; denn der Kanonenofen hielt ja keine Wärme. Nach
Weihnachten wurde die Versorgungslage so prekär, dass wir
eine Woche lang nur eine dicke Scheibe in Salzwasser gekochte
holzige Kohlrabi als Mittagessen erhielten. Nach diesem Schweinefrass
konnte ich Jahrzehnte keine Kohlrabi mehr sehen, geschweige denn
essen. Als die Kältewelle vorbei war, wurde die Versorgung
und das Essen wieder besser - aber keinesfalls so gut wie im Oktober.
Frau Kraft, die Mutter eines Schulkameraden, war ebenfalls nach
Thammühl gekommen und machte sich als Lagerhelferin nützlich.
Ihr hatte Sohn Günter den mitgebrachten Volksempfänger
abgeschwatzt. Damit empfingen wir einwandfrei die BBC. Eines abends
- wir hatten uns alle rund um das ganz leise gestellte Radio versammelt
und hörten den englischen Sender - überraschte uns unser
Lehrer und Lagerleiter Herr Segschneider. An Stelle eines Vorwurfs
sagte er uns: "Ja wenn das so ist, dann schlage ich vor,
wir tauschen den Volkempfänger gegen meinen großen
Blaupunkt' da haben wir einen besseren Empfang. Für
das Schlager-Gedudel von dem Gretchen (seiner Frau) ist der Volksempfänger
gut genug. Und dann hören wir die Nachrichten aus London
gemeinsam." Welch ein Vertrauen zu seinen Schülern!
Mitte Januar 1945 kam meine Mutter - die inzwischen in Falkenstein
im Voigtland evakuiert war - nach Thammühl. Meine Lehrer
waren damit einverstanden, dass sie mich mit nach Falkenstein
nahm. Hatten die Lehrer doch damit die Verantwortung für
einen Schüler weniger. Für die Fahrt nach Falkenstein
boten sich zwei Routen an: Erstens von Tetschen-Bodenbach durch
das Elbsandsteingebirge nach Dresden und über Chemnitz und
Zwickau nach Falkenstein oder zweitens über Aussig die Eger
hoch bis Karlsbad und über Klingenthal nach Falkenstein.
Meine Großmutter mütterlicherseits war Westfälin
. und Spökenkiekerin'! Sie hatte das Zweite
Gesicht' und war in der Lage, zukünftige Ereignisse vorherzusagen.
Meine Mutter hatte davon eine gewisse Portion geerbt. Die Fahrt
über Dresden empfand sie als zu gefährlich, und wir
entschieden uns, über Karlsbad zu fahren. Auf der Fahrt bekam
ich eine echte Grippe. Als wir in Karlsbad im Wartesaal den nächsten
Morgen erwarteten, hatte ich über 40 Grad Fieber. Eine Sanitäterin
der Wehrmacht, die meinen Zustand bemerkt hatte, versorgte mich
mit Medikamenten. In dieser Nacht, vom 13. auf den 14. Februar
1945 - in der wir in Karlsbad im Wartesaal saßen - erfolgte
der verheerende Angriff auf Dresden.
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