"Seids ihr wahnsinnig?" brüllte uns der Mann mit
sich überschlagender Stimme an. Er stand vor seinem zerbombten,
noch brennenden Haus und versuchte mit einem Gartenschlauch die
Flammen zu löschen. Wir, ein Zug (so hießen dort die
Klassen) von 20 vierzehn bis fünfzehn Jahre alten Jungmannen
der NAPOLA Traiskirchen waren auf dem Weg nach Schloss Mokritz
in der damaligen Untersteiermark, knapp 30 Kilometer nördlich
von Agram gelegen. Es war am 12. März 1945, als die Alliierten
einen schweren Luftangriff auf Wiener Neustadt flogen. Und genau
an diesem Tag setzten wir uns - dem Auftrag der für uns zuständigen
SS folgend - in Marsch.
Mit einem Personenzug bis Felixdorf und dann auf und neben den
zerbombten Gleisen zum Bahnhof und weiter bis ins teilweise noch
brennende Wiener Neustadt. Wie kommen wir weiter? Voraussichtlich
vom Stellwerk 5 südlich der Stadt nahe der Neunkirchener
Allee. Also: "angetreten und im Gleichschritt Marsch - ein
Lied!" Irgendeiner stimmte an: "Es zittern die morschen
Knochen der Welt vor dem großen Krieg. Wie haben den Schrecken
gebrochen, für uns war's ein großer Sieg. Wir werden
weiter marschieren, wenn alles in Scherben fällt . . ."
Und das war zufällig der Zeitpunkt, wo wir an dem Ausgebombten
vorbei marschierten.
Beim Stellwerk 5 mussten wir noch einige Stunden warten, bis ein
Personenzug kam. Ab Neunkirchen ging es dann mit einem Eilzug
weiter und ab Rann im Marschtempo nach Mokritz. Keiner von uns
fragte, warum man uns mitten ins damalige Partisanengebiet schickte.
Wir und unsere Erzieher waren gewohnt, Befehle auszuführen.
Erst später erfuhren wir, dass man damit die dort lebende
deutschsprachige Bevölkerung beruhigen wollte. "Wenn
diese Jungs da sind, wird's schon nicht so arg sein!" Ein
Großteil der Bevölkerung waren Bergbauern aus Südtirol,
die - entsprechend einem Abkommen zwischen Hitler und Mussolini
- aus ihren stolzen Höfen dort hin in dreckige, halb verfallene
Lehmhäuser umgesiedelt worden waren.
Das Schloss Mokritz war der Stammsitz der Freiherrn von Gagern.
Ein prachtvoller Bau, der stolz auf das 100 Meter tiefer gelegene
Tal der Save hinabblickte. Wir bekamen einen Schlafsaal zugewiesen
und jeder ein Gewehr aus der Produktion der Steyr-Werke und jeder
dazu eine Kiste Munition, die unter dem Bett verstaut wurde. Schon
in der ersten Nacht hörten wir Gewehrfeuer. Es kam vom Grenzposten,
der keine 300 Meter von uns entfernt einen Übergang im Stacheldraht
bewachen sollte. Und da die Partisanen im Umgang mit deutschen
Soldaten äußerst brutal umgingen, schossen diese auf
alles, was sich dort regte.
Wir erhielten genaue Instruktionen, wie die Gewehre zu reinigen
und zu behandeln waren; Schießübungen wurden im Burggraben
abgehalten. Tagsüber arbeiteten wir an der Errichtung von
Schützengräben für den Süd-Ost-Wall. In Rann
nahmen wir an einem Kurs zur Bekämpfung von Panzern teil.
Übernachtet haben wir in der Volksschule - betreut von netten
BDM-Mädchen. Noch war das alles eher ein großes Abenteuer:
deutsche Jungs, insbesondere NAPOLAner kannten keine Furcht!
Bis dann doch an einem Abend amerikanische Flugzeuge einen auf
der anderen Talseite abgestellten Munitionszug angriffen. Zuerst
kamen die "Christbäume" - an Fallschirmen langsam
zu Boden sinkende Leuchtkörper, die den darauf folgenden
Bombern das Zielen und Treffen erleichterten. Es war ein ungeheures
Feuerwerk. Und da kamen mir allmählich Zweifel, wie sich
das wohl weiter entwickeln werde, wenn alles in Scherben fällt.
Anfangs April wurde der "Tag der Grenze" gefeiert. Alle
Hochgestellten von Partei, Gendarmerie und Wehrmacht kamen, es
wurde gesoffen und groß aufgekocht und wir Jungs durften
servieren. Zur Verbesserung des Speiseplanes wurde am Vortag der
unterhalb des Schlosses gelegene Fischteich über Nacht abgelassen.
Ein Feuer brennt dort. Zur Bewachung wurden zu den zwei Soldaten
auch noch zwei von uns abkommandiert. Auch ich war für 3
Stunden dabei. Die leicht besoffenen Landser berichten sich gegenseitig
wie sie mit gefangenen Partisanen umgingen. "Also, wir haben
sie hinter einander aufgestellt und dann gewettet, wie viele umfallen,
wenn man sie durch den Kopf oder durch den Hals oder durchs Herz
schießt."
Ein nicht beschreibbares Gefühl des Ekels vor diesen Menschen
überkam mich: Waren das die Hoffnungsträger für
den Wiederaufbau nach dem Endsieg? Und da kamen mir erste Zweifel
an der gesamten Situation - die Russen standen vor Wien und die
Amerikaner waren im Vormarsch quer durch Deutschland - und der
Glaube an den Endsieg wurde erschüttert.
" . . .wenn
alles in Scherben fällt!"
In der Erinnerung ein kleines Bruchstück: Die Waschgelegenheiten
im Schloss waren eher dürftig. Darum: ein Eineinhalbstundenmarsch
zum Mineralbad Èatesch. Hin über eine staubige Landstraße,
zurück gut gereinigt über die ebenso staubige Landstraße.
Ergebnis: wenig Änderung des Reinigungsstandes. Es gibt kein
Radio - nur der Anstaltsleiter hat eines und informiert uns täglich
über den Stand der Dinge: "Jungs, eines sag' ich euch:
wenn wir diesen Krieg verlieren - die Amerikaner werden uns Deutsche
gegen die Russen noch dringend brauchen" Er soll sich später
erschossen haben, um nicht von den Partisanen erschossen zu werden
. . .
Ostersonntag 1945: ein warmer, sonniger Tag, kein Schießen,
keine Bomber der Amerikaner in nördlicher Richtung - ich
liege in der Sonne und genieße die Ruhe. Ist das der Friede?
Allmählich wird die Lage auch hier brenzlig. Drum: ab nach
Hause. Aber wohin? Die Russen stehen knapp vor Wien. Auf jeden
Fall einmal hier weg und nach Spanheim in die dortige NAPOLA:
Ein Großteil des Stiftes St. Paul im Lavanttal war in eine
NAPOLA umgemodelt worden. Aber wie dorthin kommen? Ein LKW mit
Anhänger wurde irgendwie aufgetrieben und erwartet uns unten
an der Straße. Unterwegs plötzlich Alarm: "Tiefflieger".
Der LKW fährt in den Straßengraben unter die dort stehenden
Bäume. Wir liegen hinter dem LKW. Kein direkter Angriff -
darum wieder weiter. Der Fahrer meldet einen Achsbruch. Nichts
geht, bzw. fährt mehr.
Über freies Feld marschieren wir 2 Stunden lang auf einem
Güterweg zur nächsten Bahnstation. Ein Personenzug nach
Unterdrauburg wollt ihr? So etwas fährt hier nicht mehr.
Doch gegen Abend kommt ein streng bewachter Militärzug mit
Panzern, LKW und Soldaten. Wir dürfen mitfahren. An Schlaf
ist nicht zu denken. Neben der Strecke brennen an vielen Stellen
Feuer. Partisanen stehen dort, getrauen sich aber nicht zu schießen
wegen der zu erwartenden heftigen Antwort. Frühmorgens Ankunft
in Unterdrauburg. Die NSV labt uns mit Erbsensuppe und Roggenbrot.
Noch eine Stunde marschieren wir hundemüde zur nächsten
Bahnstation im Lavanttal. Vor Mittag sind wir endlich da. Müde,
schlafen, schlafen . . .
Eine erschreckende Nachricht kommt zu uns: In der nächsten
Nacht haben die Partisanen Unterdrauburg überfallen und -zig
Menschen getötet. Wir wären da mitten drin gewesen.
Eine Meldung im Radio: Adolf Hitler habe bis zu seinem Tode heldenhaft
gekämpft. Das Ende des Krieges steht unmittelbar bevor. Was
geschieht mit uns? Viele von uns werden bei Bauern in der Umgebung
untergebracht. Ich erhalte eine Postkarte von meiner Mutter, die
sich nach Kufstein in Tirol durchgeschlagen hatte. Aufgegeben
am Morgen bevor dort die Amerikaner einrückten. Drei Tage
später ist sie in St. Paul. Die Post funktioniert noch bestens.
Mit zwei Kameraden setze ich mich Richtung Tirol in Marsch. Mit
der Bahn nach Zeltweg. Dort steht vor dem Bahnhof ein LKW. Er
nimmt uns mit und es stellt sich heraus, dass er mit Verpflegung
voll geladen ist: Mehl, Butter, Zucker, Speiseöl und Konserven
- alles gleich in Großpackungen. Durch das Paltental geht
es in stockender Kolonne Richtung Radstadt. Das Seitental nach
Wagrain haben die Amerikaner zu einem großen Gefangenenlager
umfunktioniert. Nach ein paar Tagen sind dort an die 40.000 Soldaten
zusammen gepfercht. Unser Proviant wird zur allgemeinen Verpflegung
beschlagnahmt - es ist aus mit unseren Extras.
Wir hungern, sammeln Löwenzahnblätter und Sauerampfer,
kochen eine Frühlingskräutersuppe. So geht's nicht weiter
- also beschließen wir weiter zu ziehen. Zuvor noch eine
Vorsprache in Wagrain, wo ein großer Teil der Offiziere
der Armee von General Kesselring untergebracht ist. Ein hoher
Offizier berät uns: "Ach Jungs, ihr seid ja keine Soldaten,
montiert alles, was ein Hakenkreuz trägt von der Uniform!
Und dann immer nur fest voran und vor allem keine Angst vor den
Amerikanern. Und wenn sie euch befragen: Immer nur darauf hinweisen:
we want to go to our mommy - da werden sie weich.
Und es nutzt tatsächlich zwei mal. In St. Johann im Pongau
schenkt uns ein Ami sogar eine Dose mit Käse drinnen. Ein
Kamerad verabschiedet sich Richtung Oberösterreich. Zu zweit
geht es weiter in einem Rot-Kreuz-LKW mit Holzgas-Antrieb bis
zur Grenze nach Tirol. Ab Hochfilzen wiederum Fußmarsch
Richtung St. Johann. Bei einem Bauernhof bitten wir um ein Stück
Brot und ob wir im Heu übernachten dürfen. Die Bäuerin
sieht unsere Uniform und schaut uns fragend an: "seids ös
nit eppa gor EsEss?" Nein, wirklich nicht, und sie reicht
uns gnädig ein Stück trockenes Brot. "dort im Heustadl
kennts ibanochtn!" Später kommt dann der Bauer und,
immer noch hungrig, überreichen wir ihm einige Tabakblätter,
die wir aus unserem Verpflegungswagen mitgenommen haben. Nach
ein paar Minuten kommt er mit einer Kanne voll Milch und zwei
Scheiben Brot, so über den ganzen Laib, dick mit Butter belegt.
"sogts oba nix der Bäurin!". Nein, ganz bestimmt
nicht.
Am Ortsende von St. Johann steht ein amerikanischer Posten "what
do you want?" "I want to go to Kufstein, to see my mommy!"
Es wirkt: "Kafstain? - OK" er hält den nächsten
Wagen auf und die nehmen mich mit. Der Kollege will weiter Richtung
Seefeld. In Kufstein finde ich meine Familie und wir beginnen,
die in Scherben gefallene Welt wieder aufzubauen.
Heute: Was hat man uns, als nationalpolitisch erzogene Jungen,
die mit ihren 14 bis 15 Jahren noch kein eigenes kritisches Denken
hatten, alles aufgezwungen, nur um die Wahnideen des GRÖFAZ
(Größten Feldherrn aller Zeiten) umzusetzen. Verantwortliches
Denken der höheren Hierarchie? "Führer befiehl,
wir folgen dir!" Eine positive Folge der Katastrophe: Die
Europäer haben eingesehen, dass man mit gegenseitigem Totschießen
nicht weiter kommt. Über die Montanunion kommt es schließlich
zur Bildung der Europäischen Union.