Kindheit in Ostpreußen 1939-1944
Mit 9 Jahren kam ich nach Gumbinnen. Bis Puspern waren es 12 km,
davon 10 km Asphaltchaussee ( frühere "Reichsstraße
1"). Zur Bahnstation Groß Baitschen hatte ich von Puspern
ca. 5 km fahren müssen. Meine Eltern hatten mich deshalb
bei entfernten Verwandten in Gumbinnen untergebracht, die keine
Kinder hatten und in der Kasernenstraße wohnten. Mein Schulweg
zur Volksschule in der Meelbeckstraße war ca. 1 km, fast
so wie in Puspern. Onkel Gustav Mickoleit, geboren 1893, und seine
ca. 5 Jahre jüngere Frau nahmen mich wie ihr eigenes Kind
auf. Allerdings ohne elterliche Verantwortung bzw. Strenge. Ich
wurde früh selbstständig und hatte die Freiheit genossen.
Wenn mir etwas nicht passte - was zwar selten vorkam - konnte
ich mit dem Fahrrad nach Puspern fahren und wurde dort verwöhnt.
Mein Vater war im Januar 1940 eingezogen worden und kam nur an
wenigen Urlaubstagen nach Hause.
Die Anforderungen in der Stadtschule waren zwar gestiegen, sie
bereiteten mir aber keine Probleme. Meine Zeugnisse waren gut
bis sehr gut, sie ersparten mir die Aufnahmeprüfung für
die Mittelschule. Als Zehnjähriger wurde ich zwangsweise
Mitglied bei den Pimpfen in Gumbinnen, fand die nationalsozialistische
Schulung und auch das Marschieren sowie die Geländespiele
langweilig. Ich zeigte keinerlei Ehrgeiz und machte einfach nur
mit.
Interessant war der Unterricht in der Mittelschule, den ich mit
überwiegend guten Noten bewältigte. Ich wurde von unserem
Klassenlehrer Paul Becker ( Fächer: Deutsch, Geschichte,
Musik ) zum Klassensprecher ernannt. Warum, weiß ich nicht
( ein wenig später befreite er mich vom Musikunterricht -
ich war in diesem Fach ein hoffnungsloser Fall ). Obwohl ich zu
den Kleinsten und Schwächsten gehörte, wurde ich von
den anderen Klassenkameraden voll respektiert. Vielleicht auch
deshalb, weil wir zu Dritt aus einem Dorf kamen, Günter Sch.,
der Sohn des Schlossermeisters, der die Brennerei in Puspern betrieb,
und Heinz P., der Sohn des Obermelkers und Zuchtleiters der Pusperner
Bullenzucht. Beide waren größer und kräftiger,
konnten fest zupacken und schrieben gern mal bei mir ab.
Am 1.3.1941 bekam ich auf Bezugschein ein neues Fahrrad. Den Fahrradbrief
- auf meinen Namen ausgestellt - hatte meine Mutter mit meinen
Zeugnissen gerettet. Ebenfalls 1941 hatten wir von Februar bis
Ende Juni auf unserem Hof Einquartierung. Wir waren etwa 10 km
von der russischen Grenze entfernt. Ja, der Hof war zeitweise
derart voll geparkt, dass die Fahrzeuge umgesetzt werden mussten,
damit Großvater mit dem Pferd und Wagen auf's Feld fahren
konnte. Als ich im Frühjahr einmal von Gumbinnen nach Hause
kam, wollten mich die Posten mit den Worten "hier wohnt nur
ein kleines Mädchen" nicht auf den Hof lassen. In der
alten Schule war eine Kompanie Luftnachrichten einquartiert.
Die Offiziere wohnten in den drei Zimmern des Dachgeschosses und
der ehemalige Klassenraum wurde zur Kompanie-Geschäftsstelle.
Die Soldaten schliefen in der Scheune, sie hatten sich zum Teil
seidene Steppdecken aus Frankreich mitgebracht. Es war ein ständiges
Kommen und Gehen, sie bauten die Fernmeldeverbindungen für
den Aufmarsch nach Russland. Auf dem Hof waren außer Werkzeugwagen
zwei voll motorisierte Küchenwagen aufgefahren, die von morgens
bis spät in die Nacht warmes Essen und Getränke für
die Soldaten bereit hielten. Für unseren jungen Hofhund,
seine Hütte war in die Scheune eingebaut und dort angekettet
war, begann ein aufregendes Leben. Er witterte den Küchengeruch
und oft flog ihm ein Fleischbrocken zu. Als uns ein junger Küchensoldat
fragte, ob er mit dem Hund in seiner freien Zeit spazieren gehren
dürfte, waren wir einverstanden. Ebenfalles einverstanden
war meine Mutter mit dem Vorschlag des Küchenfeldwebels,
unsere ca. 2-jährige Stärke, die hinter der Scheune
weidete, dem Militär zu verkaufen. Wir bekamen die Bescheinigung
für das Ablieferungssoll und die Soldaten aßen Steaks.
Die Abfalltonnen mit den Küchenabfällen mussten täglich
von uns geleert werden, Futter für die Schweine, sie nahmen
tüchtig zu. Probleme breitete bereits das Abwasser von den
Kompanie-Küchen. Als meine Mutter das Thema in der Kompanie-Geschäftsstelle
ansprach, erschien zwei Tage später eine Gruppe Pioniere
und legte einen neuen Abfluss bis in den Garten.
Kurz vor Beginn des Krieges gegen Russland rückten die Soldaten
in einer Nacht ab. Mein Großvater konnte noch auf den Berg
Telefonmasten hinweisen, der an der Hofeinfahrt lagerte. Im Morgengrauen
trugen dann die letzten Soldaten die Masten in die Scheune. Die
Luftnachrichten-Kompanie hatte fast 4 Monate in unserem Haus und
unserer Scheune gelebt. Daran erinnert wurden wir noch bis in
den Winter. Unser Hund heulte nachts fürchterlich, er sehnte
sich nach dem jungen Soldaten, der ihn fast täglich von seinem
Angekettetsein befreit und mit Leckerbissen verwöhnt hatte.
Auch bekamen wir im Laufe des Sommers von der Wehrkreisverwaltung
eine Abrechnung über die Einquartierung. Eine Summe, über
die meine Mutter nie mit uns Kindern sprach.
Rechtzeitig zur Ernte bekamen wir Jonas, einen jungen Litauer,
der gebrochen deutsch sprach. Er hatte sich bei uns sehr wohl
gefühlt, konnte kräftig zupacken, aber er erlag der
Werbung der Nationalsozialisten: Er meldete sich freiwillig zur
Waffen-SS. Im nächsten Sommer wurde uns ein französischer
Krieggefangener, Henri Cormont, zugeteilt, der mit mehreren anderen
französischen Kriegsgefangenen zum Gut Puspern gekommen war.
Er war Mitte Dreißig, sprach kaum deutsch und musste als
ehemaliger Fabrikarbeiter aus Paris erst mit der Landwirtschaft
vertraut gemacht werden. Er freute sich über das schöne
Einzelzimmer im Dachgeschoss bei uns und aß bei uns mit
am Tisch. Er hielt engen Kotakt zu seinen französischen Kameraden,
die geschlossen im massiven Hühnerstall des Gutes wohnten,
der schon im Ersten Weltkrieg als Gefangenenunterkunft gebaut
worden war. Die Franzosen wurden nicht bewacht und betrachteten
es als großen Glücksfall, dass sie sich selbst beköstigen
konnten. Die Naturalien lieferte das Gut.
Vom Sommer 1942 bis Ende 1943 wohnten in dem Klassenraum Tante
Minna K. mit ihren Kindern Gisela, geb. 1937, und Friedhelm, geb.
1940. Ihr Mann war als Schlosser in Oberhausen dienstverpflichtet.
Meine Mutter und Tante Minna waren Cousinen. Sie war in den zwanziger
Jahren ins Ruhrgebiet gefahren und hatte dort geheiratet. Wegen
der kriegsbedingten schlechteren Lebensverhältnisse und auch
wegen der Bombenbedrohungen kamen sie ins friedliche Ostpreußen.
Sie fanden bei uns Familienanschluss, und wir hatten als Selbstversorger
ihre Lebensmittelkarten. Einen Teil der Brot- und Kuchenkarten
nahm ich mit nach Gumbinnen, so konnte ich mit Freunden ins Cafe
gehen.
Von einer russischen Zeltbahn, die mein Vater anlässlich
eines Urlaubes nach Hause gebracht hatte, sollte ich eine Windjacke
bekommen. Ich ging zu Meister B. und ließ mir aber einen
langen Regenmantel machen. Ab Frühjahr 1944 fuhr ich fast
täglich mit meinem Fahrrad von Puspern nach Gumbinnen zur
Schule. Ich hatte es gut bei Mickoleits, nur das Mittagessen schmeckte
mir eine Zeit lang nicht. Mein Onkel war bei der Viehverwertungsgesellschaft
anstellt und hatte viel mit Schlachthöfen und Molkereien
zu tun, was dazu führte, dass reichlich und sehr fett gekocht
wurde. Er kam um 12.00 Uhr zum Mittagessen, ich hatte meistens
bis 13.30 Uhr Schule und bekam mein Essen aufgewärmt, wobei
besonders der Rindertalg durchschmeckte. Ich aß mit langen
Zähnen und meldete mich für den nächsten Tag nach
Puspern ab. Wenn meine Mutter auf dem Feld war, machte mir meine
Großmutter in der Küche etwas, worauf ich Appetit hatte.
Ich war ein verwöhntes Kind, aber so lange meine Zeugnisse
gut waren, hatte ich Narrenfreiheit. Auch schwänzte ich den
Dienst beim Jungvolk und wenn dann bei meinem Onkel nachgefragt
wurde, hieß es nur "der Erich ist im Ernteeinsatz".
Der hatte Vorrang im Sommer 1944.
Als in den letzten Kriegsjahren die Friseure angewiesen wurden,
den Jungs nur noch "Streichholzlänge" zu schneiden,
schien es vorbei mit meinem Faconschnitt. Ich sprach daher mit
Henri, der mich zu den Franzosen einlud. Vorher ging ich noch
in unsere Räucherkammer, nahm eine Wurst mit und der Faconschnitt,
um den mich meine Klassenkameraden beneideten, war gesichert.
In den folgenden Sommermonaten genügte dafür auch ein
Gang durch den Hühnerstall, um von dort einige Eier als "Bezahlung"
mitzunehmen.
Auch wurden wir von der Schule verpflichtet, kriegswichtige Altmaterialien
(Spinnstoffe, Knochen, Papier und Metalle ) zu sammeln. Wir überlegten
in der Klassengemeinschaft - ein paar Zeitungen und leere Zahnpastatuben
brachte nichts - und Lumpen und Knochen zu sammeln, war unter
unserer Würde. Mein Vorschlag wurde begeistert angenommen.
Ich ließ Henri den "Fuchs" anspannen, da lag noch
hinter der Scheune ein Haufen Knochen von den Soldatenküchen
und ein Berg leerer Konservendosen. Als der Wagen voll war, fuhr
Henri ihn zur Sammelstelle nach Gumbinnen. Dort warteten schon
ein paar Klassenkameraden. Sie luden ab. Wir wurden Schulsieger
und erhielten im Herbst Buchprämien - eine zweite Fuhre Konservendosen
lagerten noch hinter der Scheune - für nächstes Jahr!
Im Herbst 1944 wurde es kritisch, Kanonendonner war zu hören,
Flüchtlingswagen aus dem Baltikum zogen durchs Dorf, die
Grenzkreise wurden evakuiert. Auch wir bereiteten uns auf die
Flucht vor. Wir bekamen von dem Gut Alt-Grünwalde ein zweites
Pferd, eine ältere große Schimmelstute. Als am 20.
Oktober die Russen über Trakenen bis nach Nemmersdorf vorgedrungen
waren, wollten auch wir losfahren, aber ein Funkwagen der Wehrmacht
fuhr nachmittags auf unseren Hof. Die Soldaten rieten uns, bis
zum nächsten Morgen zu bleiben, sie blieben ja auch. Der
Fluchtwagen war bereits beladen, es musste nur angespannt werden.
Zwar wurden noch in den Abendstunden Hühner geschlachtet
und gebraten. Ich fand den Betrieb im Funkwagen interessanter,
unterhielt mich mit den Soldaten und trank mit ihnen mannhaft
mit, als eine Flasche Schnaps geleert wurde - mein erster Schwips.
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