Flucht und Verteibung aus Ostpreußen und Hinterpommern 1944-1946
Ich verbrachte meine Kindheit in Gumbinnen / Ostpreußen.
Dort wurde es im Herbst 1944 kritisch. Auch wir bereiteten uns
nun auf die Flucht vor. Der Fluchtwagen war bereits beladen, und
am 21.10.1944, im Morgengrauen, spannte Großvater den Fuchs
und den Schimmel an. Großmutter und Schwester stiegen auf
den Wagen, meine Mutter, Henri und ich schoben unsere Fahrräder
hinterher. Wir fuhren nach Pabbeln, Richtung Norden, das hatten
uns die Soldaten empfohlen. Um die Mittagszeit, etwa nordwestlich
vom Gumbinnen, stauten sich die Flüchtlingsfahzeuge an einer
Kreuzung. Ein Leutnant der Fallschirmjäger, im kurzärmeligen
Hemd, regelte den Verkehr. Es fuhren Fallschirmjäger in einem
Kübelwagen mit einem gefangenen Russen vorbei. Die Sonne
schien - wir fühlten uns in Sicherheit.
Die ersten beiden Tage war von einer Organisation zur Lenkung
oder Betreuung der Flüchtlinge nichts zu sehen. Erst ab den
dritten Tag bekamen wir Quartiere zugewiesen. In Locken, Kreis
Osterode, bezogenen wir auf einem kleinen Hof Winterquartier.
Die Frau, der Mann war Soldat, empfing uns nicht gerade freundlich.
Mit ihren ca. 10- und 8-jährigen Söhnen sprach sie nur
masurisch ( war das polnisch? ). Ihre größte Sorge
war, dass für ihr Pferd und ihre beiden Kühe das Winterfutter
nicht reichen würde, wenn unsere beiden Pferde blieben.
Ungefähr Mitte November hatte meine Mutter erfahren, dass
Flüchtlingstransporte nach Pommern und Sachsen gehen sollten.
Wir entschlossen uns, nach Pommern zu fahren. Henri kam in eine
Sammelstelle für französische Kriegsgefangene. Die beiden
Pferde übernahm die Wehrmacht, unsere Wagenladung konnten
wir mitnehmen, es blieb nur der leere Leiterwagen stehen. Anfang
Dezember wurden wir auf der Bahnstation Hagenow/Pommern ausgeladen.
Wir sollten zu dem Hof von Frau St., die einen Kastenwagen geschickt
hatte. Der Wagen musste zweimal fahren, wir hatten außer
unseren Betten, auch Säcke mit Getreide, Steintöpfe
mit Schmalzfleisch, gefüllte Weckgläser, Geräuchertes,
ja sogar die Pferdegeschirre und die Fahrräder mitgebracht.
Frau St. und ihre ca. 35-jährige Tochter begrüßten
uns herzlich und führte uns in ein großes möbliertes
Zimmer. Wir wohnten jetzt auf einem großen Bauernhof von
ca. 50 ha, vier weitere Höfe dieser Größe waren
nebenan. Wir freuten uns, waren wir doch dem gefährdeten
Ostpreußen und dem armseligen Masuren entronnen. Größer
war die Freude noch, als mein Vater Mitte Dezember für drei
Wochen aus der Nähe von Goldap in Urlaub kam. Wir lebten
fast wie in Puspern, nur räumlich etwas beengt. Am 11. Januar
1945 teilte Vater uns mit, dass er gut bei seiner alten Einheit
angekommen sei. Es sollte sein letzter Brief sein, der uns erreichte.
Am 13. Januar begann an der gesamten Ostfront die russische Winteroffensive.
In Pommern hatten wir es gut bei Frau St. Sie trug noch immer
Trauerkleidung, ihr einziger Sohn war im Sommer 1944 in Italien
gefallen. Ihre ganze Liebe galt nun einer knapp 3-jährigen
Warmblutstute, die ihr Sohn als Fohlen gekauft hatte. Sie wurde
bei gutem Wetter von einem französischen Kriegsgefangnen
auf der Weide hinter dem Hof an einer langen Leine bewegt, durfte
weder geritten noch angespannt werden. Ihre Tochter, Frau W.,
war zu uns sehr nett. Sie hatte ungefähr 12 Jahre in Berlin
gelebt und war mit einem Architekten verheiratet, der jetzt Soldat
an der Westfront war. Sie hatten keine Kinder und war zur Unterstützung
ihrer Mutter in der Landwirtschaft aus der Dienstverpflichtung
in der Industrie gelöst worden. Sie versorgte uns mit Zeitungen,
lieh uns Bücher und berichtete auch über die Radiomeldungen.
Ja, sie meldete mich, mit meiner Mutter bei der Mittelschule in
Kolberg an. Ab Anfang Februar war ich Fahrschüler. Ich hatte
es nicht weit bis zum Bahnhof Hagenow, länger war der Schulweg
in Kolberg. In Gumbinnen war ich mit einem guten Zeugnis in die
4. Klasse versetzt worden. Nach einem Probemonat sollte entschieden
werden, ob ich dem Unterricht in der 4. Klasse folgen könnte.
Schon nach einigen Tagen merkte ich, dass ich im Englischen, in
Mathematik und Physik große Lücken hatte.
Zu Mittag aß ich im Bahnhofsrestaurant, es gab täglich
Kartoffelbrei mit Röstzwiebeln und einem Bratklops, der nach
nichts schmeckte. Als ich es mit meinen Lebensmittelkarten in
einer anderen Gaststätte versuchte, war das Essen dort auch
nicht besser. Hier wurde mir deutlich, dass wir uns im 6. Kriegsjahr
befanden. Auch fuhren die Züge nicht mehr pünktlich
und waren oft überfüllt. Zur Klassengemeinschaft fand
ich kaum Kontakt und die Lehrer waren das letzte Aufgebot. Nach
ca. 10 Tagen gab ich auf, ich meldete mich nicht ab, sondern fuhr
einfach nicht mehr hin. Als wir Ende Februar 1945 mit der Bahn
weiter ins Reich fahren/flüchten wollten, erklärte uns
der Stationsbeamte, dass die Strecke über die Oder gesperrt
sei. Der Russe war an der Oder bis Stettin vorgedrungen, ganz
Hinterpommern war abgeschnitten. Das Chaos bahnte sich an.
Am 4. März wurde ich in der Hagenower Kirche konfirmiert.
Den Termin hatte der Pastor aus dem Nachbardorf am Tage vorher
bekannt gegeben. Auch Flüchtlinge sollten dabei sein. In
unserer Familie gab es eine Diskussion über den plötzlichen
Termin und darüber, was ich anziehen sollte. Den dunkelblauen
Stoff für den Konfirmationsanzug hatten wir aus Puspern mitgebracht,
aber nähen konnte so schnell niemand. So ging es auch ohne
Anzug. Auch die anderen Konfirmanden waren nicht entsprechend
angezogen.
Der Pfarrer hatte die Einsegnung fast beendet, als plötzlich
Gewehrschüsse knallten und einige Kirchenfenster splitterten.
Alles duckte sich, und als es ein wenig ruhiger wurde, löste
sich die Konfirmationsfeier auf. Wir schlichen aus der Kirche
und gingen gebückt zwischen den Kartoffelmieten, die hinter
den Bauernhäusern lagen, und zum Hof von St. Dort hatte Frau
St. das Mittagessen vorbereitet, uns war der Appetit vergangen.
Auch saß am Tisch ein älteres Ehepaar, das am Vorabend
ihre Pferde auf dem Hof ausgespannt und übernachtet hatte.
Es waren Flüchtlinge aus dem Warthegau, die vor dem Krieg
mit Russland als Volksdeutsche aus Lettland umgesiedelt worden
waren. Plötzlich standen drei Russen im Zimmer, ihre Maschinenpistolen
im Anschlag. Einer blieb bei uns, die anderen beiden durchsuchten
das Haus und den Dachboden, wo bald ein Knacken und Brechen zu
hören war. Frau St. sah ihre Tochter an und sagte leise:
"Die Kisten". Kurz darauf kamen die beiden Russen runter,
sprachen aufgeregt mit dem dritten und verschwanden dann wieder.
Der Volksdeutsche konnte russisch, hatte aber zunächst geschwiegen,
dann sagte er später nur: "Die wollen das melden, es
gibt ein Nachspiel, wir müssen schnell weg." Wir saßen
alle wie gelähmt. Frau W. wollte zu ihrer Cousine, die in
der Nachbarschaft wohnte. Was war geschehen? Die Russen hatten
zwei große Kisten aufgebrochen, die vor einem Jahr von Verwandten
aus Berlin ins ruhige Pommern geschickt worden waren. St. wusste
nicht, dass sie SS- und Parteiuniformen enthielten. Als der Volksdeutsche
seine Pferde anspannte, bat ihn meine Mutter, die Großeltern
und meine Schwester Elfriede mitzunehmen. Er war einverstanden.
Wir verluden unser Handgepäck und schoben unsere Fahrräder
hinterher. Auf Feldwegen erreichten wir am späten Nachmittag
Robe, etwa 4 km von Hagenow entfernt. Dort erfuhren wir, dass
der Pfarrer und sein Kutscher aus dem Nachbardorf, kurz hinter
Hagenow von den Russen erschossen worden seien. Die Pferde seien
mit dem Landauer ( Kutschwagen ) und den beiden Toten ins Dorf
zurückgekommen. Was aus Frau St. und ihrer Tochter nach dem
"Besuch" der Russen geschehen ist, habe ich nicht erfahren.
Robe war mit Flüchtlingen überfüllt. Wir fanden
Unterkunft auf dem Dachboden einer Großbäckerei, deren
Besitzer einen Tag vorher geflüchtet war. Ein paar Tage später
richtete sich im Wohnhaus des Bäckereibesitzers ein russischer
Stab ein, Frauen mussten für sie kochen und die Zimmer aufräumen.
Gehungert haben wir nicht. Mehl und Kartoffeln waren reichlich
vorhanden und für Frischfleisch sorgten ein paar ältere
Männer unter den Flüchtlingen, sie schlachteten Rinder
und Schweine, das Vieh war herrenlos.
Den Russen war mit ihrem Vorstoß an die Oder ganz Hinterpommern
nahezu kampflos in die Hände gefallen, nur Kolberg wurde
noch von deutschen Soldaten verteidigt. Die Russen hatten Hinterpommern
erobert, aber die Polen nahmen es in Besitz. Sie bildeten Kommandanturen,
betrachteten ganze Dörfer mit Menschen und Vieh als ihr Eigentum
und schirmten es gegenüber den einzelnen Russen ab. So auch
im etwa 5 km entfernten Glansee. Nach etwa 4 Wochen zogen wir
auf Feldwegen dort hin. Großmutter saß in einem Handwagen,
den Mutter und Großvater mit Schultergurten zogen. Meine
Schwester und ich schoben Fahrräder hinterher. Wir fanden
Unterkunft bei Frau D., die mit 3 Kindern in einem Insthaus wohnte.
Ihr Mann war noch Soldat, jetzt versorgte sie und ihre erwachsene
Tochter den Kuhstall von Frau L. Meine Mutter molk im Stall von
B. die Kühe und tränkte die Kälber. Die Milch musste
auf der Kommandantur abgeliefert werden. Dort drehten jungen Mädchen,
die bei der Arbeit weiße Kittel und Hauben trugen, die Zentrifugen
für die Buttererzeugung. Die 16-17 jährigen Jungen waren
Gespannführer, die von dem Hof, auf dem alle Pferde untergebracht
waren, die Feldbestellung besorgten. Ich war ja noch jünger,
mit mehren anderen Jungen hütete ich ab Mai die Kühe.
Im Herbst und Winter half ich auch bei den Stallarbeiten aus.
Gehungert haben wir nicht in Glansee, unsere Verpflegung bestand
vorwiegend aus Kartoffeln und Mehlspeisen, Frischfleisch gab es
sehr selten.
Im April 1946 begannen die Vorbereitungen für die Ausreise.
Anfang Mai wurden alle Deutschen aus dem von Polen verwalteten
Gebiet ausgewiesen. Mit Handgepäck - wir hatten nicht mehr
- wurden wir mit den Hiesigen von Glansee ca. 10 km nach Treptow
gefahren. Einige junge Mädchen entgingen der Ausreise, indem
sie Polen heirateten. Die polnische Bahn brachte uns geschlossen
nach Stettin. Nach ein paar Tagen Aufenthalt in einem Quarantänelager
fuhren wir mit der Deutschen Bahn bis nach Bad Segeberg. Nach
einem kurzen Aufenthalt in dem Lager der britischen Besatzungsmacht
kamen wir alle nach Schleswig in die Moltke-Kaserne. Mit insgesamt
33 Personen wohnten wir ab 26.Mai 1946 in einem Kasernenzimmer,
es war eine Wolldeckenallee. Wie in allen Kasernen lagen die Waschräume
und die Spülklosetts neben den Fluren. Wir waren wieder in
Deutschland, konnten uns frei bewegen, wurden gemeinschaftlich
verpflegt, wir Flüchtlinge empfanden die Unterbringung gar
nicht so er-drückend wie die Pommern, die zum ersten Mal
ihre Häuser hatten verlassen müssen. Dennoch wollte
ich raus aus der Kaserne, wollte was lernen. Eine Kaufmannslehre
in Busdorf, ca. 3 km von Schleswig entfernt, konnte ich nicht
beginnen, weil sie nicht mit Familienanschluss verbunden war.
Aber ich hatte schon etwas Erfahrung mit der Landwirtschaft, obwohl
ich für mein Alter noch klein und schmächtig aussah.
In Schleswig-Holstein fand ich eine Beschäftigung in der
Landwirtschaft, später wurde ich Polizist in Hamburg.
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