Dieses Tagebuch beinhaltet authentische Aufzeichnungen von
Eduard Runiger während des Zweiten Weltkrieges in der Zeit
vom 21. Juni 1941 bis 26. August 1942. Als Angehöriger der
10. Kompanie des Infanterie-Regiments 181 der 52. Infanterie-Division
nahm er fast vom ersten Tag an am Krieg gegen die Sowjetunion
teil.
Recherchen haben ergeben, dass damals das Führen eines
Tagebuches strikt verboten war, da die Nennung von Namen, Dienstgraden
und Ortsbezeichnungen sowie Situationsbeschreibungen und negative
Stimmungen zwangsläufig einem Verrat gleichgekommen wären.
Aus diesem Grund hatte er manches vorsorgehalber - immer dann,
wenn es ihm moralisch bedenklich erschien - stenographiert. Die
Notizen hätten auch "unbefugten Kameraden" in die
Hände fallen können, die ihm und der Familie hätten
schaden können. Seine Gesinnung und persönliche Einschätzung
der politischen Lage sind deshalb nicht dokumentiert. Heroische
Ausschweifungen waren ihm fremd. Somit bleibt eine Suche nach
literarischen und theatralischen Spannungseffekten vergeblich.
Die ungeschminkte Realität spiegelt dabei "nur"
den Kriegsalltag in unspektakulärer und oft sehr nüchterner
Art und Weise wider.
Damit das Geschriebene auch für den Leser im Zusammenhang
nachvollziehbar erscheint, wurde der Inhalt vorerst Wort für
Wort übersetzt. Er hatte seine Aufzeichnungen derart klein
in Schriftkombination aus Deutsch und Latein sowie gegebenenfalls
auch in Stenogramm verfasst, so dass in den meisten Fällen
nur mit Hilfe einer Lupe die Entschlüsselung erfolgen konnte.
Damit auch eine flüssige Form der Sprache zustande kam, wurden
die Aufzeichnungen stilistisch und grammatikalisch überarbeitet
und dabei die Semantik in Erzählform umgestaltet, ohne jedoch
den Sinn zu verändern. Vermutlich konnten die Notizen nur
heimlich und unter Zeitdruck getätigt werden. Dabei wurde
natürlich das kleine Tagebuch in Mitleidenschaft gezogen.
Hier und da ist manches verschmiert, vergilbt und gefleckt. Schließlich
konnte in mühevoller Kleinarbeit das historische Werk lückenlos
übersetzt werden.
Das persönliche Tagebuch von Eduard Runiger stellt ein
sinnvolles Zeugnis aus einer unrühmlichen Zeit der deutschen
Geschichte dar. Er kam im Gegensatz zu Millionen von Opfern auf
beiden Seiten mit dem Leben davon und kehrte schließlich
nach Kriegsende 1945 heim, wo er sich nach seiner polizeilichen
Meldung in Bayreuth für kurze Zeit in amerikanische Gefangenschaft
an den Rhein begeben musste. Dort unterzog er sich wie jedermann
der schriftlichen Prüfung seiner politischen Unversehrtheit
während der Naziherrschaft. In einer Drucksache wurde ihm
dieses am 22. Mai 1947 uneingeschränkt und ohne Vorbehalte
bestätigt. Aufzeichnungen aus anderen Notizbüchern belegen,
dass er bis kurz vor seinem Tode 1978 noch Kontakt mit einigen
seiner Kameraden pflegte.
Mein Tagebuch
Am 21.6.41 marschieren wir von La Breure (Frankreich)
ab und werden in der nächsten Stadt verladen. Wir fahren
durch Mühlhausen, Frankfurt am Main, Erfurt und Jena.
Während der Fahrt grüßt uns die Bevölkerung
an der Bahnstrecke euphorisch. Der Zug fährt so schnell er
kann. Am 24.6.41 werden wir in £ukow (Polen)
abgesetzt. Ab jetzt wird marschiert; entweder bei sengender Hitze
im Sand oder bei strömendem Regen im Morast. Vor der Interessengrenze
Deutsches Reich und Polen stoßen wir bereits auf fünf
deutsche Soldatengräber. Wir sehen tote Pferde, zertrümmerte
Tanks und zerschellte Flugzeuge. Entsetzliche Mückenplage.
Am 27.6.41 erreichen wir Brest-Litowsk. Dort fallen
uns besonders viele Panzerlöcher auf. Als wir über eine
Brücke kommen, hören wir bereits Schüsse. Ein Fort
ist noch vom Feind besetzt. Es wird jedoch noch am gleichen Tag
zurückerobert. [
]
Am 2.7.41 müssen wir durch wüstes Gelände
marschieren. Dabei begegnen uns viele Lastwagen mit Gefangenen.
Es ist ein sehr heißer Tag - der Durst quält uns fürchterlich.
[
] Am 15.7.41 um 7 Uhr abends werden wir aus großer
Höhe von Flugzeugen angegriffen, ohne dass wir sie sehen
können. Wir marschieren durch einen schier nicht enden wollenden
Wald. Bomben prasseln in großen Mengen hernieder. Im ersten
Moment denken wir an Granatwerfer und Artillerie. Alles springt
in die Straßengräben. Einige legen sich sogar auf die
Straße. Ich laufe erst kreuz und quer, bis ich mich endlich
entschließe, doch in den Graben zu springen. Der Spuk dauert
nur eine Minute. Dann herrscht bei unserer Kompanie ein heilloses
Durcheinander. Wir beklagen vier Tote und mehrere Leicht- und
Schwerverletzte. Unterwegs zum Arzt sterben noch zwei Männer,
so dass sich die Zahl auf sechs erhöht. Mir passierte gottlob
nichts, weil ich im Graben neben einem Kameraden ziemlich weit
weg von der Straße lag. Das Herz pochte wie wild - ich war
sicher kreidebleich. Mein Stahlhelm, der mir bislang am Seitengewehr
hing, war plötzlich weg. Vielleicht wurde er von einem größeren
Splitter fortgerissen. Ich suchte vergeblich, aber er blieb verschwunden.
Als ich mich wieder von der Erde erhob, hörte ich das Stöhnen
der Verwundeten. Alles schrie nach Hilfe. Ich musste mit ansehen,
wie ein Kamerad einen neben sich liegenden schulterte, dem der
Kopf fehlte. Er bekam bestimmt einen großen Splitter oder
einen direkten Volltreffer an den Kopf. Der Kopf lag weiter entfernt
am Boden, und das Hirn quoll aus der Schädeldecke. Ein schrecklicher
Anblick. Vor mir lag einer, dem ein großes Stück aus
dem Oberschenkel gerissen wurde. Er verblutete unterwegs. Vis-a-vis
lag ein anderer mit einem Lungensteckschuss. Er stöhnte jämmerlich.
Auch er starb. Unsere Kompanie hat es am meisten getroffen. Am
Abend regnet es, und ich will mein Zelt aufstellen. Als ich es
aufzuschnüren versuche, funktioniert es nicht. Ich wende
Gewalt an und merke plötzlich, dass ein Granatsplitter in
den Stoff eingedrungen war. Der Splitter zerriss die Bahn bis
zur Mitte mit enormer Wucht. Die Zeltpane am Rücken hat mir
bestimmt das Leben gerettet. Es dauert eine Stunde bis wir unseren
Vormarsch fortsetzen können. Einige bleiben zurück und
schaufeln Gräber für unsere gefallenen Soldaten. [
]
Am 15.8.41 wird der Angriff auf Rogatschow von unserer
Artillerie mit Vernebelung eingeleitet. Ich komme weiter vorne
durch einen Stolperdraht zu Fall und kann einige Minuten nicht
mehr laufen, weil der Draht teilweise geladen ist. Als wir durch
Flieger unterstützt endlich vorwärts kommen, ist der
Russe schon längst geflohen. Es waren allerdings Minen gelegt,
durch die ein Feldwebel und ein Landser umkommen. Am 16.8.41
verfolgen wir den Feind weiter. Am 17.8.41 erbeuten wir
Kriegsmaterial in größerer Menge und sehen dabei viele
verkohlte Russen. Auf Bitten eines verletzten russischen Soldaten
hin gebe ich ihm Wasser. Er liegt mit einem schweren Rückenschuss
am Boden. Dort hausten unsere Panzer. Es bietet sich ein Bild
des Grauens.
Vom 18. bis 26. 8.41 sind wir mit elf "verlausten"
Männern unterwegs auf der Suche nach der Entlausungsanstalt.
Leider ohne Erfolg. So kehren wir mit unseren Läusen wieder
zurück. Unterdessen marschierte unsere Kompanie weiter. Wir
hingegen machen mit dem LKW nur ein Bewegungsfahrt. Es ist eine
schöne Zeit. Zu essen gibt es reichlich: Eier und viel Fleisch.
Überdies hinaus erlegten wir ein Schwein. [
] Am 3.10.41
ist unser Lastwagen unterwegs. Ich bin zufällig nicht dabei.
Es explodieren in der Nähe 60 Minen, die miteinander verbunden
sind. Unser LKW wird getroffen. Sämtliche Fensterscheiben
gehen zu Bruch. Man erzählt uns später, dass ein Unteroffizier
in tausend Stücke gerissen wurde und eine Handvoll Fleisch
in der Nähe unseres Wagens lag. [
]
Vom 16.10.41 bis 1.11.41 bleiben wir in Kaluga.
Die Stadt ist teilweise zerstört. Am 26.10.41 werfen
die russischen Flieger in unserer Nähe neun Bomben. Es gibt
Tote und Verwundete. Ich bin zufällig etwas abseits unserer
Behausung. Ein Landser verliert beide Beine. Er stirbt noch auf
dem Weg ins Lazarett. Wo ich mich gerade befinde, wurde ein 15-jähriger
Junge durch einen großen Splitter in den Rücken getötet.
Die Mutter und ihr kleines Mädchen schreien apathisch. [
]
Am 27.11.41 unterhalte ich mich mit einem russischen Fräulein.
Wir weinen beide. Die 18-jährige hilft mir, wo sie kann.
Nur Lachmann, den 25-jährigen Kasselaner kann sie nicht leiden,
weil er ihr ständig nachstellt. Ich bekomme von ihr immer
heimlich zu essen, damit Lachmann es nicht merkt. Wir sind zwölf
Kilometer hinter der Front. Es treiben sich Partisanen herum,
die alle erschossen werden; ebenso jeder Kommunist. [
]
Am 6.12.41 bekommen wir nachts starkes Artilleriefeuer.
Es ist entsetzlich kalt. Ein deutscher Jäger wird von zwei
russischen Fliegern abgeschossen. Der Pilot konnte sich glücklicherweise
auf deutscher Linie retten. Wir befinden uns bei Uolimowo
sechs Kilometer hinter der Front. [
] Am 17.12.41
geht es noch weiter zurück, weil der Russe in Regimentsstärke
angreift, während wir nur eine knappe Kompanie stark sind.
Ich koche Erbsen und Kaffee für 90 Mann und habe kaum Zeit,
die Erbsen fertig zu garen, da alles nur während der Fahrt
gemacht werden muss. Es ist auch kein Wasser vorhanden, also muss
ich Schnee verwenden. Dabei dauert es ziemlich lange bis der Wasserersatz
den Kessel füllt. Wir sind eingekesselt. Und der Russe greift
immer wieder an, obwohl er kaum über seine eigenen Leichen
hinweg steigen kann. Es sind vornehmlich asiatische Truppen, die
Kälte gewöhnt sind. [
]
Am 24.12.41 ist Weihnachten. Trotz dem wir wenig bis nichts
zu essen haben, singen wir unsere Weihnachtslieder "Stille
Nacht" und "Oh du fröhliche". Dabei denken
wir an unsere Lieben daheim und vergessen für kurze Zeit
die Realität. Vom 25. auf 26.12.41 schlafen wir in
einer teilweise bedeckten Scheune bei großer Kälte.
Ich kann mich überhaupt nicht umlegen und so schlafe ich
zwei Nächte nicht, obwohl meine Augen oft unwillkürlich
von selbst zufallen. Die Kälte lässt mich einfach nicht
einschlafen. Es sind jammervolle Tage. Für die Landser an
der unmittelbaren Front ist es allerdings noch schlimmer. Kaum
haben wir ein neues Quartier bezogen, heißt es schon wieder:
"Fertig machen, der Russe kommt!" und so wird es uns
wahrscheinlich noch lange Zeit gehen.
Vom 27. bis 31.12.41 dasselbe "Lied". Die Häuser,
die im zurückliegenden Dorf noch stehen, werden von uns vollständig
niedergebrannt, um den Russen einzuschüchtern, damit er seine
Angriffe künftig unterlässt. Der Russe bleibt davon
jedoch unbeeindruckt und greift weiter an. Unsere Truppen werden
im kommenden Januar größtenteils keine Verpflegung
mehr erhalten. [
] Am 9.1.42 müssen wir weitere
zwölf Kilometer zurück. Sämtliche Häuser werden
angezündet. In dieser Zeit haben wir furchtbar viele Läuse.
Die Biester lassen uns einfach nicht schlafen und quälen
uns immerzu. Seit langer Zeit laufe ich schon mit zerschlissenen
Stiefeln herum. Da erbarmt sich ein Kamerad und bietet mir seine
Schuhe an. Er besitzt zufällig noch ein zweites Paar. Ich
bin ihm sehr dankbar. Am 11.1.42 sehe ich mehrere Landser
mit Lumpen umwickelten Beinen. Sie haben ihre Füße
erfroren und können daher keine Schuhe mehr tragen. Schlimme
Zustände. [
]
Am 13.1.42 geht es weitere fünf Kilometer zurück.
Es ist so kalt, dass sich sogar Eiszapfen am Bart bilden. Man
kann kaum noch die stark bereiften Augenlider bewegen. Am 14.1.42
geht es abermals zehn Kilometer zurück. Wir müssen bei
eisiger Kälte stundenlang im Freien auf die Artillerie warten,
die im Graben hängen blieb. Wir erreichen halb erfroren schließlich
die Ortschaft Kubuda. Vom 15. bis 17.1.42 marschieren
wir 22 km bis nach Sloboda. [
] Am 30.1.42
geht es leider den selben Weg wieder zurück. Wir müssen
über eine Anhöhe, und 100 m von uns entfernt bekommen
wir schweres Artilleriefeuer. Gott sei Dank stehen wir mit unseren
Fahrzeugen in einer Mulde. Sechs Mann von unserer Artillerie gehen
über diese Höhe mit der Folge, dass einer erschossen
und ein zweiter schwer verwundet wird. Sein rechtes Beines klafft
auseinander, als ob man eine Papiertüte aufgerissen hätte.
Ein furchtbarer Anblick. [
]
Am 5.2.42 startet unsere Einheit bei Juchnow einen
totalen Angriff und fügt dem Feind viele Verluste an Menschen
zu. Gleichzeitig setzen wir mit Fliegerabwehr-Kanonen (Flak) und
Panzerabwehr-Kanonen (Pak) sechs Panzer außer Gefecht. Wir
hingegen müssen auch schwere Verluste hinnehmen. Gestern
erhielten wir 120 Mann direkt aus Deutschland als neuen Ersatz.
Viele von ihnen sind bereits heute nicht mehr am Leben. [
]
Am 24.2.42 ist die Rollbahn bei Barssuki gesperrt,
weil russische Panzer in der Nähe festgestellt wurden. Deutsche
Zerstörer und Stukas greifen ein und vernichten den Feind.
Und was noch durchkommt wird von unserer Flak oder Pak eliminiert.
Es leisten fünf Zerstörer und neun Stukas ganze Arbeit.
[
] Am 24.3.42 greift der Russe aufs neue an, aber
wieder ohne Erfolg. Wir ziehen untertags in ein anderes Haus.
Dort wohnen u.a. zwei Mädels, die sogar deutsch sprechen.
Eine davon gibt sich sehr wolllüstig. Meist wird sie von
Unteroffizieren und Feldwebeln besucht, die sicher mit ihr hantieren.
Am 25.3.42, als alle schlafen, liegt eine Russin ganz entblößt
da. Man sieht alles. Ich beobachte wie ein Unteroffizier einer
anderen Einheit mit einer Tochter des Hauses ins Dunkle geht und
mit ihr herummacht. Es ist traurig, dass sich Deutsche so herablassen.
[
]
Am 3.4.42 werden wir bei Jarmacki als Verstärkung
für einen Angriff abgestellt. Ab 4 Uhr nachmittags marschieren
wir zu zwei Dörfern, etwa zwölf Kilometer östlich.
Auf dem Weg dorthin liegen viele Russen auf den Schneefeldern.
Früh um 3 Uhr beziehen wir unsere Stellungen. Unsere Nebelwerfer
schießen hervorragend. Wir liegen etwa 150 m links vom Wald
entfernt, um die Russen zurückzuhalten. Unsere fünf
Maschinengewehre ballern wie wild. Es ist herrlich, trotz der
ernsten Lage. Das Waldstück wird ohne eigene Verluste genommen.
Wir sehen viele tote Russen. Dieses Waldstück war bereits
schon einmal in unserer Hand, bevor es sich der Russe unter blutigen
Verlusten zurückholte. Es schießt unsere Artillerie.
Zwei Panzer haben wir zur weiteren Sicherung nach rechts abgestellt.
Die Russen laufen um ihr Leben. Doch für die meisten ist
es der sichere Tod. [
]
Am 16.4.42 ein ruhiger Tag. Der Schnee schmilzt unentwegt.
Wasser über Wasser. Nichts gearbeitet. Nachts werfen russische
Flieger Bomben und Flugblätter ab. Ich schreibe 16 Pfingstkarten.
Der größte Teil davon wird mir jedoch zurückgegeben,
damit die Post nicht über Gebühr belastet wird. Am 17.4.42
ist ein wunderschöner Tag. Unser Regiment büßte
jedoch bei einem Angriff 150 Tote und viele Verwundete ein. Auch
machte der Russe Gefangene. Ich war bei dem ganzen Geschehen nicht
dabei, weil ich weiter nördlich bei der Gruppe Feustel Wache
hielt. Brot ist sehr knapp. Normalerweise weichen wir dann auf
Kartoffeln aus, die jedoch auch nicht mehr vorhanden sind. Am
18.4.42 ein schöner Tag. Ich unterhalte mich mit einem
Kameraden aus Weidhausen bei Coburg. Wir teilen unser Leid gemeinsam.
Er war auch schon seit 17 Monaten nicht mehr zu Hause. Abends
um 6 Uhr fliegen zehn Stukas ostwärts. [
]
Am 26.4.42 marschieren wir zwei Kilometer weiter bis Wetki.
In einem Haus beobachten wir eine junge Frau, die vor unseren
Augen offen ihr Kind stillt. Wir sind ganz nahe am Feind in einem
Kessel von 55 km Durchmesser. [
] Am 2.5.42 nachmittags
bin ich als 1. MG-Schütze zur Sicherung von insgesamt 35
Pionieren eingesetzt, die gerade Minen legen. Um halb 5 Uhr nachmittags
schießt es plötzlich aus einem Waldstück heraus.
Wir entdecken den Feind. Die Pioniere laufen um ihr Leben und
werden von einem Feldwebel aus der Gefahrenzone herausgeholt.
Ich gehe mit meinem MG in Stellung und eröffne das Feuer.
Nachdem ich meine Trommel in kürzester Zeit leer geschossen
habe, rufe ich meinen MG-Schützen 2. Doch er ist weit und
breit nicht zu sehen. Wahrscheinlich ist er stiften gegangen.
Ich rufe nach Munition. Vergebens. Erst bleibe ich vorsichtshalber
noch eine Zeit lang liegen, dann ziehe ich mich langsam zurück.
[
]
Am 11.5.42 viel Wind und trübes Wetter. Welche Gaudi
in einer anderen Stube. Ein Kamerad hält eine Rede und spricht
wie der Führer über die Vergangenheit und Zukunft im
Osten. Auch ein Länderspiel Italien gegen Deutschland überträgt
er verbal. Ein Kanister dient ihm dabei als Mikrophon. Am späten
Abend besteigt er draußen noch einen Baum und klaut ein
Ei aus einem Rabennest. Das Ei ist jedoch zerquetscht als er unten
ankommt, so dass alle Zigaretten, die er mit sich trägt,
damit getränkt sind. Wir haben uns köstlich amüsiert.
[
] Am 17.5.42 führen russische Mädchen
in Wetki Folkloretänze auf, die von einer Ziehharmonika
begleitet werden. Unsere Landser sehen dabei zu und freuen sich.
[
]
Am 25.5.42 weiterhin schlechtes Wetter. Mit drei Mann -
ich als Granatwerfer - schieben wir Wache die ganze Nacht. Zuvor
schliefen wir mit dem Granatwerfer ein. Wir liegen nachts abwechselnd
im kalten Zelt. Das Stroh ist nass. Am Tag durchkämmen wir
wieder Wälder. Plötzlich schießt eine andere Kompanie
aus einem nahe gelegenen Waldstück mit LMG und Gewehren auf
uns. Sie glauben bestimmt wir seien Russen. Dabei wird ein Landser
von der 205ten angeschossen und stirbt kurz darauf. Am 26.5.42
durchkämmen wir wieder ein großes Waldstück. Dabei
nehmen wir neun Partisanen gefangen. Wir sind vom Regen total
durchgenässt. Am 27.5.42 ziehen wir nach Plesnowo.
Die JU wirft uns Verpflegung ab. 15 m von mir entfernt schlägt
ein Sack auf den Boden auf. Am Abend hole ich mir drei Eier aus
Hühnernestern; sie schmecken hervorragend. [
]
Am 30.5.42 müssen wir ein Dorf sichern, um Russen
einzukesseln. In der Nähe befindet sich ein Bahnhof. Der
Russe setzte in der vergangenen Nacht Fallschirmtruppen ab. Dabei
beobachteten wir eine Frau als sie über eine Brücke
ging, um sich wahrscheinlich durch einen Sprung in den Fluss das
Leben zu nehmen. Sie wurde sofort aus dem Wasser gezogen und verhaftet.
Am 1.6.42 früh muss ein russischer Jäger notlanden.
Als wir hinkommen, liegt ein russischer Leutnant regungslos vor
seinem Flugzeug. Er erlitt einen Bauchschuss und war sofort tot.
Ein Kamerad, der gerade als MG-Schütze fungiert, gibt an,
dass er mit seinem Revolver auf ihn geschossen habe und er sich
abschließend mit seiner letzten Kugel selbst den tödlichen
Kopfschuss verpasst hätte. Am Flugzeug sind noch zwei kleine
und große Bomben vorhanden. Das Flugzeug wird am nächsten
Tag gesprengt. [
]
Am 28.6.42 um 6 Uhr früh marschieren wir weiter und
durchkämmen ein größeres Waldstück. Wir stoßen
auf Partisanen und nehmen einige davon gefangen. Dabei wird eine
alte Frau angeschossen und eine andere Frau erschossen. Einen
am Fuß verwundeten Russen nehmen wir ebenfalls gefangen.
Wir hingegen beklagen einen Toten und einen Verwundeten. Ich verfolge,
wie als Vergeltung zwölf Partisanen nacheinander erschossen
werden. Es sind zwei 15-jährige darunter. [
] Am 1.7.42
um 3 Uhr früh marschieren wir weiter und treffen auf Russen.
Wir beauftragen gleich einen russischen Spähtrupp mit 20
Ukrainern, den Feind in unsere Nähe zu locken. Und tatsächlich
kommen einige russische Kommissare angeritten und bemerken erst
nach einiger Zeit, dass wir bereits im Wald auf sie warten. Es
kommt zur Schießerei. Drei russische Kommissare bringen
unsere Ukrainer um und machen zusätzlich drei Gefangene.
Von gegnerischen Handgranaten werden einige von uns leicht- und
schwerverletzt. Ich habe einen Gefangenen gemacht. Die deutsche
Pak schießt versehentlich auf uns, als wir über freies
Gelände laufen; sie halten uns für den Feind.
Am 2.7.42 greifen wir Partisanen in Bataillonsstärke
an. Es geht ausschließlich durch Wälder. Wir beklagen
fünf Tote. Ein Unteroffizier, der tödlich getroffen
wurde, hätte bald in Urlaub fahren dürfen; leider zu
spät. Alle sind schrecklich zugerichtet. Feldwebel Böttger
wurde mit dem Gewehrkolben massakriert, als er sich zu weit nach
vorne wagte. Ein fürchterlicher Anblick. Am 3.7.42
um 1 Uhr früh geht es wieder weiter, und wir durchkämmen
ein 20 Kilometer langen Wald. Im Laufe des Tages werden Zivilisten
erschossen; Männer, Frauen und Kinder. Am 4.7.42 um
1 Uhr früh werden wir geweckt. Um 3 Uhr früh ist die
Bereitstellung bezogen. Bei jedem Halt schlafe ich vor Müdigkeit
ein. Wir erschießen viele Partisanen und Zivilisten. Die
Füße schmerzen. Der Wald ist größtenteils
Sumpf. [
]
Am 19.7.42 stehen wir vor dem Ort Sacharitschi.
Das Motto lautet: "Jungs, ran an die Panzer!" Früh
um 3 Uhr beginnen unsere Nebelwerfer und Artillerie zu schießen.
Unsere Kompanie bzw. das gesamte Regiment stürmt vor, darunter
auch ich als Bataillon-Reserve. Obwohl unsere Kompanie schnell
voran kommt, schießen noch einige Russen wie verrückt
zurück. Wir nehmen viele gefangen. Eine russische Granate
schlägt in meiner Nähe ein und verwunden meinen Gruppenführer,
dessen Stellvertreter Saßmannshausen (früher 10. Kompanie)
und Müller von der alten 6. Kompanie. Der Stellvertreter
bekam direkt einen Splitter in die Stirn. Er ist fast bewusstlos.
Der Gruppenführer schreit sofort nach den Sanitätern.
Es werden insgesamt zehn Mann durch eine Granate verwundet. Ich
befand mich zufällig in einem Erdloch, sonst wäre mir
sicherlich auch dabei gewesen. Einem Unteroffizier vom Bataillon,
der am Funkgerät saß, riss es den halben Hintern weg.
Es geht jetzt ohne Gruppenführer weiter, und wir haben dabei
den Auftrag, ein Waldstück, genannt "Kastenwölkchen"
- 1 km lang und halben km breit - in drei Gruppen zu durchkämmen.
Wir nehmen auf dem Weg dorthin noch zwei Russen gefangen. Als
wir weit vor unserem Regiment liegen - als Gefechtsvorposten eine
gefährliche Situation - werden wir von der eigenen Artillerie
beschossen. Ich gehe allein zurück, weil keiner der Gruppenführer
eine Entscheidung trifft, um dem Bataillon-Kommandeur Hauptmann
Koppenhagen Meldung zu machen. Als ich noch 100 Meter entfernt
von dem Gefechtsvorposten stehe, beobachte ich, dass sich links
von mir etwas bewegt. Ich ziehe den Revolver und halte ihn schussbereit
in der Hand. Ich schaue genau hin und sehe zuerst einen Russen
und dann noch zwei weitere mit Gewehren vor einem Bunker stehen.
Mir bleibt in dieser lebensbedrohlichen Lage nichts anderes übrig,
als zu handeln. Kurz entschlossen rufe ich: "Rucki werch!";
das heißt "Hände hoch!". Auf meinen Anruf
hin ergeben sich die erschrockenen Russen und werfen unaufgefordert
ihre Gewehre hin. Jetzt stehe ich mit drei Russen alleine da.
Ich schreie aus Leibeskräften: "Ich habe Gefangene gemacht."
Doch es dauert geschlagene zehn Minuten bis jemand kommt. Als
wir endlich zu zweit sind, verrät uns einer der Russen, dass
noch ein Bunker dahinter läge, worin sich noch zwei Russen
befänden. Ich schicke einen der drei Gefangenen hin, um die
anderen zu holen. Und tatsächlich kommen zwei Russen mit
erhobenen Händen heraus. Ich führe die fünf Mann
mit Hilfe des Kameraden zum Bataillon- Gefechtsstand ab und berichte
dem Bataillon-Kommandeur die Geschehnisse. Er lobt mich nur beiläufig
und schickt mich anschließend zurück zu meinen Leuten.
An diesem Tag schieben alle Kohldampf, weil es wieder mal überhaupt
nichts zu essen gibt.
Am 20.7.42 greift der Russe mit Panzern an. Wir müssen
sofort unsere Stellungen als Gefechtsvorposten aufgeben und gehen
zurück, um Meldung zu machen. Die Panzer fahren glatt über
unsere Stellungen hinweg. Wir zerstören zwölf von insgesamt
24 angreifenden Panzern. Als die Russen merken, dass die Hälfte
ihrer Panzer in Flammen aufgeht, drehen sie ab und ziehen sich
zurück. Unsere Infanteristen, die sich noch auf den Panzern
befanden, sprangen noch rechtzeitig ab. Der Angriff ist abgewehrt
- die Stellung eisern gehalten. Es gibt auf unserer Seite trotz
der Erfolge Tote und Verwundete.
Am 21.7.42 regnet es den ganzen Tag. Gegen 2 Uhr früh
wechseln wir die Stellung. Der Russe schießt mit Artillerie,
Granatwerfern und Gewehrschützen. Gegen Mittag trifft mich
ein Granatsplitter am Hals. Ich denke zuerst mein Hals wäre
zerfetzt, aber es war gottlob nur ein kleiner Splitter. Es blutet
und schwillt stark an. Tage später wird bestimmt fast wieder
alles verheilt sein. 16 deutsche Flieger belegen das Gelände
der Russen mit Bomben und Bordwaffen. Ich habe seit zwei Tagen
nichts mehr gegessen. Es gibt für jeden ein Kochgeschirr
voll Bier. Ich trinke gierig und bin daraufhin gleich besoffen.
In diesem Zustand kümmert mich die Front einen Dreck. Am
22.7.42 sind unsere Flieger abermals präsent und bombardieren
den Russen. Ich bin so müde, dass ich den ganzen Tag über
fest im Loch schlafe. Ich höre und sehe nichts mehr. In der
Früh tauchen vier Ratas auf und beschießen uns mit
Bordwaffen. [
]
Am 27.7.42 ein ruhiger Tag. Ich muss derzeit keinen Dienst
versehen, weil ich fußkrank bin. Wir erhalten Marketenderware:
100 Zigaretten und Zigarren sowie zwei Flaschen Schnaps; zusammen
11,35 Reichsmark. Am 28.7.42 ist schönes Wetter. Ein
Sanitäter drückt so sehr an meinem entzündeten
Fuß herum, dass mir die Tränen kommen. Am 29.7.42
ist ein ruhiger und schöner Tag. Nachmittags gegen 4 Uhr
wird mein Fuß aufgeschnitten. Dabei kommt das eigentliche
Geschwür zum Vorschein. Ich habe furchtbare Schmerzen. Der
Eiterherd wird erst Tage später entfernt. [
] Am 1.8.42
um 4 Uhr früh werde ich mit dem Sanka ins Lazarett nach Shisdra
gefahren. Dort werde ich entlaust und kann mich
richtig waschen. Volle Verpflegung.
Am 22.8.42 werde ich aus dem Lazarett entlassen. Die Mädels
singen, und die deutschen Landser amüsieren sich mit ihnen.
Um 3 Uhr nachmittags fahre ich mit dem Zug nach Brjansk
und komme dort um 10 Uhr abends an. Ich schlafe in der folgenden
Nacht auf dem Fußboden eines Hauses, da dort alles überfüllt
ist. Am 23.8.42 um 6 Uhr früh fahre ich auf dem Kohlenwagen
eines Zuges weiter nach Shisdra. Etliche Kilometer zuvor
habe ich längeren Aufenthalt. Es gibt nichts mehr zu essen.
Nachts schlafe ich in der Frontsammelstelle. Am 24.8.42
um 9 Uhr vormittags fahre ich im Lastwagen der Bäckerei-Kompanie
nach Charkowo mit. Ein anderer Wagen nimmt mich dann noch
einige Kilometer mit bis ins nächste Dorf, wo sich das Verpflegungsamt
befindet. Ich übernachte dort. Unser Regiment hatte in der
Zwischenzeit viele Verluste. Am 25.8.42 komme ich mit dem
Trossfahrzeug zur Kompanie. Der Russe schießt mit schweren
Waffen bis zum Tross, der einige Kilometer zurückliegt. Am
26.8.42 bin ich beim Arzt. Da ich wieder Schmerzen habe,
werde ich zwei Tage innendienstkrank geschrieben. Viele Tote und
Verwundete.
Hier endet das Tagebuch von Eduard Runiger, der bis 1945 an
der Ostfront kämpfte und am 15. April 1945 in Bayreuth als
Oberfeldwebel in amerikanische Kriegsgefangenschaft geriet.