Kollektives Gedächtnis
Dieser Beitrag stammt von:
Alfred Müller (*1931) aus Könnern-Beesedau
September 2013
Der Zweite Weltkrieg

Flugzeugabsturz in Beesedau an der Saale 1944

Alfred Müller Es war der 28. September 1944, das fünfte Kriegsjahr hatte begonnen. Wie so oft in dieser Zeit war wieder einmal um die Mittagszeit Fliegeralarm. Die nahe Sirene heulte los und das dreimal hintereinander. Ich ging damals in die 8. Klasse der Mittelschule in Alsleben/Saale. Anstatt wie angewiesen sofort den Luftschutzraum im Objekt aufzusuchen schwangen wir auswärtigen Schüler uns auf unsere Fahrräder und fuhren davon in unsere Dörfer. Ich fuhr in das 5 km entfernte Beesedau, schon bald war ich zu Hause.

Es kann gegen 13.20 Uhr gewesen sein, da hörte ich im Hof unseres Hauses ein vermutlich recht tief fliegendes Flugzeug mit einem ungewöhnlichen Klang des Motors. Ich konnte es aber nicht sehen. Kurz entschlossen stieg ich auf eine bereit stehende Leiter auf ein Flachdach. Da sah ich doch sofort in der Nähe ein brennendes deutsches Flugzeug, das am Heck eine dicke, schwarze Rauchfahne hinter sich ließ. Es sah aus als ob es sich im leichten Sinkflug in Richtung Bernburg bewegte. So war es aber doch nicht. Ich schnappte mein Fahrrad und  fuhr in die Richtung, in der ich einen Absturz befürchtete. Als ich die Kurve nahm zum Ausgang des Ortes schaute ich in einen ca. 6o m entfernten Feuerball, schwarzer Rauch schoss in die Höhe. Es war schon das brennende Flugzeug. Explosionen deuteten Gefahr an. Vor Schreck zog ich mich zurück, fuhr die 100 m nach Hause. Das Flugzeug musste, nachdem es meinen Blicken entschwunden war, gewendet haben.

Wahrscheinlich war für eine Notlandung Eile geboten. Eine grüne Wiese wollte der Pilot gewiss dazu nutzen, diese war allerdings nur etwa 100 m lang und von einer dicken, hohen Mauer zum nächsten Gartengrundstück eines Bauerngehöftes begrenzt. Das Flugzeug hat, nachdem es kurz aufgesetzt war, in voller Geschwindigkeit die Mauer gerammt und umgestoßen. Es hat sich dabei überschlagen. Es wurde in Richtung Bauerngehöft geschleudert und zerbrach in Teile. Beim Aufschlag war Treibstoff auf die Dächer zweier Scheunen gelangt. Diese waren mit eingefahrenem Erntegut voll gefüllt. Das brennende Flugzeug und die beiden Scheunen brannten und entwickelten sich zu einem beängstigenden Großbrand. Die Brandmauern verhinderten ein weiteres Ausbreiten des Feuers am Gehöft.

Ich hatte in Eile mein Fahrrad nach Hause gebracht, richtiges Schuhwerk angezogen und habe mich zum Brandort begeben. Schließlich war ich im Juli des Jahres wie die anderen Jungen in meinem Alter in die personal- geschwächte Feuerwehr des Ortes integriert worden. Wir hatten eine viel zu große Feldmütze bekommen, mit dem Emblem „Feuerlöschpolizei“. Unsere Dorffeuerwehr war angerückt, war aber nicht wirklich in der Lage, das brennende Flugzeug und beide vom Brand betroffenen Scheunen zu bekämpfen. Es wurde mehr dahin gewirkt, dass der Brand sich nicht noch mehr ausbreitete. Wir wurden zunächst bei der Evakuierung von Personen, Hab und Gut und bei der Bergung und Rettung von Tieren eingesetzt. Dann mussten wir eine Kette mit Eimern bilden und benetzten nahe gelegene Pappdächer von Gebäuden und Schuppen mit Wasser.

Den Piloten bekamen wir nicht zu Gesicht. Das Geschehen verbarg sich hinter Feuer und Rauch. Wenig später erfuhren wir zu unserem Entsetzen, dass der Pilot ums Leben gekommen war. Er wurde vorerst in die kleine Leichenhalle unseres Dorffriedhofes verbracht. Der kriegsgefangene Franzose Lucien Doerr hatte eilig von einem Feld kommend erste Hilfe leisten wollen. Mutig zog er den etwas seitwärts liegenden Piloten aus der Gefahrenzone. Am nächsten Tag sagte mir Lucien, dass der Pilot noch lebte als er ihn barg. Der Verunglückte hatte noch in die linke Brusttasche seiner Kombination gefasst und ihm eine Schachtel Zigaretten gereicht. Der Pilot sagte noch ein Wort, welches der Franzose nicht verstand, dass wohl aber „Danke“ hätte heißen sollen. Dann wäre sein Kopf ruckartig nach vorn gefallen und er verstarb an der Absturzstelle.

Das Flugzeug brannte noch immer, ab und zu explodierte noch Munition der Bordwaffe. Bald traf dann die Berufsfeuerwehr der Junkerswerke und des Flugplatzes Bernburg ein. Mit umfangreicher Technik und Ausrüstung und einer zielgerichteten Führung des Einsatzes gelang es, den Brand bis zum späten Abend zu löschen. Die Brandstellen bedurften dennoch der Aufmerksamkeit und Kontrolle. Wir waren vom Leiter der Ortsfeuerwehr schon für die Nacht-bzw. Brandwache eingeteilt worden. Um uns für diese Aufgabe vorzubereiten und einzurichten schickte er kurz nach Hause. Als wir uns  pünktlich meldeten, konnten wir wieder gehen. Der Bernburger Feuerwehr-Chef hielt das für unangebracht, er sah uns noch als Kinder an.

Als wir am nächsten Tag aus der Schule kamen, waren das Wrack und die Überreste der Maschine durch Militärangehörige schon abtransportiert. Im Innern der ausgebrannten Scheunen stieg noch immer Rauch auf. Als ich nach einer kurzen Zeit meinen franzosischen Freund Lucien traf, erzählte er mir, dass Besuch im Gefangenen-Lager, dem Tanzsaal im Ort, von der deutschen Wehrmacht da war. Ein Offizier hatte ihm Dank ausgesprochen, weil er bemüht war, den Piloten zu retten. Es wurden ihm 30,- Reichsmark als Anerkennung überreicht. Er sagte mir mit allem Ernst, dass er sehr viel lieber das Leben des jungen Piloten gerettet hätte. Später wurde auch die beschädigte Begrenzungsmauer an der Unglücksstelle ausgebessert und frisch verputzt. Hier hat Lucien im frischen Putz seinen Vor- und Zunamen Lucien Doerr eingeritzt. Es blieb als Symbol einer mutigen Tat lange sichtbar. Der Absturz und seine Folgen war eigentlich das heftigste Ereignis des Krieges in unserem Ort. Es folgten noch 7 Monate Krieg, der noch oft durch gegnerische Tiefflieger Gefahren mit sich brachte.

Im August 2012 wurde ich gelegentlich gefragt, ob ich in meinem Wohnort Beesedau noch jemand kenne, der sich an einen Flugzeugabsturz am 28. September 1944 erinnern könnte. Ich erklärte sofort, dass ich selbst das Ereignis hautnah erlebt habe. Das genaue Datum wusste ich nicht mehr. Eine Nichte des ums Leben gekommenen Piloten hatte sich in der Angelegenheit an Frau Halle, der Gemeindesekretärin der Ev. Kirche in Beesenlaublingen gewandt. Frau Gisela Kröger aus Berlin betreibt seit Herbst 2009 umfangreiche Nachforschungen zur Person ihres Onkels und dessen Schicksals. Zunächst führte sie Befragungen bei Verwandten und Anverwandten durch, das war für sie Notwendigkeit, weil sie noch im Kindesalter war, als ihr Onkel schon starb. Sie hat weiterhin bei Behörden, Dienststellen Ämtern, insbesondere bei der Dienststelle für Gefallene der ehemaligen Wehrmacht in Berlin (WAST) und im Internet nachgefragt und nachgeforscht.

Ein Aktenordner gibt nun umfangreiche, erwünschte Auskunft, soweit das möglich war. Nun war Frau Kröger noch bemüht am Ort des Geschehens in Beesedau Einzelheiten zu erfahren. Damit will sie die Nachforschungen abschließen und alles schriftlich zu einem Ganzen zusammen fügen. Deshalb besuchte sie mich am 19.9.12 gelegentlich in Beesedau. Es wurde von Anbeginn unseres Gesprächs eine lebhafte Unterhaltung. In Vorbereitung einer möglichen Begegnung hatte ich meinen diesbezüglichen Erlebnisbericht im Entwurf schon mal geschrieben. Diesen las ich ihr vor, dabei kam sie zu anderen Erkenntnissen, was den eigentlichen Absturz angeht. Sie zeigte sich damit zufrieden und dankbar zugleich. Sie bat mich den Bericht möglichst schnell fertig zu stellen. Wir kamen überein, auch Ausführungen zur Identität ihres Onkels und dessen Werdegang sowie seines Einsatzes als Pilot am 28.9.44, entsprechend vorliegender Dokumente, im Bericht zu verwenden und anzufügen.

Kurt Kröger wurde 1920 in Riga geboren. Er gelangte wie viele Deutschstämmige im Baltikum Anfang 194o nach Deutschland. Er wurde in Posen, im neuen Warthegau, wohnhaft. Wie schon in Lettland, so nun auch hier hielt seine Begeisterung für das Segelfliegen  an. Als Kind war der Wunsch in ihm schon wach geworden. Er gelangte schon bald zu der nazistisch geprägten Reichssegelflugschule, zur Wasserkuppe in die hessische Rhön. Dort war er mit großer Wahrscheinlichkeit über einen längeren Zeitraum Segelfluglehrer. Er trug dort die Uniform der NSFK, mit dem großen Segelfliegerabzeichen, das zeigt ein Foto. Zu seiner Tätigkeit auf der Wasserkuppe wurden dort keine Unterlagen wegen Kriegseinwirkung aufgefunden. Laut WAST vom 31.7.44 wurde er am Ende seiner fliegerischen Ausbildung zur 1. Jagdgruppe Ost – fliegendes Personal nach Liegnitz/Schlesien befohlen. Bald ist sein Dienstort der Flugplatz Schafstädt bei Merseburg. Von dort erfolgte am 24.9.44 eine Kommandierung zum Flugplatz Alteno bei Luckau im südlichen Brandenburg. Dort wurde am 28.9.44 um 11.20 Uhr Alarmstart ausgelöst und es kam im Raum Braunschweig zur „Feindberührung“. An diesem Tage flogen über 1ooo US-Bomber und über 700 Jäger-Begleitschutz Angriffe auf Treibstoffziele auf Merseburg/Leuna und Magdeburg-Rothensee. Die noch vorhandenen und eingesetzten deutschen Jagdflieger vom Typ Focke-Wulf erhielten den Befehl den nach Magdeburg fliegenden Pulk anzugreifen.

Laut Abschussmeldungen gab es beim Sturmangriff der deutschen Jäger 1o Abschüsse bzw. Herausschüsse von Bombern B 7. Die deutschen Jäger waren dann mit dem Begleitschutz in einen Luftkampf geraten. Von den deutschen Jägern einer Staffel wurden 6 abgeschossen, zwei mussten notlanden. Von einer anderen deutschen Staffel wurden drei Jäger abgeschossen. Dann heißt es im Dokument lakonisch: Die 16.Sturm JG 3 schließlich büßte mit dem Gefreiten Kurt Kröger der bei Beesedau im Saalekreis tödlich abgeschossen wurde einen Flugzeugführer ein.

Noch eine Anmerkung zu einem Erlebnisbericht des ehemaligen Unteroffiziers Josef Weichmann der am selben Tage auf dem Flugplatz in Bernburg notgelandet war. Sein Flugzeug hatte 30–40 Einschüsse am Rumpf und am Spornrad, er selbst war verwundet. Am 5.1o.44 fand in der Großen Feierhalle des Gertrauden-Friedhofes in Halle eine  Militärische Trauerfeier statt, vier Angehörige bzw. Verwandte nahmen daran teil. Gegen Ende des Jahres 1944 kehrte der Krieg an die Landesgrenzen im Osten wie im Westen dahin zurück, von wo er ausgegangen war. Der Untergang des Dritten Reiches war eingeläutet. Die Luftabwehr war so gut wie zusammen gebrochen. Die Alliierten hatten Tag und Nacht die Lufthoheit. So endete der Traum vom Fliegen für viele junge Menschen.

Manch einer von ihnen wollte gern ein Held der Lüfte sein, die Propaganda lief darauf hinaus. Es gab nicht wenige besonders erfolgreiche Jagdflieger, die mit hohen Orden dekoriert wurden. Die Namen Mölders, Marseille u.a. waren in aller Munde. Keiner sprach von den Opfern und ihren Angehörigen der Abgeschossenen, schließlich teilten sie auch das gleiche Schicksal. Eine fast ganze verführte Generation der begeisterten Segelflieger von einst musste ihr Leben lassen. Erst mit der bedingungslosen Kapitulation Hitlerdeutschlands endete das Sterben von Millionen Menschen in ganz Europa. „Nie wieder Krieg und Faschismus“. Diese Losung nach Kriegsende hat für alle Zeiten nachhaltig ihre Bedeutung.

 

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