1912

[Modell: Schnelldampfer  [Medaille: Olympische Spiele, 1912][Postkarte: SPD-Werbung zur Reichstagswahl, 1912]

[Statistik: Reichstagswahl 12.01.1912]

 

Chronik


 
Januar
1. 1. In Großbritannien wird das gesamte Fernsprechwesen verstaatlicht.
6. 1. New Mexico wird als 47. Staat in den Bund der Vereinigten Staaten von Amerika aufgenommen.
8. 1. In der Südafrikanischen Union konstituiert sich der South African Native National Congress (SANNC) als Interessenvertretung der farbigen Bevölkerungsmehrheit. Aus ihm geht 1925 der African National Congress (ANC) hervor.
12. 1. Bei der Reichstagswahl erringt die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) 34,8 Prozent der Stimmen und stellt nach der Stichwahl am 25. Januar mit 110 Abgeordneten erstmals die stärkste Fraktion. Die Wahlbeteiligung lag bei 84,6 Prozent. Die sogenannte Hungerwahl stand unter dem Einfluß steigender Lebensmittelpreise.
13. 1. Der französische Staatspräsident Armand Fallières (1841-1931) beauftragt Raymond Poincaré mit der Bildung einer neuen Regierung.
16. 1. Der Dichter Georg Heym (1887-1912) ertrinkt beim Schlittschuhlaufen auf dem Wannsee bei Berlin.
18. 1. In Prag beginnt die VI. Gesamtrussische Konferenz der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands. Die Bolschewiki konstituieren sich auf dem Treffen als eigenständige Partei und wählen ein Zentralkomitee, das von Wladimir I. Lenin geleitet wird.
30. 1. Der Verband der Arbeiterorganisationen ruft in Portugal den Generalstreik aus, nachdem Regierungstruppen gewaltsam gegen streikende Landarbeiter vorgegangen waren. In Lissabon kommt es zu Straßenschlachten zwischen Arbeitern und Militär.
 
Februar
8. 2. Der britische Kriegsminister Lord Richard Burton Haldane beginnt in Berlin Gespräche mit Vertretern der deutschen Regierung. Deutschland erhofft sich eine Neutralitätserklärung Großbritanniens für den Fall eines Krieges mit Frankreich, Großbritannien fordert Abstriche am deutschen Flottenrüstungsprogramm. Es kommt zu keiner Annäherung.
13. 2. Die seit 1644 herrschende Mandschu-Dynastie erklärt ihren Verzicht auf den Kaiserthron in China und übergibt die Regierungsvollmachten an Yuan Shi-kai (1859-1916), der zwei Tage später von der Nationalversammlung in Nanking zum Präsidenten der Republik gewählt wird.
14. 2. Arizona wird als 48. Staat in den Bund der Vereinigten Staaten von Amerika aufgenommen.
19. 2. In der Republik China wird die europäische Zeitrechnung eingeführt.
24. 2. Mit der Beschießung von Beirut durch italienischen Kriegsschiffe weitet sich der Krieg zwischen Italien und dem Osmanischen Reich aus.
"Die Frau in Haus und Beruf" ist Thema einer Ausstellung in Berlin, die in Gegenwart von Kaiserin Auguste Viktoria eröffnet wird.
 
März
3. 3. Der letzte Abschnitt der 507 km langen Eisenbahnstrecke zwischen Windhuk und Keetmannshoop in Deutsch-Südwestafrika wird eingeweiht.
11. 3. Im Ruhrgebiet treten 170.000 Bergarbeiter in einen Streik um eine 15prozentige Lohnerhöhung. Nach einer Woche wird der Ausstand ohne Ergebnisse abgebrochen.
15. 3. Finanzminister Adolf Wermuth (1855-1927) gibt nach dreijähriger Amtszeit seinen Rücktritt bekannt. Anlaß ist Wermuths Forderung nach Erhöhung der Erbschaftssteuer, die von Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg abgelehnt wurde.
30. 3. Tod des Jugendschriftstellers Karl May in Radebeul.
 
April
1. 4. In Berlin tritt das im Juli 1911 vom Preußischen Abgeordnetenhaus beschlossene Gesetz über die Bildung eines "Zweckverbands Groß-Berlin" in Kraft. Der Verband vereinigt Berlin auf kommunaler Ebene mit den umliegenden Städten Charlottenburg, Schöneberg, Neukölln, Wilmersdorf, Lichtenberg und Spandau sowie mit Teilen der Landkreise Teltow und Niederbarnim. Die neue Verwaltungsorganisation Groß-Berlin erreicht damit eine Einwohnerzahl von 4,1 Millionen und bereitet die Bildung der Stadt Groß-Berlin von 1920 vor.
14. 4. Das britische Passagierschiff "Titanic" kollidiert auf dem Weg nach New York in der Nähe der Neufundlandbank mit einem Eisberg und sinkt. Der Luxusdampfer hat auf seiner Jungfernfahrt über den Atlantik 1.308 Passagiere und 898 Mann Besatzung an Bord. Über 1.500 Menschen kommen bei der Katastrophe ums Leben.
17. 4. Bei einem Streik von rund 6.000 Arbeitern einer russischen Goldgräbergesellschaft in Sibirien für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen werden 270 Streikende vom Militär erschossen.
25. 4. Auf dem Markusplatz in Venedig wird vor über 150.000 Menschen der originalgetreu wieder aufgebaute Glockenturm "Campanile" eingeweiht. Das Wahrzeichen der Stadt war zehn Jahre zuvor eingestürzt.
 
Mai
4. 5. Im Krieg zwischen Italien und dem Osmanischen Reich besetzen italienische Truppen die Mittelmeerinsel Rhodos und errichten mehrere Stützpunkte in der Ägäis.
5. 5. In Petersburg erscheint die erste Ausgabe der "Prawda", des Organs der russischen Bolschewiki. Die Herausgabe leitet Josef W. Stalin im Auftrag des im Exil lebenden Lenin.
14. 5. Der Reichstag beschließt gegen die Stimmen der Sozialdemokraten eine Novelle zum Flottengesetz, die den weiteren Ausbau der Kriegsflotte bis zum Jahr 1920, allerdings in reduziertem Ausmaß, vorsieht. Der Anteil der Rüstungsausgaben am gesamten Staatsetat beträgt 75 Prozent.
20. 5. Der Preußische Landtag lehnt Anträge der Fortschrittspartei und der Nationalliberalen Partei zur Reformierung des Wahlrechts ab. Nach wie vor gilt in Preußen das Dreiklassenwahlrecht.
In London treten 100.000 Dockarbeiter in den Streik für einheitliche Tarife und bessere Arbeitsbedingungen. Der Ausstand muß nach sechs Wochen eingestellt werden, da die finanziellen Mittel der Gewerkschaft erschöpft sind.
Ein neues Schiff der Superlative läuft auf der Hamburger Vulkan-Werft vom Stapel: Der Überseedampfer "Imperator" ist 277 m lang, hat eine Maschinenleistung von 75.000 PS und kann 4.698 Passagiere aufnehmen.
 
Juni
3. 6. Als Auftakt der viertägigen Hauptversammlung der Deutschen Kolonialgesellschaft wird in Hamburg die Deutsche Kolonialausstellung eröffnet. Sie soll das Interesse potentieller deutscher Siedler wecken.
8. 6. Auf dem Gelände der Harvard-Universität in Cambridge (USA) wird der Grundstein für ein Germanisches Museum gelegt.
11. 6. Nach einer Besichtigung der französischen Ostgrenze erklärt der KriegsministerAlexandre Millerand (1859-1943), er werde wegen der drohenden Gefahr eines Krieges mit Deutschland die Grenzbefestigungen weiter ausbauen lassen.
14. 6. Frankreichs Ministerpräsident Poincaré bezeichnet vor der Nationalversammlung die Beziehungen zu Deutschland als "loyal, höflich und korrekt".
18. 6. Auf dem Wahlkonvent der Republikaner in Chicago kommt es zu einer Spaltung der Partei. Aus Protest gegen die reaktionäre Politik von Präsident William Howard Taft (1857-1930) tritt dessen Amtsvorgänger Theodore Roosevelt mit seinen Anhängern aus der Partei aus und gründet die Fortschrittspartei. Die Spaltung der Republikaner erhöht die Wahlchancen der Demokraten.
28. 6. Die bayerische Landesregierung weigert sich, gewählte sozialdemokratische Bürgermeister in ihrem Amt zu bestätigen. Daraufhin kommt es zu heftigen Auseinandersetzungen im Landtag.
 
Juli
4. 7. Das deutsch-russische Gipfeltreffen im estnischen Hafen Baltischport (Paldiski) zwischen Kaiser Wilhelm II. und Zar Nikolaus II. bringt keine außenpolitische Annäherung der beiden Staaten.
6. 7. Die V. Olympischen Spiele der Neuzeit werden in Stockholm von König Gustav V. (1858-1950) eröffnet. Das neu erbaute Stadion mit 30.000 Sitzplätzen, moderne Wettkampfstätten und eine hervorragende Organisation prägen das Niveau der Spiele, an denen 2.547 Aktive aus 28 Ländern teilnehmen.
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17. 7. Die von den Jungtürken gebildete Regierung des Osmanischen Reichs tritt zurück.
21. 7. Die aufständischen Albaner veröffentlichen in Skopje (Üsküb) ein Programm für den Kampf gegen das Osmanische Reich. Das neue Kabinett in Konstantinopel ist zu Zugeständnissen bereit.
 
August
1. 8. In der zum Osmanischen Reich gehörenden Provinz Kossovo werden in der Stadt Kotschana (Kocani) 47 Menschen bei einer Bombenexplosion getötet und mehr als 100 schwer verletzt. Das Gebiet ist seit langem Schauplatz von Auseinandersetzungen zwischen christlichen und islamischen Bevölkerungsgruppen.
8. 8. Bei einem Grubenunglück im Ruhrgebiet kommen 115 Bergleute ums Leben. Wilhelm II. informiert sich vor Ort über das Ausmaß der Katastrophe.
9. 8. Der französische Ministerpräsident Poincaré trifft an Bord eines Kreuzers im russischen Hafen von Kronstadt ein. Er führt Gespräche mit Nikolaus II. und führenden Politikern Rußlands über die politische Lage in Europa. Frankreich drängt auf ein eindeutiges Bekenntnis Rußlands zum Bündnis mit der Entente.
12. 8. In China gründet Sun Yat-sen (1866-1925) im Hinblick auf die bevorstehenden ersten Parlamentswahlen aus zahlreichen kleineren politischen Gruppierungen die Nationale Volkspartei (Kuomintang).
14. 8. US-Marineeinheiten landen in Nicaragua, um die revolutionäre Bewegung gegen Präsident Adolfo Díaz (1877-1964) zu unterdrücken. Vorwand für die Intervention ist die hohe Verschuldung Nicaraguas bei europäischen Banken, die ein Eingreifen der europäischen Mächte befürchten läßt.
September
12. 9. Bulgarien setzt sich in einem Memorandum an Großbritannien, Frankreich, Österreich-Ungarn und Deutschland für die Unabhängigkeit Mazedoniens vom Osmanischen Reich ein.
14. 9. Mit einer Festveranstaltung wird in Stuttgart das Königliche Hoftheater eröffnet.
15. 9. In Schönau bei Chemnitz beginnt der diesjährige Parteitag der SPD. Im Mittelpunkt der Diskussionen stehen die Lebensmittelteuerung, die Haltung zum deutschen Imperialismus und die Verabschiedung eines neuen Parteistatuts.
16. 9. Wilhelm II. nimmt auf dem Flaggschiff "Deutschland" vor Wilhelmshaven die Parade der deutschen Kriegsmarine ab. Im Anschluß daran findet in den Gewässern vor Helgoland ein großangelegtes Manöver statt, bei dem die deutsche Flotte ihre Kriegsbereitschaft demonstriert.
30. 9. Die Staaten des Balkanbunds - Serbien, Montenegro, Bulgarien und Griechenland - erklären die Mobilmachung ihrer Truppen gegen die türkische Oberhoheit.
 
Oktober
1. 10. Im Osmanischen Reich wird die allgemeine Mobilmachung angeordnet.
2. 10. Reichsaußenminister Alfred von Kiderlen-Wächter spricht die Erwartung aus, daß sich die europäischen Großmächte aus einem eventuellen Krieg auf dem Balkan heraushalten werden. In den folgenden Tagen bekennen sich Frankreich, Großbritannien, Rußland und Österreich-Ungarn zum Status quo auf dem Balkan.
3. 10. Die Staaten des Balkanbunds fordern das Osmanische Reich ultimativ auf, Albanien und Altserbien die Autonomie zu gewähren.
8. 10. Montenegro erklärt als erster Staat des Balkanbunds dem Osmanischen Reich den Krieg, die Verbündeten folgen innerhalb der nächsten zehn Tage. Alle Balkanstaaten verfolgen expansionistische Absichten gegenüber dem Osmanischen Reich, das wegen des seit einem Jahr andauernden Kriegs gegen Italien und innenpolitischer Auseinandersetzungen geschwächt ist.
18. 10. Das Osmanische Reich unterzeichnet in der Nähe von Lausanne einen Friedensvertrag mit Italien und tritt seine nordafrikanischen Besitzungen an den Kriegsgegner ab.
19. 10. In Hamburg wird im Beisein von Wilhelm II. die wiederaufgebaute St.-Michaelis-Kirche eingeweiht. Das Wahrzeichen der Stadt war am 3. Juli 1906 abgebrannt.
25. 10. Uraufführung der der Oper "Ariadne auf Naxos" von Richard Strauss in Stuttgart.
29. 10. Der osmanische Großwesir tritt wegen der militärischen Niederlagen im Balkankrieg zurück. Neuer Ministerpräsident wird Mehmed Kamil Pascha.
 
November
5. 11. Zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika wird mit großer Mehrheit der Kandidat der Demokratischen Partei, Woodrow Wilson, gewählt. Er erhält 42 Prozent der abgegebenen Stimmen. Ex-Präsident Theodore Roosevelt erringt als Kandidat der von ihm gegründeten Fortschrittspartei 27 Prozent, der amtierende Präsident Taft kommt nur auf 23 Prozent.
Bulgarische Truppen rücken nach ihrem Sieg in der Schlacht bei Tschorlu (Corlu) auf Konstantinopel (heute: Istanbul) vor. Am 8. November zieht die griechische Armee in Saloniki, dem nach Konstantinopel bedeutendsten wirtschaftlichen und kulturellen Zentrum des Osmanischen Reichs, ein. Die osmanische Regierung wendet sich an die europäischen Großmächte mit der Bitte um Vermittlung.
24. 11. Der Balkankrieg steht im Mittelpunkt der Beratungen eines außerordentlichen Kongresses der II. Internationale in Basel. Die 550 Vertreter sozialistischer Parteien aus 23 Ländern beschließen ein Manifest, demzufolge die Arbeiter aller Länder sich jedem Krieg widersetzen sollen.
27. 11. Spanien und Frankreich unterzeichnen in Madrid einen Vertrag über die Aufteilung Marokkos. Spanien muß darin Abstriche an seinen territorialen Ansprüchen zugestehen.
28. 11. In der südalbanischen Stadt Valona (Vlore) ruft der ehemalige osmanische Beamte Kemal Bey Ismail (1844-1916) den unabhängigen Staat Albanien aus. Er kommt damit dem Bestreben der Balkanmonarchien zuvor, das Territorium unter sich aufzuteilen.
 
Dezember
3. 12. In der türkischen Stadt Tschataldscha unterzeichnen Vertreter der Balkanstaaten Bulgarien, Montenegro und Serbien sowie des Osmanischen Reichs ein Abkommen über einen Waffenstillstand und die Aufnahme von Friedensverhandlungen, die am 16. Dezember in London beginnen. Griechenland lehnt die Unterzeichnung des Abkommens ab und setzt den Krieg fort.
5. 12. Der Dreibund zwischen dem Deutschen Reich, Österreich-Ungarn und Italien wird ein halbes Jahr vor Ende seiner Laufzeit für weitere sechs Jahre verlängert.
7. 12. Bei Ausgrabungen im altägyptischen Tell El-Amarna stoßen deutsche Archäologen auf eine 48 cm hohe bemalte Kalksteinbüste der ägyptischen Königin Nofretete, die später ihren Platz im Ägyptischen Museum in Berlin findet.
10. 12. Gerhart Hauptmann erhält den Nobelpreis für Literatur.
12. 12. Tod des Prinzregenten Luitpold (1821-1912) in München.
28. 12. Carl Unger (1878-1929), Michael Bauer (1871-1929) und Marie Steiner (1867-1848) gründen in Köln die Anthroposophische Gesellschaft. Eines ihrer Ziele ist die Erkenntnis und Pflege der menschlichen übersinnlichen Wesenheit zu einer befriedigenden und gesunden Lebensweise und die Förderung der Erforschung des in allem Sinnlichen verborgenen Übersinnlichen.
23. 12. Schweden, Dänemark und Norwegen unterzeichnen in Stockholm ein Abkommen, in dem sie sich zur Neutralität in allen militärischen Konflikten bekennen.
Die neue Staumauer des Assuan-Staudamms wird feierlich eingeweiht. Die in den Jahren 1898 bis 1902 errichtete, fast zwei Kilometer lange Staumauer war um fünf Meter auf 26,5 m aufgestockt worden.
 
Außerdem:
Gottfried Benn: Morgue und andere Gedichte (Gedichte)
Waldemar Bonsels (1881-1952): Die Biene Maja und ihre Abenteuer (Erzählung)
Knut Hamsun (1859-1952): Die letzte Freude (Roman)
Gerhart Hauptmann: Gabriel Schillings Flucht (Drama)
Thomas Mann: Der Tod in Venedig (Erzählung)
Arthur Schnitzler: Professor Bernhardi (Komödie)
Ludwig Thoma (1839-1924): Magdalena (Volksstück)
Kurt Tucholsky: Rheinsberg (Roman)
Arnold Zweig: Die Novellen um Claudia (Roman)

(am)

 

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