1915

[Postkarte: Feinde ringsrum, 1914-1918]

[Gemälde: Anton von Werner "Selbstporträt im Atelier", 1885]

Chronik

Januar
4. 1. Tod des Historienmalers Anton von Werner in Berlin.
10. 1. In einer Note an die USA betont die britische Regierung, an der Handelsblockade der Mittelmächte festhalten zu wollen.
13. 1. Stephan Freiherr Burián von Rajecz (1851-1922) wird neuer Außenminister von Österreich-Ungarn.
Schweres Erdbeben zerstört weite Teile Süd- und Mittelitaliens, ca. 30.000 Tote.
18. - 24. 1. "Reichswollwoche": Sammlung von warmer Unterkleidung für die deutschen Truppen.
19. 1. Drei deutsche Marineluftschiffe greifen erstmals die britische Ostküste an.
24. 1. Bei einem Seegefecht an der Doggerbank zwischen deutschen und britischen Schlachtkreuzern wird der Panzerkreuzer "Blücher" versenkt.
25. 1. Der Deutsche Bundesrat rät zu sparsamem Nahrungsmittelverbrauch.

Februar
1. 2. Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg gibt seine Zustimmung zum Einsatz von U-Booten im Handelskrieg.
Die Finanzminister der Alliierten einigen sich in Paris auf gemeinsame Maßnahmen zur Kriegsfinanzierung. Rußland werden zusätzliche Kredite versprochen.
3. 2. In Sarajevo werden drei der am Attentat auf den österreich-ungarischen Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand beteiligten Personen hingerichtet. Der Todesschütze, Gavrilo Princip (1894-1918), wird wegen seines jugendlichen Alters nicht zum Tode verurteilt.
4. - 22. 2. Winterschlacht in Masuren: Die geschlagenen russischen Truppen räumen bis Ende Februar ganz Ostpreußen.
12. 2. Nachdem Deutschland das Seegebiet um die Britischen Inseln zum Kriegsgebiet erklärt hat, warnen die USA vor Angriffen auf amerikanische und neutrale Schiffe.
13. 2. Der Bundesrat beschließt die Beschlagnahme der Hafervorräte.
16. 2. Mit einem erfolglosen Durchbruchsversuch französischer Truppen beginnt die verlustreiche Schlacht in der Champagne, bei der die französische Offensive steckenbleibt.
18. 2. Verschärfung der britischen Blockade gegen neutrale Schiffe.
22. 2. Beginn des U-Boot-Kriegs gegen Handelsschiffe als Vergeltung gegen die britische Blockade der deutschen Seehäfen.
25. 2. Der Bundesrat beschließt die Einschränkung des Autoverkehrs, um Rohstoffe zu sparen.

März
3. 3. Premiere von D. W. Griffiths (1875-1948) Monumentalfilm "The Birth of a Nation" in New York.
4. 3. Rußland erklärt die Annexion von Konstantinopel (heute: Istanbul) und die Kontrolle der Dardanellen als Kriegsziel.
10. 3. Erste Petition der sechs Wirtschaftsverbände an Reichskanzler Bethmann Hollweg fordert weitreichende Kriegsziele.
18. 3. Durchbruchsversuch britisch-französischer Seestreitkräfte durch die Dardanellen scheitert unter erheblichen Verlusten.
20. 3. Karl Liebknecht und Otto Rühle (1874-1943), Abgeordnete der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD), stimmen im Reichstag gegen weitere Kriegskredite. Zudem bleiben 30 sozialdemokratische Abgeordnete der Abstimmung fern.
26. - 28. 3. Die Internationale Sozialistische Frauenkonferenz in Bern fordert zum Massenprotest aller Arbeiterfrauen gegen den Krieg auf.

April
1. 4. Walther Rathenau tritt als Leiter der Kriegsrohstoffabteilung des Kriegsministeriums zurück.
20. 4. Der britische Schatzkanzler David Lloyd George kritisiert die unzureichende Munitionsproduktion.
22. 4. Beginn der zweiten Ypern-Schlacht: Deutsche Truppen verwenden erstmals Giftgas.
25. 4. Britische und französische Truppen landen auf der Halbinsel Gallipoli, um den alliierten Truppen den Weg nach Konstantinopel zu öffnen. Der Durchbruch gelingt jedoch nicht.
26. 4. "Londoner Geheimvertrag" der Entente mit Italien, das den Kriegseintritt gegen Zusicherung von erheblichen Territorialgewinnen zusagt (Südtirol, Istrien, große Teile Dalmatiens sowie das Protektorat über Albanien).
Deutscher Vorstoß nach Litauen und Kurland beginnt.
27. 4. Tod des Komponisten Alexander Skrjabin (1872-1915) in Moskau.
28. 4. - 1. 5. Erster Internationaler Frauenfriedenskongreß in Den Haag: Gründung des Internationalen Frauenausschusses für dauernden Frieden.

Mai
1. - 3. 5. Durchbruchsschlacht deutscher und österreich-ungarischer Truppen unter August von Mackensen in den Karpaten leitet eine bis September dauernde Offensive mit großem Geländegewinn ein.
5. 5. Der Alldeutsche Verband fordert in einer Kriegszieleingabe die Annexion des Baltikums.
7. 5. Die Versenkung des britischen Passagierschiffes "Lusitania" durch ein deutsches U-Boot fordert 1.200 Tote (darunter 139 Amerikaner).
12. 5. Deutsche Industrielle unter Führung des Krupp-Direktors Alfred Hugenberg fordern weitreichende Annexionen im Osten und Westen.
13. 5. Die US-Regierung verlangt in einer Protestnote die Einstellung des U-Boot-Kriegs.
Mit großen Kundgebungen in Rom und Mailand schüren der nationalistische Dichter Gabriele d'Annunzio und Benito Mussolini die Kriegsstimmung. Unter diesem Druck lehnt Giovanni Giolitti als Führer der Neutralitätsbefürworter eine Regierungsbildung ab, die kriegsbereite Regierung Salandra bleibt im Amt.
23. 5. Italienische Kriegserklärung an Österreich-Ungarn.
26. 5. Mit einer Kabinettsumbildung formiert Herbert H. Asquith eine nationale Regierung, in der mit Arthur Henderson (1863-1935) erstmals ein Sozialist zum Minister ernannt wird. Winston Churchill wird wegen der gescheiterten Dardanellenoffensive als Erster Lordadmiral abgelöst.

Juni
5. 6. Kaiser Wilhelm II. ordnet in einem Geheimbefehl die Einschränkung des U-Boot-Kriegs an.
Verfassungsreformgesetz führt das Wahlrecht für Frauen in Dänemark ein.
9. 6. Etwa 1.000 SPD- und Gewerkschaftsfunktionäre fordern die Parteiführung auf, sie solle die sofortige Beendigung des Kriegs verlangen.
Der amerikanische Außenminister William Bryan (1860-1925) erklärt seinen Rücktritt, weil er die zweite "Lusitania"-Protestnote gegen Deutschland als zu scharf ablehnt.
10. 6. Die russischen Wirtschaftsverbände beschließen zur besseren Koordination der Rüstung Kriegsindustriekomitees.
19. 6. Die SPD-Politiker Karl Kautsky, Eduard Bernstein und Hugo Haase fordern ihre Partei auf, den "Burgfrieden" aufzukündigen.
20. 6. Denkschrift von Hochschullehrern, Beamten und Künstlern mit weitreichenden Kriegszielen.
Tod des Industriellen Emil Rathenau in Berlin.
22. 6. Österreichische Truppen erobern Lemberg (heute: Lwiw, Ukraine) zurück.
25. 6. In einer Eingabe des Partei- und Fraktionsvorstands der SPD wird mit dem Hinweis auf den Wirtschaftsaufschwung des Deutschen Reichs in seinen bisherigen Grenzen der Verzicht von Annexionen gefordert.

Juli
1. 7. Ostoffensive der Mittelmächte in Polen beginnt mit großem Erfolg.
7. 7. In Calais beschließt der alliierte Kriegsrat, zur Entlastung der russischen Front mehrere Offensiven in Frankreich und Italien zu eröffnen.
9. 7. Sogenannte Intellektuelleneingabe mit 141 Unterschriften namhafter Persönlichkeiten, unter ihnen Albert Einstein, Max Weber, Ludwig Quidde und Gustav Schmoller (1838-1917), verwirft die "Einverleibung oder Angliederung politisch selbständiger und an Selbständigkeit gewöhnter Völker", läßt aber offen, welche Gebiete damit gemeint sind.
Kapitulation der deutschen Schutztruppen in Deutsch-Südwestafrika.
Mit dem Registrierungsgesetz sollen alle Arbeitskräfte in Großbritannien im Alter von 15 bis 65 Jahre erfaßt werden.
18. - 28. 7. In der zweiten Isonzoschlacht versuchen italienische Truppen vergeblich, nach Triest durchzubrechen.
23. 7. Verordnung gegen Preiswucher bei Lebensmitteln. Im Vergleich zum Vorjahr haben sich die Preise verdoppelt.

August
4. 8. Der französische Präsident Raymond Poincaré betont die Entschlossenheit, den Krieg bis zum Sieg fortzuführen.
5. 8. Warschau wird von der deutschen 9. Armee besetzt.
9. 8. Die bürgerlichen Parteien im russischen Parlament schließen sich zum "progressiven Block" zusammen und fordern eine neue Regierung sowie Reformmaßnahmen.
16. 8. Parteiausschuß und Reichstagsfraktion der SPD wenden sich gegen "alle auf Schwächung und Zertrümmerung Österreichs-Ungarns gerichteten Ziele" der Entente.
19. 8. In einer kämpferischen Rede verkündet Reichskanzler Bethmann Hollweg Siegeszuversicht und weitgehende Kriegsziele. Die Rede wird von den bürgerlichen Parteien mit großer Begeisterung aufgenommen.
Bei der Versenkung des englischen Passagierdampfers "Arabic" durch deutsche U-Boote sind zwei Amerikaner unter den Opfern.
20. 8. Der Reichstag verabschiedet einen neuen Kriegskredit von 10 Milliarden Reichsmark.
Tod des Mediziners Paul Ehrlich in Bad Homburg.
25. 8. Die Militärverwaltung Ober-Ost unter Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff setzt einen Generalgouverneur für das unter deutscher Verwaltung stehende nördliche Kongreßpolen ein.
Besetzung von Brest-Litowsk durch die Truppen der Mittelmächte.

September
1. 9. Gründung des "Deutschen Künstlerhilfsbundes" zur Unterstützung heimkehrender Künstler.
5. - 8. 9. Internationale Sozialistenkonferenz in Zimmerwald (Schweiz), bei der sich die Delegierten gegen die "Burgfriedenspolitik" der sozialdemokratischen Parteien in den kriegführenden Ländern wenden.
5. 9. Zar Nikolaus II. übernimmt den Oberbefehl über die gesamte russische Armee.
6. 9. Freundschafts- und Bündnisvertrag der Mittelmächte mit Bulgarien, das sich zum Kriegseintritt gegen Serbien verpflichtet.
8. 9. Höhenflugrekord für einsitzige Flugzeuge durch einen Schweizer Flieger (6.600 m).
18. 9. Einschränkung des U-Boot-Handelskriegs als Anwort auf den drohenden Kriegseintritt der Vereinigten Staaten.
22. 9. - 6. 11. Französische Offensive in der Champagne mit massivem Materialeinsatz scheitert.
27. 9. Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins in Leipzig steht im Zeichen der Kriegsunterstützung.
29. 9. US-Präsident Woodrow Wilson stimmt umfangreichen Krediten an Frankreich und Großbritannien zu.

Oktober
2. 10. Der Parteivorstand der SPD distanziert sich von den Beschlüssen der Internationalen Sozialistenkonferenz.
5. 10. Zur Unterstützung Serbiens landen alliierte Truppen im neutralen Griechenland.
6. 10. Beginn der Offensive deutscher und österreich-ungarischer Truppen gegen Serbien.
9. 10. Eroberung von Belgrad durch die Mittelmächte.
14. 10. Kriegseintritt Bulgariens auf seiten der Mittelmächte in der Hoffnung, Mazedonien zu gewinnen.
15. 10. Die USA beschließen eine Aufstockung ihrer Armee um 100.000 Mann und die Verstärkung der Flotte.
15. - 20. 10. Kriegserklärung der Alliierten an Bulgarien.
20. 10. Uraufführung der Tondichtung "Eine Alpensymphonie" von Richard Strauss in Dresden.
29. 10. Rücktritt des französischen Ministerpräsidenten René Viviani (1891-1980). Sein Nachfolger wird Aristide Briand, der eine Allparteienregierung leitet.

November
4. 11. Um Wucher und Überteuerung zu beenden, beschließt der Bundesrat Höchstpreise sowie ein Verkaufsverbot von Milch und Fleisch an Dienstagen und Freitagen.
8. 11. Der italienische Dampfer "Ancona" wird von einem österreich-ungarischen U-Boot versenkt, 208 Passagiere sterben.
10. 11. Einführung von Höchstpreisen für Gemüse, Obst und Honig.
15. 11. In Berlin werden erstmals Bezugskarten für Milch ausgegeben.
24. 11. Eroberung Serbiens abgeschlossen. Rückzug der serbischen Armee nach Albanien, von dort über Korfu nach Saloniki.
30. 11. Italien tritt dem Londoner Vertrag bei und verpflichtet sich, keinen Seperatfrieden zu schließen.

Dezember
1. 12. Die SPD-Fraktion beschließt, Reichskanzler Bethmann Hollweg in einer offiziellen Anfrage um die Bekanntgabe der deutschen Voraussetzungen für die Aufnahme von Friedensverhandlungen zu bitten.
3. 12. General Joseph Joffre übernimmt den Oberbefehl über die gesamte französische Armee.
6. - 8. 12. Auf der Chantilly-Konferenz vereinbaren die Alliierten, mit gleichzeitigen Offensiven an allen Fronten die Kriegsentscheidung zu erzwingen.
9. 12. Die bürgerlichen Parteien lehnen die von der SPD geforderte Aufnahme von Friedensverhandlungen ab.
12. 12. Jungfernflug des von Hugo Junkers entwickelten ersten Ganzmetallflugzeugs "Junkers J1".
18. 12. Gründung der "Genossenschaft zur Verwertung musikalischer Aufführungsrechte" (GEMA).
20. 12. Haase legt sein Amt als Vorsitzender der SPD-Reichstagsfraktions nieder, da er die erneute Bewilligung von Kriegskrediten ablehnt.
21. 12. Im Reichstag stimmen 20 SPD-Abgeordnete gegen die Kriegskredite, 22 bleiben der Abstimmung fern.

Außerdem:
Alfred Döblin: Die drei Sprünge des Wang-Lun (Roman)
Klabund: Moreau (Roman)
Franz Werfel (1890-1945): Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig (Novelle, erschienen 1920)

(lw/mw)

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