1919

[Zeitung: Berliner Lokal-Anzeiger "Der Gewaltfrieden von Versailles" (Titelblatt), 1919]

[Druckschrift: Satzung des Bauhaus Weimar, 1921]

[Statistik: Wahl zur Nationalversammlung 19.01.1919]

Chronik



Januar
1. 1. Einführung des Achtstundentags im Deutschen Reich. Grundlage ist die von dem Industriellen Hugo Stinnes für die Arbeitgeberverbände und von Carl Legien für die Gewerkschaften am 15. November 1918 unterzeichnete Vereinbarung (Stinnes-Legien-Abkommen). In der Vereinbarung sind zentrale Forderungen der Gewerkschaften berücksichtigt, sie soll der Umstellung von der Kriegs- auf die Friedenswirtschaft dienen.
Gründungsparteitag der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) als Zusammenschluß des Spartakusbundes mit den Bremer Linksradikalen. Der Spartakusbund erstrebt eine "Räterepublik nach russischem Muster".
Im Namen des serbischen Königs Peter I. (1844-1921) wird das neue Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen proklamiert (ab 1929: Jugoslawien). In dem neuen Staat leben 15 Nationalitäten.
4. 1. Die preußische Regierung verfügt die Entlassung des Berliner Polizeipräsidenten Emil Eichhorn (1863-1925) (USPD), weil er die Politik der Spartakisten begünstige.
Tod des ehemaligen Reichskanzlers Georg Graf von Hertling in Ruhpolding (Bayern).
5. 1. Tausende von Arbeitern fordern in einer Massendemonstration die Rücknahme der Entlassung Eichhorns. Bewaffnete Gruppen besetzen das Verlagsgebäude des SPD-Zentralorgans "Vorwärts" und weitere Druckhäuser in Berlin. Der Aufruhr entwickelt sich zum "Januaraufstand".
[Ton]
Gründung der antisemitischen Deutschen Arbeiterpartei (DAP) durch den Maschinenschlosser Anton Drexler und den Sportjournalisten Karl Harrer in München. Die DAP benennt sich 1920 in Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) um.
6. 1. Ein von Vertretern der Unabhängigen Sozialistischen Partei Deutschlands (USPD), der KPD und der Revolutionären Vertrauensleute gebildeter Revolutionsausschuß erklärt die Absetzung des Rats der Volksbeauftragten und die Übernahme der Regierungsgeschäfte. Die Regierung ruft zu einer Gegendemonstration auf. Gustav Noske (SPD), Leiter des Militärressorts im Rat der Volksbeauftragten, wird mit der militärischen Niederschlagung des Aufstands beauftragt.
Tod des früheren US-Präsidenten Theodore Roosevelt in Sagamore Hill (New York).
7. 1. ,In Berlin besetzen die Aufständischen die Eisenbahndirektion, das Polizeipräsidium am Alexanderplatz und weiterer zentraler Punkte.
8. 1. Die von der USPD initiierten Verhandlungen mit der Regierung scheitern. Es kommt zum offenen Kampf zwischen den Aufständischen und den Regierungstruppen, die vor allem aus neugebildeten Freikorps und sozialdemokratischen Kampftruppen bestehen.
9. 1. Die Aufständischen rufen den Generalstreik aus. In zahlreichen Städten gibt es Solidaritätsbekundungen.
10. 1. - 4. 2. Räterepublik in Bremen. Auf einer von der KPD organisierten Massendemonstration erklären Vertreter der KPD, der USPD und der Soldatenräte Bremen zur selbständigen, sozialistischen Republik. Der Aufstand wird auf Befehl Noskes durch Regierungstruppen niedergeschlagen.
11. 1. In Berlin stürmen Regierungstruppen das besetzte "Vorwärts"-Gebäude.
12. 1. Nachdem die wichtigsten Stützpunkte der aufständischen Revolutionäre bereits von Regierungstruppen zurückerobert sind, besiegeln frisch herangeführte Truppen das Ende des Januaraufstands. Insgesamt kommen bei den Kämpfen 165 Menschen ums Leben.
15. 1. Mit Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg werden die beiden bekanntesten Führer der Spartakisten durch Angehörige der Garde-Schützen-Kavallerie-Division gefangengenommen und ermordet. Wilhelm Pieck gelingt die Flucht. Die später folgenden Prozesse gegen die Mörder Luxemburgs und Liebknechts werden nicht ernsthaft betrieben.
18. 1. Beginn der Pariser Friedenskonferenz unter Ausschluß der Mittelmächte. Die Beratungen sind vom Wunsch der öffentlichen Meinung in den alliierten Staaten nach möglichst harten Friedensbedingungen geprägt.
19. 1. 83 Prozent der Wahlberechtigten beteiligen sich an der Wahl zur Verfassunggebenden Nationalversammlung. Die KPD hat sich der Wahl nicht gestellt, die USPD erreicht lediglich 22 Mandate. Sieger der Wahl sind die Sozialdemokraten mit 165 Mandaten. Frauen sind in Deutschland erstmals wahlberechtigt.
23. 1. Uraufführung des Schauspiels "1913" von Carl Sternheim (1878-1942)in Frankfurt (Main).
25. 1. Die Alliierten beschließen auf der Pariser Friedenskonferenz die Gründung des Völkerbunds, der den Mitgliedsstaaten territoriale Integrität und politische Unabhängigkeit sichern soll. Alle ehemaligen Feindmächte bleiben vorerst vom Beitritt ausgeschlossen.
29. 1. Tod des Politikers und Historikers Franz Mehring in Berlin.

Februar
1. 2. Kölns Oberbürgermeister Konrad Adenauer will die Gründung einer selbständigen "Westdeutschen Republik" vorantreiben und lädt führende Politiker zu einer Besprechung über eine Trennung des Rheinlands vom Reich ein.
3. 2. Die Heeresleitung unter Paul von Hindenburg und Wilhelm Groener übernimmt den Schutz der deutschen Ostgrenze gegen vorrückende polnische Verbände, die Gebiete für Polen annektieren wollen. Die Rote Armee besetzt die Ukraine und erzwingt die Bildung einer sowjetischen, moskautreuen Regierung in der Hauptstadt Kiew.
5. 2. Anläßlich der Konstituierung der Weimarer Nationalversammlung wird der erste deutsche Post- und Verkehrsflug auf der Strecke Berlin-Weimar aufgenommen.
6. 2. Eröffnung der Verfassunggebenden Nationalversammlung. Wegen der politisch ungesicherten Lage in Berlin tagt die Versammlung in Weimar.
10. 2. Gegen die Stimmen der USPD verabschiedet die Weimarer Nationalversammlung das "Gesetz über die vorläufige Reichsgewalt". Damit erhält die Nationalversammlung die Legislative, der Reichspräsident soll die "Geschäfte des Reiches" führen, der Staatenausschuß als Vertretung der Einzelstaaten fungieren.
11. 2. Die Nationalversammlung wählt Friedrich Ebert zum Reichspräsidenten, der Philipp Scheidemann mit der Regierungsbildung beauftragt.
13. 2. Die Regierung wird von den Parteien der "Weimarer Koalition" gebildet: der SPD, der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) und des Zentrums.
14. 2. Konstantin Fehrenbach (Zentrum) wird zum Präsidenten der Nationalversammlung gewählt.
Hindenburg erläßt einen Appell "An Deutschlands Söhne" und ruft zur freiwilligen Meldung für den Ostschutz auf. Freiwillige sollen in Schlesien und Westpreußen gegen polnische Verbände kämpfen, die die umstrittenen Gebiete für Polen beanspruchen. Im Baltikum kämpfen Freikorps und Freiwillige gegen sowjetrussische Truppen.
16. 2. Verlängerung des am 11. November 1918 abgeschlossenen Waffenstillstands zwischen dem Deutschen Reich und den Entente-Staaten auf unbestimmte Zeit. Das Deutsche Reich verpflichtet sich zudem, auf alle Feindseligkeiten an der Grenze zu Polen zu verzichten, und stellt am 17. Februar offiziell alle kriegerischen Handlungen ein. Die Alliierten bestimmen einen Grenzverlauf, wonach die Provinz Posen an Polen fällt und Westpreußen größtenteils beim Deutschen Reich verbleiben soll.
In Deutsch-Österreich finden erstmals freie und gleiche Wahlen statt: Die Konstituierende Nationalversammlung wird gewählt. Die Sozialdemokraten erhalten 69 Mandate, die Christlichsozialen 63 und die Deutschnationalen 24 Mandate.
18. 2. Der Staatenausschuß beschließt in Weimar die Einführung von Schwarz-Rot-Gold als Nationalfarben. Unter Führung von Noske zerschlägt eine regierungstreue Freiwilligeneinheit die Bremer Räterepublik.
19. 2. Die USPD erleidet bei der Landtagswahl in Bayern eine vernichtende Niederlage. Der bayerische Ministerpräsident Kurt Eisner (USPD) äußert sich in der Öffentlichkeit kritisch über das parlamentarische System.
21. 2. Eisner will zurücktreten und wird auf dem Weg in den bayerischen Landtag von dem Rechtsradikalen Anton Graf von Arco auf Valley (1897-1945) erschossen. Die Ermordung löst vor allem in München lang anhaltende Unruhen aus.
25. 2. Der deutsch-österreichische Staatssekretär des Äußern trifft in Weimar ein, um über einen Anschluß an das Deutsche Reich zu verhandeln.
27. 2. Die Nationalversammlung beschließt das Gesetz über die Bildung einer Vorläufigen Reichswehr. Bis 1921 soll das neue Berufsheer aufgebaut werden. Zeitgleich soll die Reduzierung des Heeres von 800.000 auf 100.000 Mann erfolgen. Viele der aus dem Heer entlassenen Frontsoldaten schließen sich paramilitärischen, rechtsradikalen Organisationen an.

März
2. - 6. 3. Gründungskongreß der Kommunistischen Internationale (Komintern) in Moskau.
3. 3. Die Regierungen des Deutschen Reichs und Deutsch-Österreich stehen einem Zusammenschluß beider Länder grundsätzlich positiv gegenüber. Nachdem beide Länder sich auf Verhandlungen über eine Zoll- und Handelsunion verständigt haben, reist die österreichische Delegation nach Wien zurück.
3. - 13. 3. Die Spartakus-Gruppe und der Arbeiterrat von Groß-Berlin proklamieren unter der Parole "Alle Macht den Räten" den Generalstreik und beginnen einen Aufstand. Der zum Reichswehrminister ernannte Noske verkündet, daß jeder bewaffnete Aufständische sofort zu erschießen sei. Bis zur militärischen Niederschlagung der "Märzunruhen" verlieren 1.200 Menschen ihr Leben.
4. 3. Bewaffnete Auseinandersetzungen auf dem Berliner Alexanderplatz zwischen Regierungstruppen unter Noske und aufständischen Spartakisten.
8. 3. Regierungstruppen zwingen die Spartakisten zur Aufgabe ihres Hauptquartiers.
15. 3. Der Sozialdemokrat Karl Renner (1870-1950) wird von der deutsch-österreichischen Nationalversammlung zum Staatskanzler gewählt.
21. 3. Aus Protest gegen die Entscheidung der Alliierten, Siebenbürgen an Rumänien anzugliedern, treten der ungarische Staatspräsident Mihály Graf Károlyi von Nagykárolyi (1875-1955) und das Kabinett zurück.
22. 3. - 1. 8. Räterepublik in Ungarn: Der Revolutionäre Regierende Rat übernimmt die Regierungsgewalt, die Sozialistenpartei wird zur Einheitspartei erklärt. Gegen die Räterepublik entsenden die Alliierten Truppen, auch tschechoslowakische und rumänische Verbände greifen ein.
Walter Gropius gründet das Kunstinstitut Bauhaus in Weimar.
23. 3. Der ehemalige österreichische Kaiser und ungarische König Karl I. verläßt Österreich und geht in die Schweiz ins Exil.
Der frühere sozialistische Politiker Benito Mussolini gründet in Mailand die faschistische Organisation "Fasci di combattimento".
24. 3. Als oberstes Gremium der Pariser Friedenskonferenz konstituiert sich der "Rat der Vier": Woodrow Wilson (USA), Georges Clemenceau (Frankreich), David Lloyd George (Großbritannien) und Vittorio Emanuele Orlando (1860-1952)(Italien).
Käthe Kollwitz, Lovis Corinth und weitere Künstler werden an die Preußischen Akademie der Künste in Berlin berufen.
25. 3. Freitod des Bildhauers Wilhelm Lehmbruck in Berlin.

April
1. 4. Sozialistische und kommunistische Arbeiterführer proklamieren im Ruhrgebiet einen Generalstreik für eine radikale Verbesserung der Arbeits- und Lebensverhältnisse. Sie plädieren außerdem für eine starke Stellung der Räte. Knapp 350.000 Bergarbeiter folgen dem Streikaufruf.
5. 4. Das britische Unterhaus nimmt eine Gesetzesvorlage zur Gleichstellung der Frauen an.
7. 4. Ausrufung der Räterepublik in München durch den Zentralrat der bayerischen Republik und den Revolutionären Arbeiterrat. Die gewählte Regierung unter Johannes Hoffmann (1867-1930), SPD, verlegt ihren Sitz nach Bamberg.
8. 4. Telegraphisch fordern 233 Abgeordnete des Unterhauses vom britischen Premierminister David Lloyd George eine harte Haltung bei den Friedensverhandlungen: Deutschland solle seine Alleinschuld am Kriegsausbruch anerkennen und zu hohen Reparationszahlungen verpflichtet werden.
12. 4. Gründung des Reichsverbands der deutschen Industrie als Spitzenverband der Unternehmerverbände.
13. 4. Die Räterepublik in München gelangt unter den Einfluß von Kommunisten. Sie stellen eine Rote Armee auf und kämpfen für die Diktatur des Proletariats. Die gesetzgebende Gewalt übertragen sie einem vierköpfigen Vollzugsrat unter Leitung von Eugen Leviné (1883-1919).
15. 4. Die Weimarer Nationalversammlung verabschiedet ein provisorisches Gesetz, das den 1. Mai für das Jahr 1919 zum allgemeinen Feiertag für einen "gerechten Frieden" erklärt.
16. 4. Württembergische Verbände, Einheiten der neuformierten Vorläufigen Reichswehr sowie bayerische Freiwilligenverbände marschieren auf München.
17. 4. "Gründonnerstagsputsch" in Wien: Nach ungarischem Vorbild wollen Kommunisten eine Räterepublik konstituieren. Die Polizei verhindert den Putsch mit Waffengewalt.
Charlie Chaplin, David Wark Griffith (1875-1948) und andere Künstler gründen die Produktions- und Verleihgesellschaft United Artists (UA).
28. 4. Die Delegierten der Pariser Friedenskonferenz nehmen die endgültige Völkerbundsatzung einstimmig an.
Im Deutschen Reich tritt die gesetzliche Regelung zur Einführung der Sommerzeit in Kraft. Mit der umstrittenen Maßnahme soll Energie eingespart werden.
29. 4. Zur Entgegennahme der Friedensbedingungen der Alliierten trifft die deutsche Delegation in Versailles ein.
In München wird die "Diktatur der Roten Garde" errichtet. Mehrere rechtsgerichtete Freikorps greifen in die Kämpfe gegen die Münchner Räterepublik ein.
30. 4. In München erschießen Soldaten der Roten Armee zehn Geiseln. Für die Exekution wurden vor allem Angehörige der völkischen "Thule-Gesellschaft" ausgewählt. Die Gegner der Münchner Räterepublik setzen ihren Kampf verstärkt fort.

Mai
1. 5. Die Maifeiern verlaufen im Deutschen Reich ohne Zwischenfälle.
2. 5. Nach blutigen Straßenschlachten endet die Münchner Räterepublik mit der Besetzung Münchens durch regierungstreue Verbände. Etwa 450 Aufständische und 150 Angehörige der regierungstreuen Truppen werden getötet.
7. 5. Übergabe des Entwufs für den Versailler Vertrag an die Delegierten des Deutschen Reichs. Die Friedensbedingungen werden in Deutschland als niederschmetternd empfunden. Die Alliierten fordern die Anerkennung der alleinigen Kriegsschuld durch Deutschland, die Aufgabe seiner Kolonien und weitgehende Gebietsabtretungen, ferner verlangen sie den Einzug des deutschen Auslandsvermögens. Außerdem wird die Auslieferung von deutschen "Kriegsverbrechern" und des Ex-Kaisers Wilhelm II. gefordert. Der Anschluß von Deutsch-Österreich an Deutschland wird untersagt. Dem Deutschen Reich wird ein Berufsheer von 100.000 Mann zugestanden, die allgemeine Wehrpflicht soll abgeschafft werden. Das linke Rheinufer soll militärisch geräumt und von den Alliierten besetzt werden. Die geforderten Reparationszahlungen übersteigen alle Befürchtungen.
[Text]
8. 5. Die Reichsregierung erläßt Aufrufe gegen den "Gewaltfrieden von Versailles". Auch die britische Labour Party und die französische Gewerkschaft Confédération Générale du Travail (CGT) protestieren gegen den Vertragsentwurf. Er verneine das Selbstbestimmungsrecht der Völker und damit ein wesentliches Kriegsziel der Alliierten.
12. - 15. 5. Zweiter Internationaler Frauenfriedenskongreß in Zürich.
12. 5. Die Nationalversammlung tritt zu einer Protestkundgebung gegen den Versailler Vertrag zusammen. Reichsministerpräsident Scheidemann erklärt, der Vertrag sei unannehmbar.
13. 5. In einem Aufruf an die amerikanische Regierung bezeichnet Reichspräsident Ebert die Versailler Friedensbedingungen als völlige "Negierung" des 14-Punkte-Programms von US-Präsident Wilson.
14. 5. Die Mörder Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts werden zu äußerst milden Freiheitsstrafen verurteilt. Einem der Täter glückt zwei Tage nach Haftantritt mit Hilfe von Reichswehr-Offizieren die Flucht aus dem Gefängnis.
17. 5. Mit dem amerikanischen Riesenflugzeug "N.C.4" gelingt die erste Überquerung des Atlantischen Ozeans.
23. 5. Eröffnung der Frühjahrsausstellung der Akademie der Künste in Berlin. Es werden Werke von Corinth, Georg Kolbe (1877-1947), Kollwitz, Lehmbruck und weiteren Künstlern gezeigt.
31. 5. Wiederwahl von Hoffmann zum bayerischen Ministerpräsidenten.
Der Leichnam Rosa Luxemburgs wird im Landwehrkanal gefunden. An der Beisetzung im Juni nehmen Tausende von Menschen teil.

Juni
2. 6. In Berlin erscheint das "Dadaistische Manifest". Gründung der Zeitschrift "Der Dada" durch Raoul Hausmann.
3. 6. Mit Eugen Leviné wird einer der Führer der Münchener Räterepublik wegen Hochverrats zum Tode verurteilt. Am nächsten Tag wird das Urteil vollstreckt.
11. 6. Der Delegationsführer des britischen Schatzamtes bei der Pariser Friedenskonferenz, John Maynard Keynes, (1883-1946) tritt in der Überzeugung zurück, daß die dem Deutschen Reich aufgezwungenen Reparationszahlungen zu einer weltweiten Finanzkatastrophe führen.
16. 6. Die Alliierten stellen dem Deutschen Reich ein auf fünf Tage befristetes Ultimatum zur Annahme des Versailler Vertrags. Einen Antrag auf Revisionsverhandlungen lehnen sie ab.Die Reichsregierung erreicht einen Aufschub des Ultimatums von zwei Tagen.
18./19. 6. In der Kabinettssitzung votieren angesichts des ablaufenden Ultimatums sieben Minister für und sieben Minister gegen die Annahme des Versailler Vertrags. Scheidemann hat sich schon vorher auf Ablehnung festgelegt.
19. 6. Rücktritt des italienischen Ministerpräsidenten Orlando. Das Parlament hat ihm wegen seines widersprüchlichen Auftretens auf der Pariser Friedenskonferenz das Mißtrauen ausgesprochen.
20. 6. Das Kabinett Scheidemann tritt zurück.
21. 6. Der Sozialdemokrat Gustav Bauer bildet eine neue Reichsregierung aus SPD und Zentrum. Die Deutsche Demokratische Partei (DDP) lehnt eine Regierungsbeteiligung zunächst ab. Die in der Bucht von Scapa Flow (Orkney-Inseln/Großbritannien) internierte deutsche Kriegsflotte wird von der eigenen Besatzung versenkt.
21./22. 6. Aus Protest gegen die Überteuerung von Lebensmitteln werden in Mannheim Geschäfte gestürmt. Bei den Auseinandersetzungen mit der Polizei werden elf Demonstranten getötet.
22. 6. Die neue Reichsregierung erklärt sich mit Billigung der Nationalversammlung zur Annahme des Versailler Vertrages bereit, falls Deutschlands Anerkennung der alleinigen Kriegsschuld gestrichen wird. Die Alliierten lehnen eine "bedingte Annahme" ab. Verschiedene deutsche Militärstellen prüfen die Chance eines bewaffneten Kampfes gegen die Alliierten.
23. 6. Die Reichsregierung sieht sich zur Annahme des Versailler Vertrags gezwungen. Man fürchtet die Folgen einer militärischen Intervention.
25. 6. Rücktritt von Generalfeldmarschall Hindenburg und Auflösung der Obersten Heeresleitung (OHL). In einem Schreiben an den Oberkommandierenden der Alliierten Streitkräfte, Marschall Ferdinand Foch, bittet Hindenburg, von der Auslieferung des Ex-Kaisers Wilhelm II. abzusehen.
28. 6. Unterzeichnung des Friedensvertrags durch das Deutsche Reich im Spiegelsaal des Versailler Schlosses, in dem 1871 Wilhelm I. zum deutschen Kaiser proklamiert worden war. Reichsaußenminister Hermann Müller (SPD) und Verkehrsminister Johannes Bell (Zentrum) unterzeichnen. Sie werden dafür von der nationalistischen Rechten attackiert.
[Text]
Die Alliierten erkennen Polen als unabhängigen Staat an und sprechen ihm große Teile der preußischen Provinzen Posen und Westpreußen zu. Über die nationale Zugehörigkeit weiterer Teile Westpreußens, Oberschlesiens und Masurens soll es eine Volksabstimmung geben.

Juli
3. 7. Die Weimarer Nationalversammlung verabschiedet die Annahme der neuen Nationalfarben Schwarz-Rot-Gold.
5. 7. Gründung des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbunds (ADGB) als Spitzenorganisation von 52 Arbeitnehmerverbänden. Erster Vorsitzender wird Legien.
8. 7. Reichsfinanzminister Matthias Erzberger (Zentrum) stellt der Weimarer Nationalversammlung die geplante Finanzreform mit der Einführung einer Einkommensteuer und eines Finanzausgleichs vor.
9. 7. Die Weimarer Nationalversammlung ratifiziert den Versailler Vertrag und die Ausführungsbestimmungen über die militärische Besetzung des Rheinlands.
12. 7. Aufhebung der Seeblockade durch die Alliierten. Der 1915 verhängten "Hungerblockade" fielen in Deutschland rund 750.000 Menschen zum Opfer.
16. 7. Das Münchner Standgericht verurteilt den Dramatiker und Münchner Rätepolitiker Ernst Toller zu fünf Jahren Festungshaft wegen Hochverrats.
19. 7. Tod des Chemikers Emil Fischer (1852-1919) in Berlin.
20. 7. In Saint-Germain übergeben die alliierten Staaten die Friedensbedingungen an Deutsch-Österreich. Staatskanzler Renner spricht sich vehement gegen die geforderte Abtretung Böhmens und Mährisch-Schlesiens aus.
23. 7. Der türkische General Kemal Atatürk erklärt die von ihm kontrollierten Gebiete der Türkei für unabhängig und eröffnet in Erzurum den ersten Nationalkongreß.
31. 7. Mit 262 Ja- zu 75 Nein-Stimmen wird die "Weimarer Verfassung" von der Nationalversammlung gegen die Stimmen von USPD, Deutschnationaler Volkspartei (DNVP) und Deutscher Volkspartei (DVP) verabschiedet. Es ist die erste parlamentarisch-demokratische Verfassung Deutschlands. Das Reich wird als parlamentarische Republik konstituiert. Der auf vier Jahre gewählte Reichstag übt die Gesetzgebung, das Budgetrecht und die Kontrolle der Exekutive aus. Als starkes Gegengewicht wird das Amt des Reichspräsidenten mit weitreichenden Befugnissen ausgestattet. Der auf sieben Jahre gewählte Reichspräsident hat das Recht zur Reichstagsauflösung. Der Artikel 48 gewährt ihm das Recht zur Verhängung des Ausnahmezustands und zum Erlaß von Notverordnungen.

August
1. 8. Zusammenbruch der Räterepublik in Ungarn. Der Revolutionäre Regierende Rat gibt seinen Rücktritt in Budapest bekannt. Ein von Vertretern der Gewerkschaften gebildetes sozialistisches Kabinett übernimmt die Regierungsgewalt.
4. 8. Auf Befehl der Alliierten besetzen rumänische und französische Truppen die ungarische Hauptstadt Budapest.
6. 8. Die Alliierten zwingen die sozialistische Regierung Ungarns zum Rücktritt und ernennen Erzherzog Joseph von Österreich (1872-1942) zum vorläufigen Staatsoberhaupt.
9. 8. Tod des Zoologen und Philosophen Ernst Haeckel in Jena.
11. 8. Reichspräsident Ebert unterzeichnet die Weimarer Reichsverfassung. Sie ist ein Kompromiß zwischen sozialistischen, bürgerlich-liberalen und konservativen Vorstellungen. Das Deutsche Reich ist eine demokratische Republik. Die Reichsgewalt ist weit stärker manifest als in der Verfassung von 1871. Der für sieben Jahre gewählte Reichspräsident kann mit dem Notverordnungsrecht des Artikels 48 zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung die Verfassung zeitweise außer Kraft setzen.
[Text]
In Berlin beginnen deutsch-polnische Verhandlungen über "politisch-rechtliche Fragen, Kriegsgefangenenfragen, wirtschaftliche und Finanzangelegenheiten" gemäß den Bestimmungen des Versailler Vertrags. Die Verhandlungen werden nach Ausbruch der Unruhen in Oberschlesien am 20. August abgebrochen.
Tod des amerikanischen Industriellen Andrew Carnegie (1835-1919) in Lenox (Massachusetts/USA).
12. 8. Übernahme der ungarischen Wehrmacht durch den früheren Konteradmiral Miklós Horthy (1868-1957). Es folgt ein blutiger "weißer" Terror. Rund 5.000 Anhänger der Räterepublik werden ermordet.
14. 8. Mit der Veröffentlichung im Reichsgesetzblatt tritt die neue deutsche Verfassung in Kraft.
20. 8. Heftige Unruhen in Oberschlesien veranlassen die polnische Regierung zum Abbruch der Verhandlungen mit der Reichsregierung über Fragen der Gebietsabtretungen.
24. 8. Tod des DDP-Vorsitzenden Friedrich Naumann in Travemünde (Schleswig- Holstein).

September
2. 9. Der französische Ministerpräsident Clemenceau fordert im Namen der Entente-Staaten das Deutsche Reich auf, den Artikel 61, Absatz 2, der Reichsverfassung zu streichen. Dieser beinhaltet die Zulassung Deutsch-Österreichs zum Reichsrat und die Gleichstellung Deutsch-Österreichs mit den deutschen Ländern.
3. 9. Italien führt das Frauenwahlrecht ein.
10. 9. Unterzeichnung des Friedensvertrags zwischen Deutsch-Österreich und den Entente-Staaten in Saint-Germain bei Paris. Österreich muß Südtirol bis zum Brenner, das Küstenland mit Görz und Triest, Istrien und Gebiete von Dalmatien an Italien abtreten. Dem Land wird ein Berufsheer mit 30.000 Mann zugestanden. Für die Lufthoheit und die Hoheit über die Wasserstraßen werden Auflagen wie im Versailler Vertrag erteilt. Gleiches gilt für Reparationszahlungen. Österreich wird ein Anschluß an das Deutsche Reich untersagt.
12. 9. Adolf Hitler besucht eine Versammlung der antisemitischen DAP und hört einen Vortrag von Gottfried Feder. Wenige Tage später tritt Hitler der DAP mit der Mitgliedsnummer 555 bei.
Der italienische Dichter und Politiker Gabriele D'Annunzio besetzt mit einem Freikorps die zwischen Italien und Kroatien umstrittene Stadt Fiume (heute: Rijeka). Die Entente-Staaten zeigten sich unschlüssig, ob sie die Stadt dem neugegründeten Staat "Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen" zusprechen sollen.
18. 9. Die Reichsregierung beschließt, den Absatz 2 des Artikels 61 der Reichsverfassung zu streichen.
26. 9. Wiederaufnahme der deutsch-polnischen Verhandlungen über die Übergabe deutscher Gebiete an Polen.
30. 9. Die Nationalversammlung tritt zu ihrer ersten Sitzung in Berlin zusammen, nachdem "Ruhe und Ordnung" in der Reichshauptstadt wiederhergestellt sind.
In Berlin wird das Theater "Die Tribüne" des Regisseurs Erwin Piscator mit dem Drama "Die Wandlung" von Ernst Toller eröffnet.

Oktober
1. 10. Gemäß den Bestimmungen des Versailler Vertrags werden die Kriegsministerien der deutschen Länder aufgelöst. Sie werden im Reichskriegsministerium unter Reichswehrminister Noske zu einer Befehlsstelle zusammengefaßt.
2. 10. Ratifikation des Versailler Vertrags durch die französische Abgeordnetenkammer. In Italien und Großbritannien wird das Vertragswerk ebenfalls im Oktober ratifiziert.
3. 10. Die Reichsregierung fordert gemäß den Bedingungen des Versailler Vertrags die noch im Baltikum stehenden deutschen Einheiten auf, das Gebiet zu räumen. Die Freiwilligenverbände kämpfen hier seit November 1918 gegen sowjetrussische Truppen. Sie folgen der Aufforderung der Reichsregierung nicht.
8. 10. Ein Arbeiter gibt mehrere Schüsse auf den USPD-Vorsitzenden Hugo Haase ab. Haase stirbt am 7. November an den Folgen des Attentats.
10. 10. Der Oberste Rat der Alliierten verhängt eine Wirtschaftsblockade über Sowjetrußland.
Gegen den Befehl der Reichsregierung kämpfen deutsche Truppen im Baltikum als "Vorhut gegen den Bolschewismus" weiter und greifen Riga an. Die alliierten Staaten sperren daraufhin die Ostsee für alle deutschen Schiffe.
Uraufführung der Oper "Die Frau ohne Schatten" von Richard Strauss in Wien.
14. 10. Die preußische Landesversammlung verabschiedet einen Gesetzentwurf zur Errichtung der Provinz Oberschlesien.
16. 10. Die österreichische Nationalversammlung in Wien ratifiziert den Vertrag von Saint Germain.
21. 10. Umbenennung von Deutsch-Österreich in Republik Österreich. Die Rote Armee unter Leo D. Trotzki zerschlägt die Truppen der weißen Gegenregierung bei Petrograd (heute: St. Petersburg). Ohne Aussicht, den "Weißen" zu helfen, zieht sich die britische Kriegsflotte in der Ostsee daraufhin nach Riga zurück.
24. 10. Unterzeichnung des deutsch-polnischen Abkommens über die militärische Räumung der an Polen abzutretenden Gebiete.
29. 10. Der US-Kongreß verabschiedet gegen das Veto des Präsidenten das Antialkoholgesetz, die "Prohibition" beginnt.
30. 10. Die Reichsregierung erklärt alle deutschen Soldaten im Baltikum, die nicht bis zum 11. November die deutsche Grenze passieren, als "fahnenflüchtig".

November
3. 11. Die alliierten Staaten fordern Deutschland auf, den noch nicht erfüllten Waffenstillstandsbedingungen nachzukommen. Dazu gehört u.a. die Ablieferung der gesamten deutschen Handelsflotte.
7. 11. Auflösung des Reichskolonialministeriums.
13. 11. Nach Aufforderung der Alliierten räumen die rumänischen Truppen die ungarische Hauptstadt Budapest.
Der Physiker Max Planck und der Chemiker Fritz Haber erhalten für ihre Forschungen den Nobelpreis.
16. 11. Bei den Wahlen zur Abgeordnetenkammer in Frankreich siegt der konservative "Nationale Block". Die Linksparteien müssen Stimmenverluste hinnehmen.
18. 11. Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff nehmen vor dem Untersuchungsausschuß des Reichstags über die Friedensmöglichkeiten im Ersten Weltkrieg Stellung. Hindenburgs Aussage, die deutsche Armee sei nicht besiegt, sondern von hinten "erdolcht" worden, begründet die Dolchstoßlegende.
Der US-Senat lehnt mit 53 zu 38 Stimmen die Ratifizierung des Versailler Vertrags ab und tritt auch nicht dem Völkerbund bei. Die Vereinigten Staaten kehren zur Politik der "splendid isolation" zurück und konzentrieren sich auf ihre primären Interessen.
25. 11. Das Deutsche Reich und Polen schließen ein Abkommen über den Abzug von Truppen aus den Teilen Westpreußens, in denen eine Volksabstimmung stattfinden soll.
27. 11. Der Friedensvertrag zwischen den Alliierten und Bulgarien wird in Neuilly-sur-Seine bei Paris unterzeichnet.
28. 11 Das Berliner Schauspielhaus mit 5.000 Plätzen wird feierlich eröffnet. Der Regisseur Max Reinhardt erhält damit das von ihm mehrfach geforderte Großtheater.
30. 11. - 6. 12. Parteitag der USPD in Leipzig. Es wird ein Aktionsprogramm verabschiedet, das eine politische Kooperation mit der SPD ausschließt. Die USPD hält an einer auf dem Rätesystem basierenden sozialistischen Demokratie fest.

Dezember
3. 12. Tod des französischen Malers und Bildhauers Auguste Renoir (1841-1919) in Cagnes-sur-Mer.
6. 12. Die Krupp-Werke liefern die erste selbst gefertigte Lokomotive aus. Der führende deutsche Rüstungsbetrieb steht im Prozeß der Umstellung von Kriegs- auf Friedenswirtschaft.
8. 12. Der Oberste Rat der Alliierten legt die neue Ostgrenze Polens fest. Die später nach dem britischen Außenminister George Curzon (1859-1925) benannte "Curzon-Linie" verläuft entlang der Flüsse Bug und Njemen. Polen erhebt Anspruch auf weiter östlich gelegene Gebiete.
16. 12. Die russische Rote Armee erobert die ukrainische Hauptstadt Kiew.
17. 12. Die Deutsche Nationalversammlung in Berlin verabschiedet das Reichsnotopfergesetz, das eine einmalige Vermögensabgabe zur Begleichung der Reichsschulden vorsieht.
19. 12. Der ehemalige Reichskanzler Scheidemann wird zum Oberbürgermeister von Kassel gewählt.
21. 12. Die niederländische Regierung erklärt, daß sie Ex-Kaiser Wilhelm II. nicht an die Alliierten ausliefern werde.
28. 12. Auf den internationalen Devisenmärkten fällt die Mark auf ihren tiefsten Stand seit Jahresbeginn.

Außerdem:
Gottfried Benn: Ithaka
Ernst Barlach: Der tote Tag (Drama)
Abel Gance (1889-1981): J'accuse (Film)
Hermann Hesse: Demian (Roman)
Karl Jaspers: Psychologie der Weltanschauungen (Philosophische Abhandlung)
Else Lasker-Schüler: Die Wupper (Drama)
Ernst Lubitsch: Madame Dubarry (Film)
Kurt Pinthus (1886-1975): Menschheitsdämmerung (Lyriksammlung)

(se/lw/mw)

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