1923
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Chronik
- Januar
- 2. - 4. 1. Auf der Konferenz der Alliierten in Paris fordern
Delegierte der britischen Regierung einen vierjährigen Zahlungsaufschub
für das Deutsche Reich. Der französische Ministerpräsident
Raymond Poincaré verlangt hingegen Zwangsmaßnahmen
wie die Besetzung des Ruhrgebiets zur Sicherstellung der Reparationsleistungen.
Die Gespräche werden wiederum ergebnislos abgebrochen.
- 3. 1. Der Wert des US-Dollars steigt auf 7.525 Mark.
- Tod
des tschechischen Schriftstellers Jaroslav Haek (1883-1923) in
Lipnice nad Sázavou (Ostböhmen).
- 4. 1. In einem Nachtrag zu seinem Testament empfiehlt der sowjetische
Regierungschef Wladimir I. Lenin der Kommunistischen
Partei die Ablösung Josef W. Stalins als Generalsekretär.
Der schwerkranke Lenin warnt vor Stalins Machtinteressen und Skrupellosigkeit.
- 9. 1. Gegen den Einspruch Großbritanniens stellt
die alliierte Reparationskommission den Rückstand der deutschen
Kohlelieferungen fest.
- 10. 1. Belgien und Frankreich informieren das Deutsche
Reich offiziell von der beabsichtigten Ruhrbesetzung. Die Besetzung
solle die Kohlelieferungen sichern und diene keinen militärischen
Zwecken.
- Besetzung des unter alliierter Verwaltung stehenden
Memelgebiets durch litauische Truppen.
- 11. 1. Französische und belgische Truppen marschieren
in das Ruhrgebiet ein.
- Veröffentlichung des religionsphilosophischen
Werks "Ich und Du" von Martin Buber in Leipzig.
- 12. 1. Die Reichsregierung stellt alle Reparationslieferungen
und Sachlieferungen an Frankreich und Belgien ein.
- 13. 1. Reichskanzler Wilhelm Cuno verkündet
im Reichstag den "passiven Widerstand" gegen die Besatzungstruppen
im Ruhrgebiet. Dazu gehört die Verweigerung jeglicher Zusammenarbeit
mit den Besatzern.
- 15. 1. Französische Truppen besetzen Bochum, Witten,
Recklinghausen und Dortmund.
- 18. 1. Der Wert des US-Dollars erreicht einen Stand von
23.000 Mark.
- 24. 1. Wegen der Weigerung, Kohle zu liefern, werden der
Zechenbesitzer Fritz Thyssen und weitere
Industrielle vom französischen Kriegsgericht in Mainz zu hohen Geldstrafen
verurteilt.
- 26. 1. Das Londoner Ultimatum der alliierten Reparationskommission
wird in Kraft gesetzt. Deutschland ist damit zu jährlichen
Zahlungen in Höhe von 3,6 Milliarden Mark verpflichtet.
- 27. - 29. 1. Erster Parteitag der Nationalsozialistischen Deutschen
Arbeiterpartei (NSDAP) in München. Innerhalb eines Jahres
ist die Mitgliederzahl der Partei von 6.000 auf 55.000 gestiegen.
- Februar
- 4. 2. Die Franzosen dehnen das Besatzungsgebiet am Rhein
weiter aus und besetzen die Städte Offenburg und Appenweier.
- Abbruch der Friedenskonferenz zwischen den alliierten
Staaten und der Türkei in Lausanne aufgrund griechisch-türkischer
Spannungen und unterschiedlicher Wirtschaftsinteressen von Frankreich
und Großbritannien.
- 6. 2. Die alliierten Staaten leisten der türkischen
Aufforderung nach Abzug der alliierten Kriegsschiffe aus dem Hafen
von Smyrna (heute: Izmir) Folge.
- 8. 2. Der nationalsozialistische "Völkische
Beobachter" wird in eine Tageszeitung umgewandelt. Hauptschriftleiter
ist Dietrich Eckart.
- Der passive Widerstand heizt die
Inflation stark an. Die Tagesproduktion der deutschen Notenpresse
soll von 45 Milliarden auf 75 Milliarden bis Ende des Monats gesteigert
werden.
- 10. 2. Tod des Physikers Wilhelm Conrad Röntgen
in München.
- 13. 2. Die deutsche Zollgrenze wird von der westlichen
Reichsgrenze an die Ostgrenze des besetzten Ruhrgebiets verlegt.
- 16. 2. Die Botschafterkonferenz der alliierten Staaten
stimmt der Übergabe des Memelgebiets an Litauen zu.
- 20. 2. Der Oberbefehlshaber der französischen Besatzungstruppen
im Ruhrgebiet erläßt ein Einreise- und Aufenthaltsverbot gegen alle
deutschen Regierungsmitglieder.
- März
- 1. 3. Die Besatzungsmächte im Ruhrgebiet drohen die Todesstrafe für Sabotageakte
und passiven Widerstand im Eisenbahntransportwesen an.
- 3. 3. Die von Reichspräsident Friedrich Ebert
erlassene Verordnung über Spionage stellt die Zusammenarbeit
mit den französischen und belgischen Besatzungsbehörden
unter hohe Zuchthausstrafe.
- Französische Truppen besetzen
die großen Eisenbahnwerkstätten von Darmstadt sowie
die Karlsruher Hafenanlagen.
- 6. 3. Der amerikanische Sportler Johnny Weissmuller (1904-1984)
schwimmt als erster Mensch die Strecke über 400 m Freistil
unter fünf Minuten (4:57).
- 10. 3. Der nationalsozialistische Publizist und Politiker
Alfred Rosenberg wird Hauptschriftleiter des NSDAP-Organs
"Völkischer Beobachter".
- 16. 3. Uraufführung des Stücks "Der Unbestechliche" von
Hugo von Hofmannsthal.
- 20. 3. Das bayerische Innenministerium lehnt einen Antrag
der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) und
der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) auf Verbot der
nationalsozialistischen Sturmabteilung (SA) ab. Diese hatte
sich mit Mitgliedern anderer Parteien Schlägereien geliefert.
- 22. 3. Der preußische Innenminister Carl Severing
(SPD) befürchtet einen Putschversuch seitens der Deutschvölkischen
Freiheitspartei (DVFP) und verfügt ein Verbot der Partei.
- 26. 3. Tod der französischen Schauspielerin Sarah
Bernhardt (1844-1923) in Paris.
- 31. 3. Französische Soldaten erschießen im
Essener Krupp-Werk dreizehn Arbeiter, die gegen die Beschlagnahmung
von werkseigenen Personenkraftwagen demonstrieren.
- April
- 4. 4. Der ehemalige Menschewikenführer Julij Martow stirbt. Er hatte mit Lenin
entscheidend am Aufbau der Sozialdemokratie in Rußland mitgewirkt.
- 7. 4. In Essen verhaftet die französische Militärpolizei
den ehemaligen Freikorpsoffizier Albert Leo Schlageter
wegen mutmaßlicher Beteiligung an einem Sprengstoffanschlag
auf die Eisenbahnstrecke Dortmund-Duisburg. Schlageter ist seit
1922 Mitglied der NSDAP.
- Durch einen deutschen Sabotageakt auf
den Rhein-Herne-Kanal wird der Abtransport von größeren
Kohlemengen beträchtlich erschwert.
- 10. 4. In Anwesenheit von Reichspräsident Ebert hält
der Reichstag eine Trauerfeier für die in Essen erschossenen Arbeiter ab.
- 16. 4. Die Reichsregierung signalisiert aufgrund der wirtschaftlichen
Folgen der Ruhrbesetzung die Bereitschaft zur Wiederaufnahme der
eingestellten Reparationsleistungen. Ihr Angebot einer Zahlung
von insgesamt 30 Milliarden Goldmark wird als indiskutabel abgelehnt.
- 20. 4. Im Berliner Großen Schauspiel von
Max Reinhardt findet die letzte Theaterinszenierung statt. Danach soll das 5.000 Plätze
bietende Haus für Operetten und Revuen genutzt werden.
- 23. 4. Die am 4. Februar abgebrochene Konferenz von Lausanne
zwischen den Alliierten und der Türkei wird fortgeführt.
- 25. 4. Das 1922 veröffentlichte satirische Mappenwerk
"Ecce Homo" von George Grosz wird wegen
"unzüchtiger Darstellungen" in Berlin beschlagnahmt.
- 27. 4. Veröffentlichung des psychoanalytischen Werks
"Das Ich und das Es" von Sigmund Freud im Internationalen
Psychoanalytischen Verlag.
- 29. 4. In Hessen wird die NSDAP wegen verfassungsfeindlicher
Bestrebungen verboten.
- 30. 4. Eine französische Untersuchung des "Essener
Blutbads" kommt zu dem Ergebnis, daß sich die französischen
Truppen im Zustand der Notwehr befunden hätten, als sie auf
die streikenden Krupp-Arbeiter schossen.
- Mai
- 1. 5. Der Aufsichtsratsvorsitzende der Firma Krupp,
Gustav
Krupp zu Bohlen und Halbach, wird im Zusammenhang mit dem
Zwischenfall im Essener Krupp-Werk von den Franzosen verhaftet.
- 8. 5. Das französische Kriegsgericht in Düsseldorf
verurteilt Gustav Krupp zu 15 Jahren Gefängnis und 100 Millionen
Mark Geldstrafe.
- 11. 5. Der US-Dollar wird mit 40.500 Mark gehandelt.
- 12. 5. Neunter Kongreß des Internationalen Frauenstimmrechtsverbands
in Rom eröffnet.
- 13. 5. Der in anderen Ländern bereits etablierte
Muttertag wird erstmals in Deutschland allgemein gefeiert.
- 15. 5. Französische Truppen besetzen die Badische
Anilin- und Sodafabrik (BASF) in Ludwigshafen sowie die Farbwerke
Hoechst.
- 17. 5. Veröffentlichung des philosophischen Werks
"Geist der Utopie" von Ernst Bloch.
- 18. 5. Der konservative britische Premierminister Andrew
Bonar Law (1858-1923) tritt wegen einer schweren Kehlkopferkrankung zurück.
Sein Nachfolger wird der bisherige Schatzkanzler Stanley Baldwin (1867-1947).
- 24.-26. 5. Gründung der Sozialistischen Jugendinternationale in Hamburg.
Erster Sekretär wird Erich Ollenhauer.
- 26. 5. Der von einem französischen Kriegstribunal wegen Geheimbündelei
und Spionage zum Tode verurteilte Schlageter wird hingerichtet. Dies löst in Deutschland
zahlreiche Proteste aus. Da sich Kommunisten und Nationalsozialisten auch gemeinsam am Widerstand
mit Sabotageakten beteiligen, wird in Teilen beider Parteien über eine Zusammenarbeit nachgedacht.
- 26./27. 5. In Le Mans findet das erste 24-Stunden-Rennen statt.
- 29. 5. Ein von Kommunisten initiierter Bergarbeiterstreik
im besetzten Ruhrgebiet wird nach neun Tagen beendet. Hunderttausende
von Arbeitern streikten erfolgreich für eine 50prozentige
Lohnerhöhung als Inflationsausgleich
- Juni
- 7. 6. In einer Denkschrift an die alliierten Staaten erklärt
die Reichsregierung ihre Bereitschaft zur Leistung der jährlichen
Reparationszahlungen. Die Leistungsfähigkeit der deutschen
Wirtschaft soll von einem internationalen Gremium überprüft
werden. Frankreich und Belgien fordern vorab die Einstellung des
passiven Widerstands, was die Reichsregierung ablehnt.
- 8. 6. Die Lehrerin und Frauenrechtlerin Helene Lange
erhält die Ehrendoktorwürde der Staatswissenschaften
der Universität Tübingen.
- 10. 6. Die Überführung der Leiche Schlageters
in seinen Geburtsort Schönau (Baden) nehmen die NSDAP und
vaterländische Verbände zum Anlaß, Schlageter-Gedächtnisfeiern
abzuhalten.
- Neuer Deutscher Fußballmeister wird der Hamburger
SV durch einen 3:0-Sieg über Union Oberschöneweide.
- 13. 6. Der US-Dollar erreicht einen Wechselkurs von 100.000 Mark.
- 16. 6. Der russisch-orthodoxe Patriarch von Moskau gibt eine Loyalitätserklärung
für den Sowjetstaat ab und wird aus der Haft entlassen.
- 19. 6. Die Kriegsschulden Großbritanniens an die
USA werden auf 4,6 Milliarden Dollar festgelegt.
- 20. 6. In einer Rede vor der Kommunistischen Internationale
(Komintern) in Moskau würdigt Karl Radek, sowjetisches
Präsidiumsmitglied der Komintern, den hingerichteten Schlageter
als "mutigen Konterrevolutionär". Er beabsichtigt
einen Brückenschlag zum rechten Radikalismus.
- 27. 6. Papst Pius XI. (1857-1939) empfiehlt in einem Offenen
Brief an die Gläubigermächte eine Überprüfung
der deutschen Reparationsverpflichtungen.
- Juli
- 4. 7. Veröffentlichung des Buchs "Michael Bakunin
und die Anarchie" von Ricarda Huch im Insel-Verlag
Leipzig.
- 6. 7. Nach Billigung durch das sowjetische Zentralexekutivkomitee
tritt die erste Verfassung der UdSSR in Kraft.
- 9. 7. In Lausanne einigen sich die alliierten Staaten
und die Türkei über die Räumung der von britischen
Truppen besetzten Stadt Konstantinopel (heute: Istanbul).
- 11. 7. Die Reichsregierung veröffentlicht eine Bilanz
der Ruhrbesetzung: 80.000 französische und 7.000 belgische
Soldaten sind stationiert, 17.000 Eisenbahner aus beiden Länder
verrichten die Arbeit ihrer ausgewiesenen deutschen Kollegen,
92 Menschen wurden bisher getötet und über 70.000 ausgewiesen.
- 13. 7. Der wegen seiner Teilnahme am Putsch von Walther von Lüttwitz
in Untersuchungshaft einsitzende ehemalige Freikorpsführer
Hermann Ehrhardt flieht aus dem Leipziger
Untersuchungsgefängnis. Die Flucht Ehrhardts, der auch zu den Hintermännern
der Morde an Matthias Erzberger und Walther Rathenau zählt, wird von der
politischen Rechten begrüßt.
- 14. 7. Die NSDAP nutzt das 13. Deutsche Turnfest in München
zu einer Großkundgebung. Adolf Hitler fordert die
Wiederherstellung der "deutschen Ehre und Freiheit"
sowie die Außerkraftsetzung des Versailler Vertrags.
Die anschließende Demonstration der NSDAP wird von der Polizei
gesprengt.
- 18. 7. Die italienische Regierung legt ein Programm zur "Entnationalisierung"
von Südtirol vor: Fast alle deutschen Ortsnamen werden durch italienische ersetzt, Amts- und
Unterrichtssprache wird Italienisch. Deutsche und Österreicher erhalten nur noch eine dreimonatige
Aufenthaltserlaubnis, während die Ansiedlung von Italienern gefördert wird.
- 24. 7. Friedensvertrag von Lausanne zwischen Griechenland
und der Türkei. Griechenland verzichtet auf das türkische
Festland.
- 30. 7. Der Wert des US-Dollar überschreitet die Eine-Million-Mark-Grenze.
- August
- 2. 8. Der US-Präsident Warren G. Harding (1865-1923)
stirbt in San Francisco an einem Schlaganfall. Sein Nachfolger
wird der bisherige Vizepräsident Calvin Coolidge (1872-1933).
- 8. - 10. 8. Während der Reichstagsdebatten fordern
Sprecher der bürgerlichen Mitte einen Kurswechsel in der
deutschen Ruhrpolitik.
- 8. 8. Reichskanzler Cuno bekennt sich trotz wachsender
Kritik zum passiven Widerstand. Er macht die Fortführung
seiner Regierung jedoch von einem Vertrauensvotum des Reichstags
abhängig.
- 10. 8. Reichspräsident Ebert erläßt eine
Notverordnung zum Schutz der öffentlichen Ordnung, die den
Reichsinnenminister ermächtigt, verfassungsfeindliche Druckschriften
zu verbieten.
- 11. 8. In einer Note an Frankreich und Belgien verurteilt
Großbritannien die Ruhrbesetzung als rechtswidrig.
- 12. 8. Reichskanzler Cuno verliert die parlamentarische
Unterstützung für seine Politik und tritt zurück.
- 13. 8. Gustav Stresemann wird als neuer Reichskanzler
und Außenminister vereidigt. Er bildet eine Große
Koalition von DVP, DDP, Zentrum und SPD.
- 15. 8. In Weimar wird die erste Bauhaus-Ausstellung
mit einem Vortrag des Architekten Walter Gropius eröffnet.
Die Lehrenden, unter ihnen Wassiliy Kandinsky,
Paul Klee und
Lyonel Feininger, stellen eine Auswahl ihrer Arbeiten vor.
- 23. 8. Die türkische Nationalversammlung ratifiziert
den Friedensvertrag von Lausanne. Daraufhin beginnen die Alliierten
mit der Räumung Konstantinopels.
- September
- 7. 9. In New York wird der US-Dollar mit 53 Millionen Mark
gehandelt.
- 13. 9. Errichtung einer Militärdiktatur in Spanien
unter General Miguel Primo de Rivera (1870-1930). Es gibt
keinen offenen Widerstand gegen den Staatsstreich, der auch von
König Alfons XIII. (1886-1941) unterstützt wird.
- 16. 9. In Köln-Müngersdorff wird das bislang
größte Stadion Europas eingeweiht. Es faßt 80.000
Zuschauer.
- 17. 9. Der US-Dollar steht bei 200 Millionen Mark.
- 19. 9. In Leipzig hat das Theaterstück "Hinkemann"
von Ernst Toller Premiere.
- 21. 9. Im besetzten Rheinland beginnt die Rheinlandkommission
mit der Ausgabe von Notgeld.
- 24. 9. Angesichts der finanziellen Misere stimmen mit
Ausnahme der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) alle
großen Parteien dem Vorschlag Reichskanzler Stresemanns
über die Beendigung des passiven Widerstands im Rheinland
zu.
- 26. 9. In Berlin kostet ein Laib Brot 10,37 Millionen
Mark; ein Kilo Rindfleisch wird für 76 Millionen Mark verkauft.
- Reichskanzler Stresemann gibt den Abbruch des passiven Widerstands
und die Wiederaufnahme von Reparationslieferungen bekannt.
- In der "Ordnungszelle"
Bayern reagiert die Regierung auf Gerüchte über einen
bevorstehenden Putsch mit der Verhängung des Ausnahmezustands.
Der republikfeindlich eingestellte Gustav Ritter von Kahr
wird zum bayerischen Generalstaatskommissar ernannt und erhält
diktatorische Vollmachten. Daraufhin befürchtet die Reichsregierung
einen bayerischen Rechtsputsch gegen Berlin. Reichspräsident
Ebert verhängt den Ausnahmezustand über das gesamte
Deutsche Reich.
- 28. 9. Reichswehrminister Otto Geßler verbietet
Druck und Vertrieb des "Völkischen Beobachters"
wegen eines Reichskanzler Stresemann verunglimpfenden Artikels.
- Oktober
- 1. 10. Reichskanzler Stresemann fordert zur Überwindung
der Wirtschaftskrise ein Ermächtigungsgesetz zur Beschleunigung
von Gesetzgebungsverfahren. Da die SPD ihre Zustimmung verweigert,
kommt es zur Regierungskrise.
- 2. 10. Für einen US-Dollar werden 242 Millionen Mark
gezahlt.
- 3. 10. Rücktritt der Regierung. Stresemann wird erneut
mit der Regierungsbildung betraut.
- 6. 10. Die SPD lenkt in der Frage des Ermächtigungsgesetzes
ein. Die neue Reichsregierung der bisherigen Koalitionsparteien
SPD, DDP, DVP und Zentrum wird vereidigt. Hans Luther (parteilos)
löst als neuer Finanzminister Rudolf Hilferding (SPD)
ab.
- 8. 10. Eröffnung des neuen Flughafens auf der Tempelhofer
Feld in Berlin.
- 9. 10. Gründung der Preußischen Bergwerks-
und Hütten-AG (Preussag AG).
- 10. 10. Der Wert des US-Dollars springt auf 2,9 Milliarden
Mark.
- In Sachsen wird eine Koalitionsregierung aus SPD und KPD
gebildet. Die Reichsregierung sieht sich nun auch von einem kommunistischen
Umsturzversuch bedroht.
- 11. 10. Reichswehrminister Geßler verbietet das
kommunistische Zentralorgan "Die Rote Fahne", weil sie
zur Vorbereitung eines Generalstreiks aufgerufen hat.
- 13. 10. Der Reichstag verabschiedet das Ermächtigungsgesetz.
- Der Reichswehrbefehlshaber in Sachsen verbietet
die proletarischen Kampfverbände (Proletarische Hundertschaften).
Der kommunistische Finanzminister ruft zur Bewaffnung der Proletarischen Hundertschaften auf.
- 16. 10. Die Reichsregierung gibt die Errichtung der Deutschen
Rentenbank bekannt. Damit sind die Voraussetzungen für den
Übergang zur Rentenmark geschaffen.
- Ebenso wie in Sachsen wird in Thüringen eine Koalitionsregierung
von SPD und KPD gebildet.
- 18. 10. Die rechtsgerichtete bayerische Regierung bricht
die Beziehungen zur sächsischen Regierung ab.
- 19. 10. Der US-Dollar kostet 12 Milliarden Mark.
- 20. 10. Der bayerische Reichswehrkommandeur, General Otto
von Lossow (1863-1938), weigert sich, das Verbot des "Völkischen
Beobachters" auszuführen und wird von Reichspräsident
Ebert seines Amtes enthoben. Die bayerische Staatsregierung hält
die Amtsenthebung für rechtswidrig und unwirksam.
- 21. 10. In Aachen rufen Separatisten eine unabhängige
Rheinische Republik aus. Vier Tage später proklamieren Separatistenführer
die Errichtung der Unabhängigen Rheinischen Republik. Ihr
Vorhaben scheitert am 16. November am Widerstand der Bevölkerung
und der Regierung.
- 22. 10. Auf Weisung von Reichswehrminister Geßler
rücken Reichswehrtruppen in Sachsen ein. Die KPD hatte gemeinsam
mit den linksgerichteten SPD-Landesverbänden den Widerstand
gegen die Reichsregierung proklamiert.
- 23. 10. In Hamburg wird ein Aufstand der Kommunisten unter
Führung von Ernst Thälmann durch die Polizei
blutig niedergeschlagen.
- 24. 10. General Lossow, Kommandeur der 7. bayerischen
Reichswehrdivision, unterbreitet hohen bayerischen Militärs
seine gegen Berlin gerichteten Putsch- und Diktaturpläne.
- In Berlin wird der erste Tonfilm in Deutschland vorgeführt:
"Das Leben auf dem Dorfe" ist wochenlang ausverkauft.
- 29. 10. Reichspräsident Ebert ermächtigt die
Reichsregierung zur Reichsexekutive gegen Sachsen. Die sächsische
SPD/KPD-Regierung wird abgesetzt.
- Erste deutsche Radiosendung
in Berlin.
- Die türkische Nationalversammlung erklärt
die Türkei zur Republik. Kemal Atatürk
wird Staatspräsident. Zu seiner Modernisierungspolitik gehören
auch Alphabetisierungs- und Frauenemanzipationskampagnen.
- 30. 10. Tod des britischen Politikers Andrew Bonar Law
in London.
- November
- 1. 11. Die SPD verlangt ein schärferes Vorgehen der
Reichsregierung gegen Bayern sowie die Einstellung der Maßnahmen
gegen Sachsen.
- 2. 11. Da Reichskanzler Stresemann die Forderungen der
SPD nicht akzeptiert, kommt es zum Bruch der Koalition. Die SPD-Minister
treten zurück. Die Minister der übrigen Parteien bleiben
als Rumpfkabinett im Amt.
- 5. 11. Reichswehrtruppen rücken in Thüringen
ein. Wie in Sachsen hatte die KPD zum Widerstand gegen die Reichsregierung
aufgerufen.
- 8./9. 11. Hitler-Putsch: Adolf Hitler verkündet
im Münchener Bürgerbräukeller die "nationale
Revolution", erklärt die bayerische Regierung für
abgesetzt und proklamiert den "Marsch auf Berlin". Die
Landespolizei schlägt an der Münchener Feldherrnhalle
den Putsch gewaltsam nieder. Die NSDAP wird verboten.
- 9. 11. Reichspräsident Ebert überträgt
General Hans von Seeckt die vollziehende Gewalt.
- Der deutsche
Rundfunk sendet erstmals politische Nachrichten.
- 11. 11. Hitler wird verhaftet.
- Der US-Dollar steht bei
631 Milliarden Mark.
- 12. 11. In Thüringen veranlaßt die Landesregierung
den Rücktritt der beiden kommunistischen Minister. Mit der
Preisgabe der am 16. Oktober gebildeten Koalition von SPD und
KPD wird die drohende Absetzung der Landesregierung verhindert.
- Reichspräsident Ebert ernennt den Bankier Hjalmar Schacht
zum Reichswährungskommissar.
- 14. 11. Mit einem neuen Wahlgesetz sichern sich die italienischen
Faschisten die notwendige Mehrheit für Verfassungsänderungen im Parlament:
Die stärkste der Parteien mit mehr als 25 Prozent der Stimmen soll
zwei Drittel der Mandate erhalten.
- 16. 11. Die Deutsche Rentenbank beginnt mit der Ausgabe
der neuen Rentenmark (Währungsreform). Für eine Billion Mark wird eine Rentenmark
ausgezahlt.
- In Berlin wird Charles Chaplins "The
Kid" als erster abendfüllender Spielfilm gezeigt.
- 20. 11. Für alle Börsen wird ein Kurs von 4,2
Rentenmark für einen US-Dollar festgelegt.
- 23. 11. Im Reichstag bringt die SPD wegen des unterschiedlichen
Verhaltens der Reichsregierung gegen Bayern und Sachsen ein Mißtrauensvotum
ein. Die DNVP spricht ein eigenes Mißtrauensvotum aus. Stresemann
stellt die Vertrauensfrage und unterliegt. Er tritt zurück.
- General von Seeckt erläßt ein reichsweites Verbot
der NSDAP, der DVFP und der KPD.
- 28. 11. Wilhelm Marx (Zentrum) bildet die neue
Regierung als bürgerliches Minderheitskabinett von Zentrum,
DVP und DDP. Stresemann bleibt Außenminister.
- 30. 11. Einberufung eines internationalen Sachverständigenausschusses
zur Untersuchung der deutschen Zahlungsfähigkeit unter dem
Vorsitz des amerikanischen Finanzfachmanns Charles G. Dawes.
- Dezember
- 4. 12. Reichskanzler Marx fordert zur Behebung der katastrophalen
wirtschaftlichen Lage ein Ermächtigungsgesetz und die Übertragung
der gesetzgebenden Gewalt vom Reichstag auf die Reichsregierung.
- 6. 12. Bei den Parlamentswahlen in Großbritannien
gewinnen die oppositionellen Parteien (Liberale Partei und Labour
Party) 91 Mandate. Die regierenden Konservierenden verlieren die
absolute Mehrheit der Mandate.
- 8. 12. Reichskanzler Marx fordert das Ermächtigungsgesetz
vehement und droht mit einer Reichstagsauflösung. Mit Unterstützung
der SPD verabschiedet der Reichstag das Ermächtigungsgesetz.
- Skandale um die Uraufführungen von Bertolt Brechts
Stück "Baal" in Leipzig.
- 10. 12. Medizin-Nobelpreis an die Kanadier Frederick Grant
Banting (1891-1941) und John Macleod (1876-1935) für die Isolierung des
Insulins. Die Entscheidung ruft Protest hervor, da Macleod lediglich
sein Labor zur Verfügung gestellt haben soll. Der an der
Isolierung von Insulin maßgeblich beteiligte Physiologiestudent
Charles Herbert Best (1899-1978) hingegen bleibt bei der Ehrung unberücksichtigt.
- 15. 12. Tod des französischen Ingenieurs und Architekten
Gustave Eiffel (1832-1932) in Paris.
- 22. 12. Der Reichskommissar für Währungsangelegenheiten
Schacht wird zum Nachfolger des verstorbenen Reichsbankpräsidenten
Rudolf Havenstein (1857-1923) ernannt.
- 23. 12. Durch die von Reichsarbeitsminister Heinrich Brauns erlassene Verordnung zur Arbeitszeit wird der Achtstundenarbeitstag
faktisch außer Kraft gesetzt. Durch zahlreiche Ausnahmebestimmungen
zur Verlängerung der Arbeitszeit soll die wirtschaftliche
Krise überwunden werden.
- Außerdem:
- Knut Hamsun (1859-1952): Das letzte Kapitel (Roman)
- Heinrich Mann: Diktatur der Vernunft (Roman)
- Thomas Mann:
Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull (Roman)
- Arthur Moeller van den Bruck:
Das Dritte Reich (Politisch-spekulative Abhandlung)
- Rainer Maria Rilke:
Duineser Elegien (Gedichtzyklus)
- Felix Salten (1869-1945): Bambi (Tiererzählung)
(se/lw/mw)
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