1932

[Plakat: Wahlwerbung für die SPD

[Zeitschrift: John Heartfield

[Statistik: Reichstagswahl 31.07.1932]

[Statistik: Reichstagswahl 06.11.1932]

 

Chronik





 
 
Januar
3. 1. Auf Anordnung der britischen Kolonialbehörden wird der Führer der indischen Unabhängigkeitsbewegung "Mahatma" Gandhi (1869-1948) in Bombay verhaftet. Seine Unabhängigkeitspartei hat den Boykott britischer Waren proklamiert.
6. 1. Reichskanzler Heinrich Brüning (Zentrum) erklärt gegenüber den Botschaftern Frankreichs und Großbritanniens, daß Deutschland auch nach Ablauf des "Hoover-Moratoriums" keine Reparationszahlungen mehr leisten könne.
7. 1. Der Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD), Otto Wels, äußert sich in einer Unterredung mit Reichskanzler Brüning skeptisch zu dessen Plänen, die Amtszeit des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg auf Lebenszeit zu verlängern.
11. 1. Bei den Gemeindewahlen in Lippe (Westfalen) wird die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) mit 31, 4 Prozent der Stimmen stärkste Partei vor der SPD mit 28,6 Prozent.
15. 1. Tod des Reformpädagogen Georg Kerschensteiner (1854-1932) in München.
19. 1. In Berlin hindern nationalsozialistische Studenten jüdische Kommilitonen am Betreten der Hörsäle. Vier jüdische Studenten werden verletzt.
200 Mitglieder der Sturmabteilung (SA) sprengen eine Parteiversammlung der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD). Bei den Auseinandersetzungen werden zwei Kommunisten getötet.
21. 1. Finnland und die Sowjetunion unterzeichnen einen Nichtangriffspakt, in dem die UdSSR sich zur Respektierung der finnischen Grenzen verpflichtet.
24. 1. Der Jesuitenorden wird von der spanischen Regierung verboten. Seine Mitglieder werden des Landes verwiesen und die Besitztümer des Ordens beschlagnahmt.
27. 1. Vor dem Düsseldorfer Industrieclub erklärt Adolf Hitler (NSDAP), die Überwindung des parlamentarischen Systems sei die wichtigste Voraussetzung zur Beseitigung der wirtschaftlichen Krise. Die Mehrheit der anwesenden Wirtschaftsführer nimmt die Rede mit Zustimmung auf.
29. 1. Reichswehrminister Wilhelm Groener (parteilos) erläßt eine Verordnung, die Nationalsozialisten, nicht aber Kommunisten, den Eintritt in die Reichswehr erlaubt.
Bei Übergriffen nationalsozialistischer Uniformierter an der Wiener Universität werden mehrere jüdische Studierende verletzt.
 
Februar
2. 2. - 10. 12. Beginn einer internationalen Abrüstungskonferenz des Völkerbunds in Genf. Brüning fordert die Aufhebung der Entwaffnungsbestimmungen des Versailler Vertrags. Am 10. Dezember unterzeichnen das Deutsche Reich, die USA, Großbritannien, Frankreich und Italien eine Erklärung, die dem Deutschen Reich in Rüstungsfragen einen gleichberechtigten Status zugesteht.
4.-15. 2. In Lake Placid (USA) finden die III. Olympischen Winterspiele statt. Es nehmen lediglich sieben Nationen mit kleinen Mannschaften teil.
8. 2. Auf der Abrüstungskonferenz in Genf fordert der britische Außenminister John Simon (1873-1954) ein Verbot von Luftangriffen, die Abschaffung chemischer Waffen und die Abrüstung von U-Booten.
10. 2. Tod des britischen Schriftstellers Edgar Wallace (1875-1932) in Hollywood.
11. 2. In Genf fordert der sowjetische Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten, Maxim M. Litwinow (1876-1951), ein Verbot von Panzern und schwerer Artillerie.
15. 2. Nach Angaben des Reichsarbeitsministeriums sind in Deutschland 6,127 Millionen Menschen arbeitslos. Jeder dritte Arbeitnehmer ist ohne Beschäftigung. Die katastrophale wirtschaftliche Lage der meisten Arbeitslosen und Kurzarbeiter führt zu zunehmender Unzufriedenheit mit der Republik.
Reichspräsident Paul von Hindenburg erklärt seine Bereitschaft zu einer erneuten Kandidatur bei den Reichspräsidentenwahlen im März.
16. 2. Uraufführung des Stücks "Vor Sonnenuntergang" von Gerhart Hauptmann in Berlin.
22. 2. Der NSDAP-Gauleiter von Berlin-Brandenburg, Joseph Goebbels, verkündet die Kandidatur Hitlers für die Reichspräsidentenwahl.
24. 2. Im Vorfeld der Reichspräsidentenwahl führt die NSDAP ein neues Propagandamittel ein: Rund 50.000 Schallplatten mit Reden Hitlers werden in mehreren Städten verteilt.
25. 2. Die Regierung von Braunschweig ernennt Hitler zum Regierungsrat ihrer Gesandtschaft in Berlin. Dadurch erhält er die deutsche Staatsbürgerschaft. Sie ist für die Kandidatur zur Reichspräsidentenwahl notwendig.
In Berlin treten rund 12.000 Gastwirte in einen "Bierstreik", um die Herabsetzung der Biersteuer zu erwirken.
26. 2. Im Reichstag scheitert ein von der NSDAP, der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) sowie der Deutschen Volkspartei (DVP) eingebrachtes Mißtrauensvotum gegen die Wirtschaftspolitik Brünings.
27. 2. Die SPD ruft ihre Mitglieder auf, bei der Reichspräsidentenwahl für Hindenburg zu stimmen.
29. 2. Das "Deutsche Kreditübereinkommen für 1932" tritt in Kraft: Am 23. Januar hatten sich die ausländischen Gläubigerbanken auf die einjährige Stundung sämtlicher Verbindlichkeiten des Deutschen Reichs geeinigt. Die deutschen Auslandsschulden belaufen sich auf 22,9 Milliarden Reichsmark.
 
März
1. 3. Die paramilitärische Organisation "Volkssport" der Sudetendeutschen wird unter dem Vorwurf staatsfeindlicher Aktivitäten vom tschechoslowakischen Innenministerium verboten. Die Anhänger des "Volkssport" fordern den Anschluß der sudetendeutschen Gebiete an das Deutsche Reich.
2. 3. In New Jersey wird das 20 Monate alte Kind des Atlantikfliegers Charles A. Lindbergh (1902-1974) entführt. Obwohl die Eltern das geforderte Lösegeld zahlen, wird das Baby am 12. Mai tot aufgefunden. In den USA erregt die Entführung großes Interesse.
4. 3. Der deutsche Passagierdampfer "Bremen" erringt das "Blaue Band" für die schnellste Atlantiküberquerung (4 Tage und 17 Stunden).
7. 3. Tod des ehemaligen französischen Ministerpräsidenten und Außenministers Aristide Briand in Paris.
13. 3. Beim ersten Wahlgang zur Reichspräsidentenwahl kann keiner der Kandidaten die erforderliche absolute Mehrheit der Stimmen auf sich vereinen. Der amtierende Reichspräsident Hindenburg erhält 49,6 Prozent, Hitler 30,1 Prozent und Ernst Thälmann (KPD) 4,98 Prozent der Stimmen. Der zweite Wahlgang wird auf den 10. April festgesetzt.
Bei den Landtagswahlen in Mecklenburg-Strelitz erringt die DNVP elf Mandate und ist stärkste Partei vor der SPD und der NSDAP.
20. 3. Das Luftschiff LZ 127 "Graf Zeppelin" nimmt den regelmäßigen Luftfahrtdienst nach Südamerika auf.
24. 3. Uraufführung des Films "Das blaue Licht" von Leni Riefenstahl in Berlin.
29. 3. Hindenburg erläßt eine Notverordnung, mit der die Reichsregierung ohne die Zustimmung des Reichstags die Haushaltsführung für weitere drei Monate regeln kann.
31. 3. Die Filmprüfstelle in Berlin verbietet die Freigabe des sozialkritischen Films "Kuhle Wampe" von Slatan Dudow (1903-1963) und Bertolt Brecht wegen "Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung".
 
April
4. 4. Tod des Chemikers und Philosophen Wilhelm Ostwald (1853-1932) in Großbothen.
9. 4. Reichsbankpräsident Hans Luther wird bei einem Attentat durch einen Streifschuß leicht verletzt.
10. 4. Bei der Reichspräsidentenwahl erhält Hindenburg im zweiten Wahlgang 53 Prozent der Stimmen und ist damit neuer Reichspräsident. Hitler kommt auf 36,8 Prozent, Thälmann auf 10,2 Prozent der Stimmen.
13. 4. Auf Grundlage der von Hindenburg erlassenen Notverordnung "zur Sicherung der Staatsautorität" verbietet Brüning SA und Schutzstaffel (SS). Die Regierung befürchtet einen Putschversuch der rechtsradikalen Organisationen.
15. 4. Die Reichsregierung billigt eine weitere Million Reichsmark für mehrere Arbeitsbeschaffungsprogramme. Die Gesamthöhe der Summe, mit der die Regierung für den "freiwilligen Arbeitsdienst" aufkommt, beträgt im Juli 55 Millionen Reichsmark. 66.000 Arbeitslose werden für durchschnittlich 2 RM pro Tag beschäftigt. Die von Staat und Gemeinden gewährte Arbeitslosenunterstützung beträgt 1,80 RM pro Tag.
18. 4. Die Sowjetunion verstärkt ihre Truppen an der Grenze zur Mandschurei als Reaktion auf den Aufmarsch japanischer Einheiten.
22. 4. Der Theaterregisseur Max Reinhardt tritt aus gesundheitlichen Gründen von seinem Amt als Leiter des Deutschen Theaters in Berlin zurück.
23. 4. In der Sowjetunion werden Zwangsverbände für Künstler zur Durchsetzung des "sowjetischen Realismus" eingerichtet.
24. 4. Bei den Landtagswahlen in Preußen, Bayern, Württemberg und Anhalt sowie den Bürgerschaftswahlen in Hamburg kommt es zu Stimmengewinnen der NSDAP. Außer in Bayern, wo die Bayerische Volkspartei (BVP) einen knappen Stimmenvorsprung hat, wird die NSDAP überall stärkste Fraktion. Auch die Koalitionsregierung in Preußen unter Otto Braun (SPD) verliert ihre Mehrheit.
Bei den Wahlen in den österreichischen Bundesländern Wien, Niederösterreich und Salzburg erringen die österreichischen Nationalsozialisten erhebliche Stimmengewinne.
 
Mai
1. 5. In mehreren deutschen Großstädten kommt es während der Maifeiern zu schweren Auseinandersetzungen zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten.
6. 5. Nach einem verlorenen Mißtrauensvotum tritt die österreichische Regierung unter Bundeskanzler Karl Buresch (1878-1936) zurück. Buresch scheiterte vor allem an der mangelnden Unterstützung der "Großdeutschen Partei", die für den Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich eintritt.
7. 5. Der französische Staatspräsident Paul Doumer (1857-1932) stirbt an den Folgen eines Attentats. Am Tag zuvor hatte ein Rechtsextremist mehrere Schüsse auf ihn abgegeben. Sein Nachfolger wird Albert Lebrun (1871-1950).
8. 5. Uraufführung des Films "Scarface" von Howard Hawks (1896-1977) in New York. Im Mittelpunkt der Handlung steht das Leben des Gangsterbosses Al Capone (1899-1947).
10. 5. Reichswehrminister Groener verteidigt im Reichstag das Verbot von SA und SS. Die NSDAP-Fraktion antwortet mit wüsten Beschimpfungen. Groeners engster Mitarbeiter Generalmajor Kurt von Schleicher erklärt, Groener sei für die Führung der Reichswehr untragbar geworden. Bereits seit Anfang Mai plant Schleicher den Sturz von Brüning und Groener.
11. 5. Nach Angaben des Statistischen Reichsamts ist die industrielle Weltproduktion auf den Stand von 1913 gesunken.
12. 5. Auf Druck der Generalität und des Chefs des Ministeramts der Reichswehr, Kurt von Schleicher, tritt Reichswehrminister Groener zurück.
20. 5. In Österreich bildet der ehemalige Landwirtschaftsminister Engelbert Dollfuß eine neue Koalitionsregierung aus der Christlichsozialen Partei, dem "Landbund" und dem rechtsgerichteten "Heimatblock".
21. 5. Der Landtag von Anhalt wählt in Dessau den Nationalsozialisten Alfred (Bernard) Freyberg (1892-1945) zum Ministerpräsidenten. Freyberg ist der erste nationalsozialistische Ministerpräsident eines deutschen Landes.
29. 5. Bei den Landtagswahlen in Oldenburg erringt die NSDAP die absolute Mehrheit.
Reichspräsident Hindenburg fordert Brüning zum Rücktritt auf. Anlaß dieses Vertrauensentzugs ist Hindenburgs von großagrarischen Interessen geprägter Widerstand gegen Brünings Ostsiedlungsprogramm, das die Enteignung ostelbischer Güter zum Zwecke der Besiedlung durch Arbeits- und Landlose vorsieht.
30. 5. Das Kabinett Brüning gibt seinen Rücktritt bekannt.
Nach der Entfernung einiger regierungskritischer Szenen erfolgt die Freigabe des Films "Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt" von Slatan Dudow (1903-1963). Die Filmmusik stammt von Hanns Eisler.
31. 5. Auf Vorschlag Schleichers beauftragt Hindenburg Franz von Papen (Zentrum) mit der Regierungsbildung. Papen bildet ein Präsidialkabinett. In diesem "Kabinett der Barone" werden sieben der elf Ressorts von überwiegend deutschnationalen Adligen geleitet. Schleicher übernimmt das Reichswehrministerium.
 
Juni
3. 6. Reichskanzler Papen tritt aus dem Zentrum aus und kommt damit dem Parteiausschluß zuvor. Die Partei kritisiert Papen für seine Beteiligung am Sturz des früheren Reichskanzlers Brüning.
4. 6. Das Kabinett Papens wird nur von den Deutschnationalen (DNVP) unterstützt, die NSDAP sagt die Tolerierung nach Rücknahme des SA- und SS-Verbots zu. Auf Antrag Papens löst der Reichspräsident den Reichstag auf und schreibt Neuwahlen für den 31. Juli aus.
Die Automobilfirmen DKW, Horch, Audi und Wanderer schließen sich zur Auto-Union GmbH mit Sitz in Chemnitz zusammen. Als Markenzeichen erhält die neue Firma vier ineinandergreifende Ringe.
5. 6. Bei den Landtagswahlen in Mecklenburg-Schwerin erringt die NSDAP die Hälfte der Mandate.
8. 6. Nach Angaben des Statistischen Reichsamts ist die Zahl der Arbeitslosen auf rund 5,5 Millionen gefallen.
10. 6. Der Roman "Kleiner Mann - Was nun?" von Hans Fallada erscheint im Rowohlt Verlag.
12. 6. Mit einem 2:0-Sieg über Eintracht Frankfurt wird der FC Bayern München Deutscher Fußballmeister.
13. 6. Reichsinnenminister Wilhelm Freiherr von Gayl (1879-1950) erläßt eine Verordnung, nach der die Reichsregierung täglich eine Stunde Sendezeit im Rundfunk erhält.
14. 6. In der ersten Rundfunkrede eines Nationalsozialisten, die auf Anweisung der Reichsregierung übertragen wird, verkündet der Reichsorganisationsleiter der NSDAP, Gregor Strasser: "Wir wollen keine Judenverfolgung, aber deutsche Führung ohne jüdischen Geist. (...) Wir scheuen den Krieg als letztes Mittel nicht und verlangen (...) die Wiederherstellung der deutschen Ehre."
16. 6. - 9. 7. Internationale Konferenz zur Regelung der Reparationen in Lausanne. Das Deutsche Reich wird verpflichtet, nur noch eine Abschlußzahlung in Höhe von drei Milliarden Reichsmark zu zahlen. Restzahlungen sowie die Tilgung der Dawes- und der Young-Anleihe bleiben dagegen bestehen.
20. 6. Im "Benelux-Abkommen" beschließen die Delegierten der Niederlande, Belgiens und Luxemburgs den Abbau der Zollschranken. Die europäischen Staaten werden aufgefordert, sich dem Abkommen anzuschließen, um so die wirtschaftliche Krise zu überwinden.
21. 6. Max Schmeling verliert in New York seinen Titel als Boxweltmeister nach einem Kampf über 15 Runden .
29. 6. Per Notverordnung werden das Versammlungsverbot sowie das Verbot des Tragens von Uniformen bei politischen Versammlungen gelockert.
 
Juli
8. 7. Der französische Senat lehnt einen Antrag auf Gewährung des aktiven und passiven Wahlrechts für Frauen mit großer Mehrheit ab.
15. 7. Der Völkerbund beschließt als Finanzhilfe für Österreich eine 300 Millionen Schilling hohe Anleihe.
17. 7. In mehreren Städten kommt es zu Zusammenstößen zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten. Den ersten Höhepunkt der bürgerkriegsähnlichen Kämpfe nach Wiederzulassung der SA bildet der "Altonaer Blutsonntag": Die SA provoziert gezielt Straßenkämpfe mit Kommunisten. Bei den Schießereien sterben 18 Menschen.
18. 7. Die Reichsregierung erläßt ein Verbot aller Demonstrationen unter freiem Himmel.
20. 7. "Preußenschlag": Durch Notverordnung und unter Ausrufung des militärischen Ausnahmezustands wird die geschäftsführende preußische Regierung unter Otto Braun (SPD) für abgesetzt erklärt. Papen läßt sich von Hindenburg zum Reichskommissar von Preußen ernennen. Begründet wird der Schritt mit den blutigen Auseinandersetzungen vom 17. Juli in Altona.
Mit dem "Preußenschlag" hat die SPD ihre stärkste Bastion verloren. Angesichts der hohen Arbeitslosigkeit scheint ihr ein Aufruf zum Generalstreik als aussichtslos.
25. 7. In Moskau unterzeichnen die Sowjetunion und Polen einen Nichtangriffspakt.
30. 7. - 14. 8. In Los Angeles finden die X. Olympischen Sommerspiele statt.
31. 7. Bei der Reichstagswahl wird die NSDAP mit 37,4 Prozent stärkste Fraktion vor der SPD mit 21,6 Prozent. Die Wahl ergibt keinerlei regierungsfähige Mehrheiten. Die NSDAP stellt mit Hermann Göring den Reichstagspräsidenten.
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August
1. 8. Bei Straßenkämpfen zwischen Nationalsozialisten und Anhängern der Linksparteien kommen in mehreren Städten 20 Menschen ums Leben.
6. 8. Freigabe der ersten Autobahnstrecke des Deutschen Reichs. Sie verbindet Köln und Bonn.
In Venedig werden erstmals Filmfestspiele veranstaltet. Großen Erfolg hat der deutsche Beitrag "Das blaue Licht" von Riefenstahl.
9. 8. Nach einer Notverordnung sollen Sondergerichte errichtet und politische Morde zukünftig mit der Todesstrafe geahndet werden. Gegen die Urteile der Sondergerichte können keine Rechtsmittel eingelegt werden.
In Moskau unterzeichnen die Sowjetunion und Estland einen Nichtangriffspakt.
13. 8. Hitler und Papen zum Gespräch bei Hindenburg: Hitler lehnt eine Ernennung zum Vizekanzler ab. Durch Einbindung der NSDAP in die Regierungsverantwortung sollte das radikale Potential der Partei entschärft werden. Hitler fordert das Amt des Reichskanzlers.
14. 8. Der italienische Techniker Guglielmo Marconi (1874-1937) stellt mit Ultrakurzwellengeräten eine Funkverbindung über 270 Kilometer her.
15. 8. Der amerikanische Fernsehsender Columbia Broadcasting System (CBS) beginnt mit der Ausstrahlung der weltweit ersten Fernsehserie. Die "World Wide Review" ist ein Kabarettprogramm.
19. 8. In Reaktion auf den zunehmenden Antisemitismus beschließen die Delegierten der in Genf tagenden jüdischen Weltkonferenz die Einrichtung eines ständigen jüdischen Weltkongresses. Das Gremium soll die Interessen der jüdischen Bevölkerung gegenüber den Regierungen wahrnehmen.
22. 8. Ein Sondergericht in Beuthen verurteilt fünf SA-Angehörige zum Tode, die einen kommunistischen Arbeiter totgeschlagen haben. Damit wird die neue Notverordnung gegen politischen Terror und Mord erstmals in voller Schärfe angewandt. Eine Woche später werden die Täter zu lebenslanger Haft begnadigt.
28. 8. Reichskanzler Papen verkündet einen wirtschaftspolitischen Zwölfmonatsplan, der eine Abkehr von Brünings Deflationspolitik bedeutet. Der Plan sieht Lohnkürzungen und den Ausbau des "freiwilligen Arbeitsdiensts" vor. Er stößt bei den Gewerkschaften auf Ablehnung.
30. 8. Die Eröffnungsrede des Reichstags hält die Alterspräsidentin Clara Zetkin (KPD).
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Reichstagspräsident Göring verkündet als erste Amtshandlung die Vertagung des Reichstags auf unbestimmte Zeit.
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September
2. 9. Josef W. Stalin und Benito Mussolini schließen für ihre Länder einen Nichtangriffs- und Freundschaftsvertrag.
4. 9. Das Wirtschaftsprogramm von Reichskanzler Papen wird per Notverordnung in Kraft gesetzt.
5. 9. In Berlin veranstaltet der "Stahlhelm" einen "Reichsfrontsoldatentag", an dem rund 150.000 ehemalige Kriegsteilnehmer, Reichswehrangehörige und Anhänger der rechten Parteien teilnehmen.
12. 9. Bei einem von der KPD eingebrachten Mißtrauensantrag gegen die Wirtschaftspolitik Papens sprechen sich 512 der 554 Abgeordneten gegen die Regierung aus. Papen und Hindenburg reagieren mit der Auflösung des Reichstags. Die Neuwahlen werden auf den 6. November festgesetzt.
13. 9. Hitler ernennt Franz Ritter von Epp zum Leiter des neu geschaffenen Wehrpolitischen Amts der NSDAP.
20. 9. Tod des Malers und Graphikers Max Slevogt auf Hof Neukastel in der Pfalz.
Im Gefängnis von Poona tritt Gandhi aus Protest gegen ein britisches Wahlgesetz, das die Kaste der "Unberührbaren" vom Wahlrecht ausschließt, in einen Hungerstreik.
22. 9. Uraufführung des Films "Die blonde Venus" von Josef von Sternberg in New York. In den Hauptrollen sind Marlene Dietrich und Cary Grant (1904-1986) zu sehen.
23. 9. Im Reichsgebiet kommt es wegen der im Wirtschaftsprogramm Papens vorgesehenen Lohnkürzungen zu Streiks.
Die arabischen Königreiche Hedschas und Nadschd vereinigen sich zum Königreich Saudi-Arabien.
26. 9. Die Komödie "Christoph Columbus oder Die Entdeckung Amerikas" von Walter Hasenclever und Kurt Tucholsky wird in Leipzig uraufgeführt.
30. 9. Auf Beschluß des Stadtrats von Dessau (Anhalt) muß das Bauhaus seinen Lehr- und Forschungsbetrieb einstellen. Anhalt wird von einer Koalition von NSDAP, DNVP und DVP regiert. Konservative und nationalsozialistische Gegner des Bauhauses haben in einer Hetzkampagne die funktionalistische Formgebung des Bauhauses kritisiert.
 
Oktober
1. 10. Die NSDAP veranstaltet in Potsdam einen "Reichsjugendtag", an dem rund 110.000 Menschen teilnehmen.
9. 10. Stalin treibt die Ausschaltung von innerparteilichen Gegner weiter voran: Grigori Sinowjew (1883-1936) und Leo Kamenew (1883-1936), beide enge Vertraute von Wladimir I. Lenin, werden aus der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) ausgeschlossen.
16. 10. In Wien kommt es zu blutigen Zusammenstößen zwischen österreichischen Nationalsozialisten und Sozialdemokraten.
19. 10. Österreichs Bundeskanzler Dollfuß erläßt ein Aufmarschverbot für Nationalsozialisten und für den sozialdemokratischen Schutzbund.
25. 10. Das Reichsgericht in Berlin erklärt die Absetzung der preußischen Regierung ("Preußenschlag") vom Ansatz her für verfassungskonform.
27. 10. In Italien wird die erste Autobahnstrecke des Landes von Mailand nach Turin dem Verkehr übergeben.
29. 10. Uraufführung der Oper "Der Schmied von Gent" von Franz Schreker (1878-1934) in Berlin. Die Vorstellung wird durch Zwischenrufe von Nationalsozialisten mehrmals gestört. Sie nehmen Anstoß an Schrekers engen Beziehungen zu jüdischen Komponisten und Musikern.
In St.-Nazaire (Frankreich) läuft die 313 Meter lange "Normandie" als größter Ozeandampfer der Welt vom Stapel.
31. 10. Nach Angaben der Reichsregierung ist die Arbeitslosenzahl auf 5,1 Millionen gesunken.
 
November
3. 11. Die Nationalsozialistische Betriebszellenorganisation (NSBO) und die kommunistische Revolutionäre Gewerkschaftsopposition (RGO) rufen die Beschäftigten der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) zum Streik auf, um eine zweiprozentige Lohnerhöhung durchzusetzen (BVG-Streik). Ein Teil der Beschäftigten folgt dem Aufruf.
4. 11. Eine Notverordnung tritt in Kraft, die Autodiebstahl mit einer hohen Strafe belegt. Allein in Berlin werden täglich etwa 10 Autos gestohlen.
6. 11. Bei der Reichstagswahl verliert die NSDAP gegenüber der Wahl im Juli 4,3 Prozent. Dennoch bleibt sie mit 33,1 Prozent der Stimmen stärkste Partei. Zweitstärkste Partei bleibt die SPD mit 20,4 Prozent. Die KPD, DNVP und DVP verbessern sich um einige Mandate.
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7. 11. Hindenburg ordnet per Notverordnung einen "politischen Burgfrieden" an und untersagt alle politischen Kundgebungen. Die bis zum 19. November begrenzte Verordnung wird nach Ablauf der Frist bis zum 2. Januar verlängert.
8. 11. Der Streik der Beschäftigten der BVG endet ergebnislos. Bei Straßenkämpfen mit der Polizei kamen drei Menschen ums Leben.
Franklin D. Roosevelt wird als Kandidat der Demokratischen Partei bei den amerikanischen Präsidentschaftswahlen zum neuen Präsidenten gewählt.
13. 11. Aus den Bürgerschaftswahlen in Lübeck geht die SPD vor der NSDAP als stärkste Partei hervor.
17. 11. Bis auf die DNVP entziehen alle im Reichstag vertretenen Parteien dem Reichskanzler Papen das Vertrauen. Papen tritt zurück.
18. 11. Hindenburg verhandelt mit Alfred Hugenberg (DNVP) und Prälat Ludwig Kaas (Zentrum) über eine Regierungsneubildung. Beide äußern Bedenken gegenüber der Ernennung eines nationalsozialistischen Kanzlers.
20. 11. Göring empfängt Kaas und Fritz Schäffer (BVP) zu Koalitionsgesprächen.
Uraufführung des Films "Grün ist die Heide" von Hans Behrendt (1889-nach 1940) in Hannover.
21.-24. 11. Der Reichspräsident bietet Adolf Hitler (NSDAP) die Kanzlerschaft an, wenn ihm die Zusammenstellung eines Kabinetts mit parlamentarischer Zustimmung gelingt. Zentrum und DNVP machen deutlich, daß sie Hitler nicht unterstützen werden. Hitler präsentiert Hindenburg daraufhin ein Schriftstück, in dem 20 führende Vertreter der deutschen Wirtschaft, darunter auch der ehemalige Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht, die Bildung eines vom Parlament unabhängigen Präsidialkabinetts unter Hitler befürworten. Hindenburg lehnt ab. Er fürchtet eine Diktatur Hitlers.
28. 11. Reichswehrminister Schleicher spricht mit Vertretern der Gewerkschaften über die Regierungsbildung. Er möchte auch den NS-Reichsorganisationsleiter Gregor Strasser in eine Regierung einbinden.
29. 11. Frankreich und die Sowjetunion schließen einen Nichtangriffspakt
 
Dezember
1. 12. Der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund (ADGB) fordert die Wiedereinführung der 40-Stunden-Woche und die Rücknahme der durch Notverordnung erzwungenen Lohnkürzungen.
3. 12. Hindenburg läßt Papen fallen und beauftragt den bisherigen Reichswehrminister Schleicher mit der Regierungsbildung. Schleicher beabsichtigt den Aufbau einer Gewerkschaftsfront mit Mitgliedern aus allen Parteien. Vor allem die NSDAP soll durch Einbeziehung ihres linken Flügels unter Gregor Strasser gespalten werden. Die NSDAP steht dadurch vor einer Zerreißprobe.
8. 12. Wegen Meinungsverschiedenheiten mit der Parteispitze legt Strasser seine Parteiämter nieder. Hitler verlangt weiterhin die alleinige Entscheidungsgewalt für sich selbst.
10. 12. Auf der Fünfmächtekonferenz in Genf wird das Deutsche Reich als gleichberechtigter Staat anerkannt.
12. 12. Hindenburg lehnt die von der NSDAP geforderte Ernennung Görings zum preußischen Ministerpräsidenten ab.
14. 12. Die Reichsregierung hebt die am 4. September verordneten Lohnsenkungen auf. Der Vorsitzende des Reichsverbands der Industrie Gustav Krupp von Bohlen und Halbach fordert Reichskanzler Schleicher auf, das Wirtschaftsprogramm der Regierung Papen fortzuführen.
18. 12. Tod des SPD-Politikers Eduard Bernstein in Berlin.
19. 12. Die am 9. August erlassene Ermächtigung zur Errichtung von Sondergerichten wird aufgehoben. Da die Verordnung sich vor allem gegen Nationalsozialisten wandte, erhofft sich Schleicher von der Aufhebung das Wohlwollen der NSDAP.
22. 12. Trotz des Versammlungsverbots vom 7. November kommt es in mehreren Städten zu Demonstrationen und Straßenkämpfen zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten.
28. 12. Hindenburg erläßt eine Notverordnung, die deutsche Margarineproduzenten zwingt, inländische Rohstoffe zu benutzen.
Die Auflösungserscheinungen des parlamentarischen Systems spiegeln sich auch in der Anzahl der 1932 erlassenen Notverordnungen: Den 66 Verordnungen stehen nur fünf vom Reichstag beschlossene Gesetze gegenüber. 1930 ergingen lediglich fünf Notverordnungen, während noch 98 Gesetze vom Reichstag beschlossen wurden.
31. 12. Hindenburg hält die Silvesteransprache.
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Außerdem:
Lion Feuchtwanger: Der jüdische Krieg (Roman, 1. Teil der Josephus-Trilogie)
Hans Grundig: Vor dem Tor (Gemälde)
Aldous Huxley (1894-1963): Schöne neue Welt (Roman)
Joseph Roth (1894-1939): Radetzkymarsch (Roman)
Josef von Sternberg (1894-1969): Schanghai Express (Film)

(se/lw/mw)

 

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