1903-1989
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Werner Best
Jurist
- 1903
- 10. Juli: Werner Best wird in Darmstadt als älterer
von zwei Söhnen des Postinspektors Rudolf Best und dessen
Frau Karoline geboren. Er wächst in Liegnitz und Dortmund
auf.
- 1914
- Bests Vater fällt im Ersten Weltkrieg. Die
Mutter zieht mit beiden Söhnen nach Gonsenheim bei Mainz,
wo sie in bescheidenen Verhältnissen leben. Werner Best besucht
in Mainz das Neue Gymnasium, an dem er mit einem Vortrag über
die "Kriegsschuldfrage" auf sich aufmerksam macht.
- 1919
- Best wird einer weiteren Öffentlichkeit in Mainz
bekannt, als er von einem Offizier der französischen Besatzungtruppen
für seine Leistungen im Fach Französisch ausgezeichnet
werden soll, die Annahme des Preises aber mit der Begründung
verweigert, sein Vater sei im Kampf gegen Frankreich gefallen.
Best gründet die Mainzer Gruppe des "Deutschnationalen
Jugendbunds". Die Niederlage im Krieg und die Separatistenbewegung
im Rheinland sieht er als Resultat einer Verschwörung der
inneren wie äußeren Feinde Deutschlands.
- 1921
- Best legt das Abitur ab und beginnt das Studium der
Rechtswissenschaften in Frankfurt/Main. Er bewegt sich in Kreisen
der Völkischen und lernt Ernst von Salomon
kennen. Schnell steigt er innerhalb des völkisch-antisemitischen
"Deutschen Hochschulrings" auf, in dem er das "Rheinlandamt"
leitet, das Aktivitäten gegen die französische Besatzungsmacht
im Rheinland koordiniert.
- 1922
- Er verbringt das Sommersemester an der Freiburger Universität,
kehrt dann aber nach Frankfurt/Main zurück. Best arbeitet
als Kurier für die "Rheinische Volkspflege", die
im Auftrag der Reichsregierung Propaganda gegen die Besetzung
des Rheinlands betreibt. Er bereist das Gebiet häufig und
koordiniert die Arbeit einzelner antifranzösischer Gruppierungen.
- 1923
- Best wechselt an die Gießener Universität.
- 1924
- Er wird wegen seiner Aktivitäten im Rheinland von
einem französischen Kriegsgericht in Mainz zu drei Jahren
Haft und einer Geldstrafe von 1.000 Reichsmark verurteilt, kommt
aber aufgrund eines Gnadengesuchs seiner Mutter und der Bemühungen
der Reichsregierung bald wieder frei.
- 1926
- Sein Aufsatz "Internationale Politik der Nationalisten"
macht Best innerhalb der nationalistischen Intelligenz bekannt.
Best lehnt jegliche absolut-transzendentale Ethik ab und rückt
die notfalls kriegerische Realisierung "völkischer"
Interessen in den Mittelpunkt seines Denkens. Nicht der Haß
auf andere Völker sei dabei ausschlaggebend, sondern der
nüchtern-sachliche Vollzug von Naturgesetzen. Für diesen
Habitus der leidenschaftslosen Exekution "völkischen"
Eigeninteresses prägt Best später den Begriff "Heroischer
Realismus", der den Einfluß von Ernst Jünger
und Edgar Jung auf sein Denken widerspiegelt.
- 1927
- Er wird mit einer Arbeit "Zur Frage der gewollten
Tarifunfähigkeit" promoviert.
- 1928
- Nach Abschluß des Referendardiensts wirkt Best
als Amtsrichter an verschiedenen Gerichten.
- 1930
- Best tritt der Nationalsozialistischen Deutschen
Arbeiterpartei (NSDAP) bei und wird "Leiter der Rechsabteilung"
der hessischen NSDAP-Führung.
Heirat mit Hildegard Regner und Umzug nach Darmstadt. Aus der
Ehe gehen fünf Kinder hervor.
- 1931
- Best kandidiert erfolgreich bei den hessischen Landtagswahlen.
Nicht zuletzt mit Blick auf mögliche neue politische Konstellationen
im Reich soll eine Koalition zwischen NSDAP und Zentrum
geschlossen werden. Die Veröffentlichung der von Best verfaßten
"Boxheimer Dokumente" durch das preußische
Innenministerium bringt die Verhandlungen aber zum Stocken. Die
"Blutpläne von Hessen" sahen eine Machtübernahme
der NSDAP nach einem kommunistischen Putschversuch vor und zeichneten
sich vor allem durch bürokratisch penible Notverordnungen
aus. Best wird aus dem Staatsdienst entlassen, erhält jedoch
nach kurzer Suspendierung immerhin seine Parteirechte zurück.
Best tritt der Schutzstaffel (SS) bei, deren elitärer
weltanschaulicher "Auslese"-Gedanke seinen eigenen Vorstellungen
entspricht.
- 1933
- Best wird nach der Ernennung Adolf Hitlers zum
Reichskanzler und der nationalsozialistischen Machtübernahme
in den Ländern "Staatskommissar für das Polizeiwesen
in Hessen" und baut die Politische Polizei zu einer eigenständigen
Behörde aus. Er richtet das Konzentrationslager (KZ) Osthofen
ein, um sogenannte wilde Konzentrationslager zu verhindern.
September: Das NSDAP-Mitglied, das die "Boxheimer Dokumente"
verraten hat, wird ermordet aufgefunden. Als Hauptverdächtiger
muß Best, der zudem in einen innerparteilichen Machtkampf
verwickelt ist, seinen Posten räumen.
Er wird Leiter des Oberabschnitts Süd-West des Sicherheitsdiensts
(SD) mit Sitz in Stuttgart und Zuständigkeit für Württemberg
und Baden. Er unterstützt Heinrich Himmler bei dessen
Bemühungen, in diesen Ländern zum "Politischen
Polizeikommissar" ernannt zu werden.
- 1934
- Best übernimmt zusätzlich die Leitung des
SD-Oberabschnitts Süd in München und wird Organisationschef
des SD. In dieser Eigenschaft sammelt er Informationen über
die Sturmabteilung (SA) und schreibt die Süddeutschland
betreffenden "Mordlisten" für den "Röhm-Putsch".
- 1935
- Er wird stellvertretender Leiter des Preußischen
Geheimen Staatspolizeiamts in Berlin und wirkt maßgeblich
an der organisatorischen wie legitimatorischen Expansion der Geheimen
Staatspolizei (Gestapo) mit, indem er den Tätigkeitsbereich
der Gestapo als rechtsfreien Raum staatlichen Handelns definiert.
Best leitet ferner die mit der Verfolgung von "Landesverrat"
im Innern befaßte Abwehrpolizei und bemüht sich erfolgreich
um reibungslose Beziehungen zwischen den Nachrichtendiensten von
Polizei und Wehrmacht.
- 1939
- Nach Gründung des Reichssicherheitshauptamts
(RSHA), unter dessen Dach Gestapo, Kriminalpolizei und SD vereint
werden, übernimmt Best die Leitung des Amts I und damit die
Verantwortung für Personal und Organisation des SD. Er avanciert
zum Stellvertreter Reinhard Heydrichs in dessen Eigenschaft
als Chef der Sicherheitspolizei und des SD und lenkt die "Einsatzgruppen",
die unmittelbar nach dem deutschen Überfall auf Polen mit
der Ermordung der polnischen Führungsschicht beginnen.
- 1940
- Juni: Best verläßt nach Auseinandersetzungen
mit Heydrich um die Bedeutung einer juristischen Ausbildung für
die Laufbahn bei den Sicherheitsorganen das RSHA, das er zu einem
schlagkräftigen Terrorapparat ausgebaut hat. Er meldet sich
als Kriegsfreiwilliger bei jener Einheit, mit der sein Vater in
den Ersten Weltkrieg gezogen war. Dort durchläuft er eine
zweimonatige militärische Ausbildung.
Seine Schrift "Die deutsche Polizei" wird zum Lehrbuch
der Sicherheitspolizei.
- August: Best wird Leiter der Abteilung Verwaltung beim Militärbefehlshaber
in Frankreich. Im Rahmen der von ihm konzipierten "Aufsichtsverwaltung"
gelingt es Best, die Kooperation der französischen Behörden
mit wenig deutschem Personal zu gewährleisten. Die "Erste
Judenverordnung", mit der die Erfassung jüdischen Besitzes
in Frankreich in die Wege geleitet wird, erhält Vorbildcharakter
für ähnliche Maßnahmen in Deutschland und im besetzten
Europa.
- 1941
- In einer "Festschrift" für Heinrich Himmler
befaßt sich Best mit "Grundfragen einer deutschen Großraumverwaltung"
und plädiert gegen die neue Konflikte provozierende Versklavung
fremder Völker, aber für deren Vernichtung, falls ihre
Integration in den von einem "Führervolk" dominierten
Großraum mißlingt.
- 1942
- Als der Widerstand der Résistance gegen
die deutschen Besatzer in Frankreich zunimmt und Hitler
drakonische Vergeltungsmaßnahmen befiehlt, sieht Best den
Kooperationswillen französischer Stellen gefährdet.
Statt umfangreicher Geiselerschießungen fordert er die Deportation
von Juden "in den Osten" und initiiert damit die "Endlösung"
in Frankreich.
In dem anonym erschienenen Aufsatz "Herrenschicht oder Führungsvolk",
der ihn später fälschlicherweise in die Nähe des
Widerstands rückt, kritisiert Best die Heranziehung der als
"minderwertig" betrachteten Völker zu niederen
Arbeiten, keineswegs aber deren Vernichtung. Er befürchtet
vielmehr den "Rassetod" der Deutschen, die sich möglicherweise
mit den Tüchtigsten der fremden Nationen "vermischen"
würden.
- August: Nachdem Heydrich, sein mächtigster Rivale, den durch
ein Attentat verursachten Verletzungen erliegt, tritt Best auf
Vorschlag Himmlers zunächst ins Auswärtige Amt ein,
um dann als "Reichsbevollmächtigter" in das besetzte Dänemark
zu gehen. Er ist bemüht, in Dänemark mit Hilfe der von
ihm so titulierten "Bündnisverwaltung" ein "Musterprotektorat"
als außenpolitisches Aushängeschild zu etablieren.
Dazu muß er aber von Anbeginn die Forderung der Wehrmacht
und der NSDAP nach einer härteren Gangart unterlaufen.
- 1943
- 8. September: In einem Telegramm an das Auswärtige
Amt fordert Best für Dänemark die "Lösung
der Judenfrage". Der "Schiffahrtssachverständige"
der deutschen Botschaft, Georg Duckwitz (1904-1973), hinterbringt
jedoch den Beginn der Aktion, so daß die meisten dänischen
Juden nach Schweden fliehen können.
- 1945
- 21. Mai: Best wird nach der deutschen Kapitulation in
Kopenhagen inhaftiert.
- 1946
- Er sagt nach umfangreichen Verhören im Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß als "Vertreter der Gestapo
vor diesem Gerichtshof" aus.
- 1948
- Das Stadtgericht Kopenhagen verurteilt Best zum Tode.
- 1950
- Im zweiten Revisionsverfahren wird Best vom dänischen
Höchstgericht zu zwölf Jahren Haft verurteilt.
- 1951
- Nach seiner nicht zuletzt auf deutschen Druck hin ausgesprochenen
Begnadigung zieht Best in die Bundesrepublik Deutschland
und tritt in eine Essener Anwaltskanzlei ein. Von hier aus lenkt
er die Kampagne für eine Generalamnestie zugunsten von NS-Tätern.
Er fertigt im Auftrag der Freien Demokratischen Partei
(FDP) Gutachten zu Fragen der Entnazifizierung an.
Nach einer Intervention von Bundesjustizminister Thomas Dehler
(1897-1967) stellt die Staatsanwaltschaft München das gegen
Best angestrengte Verfahren wegen dessen Rolle beim "Röhm-Putsch"
ein.
- 1953
- Best verläßt die Kanzlei und wird als Justitiar
und Mitglied des Direktoriums bei der Hugo Stinnes Industrie-
und Handel GmbH in Mülheim/Ruhr tätig.
- 1958
- Eine Spruchkammer in Berlin stuft Best als "Hauptschuldigen"
ein und verurteilt ihn zu einer Geldstrafe von 70.000 Mark. Gleichzeitig
wird sein Antrag auf Wiederanstellung beim Auswärtigen Amt
abgewiesen.
- 1969
- Im Zuge von Ermittlungen gegen Angehörige des RSHA
wird Best verhaftet.
- 1972
- Die Staatsanwaltschaft beim Kammergericht Berlin erhebt
zwar Anklage wegen unmittelbar nach Beginn des Kriegs in Polen
begangenen Mords an mindestens 8.723 Menschen, doch bereits ein
halbes Jahr später stellt das Gericht das Verfahren wegen
Verhandlungsunfähigkeit Bests ein.
Nach dem Konkurs seines Arbeitgebers Stinnes wirkt Best gelegentlich
als Unternehmensberater im Ruhrgebiet und tritt häufig als
Entlastungszeuge in NS-Verfahren auf.
- 1989
- Bests Auftritt als Zeuge bei einem solchen Verfahren
führt zur Feststellung seiner Verhandlungsfähigkeit.
- 23. Juni: Werner Best stirbt in Mülheim/Ruhr.
- 5. Juli: Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf stellt den Antrag
auf Eröffnung eines Verfahrens gegen Best wegen Mords an
8.723 Menschen.
(ga)
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