1862-1947
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Philipp Lenard
Physiker
- 1862
- 7. Juni: Philipp Lenard wird als Sohn des Weinhändlers
Philipp Lenard von Lenardis und dessen Frau Antonie (geb. Baumann)
im österreich-ungarischen Preßburg (heute: Bratislava,
Slowakei) geboren. Er wächst in einer nationalistischen Atmosphäre
auf.
- 1881
- Studium der Naturwissenschaften an den Technischen Hochschulen
in Budapest und Wien.
- 1882
- Mitarbeit im Geschäft des Vaters.
- 1883
- Studium der Physik in Heidelberg bei Hermann Quincke
(1834-1924) und Robert Bunsen (1811-1899).
- 1885
- Fortsetzung seines Studiums in Berlin.
- 1886
- Er vollendet seine Dissertation in Heidelberg "Über
die Schwingungen fallender Tropfen", die er bereits auf Anregung
Hermann von Helmholtz' (1822-1894) in Berlin begonnen hat.
- 1886-1889
- Assistent bei Quincke.
- 1890
- Nach kurzem Aufenthalt in England geht Lenard als Assistent
nach Breslau.
- 1891
- Wechsel an die Universität Bonn zu Heinrich Hertz.
- 1892
- Lenard habilitiert sich mit der Arbeit "Über
die Elektrizität der Wasserfälle".
- Er entwickelt eine Entladungsröhre mit einem "Lenardfenster".
Zum ersten Mal können jetzt Kathodenstrahlen unabhängig
vom Entladungsvorgang im Vakuum in Luft oder in anderen Materialien
untersucht werden.
- 1894
- Lenard betreut die Herausgabe der gesammelten Werke
von Hertz.
- Er wird als außerordentlicher Professor nach Breslau berufen.
Der Wechsel stellt sich für Lenard als eine Verschlechterung
heraus, da die technische Ausstattung nicht ausreicht, um seine
in Bonn begonnenen Experimente fortzusetzen.
- 1895
- Wechsel an die Technische Hochschule Aachen, wo er sich
weiter mit Kathodenstrahlen beschäftigt. Die Entdeckung der
Röntgenstrahlen durch Wilhelm Conrad Röntgen
überrascht und verärgert Lenard, der ihm bei der Beschaffung
geeigneter Entladungsröhren behilflich war. Zudem hatte Lenard
gehofft, diese Entdeckung selbst zu machen, da seine Experimente
ähnlich weit fortgeschritten waren. Er gebraucht im folgenden
immer den Begriff der "Hochfrequenzstrahlung" anstelle
des gebräuchlichen der "Röntgenstrahlen".
- 1896
- Lenard geht als außerordentlicher Professor für
theoretische Physik nach Heidelberg.
- 1898
- Es kommt zu einer Auseinandersetzung mit dem englischen
Physiker und Nobelpreisträger von 1906, Joseph John Thomson
(1856-1940). Thomson hatte sich mit Lenards Untersuchungsmethoden
beschäftigt und konnte so seine eigenen Forschungen vorantreiben.
Lenard hält diese Vorgehensweise für unzulässig.
Der Streit ist Auslöser für Lenards sich stetig steigernden
England-Haß.
- Lenard wird Professor und Leiter des physikalischen Instituts
in Kiel. Der Aufbau eines neuen Instituts verschafft ihm optimale
Forschungsbedingungen.
- 1900
- Entdeckung der wichtigsten Gesetzmäßigkeiten
des lichtelektrischen Effekts: Bei wachsender Lichtintensität
wächst zwar die Zahl der ausgelösten Elektronen, aber
deren Geschwindigkeit bleibt unverändert. Die Elektronengeschwindigkeit
ist ausschließlich von der Frequenz des eingestrahlten Lichts
abhängig.
- 1903
- Lenard entwickelt ein "Dynamidenmodell" des
Atoms, das besagt, daß der größte Teil des Atoms
leer ist.
- 1905
- Für seine Untersuchungen der Kathodenstrahlung
wird Lenard der Nobelpreis für Physik verliehen.
- 1907
- Er wird Direktor des Instituts für Physik und Radiologie
in Heidelberg.
- 1913
- Unter Lenards Leitung entsteht ein neues physikalisches
Institut, das zwischen 1935 und 1945 seinen Namen trägt.
- 1914
- Den Ersten Weltkrieg sieht er als Kampf zwischen
"deutscher Kultur" und "westlicher Zivilisation".
- Bereits kurz nach Kriegsbeginn gibt Lenard - wie andere konservative
Gelehrte auch - britische Orden und Auszeichnungen zurück.
- 4. Oktober: Er beteiligt sich an der überregionalen Gelehrtenresolution
"Aufruf an die Kulturwelt": 93 prominente Intellektuelle
weisen den Vorwurf einer deutschen Kriegsschuld ebenso
wie den Vorwurf des Militarismus sowie deutscher Völkerrechtsbrüche
zurück.
- Er veröffentlicht eine Hetzschrift mit dem Titel "England
und Deutschland zur Zeit des großen Krieges", in der
er seine Kritik an Thomson mit nationalistischen Ausfällen
gegen England verbindet.
- ab 1918
- Die deutsche Niederlage, die Münchner Räterepublik
und die Weimarer Verfassung verschärfen Lenards Nationalismus
und Antisemitismus.
- Er tendiert immer stärker zu völkisch-nationalistischen
Ansichten.
- 1920
- Auseinandersetzung mit Albert Einstein auf der
Tagung der Naturforscher und Ärzte in Bad Nauheim. Lenard
lehnt vehement die allgemeine Relativitätstheorie aus physiktheoretischen
Überlegungen und aufgrund antisemitischer Vorurteile ab.
Auch in der Folgezeit versucht Lenard, die Theorien Einsteins
zu diskreditieren.
- Zu den neuen Ansätzen in der Physik findet Lenard als Experimentalphysiker
immer schwerer Zugang. Er versucht die experimentelle Physik zu
einer "nordischen Wissenschaft" zu stilisieren, die
sich von der theoretischen Physik - in seinen Augen "jüdischer
Weltbluff" - abhebt.
- 1921
- Nach der Ermordung des Finanzministers Matthias Erzberger
durch Aktivisten rechtsradikaler Kreise macht Lenard keinen Hehl
aus der Anerkennung dieser Tat.
- 1922
- 27. Juni: Sein Antisemitismus führt zu einer von
dem sozialdemokratischen Politiker Carlo Mierendorff angeführten
Besetzung des Instituts durch Arbeiter und Studenten. Lenard weigerte
sich, die allgemeine Arbeitsruhe anläßlich des Staatsbegräbnisses
von Walther Rathenau einzuhalten und am Institut halbmast
zu flaggen.
- Der Senat der Heidelberger Universität verurteilt Lenards
Verhalten stark und leitet ein Disziplinarverfahren gegen ihn,
aber auch gegen Mierendorff ein. Als der badische Kultusminister
Willy Hellpach Lenard vom Dienst suspendiert, bittet dieser
um seine Entlassung.
- Physikalische Gesellschaften, einzelne Physiker und Heidelberger
Studenten setzen sich für Lenard ein, so daß Hellpach
die Suspendierung und Lenard sein Entlassungsgesuch zurücknimmt.
- 1924
- Zusammen mit dem Nobelpreisträger Johannes Stark
(1874-1957) verfaßt er den Aufruf "Hitlergeist und
Wissenschaft". Nach diesem öffentlichen Bekenntnis zu
Adolf Hitler und Erich Ludendorff wird Lenards Institut
zum Zentrum rechtsgerichteter Kreise.
- 1926
- Persönliches Kennenlernen Hitlers.
- 1929
- Lenard gibt sein historisches Werk "Große
Naturforscher" heraus. Die Forscher sind seiner Darstellung
nach alle "arisch-germanischen" Ursprungs.
- 1931
- 1. April: Er tritt in den Ruhestand.
- 1936
- Lenard ist erster Träger des von der Nationalsozialistischen
Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) gestifteten Wissenschaftspreises.
Alfred Rosenberg hält bei der Feierlichkeit die Laudatio.
- Lenards vierbändiges Lehrbuch für Experimentalphysik
"Deutsche Physik" erscheint: Demnach könne wahre
Naturkenntnis nur von der "arischen Rasse" gewonnen
werden. Die Arbeiten Einsteins bezeichnet Lenard als "Jahrmarktslärm"
und "Judenbetrug".
- 1937
- Er wird Mitglied der NSDAP, die ihm ihr Goldenes Ehrenabzeichen
verleiht.
- Lenard zieht sich mehr und mehr aus dem öffentlichen Leben
zurück.
- 1945
- Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wird er aufgrund
seines hohen Alters nicht von den Amerikanern interniert.
- Er verläßt Heidelberg und zieht nach Messelhausen
(Baden).
- 1947
- 20. Mai: Philipp Lenard stirbt in Messelhausen.
(ka)
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