Aus den verschiedensten Quellen kommen Meldungen über Bildung von oppositionellen Gruppen und Kliquen in der deutschen Jugend, oft im Rahmen der HJ. Es gibt selbst Nazistimmen zu diesem Thema. Neben vielen Klagen über das Benehmen der Jugendlichen schreibt z. B. "Die Deutsche Polizei (Juli 1944), daß sich Kliquen, die nationalsozialistischen Ideen widerstehen, in der Jugend gebildet haben. Ein SS Standartenführer sprach kürzlich von der Notwendigkeit, die "Kliquenbildung in Opposition zur HJ schärfstens zu bekämpfen. Bereits Mitte letzten Jahres wurde durch die Westdeutsche Friedensbewegung die Existenz einer "Edelweiß Jugend bekannt. Im Mai dieses Jahres erzählte Gefreiter Jakob Eschborn, ein Mitglied des Nationalkomitees "Freies Deutschland und katholischer Theologiestudent, in einer Ansprache an die katholische Jugend, daß "Edelweiß auch junge Katholiken und frühere Jugendfunktionäre der Arbeiterbewegung vereinige, und daß es in Westdeutschland besonders stark wäre.
Die Transportarbeiter Internationale berichtet, daß der Name "Edelweiß heute von Gruppen von Lehrlingen und Jungarbeitern getragen wird, die in Hamburg, Leipzig, Hannover, Bremen, Frankfurt, Essen und Köln auf dem Kriegspfade gegen die HJ-Leiter sind. "Kleine Gruppen 15- bis 18jähriger, die vom HJ-Dienst nicht begeistert sind, treffen sich in der Stadt oder im Keller eines zerstörten Hauses und beraten ihre Pläne. Dann tauchen sie eines Abends maskiert und verkleidet bei einer HJ Veranstaltung auf. Die Drähte der Lichtleitung werden durchgeschnitten, Stühle werden zerbrochen, und dann gibt es eine furchtbare Schlacht im Dunkeln, bis der HJ Leiter und seine Anhänger durchgedroschen sind. Oder die HJ wird im Freien überfallen und wieder wird der HJ Leiter verdroschen. "Das Wort "Edelweiß ist in einigen deutschen Städten sehr bekannt geworden. Ein belgischer Arbeiter berichtet, daß Kinder sich in den Straßen von Köln zankten, weil sie HJ und Edelweiß, spielen wollten, aber keiner bereit war HJ, zu sein, weil sie immer geschlagen werden.
Der Deutsche Volkssender meldet "Edelweiß Aktionen in mehreren Kriegsbetrieben in deutschen Großstädten. Der Manchester Guardian (19. 10. 44) meldet, daß nach deutschen Dokumenten die an der Westfront erbeutet wurden, "Edelweiß Gruppen in vielen deutschen Städten bestehen. Der Daily Express (28. 11. 44) meldet, daß ein 17jähriger Panzergrenadier der zu den Alliierten überlief, erzählte, daß in seiner Heimatstadt Dortmund die HJ nächtlich von "Edelweiß Gruppen mit Messern und anderen Waffen angegriffen wurde.
Die Ausbreitung dieser Organisation und ähnlicher Gruppen und die Formen die ihre Aktivitäten annehmen, sind nur gegen den Hintergrund totalster Mobilmachung, rücksichtsloser Ausbeutung und hundertprozentiger Einschaltung des letzten Jugendlichen in der Kriegsmaschine zu verstehen, die von einer seit Jahren anwachsenden Verwahrlosung begleitet wird. Die jungen Mitglieder von "Edelweiß und ähnlicher Gruppen dürften sich der Lage ihres Volkes und der Konsequenz ihrer Handlungen kaum bewußt sein. Aber wir können uns freuen, daß Deutschlands Jugend, das vorgesehene Kanonenfutter für den Bandenkrieg gegen die Besetzung und für einen dritten Weltkrieg nicht mehr hundertprozentig hinter dem falschen Führer steht. Stuhlbeine und nächtliche Überfälle sind primitive Kampfmittel. Aber sie zeugen von einer Haltung gegenüber Hitler und HJ, die wir nur aufs Wärmste als ersten Schritt auf einem richtigen Wege begrüßen können.
Quelle: Freie Tribüne, London, Dezember 1944 (Exilschrift].