Bericht über die Tagung deutscher Exil-Sozialdemokraten in England in den Sozialistischen Mitteilungen
November 1942

Am 7. und 8. November versammelten sich im Heim der österreichischen Sozialisten in London, im Austrian Labour Club House, zahlreiche deutsche Sozialdemokraten aus London und aus den verschiedenen Teilen der britischen Insel zu einer Wochendtagung. Es war die erste Tagung, der vor allem für die von auswärts gekommenen Opfern und Unbequemlichkeiten verbunden war, bewies das große Interesse der Genossen an einer solchen gemeinsamen Aussprache über die politischen Probleme. Einige der auswärts Wohnenden hatten ihr Interesse und ihre Verbundenheit durch die Sendung von Begrüßungsschreiben und -telegrammen bekundet. Die Veranstaltung war ein großer Erfolg.

Unsere beschränkten Raumverhältnisse verbieten es uns, über die Veranstaltungen ausführlich zu berichten. Da aber von verschiedenen Teilnehmern der Tagung und besonders auch von Genossen, die aus zeitlichen oder aus anderen technischen Gründen nicht nach London kommen könnten, dringend eine ausführlichere Berichterstattung, for allem über die Hauptreferate gewünscht worden ist, werden wir diese Referate hier in großen Zügen wiedergeben.

Die Tagung wurde am Samstag, dem 7. November, nachmittags durch einen Bericht des Vertrauensmannes der deutschen Sozialdemokraten in England, dem Genossen Wilhelm Sander, über die deutsche Emigration in England und in anderen europäischen und außereuropäischen Ländern eingeleitet. Der Redner gab an Hand von ausführlichem Material eine Übersicht über den zahlenmäßigen Umfang der sozialdemokratischen Emigration, ihre soziale Situation, ihren Einsatz in der Kriegsindustrie oder in anderen Institutionen und Formationen des Kriegseinsatzes, ihre organisatorische und politische Tätigkeit in England, und er ergänzte dieses Bild durch eine knappe Übersicht über Umfang und Tätigkeit der sozialdemokratischen Emigraton in anderen europäischen Ländern und in Übersee.

Nach diesem Bericht sprach Hans Vogel, der Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, über das Thema "Die sozialistische Bewegung im Krieg und nach dem Krieg". Genosse Hans Vogel entwickelte in seinem mit starkem Beifall aufgenommenen Referat im wesentlichen folgende Gedankengänge: An der Niederlage Hitlers und der Zerschlagung des Naziregimes kann kein Zweifel mehr bestehen. Die Frage ist nur, wie lange der Krieg noch dauern wird. Das deutsche Kriegspotential ist heute ungleich stärker als am Ende des vorigen Krieges, aber inzwischen haben die Alliierten den Rüstungsvorsprung der Achse eingeholt, wenn nicht bereits überflügelt.
Die Situation der Alliierten wird sich weiter verbessern, wenn es den Russen gelingt, weiterhin große deutsche Truppenkontingente an der russischen Front festzuhalten. Mit dem Ende des Krieges ist aber erst dann zu rechnen, wenn die Achse in Mittel- und Westeuropa entscheidend geschlagen ist. Über den Heroismus des russischen Volkes und der Roten Armee sind wir alle voller Bewunderung, aber wir vergessen auch nicht den gewaltigen Beitrag, den England in diesem Krieg bereits geleistet hat.

England und Amerika werden auch die entscheidenden Faktoren sowohl bei der siegreichen Beendigung des Krieges als auch bei der Gestaltung des Friedens sein. Amerika vor allem wird die Versorgung des ausgebluteten und zerstörten Europas, einschließlich Rußlands, zufallen. England und Amerika, neben einigen alliierten Ländern, dringendsten Lieferungen an Rohstoffen und Lebensmitteln an ihre Bestimmungsplätze zu bringen. Bei der Gestaltung des Friedens wird diese Tatsache allein schon diesen Ländern eine entscheidende Position sichern. Hans Vogel wandte sich dann der Frage zu, welche Aufgaben sich nach dem Krieg ergeben werden. International sieht er die vordringlichste Aufgabe darin, die auf höchsten Touren laufende Kriegsproduktion auf Friedensproduktion umzustellen. Wird die Welt damit fertig werden, wenn sie wieder nur in Einflußsphären oder in ein System von Bündnissen aufgeteilt wird, denen wieder mehr oder weniger militär- oder machtpolitische Absichten zugrunde liegen und die von Anfang an den Keim neuer Kriege in sich tragen?

Eine allumfassende Wirtschaftsorganisation wird notwendig sein, und darüber hinaus werden Aufgaben zu lösen sein, die vielleicht besser von regionalen Föderationen gelöst werden können. Für eine solche Weltplanung spricht die gesamte Nahrungs- und Rohstoffwirtschaft, denn nur sie kann den Hungernöten, dem sozialen Chaos und den Problemen der Umstellung von der Kriegs- auf die Friedensproduktion begegnen. Mit der Beendigung des Krieges wird eine solche Regelung ganz zwangsläufig kommen müssen, aber aus diesem, aus der Not des Augenblicks geborenen Plan muß eine feste, dauernde, den ganzen Erdball umspannende Organisation gestaltet werden.

Hans Vogel verweist im einzelnen darauf, daß Europa nicht genug Brotgetreide und Futtermittel, Wolle und Häute, Baumwolle und Kautschuk, Kupfer und Zinn und andere Metalle habe und daß auch die Kohle nicht reicht, wenn sie auch als Rohstoff für synthetische Produkte verwendet werden soll. Es muß durch die neue Organisation auch Vorsorge getroffen werden, damit sich nicht wieder eine überdimensionierte Stahlindustrie, ganz gleich, von wem sie beherrscht wird, als treibende Kraft einer künftigen Kriegspartei entwickeln kann. Die Elektrizitätsversorgung hat heute bereits alle Ländergrenzen gesprengt und übersprungen. Überstaatliche, souveräne Organisationen für die Post, die Eisenbahnen, den Flugverkehr, die Binnenschiffahrt, die Treibstoff- und Elektrizitätswirtschaft würden nicht nur deren aggressive Tendenzen aufheben, sondern auch große positive Vorteile für eine künftige intereuropäische Entwicklung bieten.

An den Aufbau eines europäischen Arbeits- und Wanderungsamtes sollte man auch denken, das für die Umsiedlungs- und Niederlassungsfragen, für das Arbeitslosenproblem und für das in Mitteleuropa so wichtige Problem der Landflucht zuständig sein sollte. Allgemein gesagt, kommt es jetzt darauf an, einen der entscheidenden Irrtümer der letzten zweihundert Jahre zu beseitigen, nämlich die Gleichsetzung der wirtschaftlichen und der politischen Grenzen.

Grenzen dürfen nicht länger Trennungsgräben zwischen den Völkern sein, ganz gleich, ob alte oder neue Grenzen. Hans Vogel wandte sich dann der Frage zu, welche Aufgaben sich die internationale sozialistische Bewegung für die Zeit nach dem Krieg gestellt hat. Darüber ist zur Zeit noch wenig zu sagen. Die Untergrundbewegungen in den verschiedenen Ländern Europas und große Teile der sozialistischen Emigration sind vorwiegend auf nationale Zielsetzungen ausgerichtet und nur ganz selten hört man von sozialistischer Planung und Neugestaltung.

Zu dieser Feststellung kommt selbst der "Economist" in einem Artikel vom 15. August 1942. Der Artikel verweist darauf, daß in den verschiedenen Untergundbewegungen Europas nicht die unbekannte Revolution vom Grund der sozialen Pyramide auferstanden ist. Heute kommt die Aufforderung zur Revolte von der anerkannten politischen Elite des Vorkriegseuropa mit der Zielrichtung, eine revolutionäre Methode für gemäßigte politische Ziele zu gebrauchen. Darin liegt die Gefahr eines Rückfalls in einen ungesunden und gefährlichen Nationalismus über ganz Europa.

In dem Zeitalter von Tanks und Bombern aber hat die nationale Abgeschlossenheit noch lange nicht auch die nationale Sicherheit hergestellt. Die wirtschaftlichen Notwendigkeiten nach dem Krieg werden von selbst überkommene, veraltete Anschauungen beseitigen und gemeinsame Leiden und Nöte werden zu einer Vereinigung der leidenden Nationen führen. Zu diesen Auffassungen des "Economist" bemerkt Hans Vogel, daß es nur natürlich ist, wenn auch Sozialisten für die Freiheit ihres eigenen Volkes eintreten und Sicherungen fordern, damit ihnen diese Freiheit nicht wieder von einem aggressiven Deutschland genommen wird.

Politische Freiheit kann nur in einem politisch und wirtschaftlich wohlgeordneten Staatensystem gesichert werden, aus dem man auch das mit gleichen Pflichten und Rechten ausgestattete deutsche Volk auf die Dauer nicht ausschalten kann. Daß Deutschland dabei bestimmte Garantien und Sicherungen übernehmen muß, versteht sich ganz von selbst. Haß allein ist immer noch ein schlechtes Erziehungsmittel zur Demokratie. Erfreulicherweise kommt diese Erkenntnis nicht nur in Erklärungen verantwortlicher Staatsmänner der Alliierten zum Ausdruck. Sie ist vor allem auch die Überzeugung der organisierten Arbeiter in den verschiedenen Ländern. Ich will hier nur auf zwei Beispiele der jüngsten Zeit verweisen.

Die Londoner Gewerkschaften haben in einem Beschluß ihre Bereitschaft zum Ausdruck gebracht, mit den alliierten und deutschen Arbeitern auf der Basis der Gleichberechtigung für den Aufbau eines sozialistischen Europa zusammenzuarbeiten.

Die französischen illegalen Sozialisten haben in einem Manifest, das der illegale "Populaire" am 15. Juni dieses Jahres veröffentlichte, Rachemaßnahmen gegen das deutsche Volk abgelehnt und die Eingliederung Deutschlands - wenn nötig mit Zwang - in ein System wirklichen Friedens und allgemeiner Abrüstung gefordert. Diesen Erklärungen stehen allerdings auch solche weniger erfreulicher Natur von Einzelpersonen der verschiedensten Lager gegenüber, aber sie können uns nicht veranlassen, den Glauben an den Sozialismus und die internationale Zusammenarbeit aufzugeben. Immer wieder wird davon gesprochen, daß das ganze deutsche Volk mit Hitler gleichzusetzen sei. Immer wieder wird von der schlechten Moral des deutschen Volkes und von seiner Passivität im Kampf gegen Hitler und sein Regime gesprochen.

Kann man diese Passivität wirklich nur den deutschen Arbeitern zum Vorwurf machen, oder arbeiten nicht auch Arbeiter anderer Länder für Hitlers Kriegsmaschine? Wir hüten uns vor leichtfertigen Verurteilungen der einen oder der anderen, denn wir kennen die Macht der Hitlerdiktatur. Für die Arbeiter in den außerdeutschen Ländern ist die Stunde des aktiven Widerstandes zur Zeit ebenso wenig gekommen wie für die Arbeiter von Berlin, von Hamburg und den anderen deutschen Industriebezirken. Wenn aber bestimmte Propagandisten dem deutschen Volk ein halbes Jahrhundert Konzentrationslager ankündigen, dann muß das im deutschen Volk nur Furcht und Grauen vor der Zukunft auslösen. Man darf sich dann nicht wundern, wenn es zu der Überzeugung kommt, daß es nicht mehr für Hitler, sondern für seine eigene Existenz kämpft, so daß sich diese Furcht schließlich in Widerstandskraft umsetzt. Diese Art Propaganda muß mit dem Blut aller am Krieg beteiligten Völker bezahlt werden, und ihre militärischen und politischen Folgen sind unübersehbar. Die Nazis verstehen sehr gut, aus dieser Propaganda Kapital zu schlagen, wie die letzten Reden Hitlers Görings und Goebbels sehr deutlich zeigten. Das deutsche Volk kann von seinem Zwingvogt Hitler umso leichter getrennt werden, wenn die alliierte Politik es noch deutlicher als bisher von ihm trennt.

Hans Vogel behandelte sodann die Aussichten und Erfolgsmöglichkeiten des internationalen Sozialismus nach diesem Krieg. Zwei unbekannte Größen spielen dabei eine wichtige Rolle, Der Einfluß, den die amerikanische Arbeiterbewegung auf die Politik und Wirtschaft der westlichen Halbkugel spielen wird, und die Rolle, die Rußland und die Komintern in Zukunft einzunehmen gedenken. Gemessen an europäischen Verhältnissen ist die politische Bewegung der amerikanischen Arbeiter von untergeordneter Bedeutung, und die gewerkschaftliche Bewegung ist immer noch in zwei Lager gespalten. Amerika ist auch das klassische Land der Ablehnung jeder Art von Kommunismus, und demensprechend ist auch die Haltung großer Teile der Arbeiterschaft. Eine weitgehende Demokratisierung Rußlands würde einer an sich nur wünschenswerten Zusammenarbeit Amerikas und Rußlands, sowie der amerikanischen und russischen Arbeiter nur dienlich sein. Rußlands Prestige wird nach dem Krieg infolge siner militärischen Leistungen sehr gestiegen sein, so daß es sehr wohl auf die Komintern als ein zusätzliches Instrument seiner Außenpolitik verzichten könnte. Wird Rußland aber dazu bereit sein? Im allgemeinen pflegen siegreiche Kriege bestehende Systeme nicht zu schwächen, sondern zu stärken.

Man muß daher damit rechnen, daß Rußland, die Komintern und die ihr angeschlossenen Parteien trotz aller augenblicklichen Lippenbekenntnisse für die Demokratie an ihren alten Prinzipien und an der alten Praxis festhalten. Das berührt aber auch im höchsten Maß die Stellung der deutschen Sozialdemokraten zu den Kommunisten. Halten die deutschen Kommunisten an ihren alten Auffassungen und Methoden fest, so ist eine Verständigung mit ihnen nur dann möglich, wenn die zukünftige deutsche Arbeiterbewegung, wie immer sie sich nennen mag, auf jede selbständige Position verzeichtet und sich den Weisungen und dem Kommando Rußlands und der Kommunistischen Internationale unterwirft.

Unsere Stellung zu dieser Frage kann keine andere sein als die, die in dem bereits erwähnten Manifest der französischen Sozialisten zum Ausdruck kommt. In diesem Manifest wird die Hoffnung ausgesprochen, daß Sowjetrußland in Zukunft ein aufrichtiges Mitglied der internationalen Gemeinschaft der demokratischen Völker wird, die ihre Unabhängigkeit zurückgewonnen haben, und daß sich damit auch die Beziehungen der verschiedenen Sektionen der Kommunistischen Internationale zu den anderen Arbeiterparteien verbessern. Die französischen Freunde sind davon überzeugt, "daß eine demokratische und sozial gesunde Politik bei uns (in Frankreich) unmöglich sein wird, solange nicht eine unabhängige französische kommunistische Partei die Sowjetunion dazu bringt, im Interesse der europäischen Arbeiterklasse und vor allem im Interesse der russischen und französischen Arbeiter, Teil einer geeinten internationalen Gemeinschaft zu werden."

Hans Vogel lehnt für sich jede Art von Diktatur vor allem wegen ihres Barbarismus und ihrer Grausamkeit ab. Sie ist eine Versündigung am Menschen. Es muß unsere besondere Aufgabe sein, gerade dem deutschen Menschen nach dieser zehnjährigen Nazidiktatur das lebendige Bewußtsein und die immer gegenwärtige Ehrfurcht vor den großen und ewigen geistigen Werten der Welt zurückzugeben. Auf die Dauer kann nur die Gerechtigkeit bestehen, auch in der Sphäre der Politik. Hans Vogel schloß, daß seine Ausführungen, im ganzen gesehen, keinen Anlaß zu besonderer Freude geben, ebensowenig aber auch zur Trauer, zu Kleinmut und Verzagtheit. Wir dürfen uns nur nicht selbst aufgeben und nicht den Glauben an die Bewegung und uns selbst verlieren. Ohne dogmatisch an jedem Buchstaben und jedem Fakt der Tradition zu hängen, müssen wir uns aufgeschlossen zeigen für alle Erfordernisse und Notwendigkeiten. Mehr denn je gelte für heute: Wer in schwankenden Zeiten schwankend gesinnt ist, vermehrt das Übel, wer aber fest im Sinne beharrt, gestaltet die Welt sich.