In diesen Tagen, da die Welt von einem Krieg erschüttert wird, dessen Dauer, Schwere und Entwicklung noch nicht vorauszusehen ist und an dessen Anfang der räuberische Überfall Hitlers auf Polen nach dem Abschluß eines Paktes zwischen Hitler und Stalin stand, in diesen Tagen eines beginnenden Weltsturmes, dessen erste Wirbel so viele Gemüter in Verwirrung gebracht haben, können wir deutsche Sozialdemokraten mit klarer Entschlossenheit die Konsequenzen aus einer klaren Politik ziehen.
Wir haben keine Illusionen gehabt wie die, welche an Hitlers Friedensbeteuerungen auf innen- oder außenpolitischem Gebiet glaubten. Wir haben vom ersten Tag an erkannt, daß Hitler Krieg bedeutet und haben uns durch keines seiner Ablenkungsmanöver täuschen und daran hindern lassen, die Welt zu warnen. Wir haben auch nicht die Illusionen derer geteilt, die aus Hitlers angeblicher Todfeindschaft gegen den Bolschewismus und aus der angeblichen Todfeindschaft der Sowjetunion gegen das Dritte Reich die Folgerung zogen, daß man die Hitlerbarbarei als Bollwerk gegen die bolschewistische Barbarei oder die bolschewistische Diktatur als Rettung vor der hitleristischen unterstützen oder sich einer von beiden unterordnen solle.
Mit einem Schlag sind jetzt die Illusionen zerstört worden. Aller Glaube an die Möglichkeit, Hitler, wenn auch unter Opfern, zum Frieden zu bewegen, hat sich als irrig erwiesen, und es hat sich gezeigt, daß auch der Weg der Zugeständnisse zu keinem anderen Ziel führte als dem, welchem Hitlers "Dynamik" mit innerer Notwendigkeit zustrebte: zum neuen Weltkrieg. Und alle Hoffnungen und Lockungen, die sich an die behauptete Vormachtstellung der Sowjetunion im Kampf gegen den Faschismus und für die Befreiung der deutschen Arbeiterklasse knüpften, sind durch den von Molotow mit Ribbentrop geschlossenen Nichtangriffspakt und das Zusammenwirken der Roten Armee mit der Hitler-Armee bei der Niederwerfung Polens, das als erster Staat sich mit Waffengewalt einem Angriff des Dritten Reiches widersetzte, wie mit Keulenschlägen zunichte gemacht worden.
Als Hitler 1933 in Deutschland zur Macht kam, hat unsere Partei vor einer schicksalsschweren Entscheidung gestanden. Es ging um die Frage, ob der Versuch gemacht werden sollte, im Rahmen der nationalsozialistischen Diktatur als halblegale Arbeiterpartei weiterzubestehen oder den klaren Trennungsstrich gegenüber dem totalen Terror- und Kriegssystem zu ziehen und den schweren, aber klaren Weg in die Illegalität und die Emigration anzutreten.
Unser unvergeßlicher Parteiführer Otto Wels hat damals, in der ersten Sitzung des unter Hitlers Regierung gewählten Reichstages, der trotz allen Terrors noch immer die deutsche Sozialdemokratie als Repräsentantin von 7 Millionen Wählerstimmen und als zweitstärkste deutsche Partei sah, im Angesicht Hitlers die denkwürdigen Worte gesprochen: "Wir sind wehrlos, aber nicht ehrlos." Er hatte diese Worte durch den Entschluß, jede Mitarbeit im totalen Staat der Hitlerbarbarei abzulehnen, den Sitz der Partei ins demokratische Ausland und das Kampffeld in die Illegalität zu verlegen, wahrgemacht. "Wehrlos, aber nicht ehrlos", mit diesem Leitsatz hat die Partei ihren Kampf gegen das Hitlerregime nach dessen Machtantritt zu organisieren begonnen. Wehrhaft und ehrenhaft wird sie nach dem siegreichen Ende dieses Kampfes wieder in Deutschland zu wirken beginnen.
Wie viele Versuchungen sind im Lauf dieser letzten sechs Jahre an uns herantreten, von dem mit klarer Erkenntnis beschrittenen Wege des Kampfes gegen die Hitlerdiktatur und für ein demokratisches und soziales Deutschland abzuweichen. Wie viele Versuchungen, im Kampf zu erlahmen, der uns immer neue Enttäuschungen zu bringen schien, und wie viel Lockungen, uns einer anderen Diktatur, der Diktatur Moskaus, dienstbar zu machen, deren Führung angeblich Gewähr für einen radikalen Kampf gegen die Nazi-Diktatur bot und deren Propagandisten uns sogar eine "demokratische" Volksfront mit den Kommunisten vorspiegelten.
Alle Berichte aus Deutschland stimmen darin überein, daß der Pakt zwischen Hitler und Stalin eine grenzenlose Verwirrung unter den ehemaligen kommunistischen Arbeitern in Deutschland angerichtet hat. Hätte die Sozialdemokratie der Verlockungen jener Gruppen, die selbst in der illegalen Arbeit in Deutschland eine Zusammenarbeit der Sozialdemokraten mit den Kommunisten forderten, nicht widerstanden, wären wertvolle Kämpfer der Gestapo zum Opfer gefallen, und die ideologische Verwirrung hätte auch Kreise der deutschen sozial-demokratischen Arbeiterschaft erfaßt. Manch einer in den Reihen der Partei mochte wankend werden, die Partei aber blieb fest, weil die Führung fest blieb, weil die Erkenntnis unseres Weges klar und der Wille zum Ziel sicher blieb.
Jetzt, da das letzte entscheidende Kapitel des Kampfes gegen Hitler begonnen hat, jetzt, da die gesamte demokratische Welt die furchtbare Gefahr erkannt hat, die wir von Anfang an im Hitlerregime erblickten, jetzt, da der Schein einer grundsätzlichen Gegnerschaft der Hitlerischen und Stalinschen Diktatur jäh zerstört ist, können wir uns auf die Erkenntnisse und Entscheidungen berufen, die unsere Partei im Laufe der letzten sechs Jahre verkündet und befolgt hat.
Wir haben die Kriegsgefahr erkannt !
Wir haben den Lockungen Moskaus widerstanden !
Wir haben der Hitlerdiktatur den Kampf angesagt !
Und wir werden ihn führen bis zu ihrem Untergang !
Quelle: Sozialistische Mitteilungen, Dezember 1941