Rudolf Hilferding ist ermordet worden. Eine Meldung aus Berlin behauptet, er sei in einer Gefängniszelle in Paris am Vorabend seines Abtransports nach Deutschland erhängt aufgefunden worden. Wir wissen: Hilferding hat keinen Selbstmord begangen. Aber wie kam er in die Gefängniszelle in Paris? Die Polizei Pétains hat ihn in Arles, im unbesetzten französischen Gebiet, wo er auf seine Abreise nach New York wartete, auf Befehl der Gestapo verhaftet und an die Gestapo ausgeliefert. Die Schande dieses Bruchs des Asylrechts wird neben allem anderen auf immer auf den Kreaturen Hitlers in Vichy lasten.
Rudolf Hilferding war einer der größten sozialdemokratischen Theoretiker Deutschlands. Sein Buch "Das Finanzkapital" und seine zahlreichen in der "Neuen Zeit" veröffentlichten Arbeiten haben das Wesen des modernen Finanzkapitalismus beschrieben und durchleuchtet und zur Klärung des Wesens des älteren Imperialismus beigetragen. Vor dem Ersten Weltkrieg gehörte er der Redaktion des "Vorwärts" in Berlin an. Im Weltkrieg diente er als Militärarzt. Nach der Novemberrevolution übernahm er die Chefredaktion der Berliner "Freiheit" des Zentralorgans der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei. Er war es, der diese Partei als ihr geistiger Führer zusammenhielt. Er war der große Gegenspieler Sinowjews auf dem Spaltungsparteitag in Halle im Jahre 1920, er blieb der Führer der USPD bis zu ihrer Wiedervereinigung mit der Sozialdemokratischen Partei. Die deutsche Reaktion hat ihn gehaßt. Zweimal war Hilferding Reichsfinanzminister, zweimal hat ihn die Reaktion gestürzt. Beide Male war es Schacht, der in den Kulissen seinen Sturz dirigierte.
Das erste Mal wurde er Reichsfinanzminister am Ende des Ruhrkampfes. Der Geist des hasardierenden Nationalismus hatte Deutschland von der ersten zur zweiten Katastophe geführt. Die Republik hatte ihre Kraft in grotesker Weise überschätzt, und nach der Niederlage wiederholte sich bis zum Erschrecken alles, was man 1918 erlebt hatte. Hilferdings Aufgabe war es, die wirkliche Lage der Reichsfinanzen festzustellen. Mit Grauen erkannte er, was dieser Kampf Deutschland gekostet hatte; er vollendete, was der Weltkrieg begonnen hatte. Hiferding forderte, daß der passive Widerstand eingestellt werde, daß das Reich aufhöre, den Lebensunterhalt von 15 Millionen Menschen zu bezahlen. Die Operation war notwendig. Der Sozialdemokrat mußte den Schutt aufräumen, den die Cuno, Helfferich und Genossen hinterließen, dann wurde er gestürzt. Die nationalistischen Führer des Ruhrkampfes hatten die deutschen Mittelklassen ruiniert - aber sie warfen die Schuld auf den Sozialdemokraten, der das nationalistische Abenteuer liquidieren mußte.
Zum zweiten Mal wurde er 1928 gestürzt, als er den Versuch machte, die unverantwortliche Stellung Schachts und des Bankkapitals anzugreifen - die Reaktion konnte keinen sozialdemokratischen Reichsfinanzminister ertragen, als sie an die geheime Vorbereitung der deutschen Wiederaufrüstung ging.
Hilferding gab danach im Auftrag des Sozialdemokratischen Parteivorstandes die Monatsschrift "Die Gesellschaft" heraus, die eine der besten kritischen wissenschaftlichen Zeitschriften Deutschlands gewesen ist.
Nach Hitlers Machtantritt mußte er Deutschland verlassen. Vom ersten Tag des Exils an hat er den literarischen Kampf gegen das Dritte Reich aufgenommen. Vom ersten Tag an erkannte er. Das dieser Herrschaft innewohnende Gesetz ist der Krieg. Im Oktober 1933 schrieb er in der ersten Nummer der vom PV in Prag herausgegebenen "Zeitschrift für Sozialismus": "Die ganze Ideologie der Nationalsozialisten schafft akuteste Friedensbedrohung. Sie ist um so größer, als kein Zweifel daran gestattet ist, daß große Teile des deutschen Volkes begeistert dem 'heroischen Ideal' des neuen Krieges anhängen. Es ist nur die Ungleichheit der Chancen, die Überlegenheit der Gegner, die den Frieden vor dem heutigen Deutschland sichert. Daher das fieberhafte Streben nach der 'Gleichberechtigung'. Daher der Ruf der Rechtsvergewaltiger nach der Gerechtigkeit, dessen Erfüllung nur die Kriegsgefahr steigern, die Welt der faschistischen Verbrecherpolitik ausliefern würde."
Weil er das wahre Wesen der Hitlerdiktatur durchschaute und die Kriegsgefahr erkannte, hat er sich mit Entschiedenheit gegen die aus der Weimarer Republik übernommene Forderung der Gleichberechtigung in der Rüstungsfrage gestellt. In einem Aufsatz im "Kampf" hat er gezeigt: "Wer Deutschland gleiche Rüstung zugesteht, bewaffnet den Angreifer, unterstützt den deutschen Hegemonieanspruch, begünstigt den nächsten Krieg." Hilferding hat den Kampf gegen den deutschen Nationalismus unermüdlich weitergeführt. Jede Woche unterzog er im "Neuen Vorwärts" erst in Prag, dann in Paris die Wirtschaft des Dritten Reiches eingehender Kritik. Er lehrte, daß sie zur Funktion der Kriegsvorbereitung geworden war. Seine Diagnosen zeigten das Wachsen und Herannahen der akuten Gefahr. In großen Aufsätzen analysierte er die zum Krieg treibende Außenpolitik des Systems und zugleich die Schwäche der europäischen Widerstandskräfte gegen die Gefahr.
Aber es war ein undankbares Geschäft, zwischen 1933 und 1939 das Herannahen des Kriegs zu zeigen und zu warnen! Die Erkenntnis blieb dem Ausland in fast allen seinen sozialen Schichten und politischen Parteien verschlossen, bis es zu spät war. Hilferding hat den Kampf gegen Hitler vom europäischen Standpunkt aus geführt. Am 31. Dezember 1939 schrieb er im "Neuen Vorwärts" einen glänzenden Artikel über den Sinn des Kriegs, in dem er sich rückhaltlos und ohne Vorbehalt auf die Seite Englands, des Westens, der Kultur und der Menschheitsentwicklung stellte und den Sieg der westlichen Demokratien über die totalitären Staaten überhaupt als geschichtliches Schicksal aufzeigte.
Welch tiefe Tragik, daß dieser große Kämpfer für die Freiheit und Menschenwürde, für die Ideen und die Kultur des Westens untergehen mußte, weil ihn Franzosen an die Vorkämpfer der Barbarei auslieferten!
Quelle: Sozialistische Mitteilungen