Der deutsche Operationsbefehl vor Beginn der Marneschlacht
5. September 1914

Chef des Generalstabes des Feldheeres
Operations-Abteilung
Großes Hauptquartier, den 5. 9. 1914.
Anweisungen für die 1.-7. Armee.

Der Gegner hat sich dem umfassend angesetzten Angriff der 1. und 2. Armee entzogen und mit Teilen den Anschluß an Paris erreicht. Meldungen und sichere Agentennachrichten lassen ferner den Schluß zu, daß der Feind aus der Linie Toul-Belfort Truppen nach Westen befördert, sowie daß er an der Front der 3.-5. Armee ebenfalls Armeeteile herauszieht. Ein Abdrängen des gesamten französischen Heeres in südöstlicher Richtung gegen die Schweizer Grenze ist somit nicht mehr möglich. Es muß vielmehr damit gerechnet werden, daß der Feind zum Schutze der Hauptstadt und zur Bedrohung der rechten deutschen Heeresflanke in die Gegend von Paris stärkere Kräfte zusammenzieht und Neubildungen heranführt. Die 1. und 2. Armee müssen daher gegenüber der Ostfront vor Paris verbleiben. Ihre Aufgabe ist es, feindlichen Unternehmungen aus der Gegend von Paris offensiv entgegenzutreten und sich hierbei gegenseitig zu unterstützen. Die 3. und 4. Armee sind noch in Berührung mit stärkerem Feind. Sie müssen versuchen, ihn dauernd nach Südosten zu drängen. Dadurch wird auch der 6. Armee der Weg über die Mosel zwischen Toul und Epinal geöffnet. Ob es hier im Verein mit 6. und 7. Armee gelingen wird, nennenswerte Teile des Gegners gegen das Schweizer Gebiet abzudrängen, ist noch nicht zu übersehen. Aufgabe der 6. und 7. Armee bleibt zunächst die Feststellung der vor ihrer Front befindlichen Kräfte. Es ist sobald als möglich zum Angriff gegen Mosel zwischen Toul und Epinal unter Sicherung gegen diese Festung vorzugehen. Die 3. Armee nimmt die Marschrichtung auf Troyes-Vendeuvre. Je nach der Lage wird sie zur Unterstützung der 2. und 1. Armee über die Seine in westlicher Richtung, oder zur Beteiligung an den Kämpfen unseres linken Heeresflügel in südlicher oder südöstlicher Richtung verwendet werden. Seine Majestät befehlen daher:
1. Die 1. und 2. Armee verbleiben gegenüber der Ostfront von Paris, um feindlichen Unternehmungen aus Paris offensiv entgegenzutreten: 1. Armee zwischen Oise und Marne. Die Marneübergänge von Chateau-Thierry abwärts sind für einen Uferwechsel besetzt zu halten. 2. Armee zwischen Marne und Seine, die Inbesitznahme der Seine-Übergänge zwischen Nogent und Mory ist von Wert. Es wird sich empfehlen, die Armeen in ihrer Masse so weit von Paris entfernt zu halten, daß sie genügende Bewegungsfreiheit für ihre Operationen haben.Höherer Kavallerie-Kommandeur (HKK) 2 bleibt der 1. Armee unterstellt und gibt eine Kav.-Div. an HKK 1 ab. Von HKK 1, der der 2. Armee unterstellt bleibt, tritt eine Kav.-Div. zur 3. Armee. Aufgabe des HKK 2 ist die Beobachtung der Nordfront von Paris zwischen Marne und unterer Seine und Aufklärung zwischen Somme und unterer Seine bis zur Küste. Weitere Aufklärung über Lille-Amiens gegen die Küste durch Flieger der 1. Armee. HKK 1 beobachtet die Südfront von Paris zwischen Marne und Seine unterhalb Paris und klärt auf gegen Caen, Alençon, Le Mans-Tours und Bourges. Flieger sind entsprechend zuzuteilen. Beide HKK's haben die auf Paris führenden Eisenbahnen möglichst nahe an der Festung zu zerstören.
2. Die 3. Armee hat auf Troyes-Vendeuvre vorzugehen. Sie erhält eine Kav.-Div. des HKK 1 überwiesen. Aufklärung gegen die Linie Nevers-Le Creuzot. Flieger sind zuzuteilen.
3. Die 4. und 5. Armee haben durch unentwegtes Vorgehen in südöstlicher Richtung der 6. und 7. Armee den Übergang über die obere Mosel zu öffnen. Rechter Flügel 4. Armee über Vitry le François und Montier en Der, rechter Flügel der 5. Armee über Revigny-Staniville-Morley. Die 5. Armee hat mit ihrem linken Flügel die Sicherung gegen die Maasbefestigungen unter Wegnahme der Forts Troyon, Les Paroches und Camps des Romains zu übernehmen. Der 5. Armee bleibt HKK 4 unterstellt. Aufklärung vor der Front der 4. und 5. Armee gegen Linie Dijon-Besançon-Belfort. Meldungen auch an 4. Armee.
4. Aufgabe der 6. und 7. Armee bleibt unverändert.

gez.: von Moltke.