"Carlo" wurde geboren am 24. März 1897. Mit 17 Jahren ging er in den Krieg, wurde schwer verwundet und kehrte mit dem Eisernen Kreuz 1. Klasse und als überzeugter Sozialist zurück. Er wurde Mitglied der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei und dann der Vereinigten SPD. Er studierte Nationalökonomie in Frankfurt, München, Freiburg und Heidelberg und machte sich nach dem Rathenaumord einen Namen als Anführer der Heidelberger Arbeiter bei ihrer Protestdemonstration gegen die Provokationen des reaktionären Physikprofessors Lennard. Seine viele Stunden lange feurige Verteidigungsrede im anschließenden Prozeß brachte ihm den Freispruch und allgemeine Aufmerksamkeit. Selber literarisch und künstlerisch begabt, war er eng befreundet mit Zuckmayer und anderen rheinischen jungen Künstlern, Schriftstellern und Theaterleuten, beteiligte sich an der radikalen literarischen Zeitschrift "Die Dachstube" in Darmstadt und machte interessante Vorschläge zur Verwertung des Films in seinem Büchlein "Wenn ich das Kino hätt'...". Von 1922-24 arbeitete er im Forschungsbüro des Transportarbeiterverbandes in Hamburg; von 1924-26 als Redakteur beim "Hessischen Volksfreund", Darmstadt; von 1926-28 als Sekretär der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion in Berlin.
Dann kehrte er in seine Heimat, Hessen-Darmstadt, zurück und erkannte als einer der ersten auch die sich auf dem Lande immer stärker ausbreitende Gefahr des Nationalsozialismus. Von da an war seine ganze Kraft dem Kampf gegen die Nazis geweiht. Seine begeisternde Redegabe, sein kühner Schwung, sein Witz und seine unermüdliche Aktivität machten ihn unter den hessischen Arbeitern so populär, daß er trotz seiner Jugend bei der Septemberwahl 1930 in den Reichstag gewählt wurde. Seit 1929 war er außerdem Pressechef im Hessischen Innenministerium und war in dieser Eigenschaft bei der Auffindung und Auswertung der Bestschen "Boxheimer Dokumente" führend beteiligt. Als ständiger Mitarbeiter der "Sozialistischen Monatshefte", der "Gesellschaft" und anderer Zeitschriften schrieb er zahlreiche außenpolitische Artikel, die besonders der deutsch-französischen Verständigung gewidmet waren, und u.a. Artikel über Wahlreform, in denen er als Gegner des zu bürokratischen Listensystems für eine persönlichere parlamentarische Vertretung der Wahlkreise eintrat. Im Reichstag erwarb er sich Ruhm durch eine flammende Rede gegen Dr. Goebbels, die Mierendorff als Vertreter derjenigen Frontkämpfer hielt, die für Frieden und Verständigung kämpften.
Im Jahre 1929 und 1930 studierte Mierendorff die politischen und Propagandamethoden der Nazis und erkannte dabei, daß der Sozialdemokratische Parteiapparat und seine Arbeitsweise, so erfolgreich sie in einer anderen Periode gewesen waren, umgestaltet werden mußten, wenn man sie gegen die moderne Technik der Nazis einsetzen wollte. Von da an arbeitete er unermüdlich an neuen Methoden und wandte sie im Tageskampf an. Er erfand das Symbol der "Drei Pfeile" und mit seinem Freund, Prof. Tschachotin, einem russischen Propagandaspezialisten, ersann er den "Freiheits"-gruß mit gestrecktem Arm und geballter Faust, neue Methoden für Demonstrationen und Versammlungen und sammelte um sich die aktivsten Elemente der Arbeiterbewegung und besonders die Jugend, der er ein hervorragender Lehrer und begeisterndes Vorbild wurde. Wer den neuen Schwung des Antinazikampfes selbst miterlebt hat, der weiß, wie erfolgreich Carlo war.
Nach der Wahl am 5. März 1933 wurde Carlo von fanatischen Nazis auf der Straße erkannt und vom Lynchtod nur durch einen treuen Genossen gerettet, der ihn im entscheidenden Moment in seinem Taxi entführte. Dann folgte eine Periode des ständigen Wechselns von Wohnungen und der kleinen Konferenzen, die sich mit den illegalen Kampfmethoden beschäftigten, und Mierendorff war der erste, der ständig sein Leben riskierte und die Kampfgenossen in konspirativer Technik schulte. Noch ist nicht die Zeit, über Einzelheiten dieser Zeit zu berichten. Vor der Reichstagssitzung am 17. Mai 1933 versuchte er, in der Fraktion eine Resolution durchzusetzen, die der Welt die politische Bedeutung des Umschwungs und des Naziterrors vor Augen führen sollte. Er ging nicht ins Ausland, weil er glaubte, den Kampf fortsetzen zu müssen; so wurde er am 13. Juni 1933 in Frankfurt verhaftet, wenige Minuten, nachdem sein Rechtsanwalt ihn von der Aufhebung des gegen ihn erlassenen Haftbefehls informiert hatte. Die Nazis schleppten ihn im Triumphzug durch Darmstadts Hauptstraßen, aber es wurde ein Triumph für Mierendorff, der mit erhobenem Haupt und einem verächtlichen Lächeln auf den Lippen durch die tobenden Reihen schritt. Es folgten ohne Verhör oder Urteil: Landgerichtsgefängnis Darmstadt, Konzentrationslager Osthofen, Börgermoor, Lichtenburg.
Seine aufrechte Haltung alle die Jahre hindurch wird von vielen gerühmt. Was es für diesen jungen, so aktiven Menschen bedeutete, die Qualen des KZ volle fünf Jahre zu ertragen, wird nur der ganz ermessen können, der Carlos Liebe für Freiheit, Leben, Sport, Natur, Theater und Schönheit kannte. Der "Partei", die er bewunderte, war Carlo Mierendorff immer ein loyaler Diener trotz mancher Reibungen, die dadurch entstanden, daß er für eine einmal als richtig erkannte Sache durch dick und dünn ging und sie ausfocht gegen welche Widerstände auch immer. Vielleicht hat er manchmal weiter gesehen als mancher unserer älterer Genossen, denn er fühlte schon sehr früh, daß es sich nun nicht mehr nur um periodische Wahlkämpfe, sondern um einen Kampf auf Leben und Tod zwischen Freiheit und Sklaverei handelte.
Nun ist Carlo nicht mehr und man kann sich nur schwer mit dem Gedanken vertraut machen, daß dieses Feuer erloschen ist, ohne vorher noch einmal die Glut seiner Persönlichkeit unserer Bewegung geopfert zu haben.
Quelle: Sozialistische Mitteilungen, Zeitschrift der deutschen Exil-Sozialdemokraten in England