Die Rolle der Emigration.
Die entscheidenden Kräfte, die die neue sozialistische
Partei in Deutschland nach dem Sturz der Hitlerdiktatur tragen,
ihre Ziele und ihre Formen bestimmen werden, leben in Deutschland.
Der geschichtliche Prozeß, der zur Bildung der neuen Partei
führen wird, wird sich in Deutschland vollziehen. Man kann
daher über die Bildung der neuen sozialistischen Partei nicht
durch einen organisatorischen Beschluß in der Emigration
entscheiden.
Trotzdem fällt der sozialistischen Emigration in dieser Frage
eine wichtige Funktion zu. Sie hat gegenüber den Freunden
im Reich den großen Vorteil, jetzt schon in viel größerer
Freiheit und Unabhängigkeit die notwendigen klärenden
Diskussionen über Formen und Aufgaben der neuen Partei führen
zu können. Die Ausnutzung dieser Möglichkeit ist sogar
die besondere politische Verpflichtung der Emigration gegenüber
der Bewegung im Land. Eine ernsthafte und sachliche Vorbereitungsarbeit
in der Emigration kann die ersten Schritte der neuen Bewegung
wesentlich erleichtern. Sie kann von großer, vielleicht
entscheidender Bedeutung für die ersten Handlungen und für
die zukünftige Zielrichtung dieser neuen Bewegung werden.
Die Entwicklung des Krieges und die innere Bereitschaft in der
sozialistischen Emigration zur gemeinsamen Arbeit an der Lösung
der Probleme machen die Inangriffnahme dieser Arbeit notwendig
und möglich.
Die Aufgaben in der Übergangszeit.
Für uns Sozialisten ist die Partei das Instrument unseres
politischen Kampfes zur Durchsetzung unserer sozialistischen Ziele.
Formen und Aufgaben einer sozialistischen Ziele. Formen und Aufgaben
einer sozialistischen Partei werden daher bestimmt von den Bedingungen
und Aufgaben des Kampfes. Es ist deshalb zunächst die Frage
zu untersuchen, welche Bedingungen wir nach dem Sturz der Hitlerdiktatur
in Deutschland vorfinden und vor welche Aufgaben wir gestellt
sein werden.
Es ist unsere gemeinsame Überzeugung, daß der Sturz
der Hitlerdiktatur die Folge eines eindeutigen militärischen
Sieges der Alliierten und einer revolutionären Erhebung
der antifaschistischen Kräfte in Deutschland selbst sein
wird. Wir gehen bei unseren Überlegungen weiter von der Annahme
aus, daß die militärischen Sieger, abgesehen von den
von ihnen als notwendig erachteten Sicherungsmaßnahmen gegen
eine Wiederholung einer deutschen Aggression, die Entwicklung
und die Tätigkeit einer freien sozialistischen Arbeiterbewegung
in Deutschland als eine der wesentlichsten inneren Garantien für
eine demokratische und friedliche Entwicklung des neuen Deutschland
ermöglichen.
Auch in diesem Fall werden wir in Deutschland vor einer außergewöhnlichen
und außerordentlich schwierigen Situation stehen. Sie wird
in keiner Weise der des Jahres 1918 gleichen. Damals konnte das
alte kaiserliche Deutschland abgelöst werden durch eine Opposition,
die auch während des Krieges ihre Organisationen, ihre parlamentarischen
Vertretungen und ihre Presse hatte. Diesmal gibt es in Deutschland
keine derartige organisierte Alternative. Zehn oder vielleicht
sogar zwölf Jahre totaler Diktatur haben die alten organisatorischen
Formen der Arbeiterbewegung restlos zerstört, ihre Anhängerschaft
atomisiert, ihre geschulten Kräfte dezimiert.
In dieser Lage wird die neue Bewegung vor einem Umbruch von ganz
anderen Dimensionen stehen als im Jahre 1918. Der totalen Diktatur
wird ein totaler Zusammenbruch, dem totalen Krieg die totale Niederlage
mit allen ihren weitreichenden Folgen für das deutsche Volk
folgen. Auf der anderen Seite werden Umfang und Inhalt der Maßnahmen
in dieser Übergangszeit von entscheidender Bedeutung für
die Zukunft des deutschen Volkes und der deutschen Arbeiterbewegung
sein. Das Programm der neuen Partei für die Übergangszeit
muß daher Maßnahmen prinzipieller Natur zur dauernden
Sicherung der neuen deutschen Demokratie enthalten. Diese Maßnahmen
dürfen sich nicht beschränken auf die Vernichtung und
Unschädlichmachung der Träger des Nazisystems. Diese
notwendige Abrechnung mit den Schuldigen wird sich außerdem
ohne programmatische Ankündigung als die selbstverständliche
und unabwendbare Folge des Zusammenbruchs der Diktatur vollziehen.
Es dürften dabei alle die auf ihre Rechnung kommen, denen
die Revolution von 1918 zu unblutig war.
Das wesentliche Ziel der neuen Partei in dieser revolutionären Übergangsperiode muß vielmehr ein tiefer Eingriff in die alte gesellschaftliche Ordnung sein. Zur dauernden Sicherung der neuen deutschen Demokratie, ihres sozialen Charakters und ihrer friedlichen Außenpolitik müssen dem Grußgrundbesitz, der Schwerindustrie und der Hochfinanz, der nazistisch-reaktionären Bürokratie und dem Militarismus die Verfügungsgewalt über Produktion und Staatsapparat für dauernd entzogen werden. Diese Maßnahme muß sofort, kraft revolutionären Rechts, erfolgen, und die erste dringende Aufgabe einer Vorbereitung des Aktionsprogrammes der neuen Partei in der Übergangszeit muß es sein, konkrete Vorschläge für die Verwirklichung dieses Prinzips auszuarbeiten. Die Art der Enteignung, die Art der zukünftigen Verfügungsgewalt, die Grundsätze der neuen Staatsverwaltung müssen konkret bestimmt werden.
Eine zweite dringende Aufgabe ist der engste Kontakt und der Gedankenaustausch mit den Vertretern der sozialistischen Bewegung in den anderen europäischen Ländern, Die engste praktische Verbindung mit der sozialistischen Arbeiterbewegung außerhalb Deutschlands wird eine Lebensnotwendigkeit für die neue Bewegung und für das neue Deutschland sein. Schon heute liegen genügend Anzeichen dafür vor, daß es innerhalb und außerhalb Deutschlands einflußreiche Kräfte gibt, die entgegen dem Willen der Sozialisten und Demokraten aus Sorge um die Existenz ihrer bisherigen gesellschaftlichen Machtstellung die deutsche Aggression nach dem Motto bekämpfen möchten: Wascht den Pelz, aber macht ihn nicht naß.
Die organisatorische Aufgabe in der Übergangszeit.
In dieser Übergangszeit muß auch der organisatorische
Aufbau der neuen Partei erfolgen. Eine Anknüpfungsmöglichkeit
an die alte Organisation besteht nicht mehr. Wir werden vielmehr
einer Vielzahl und Vielfalt von örtlich oder gar betrieblich
begrenzten Widerstandszentren oder traditionell gebundenen Gruppen
gegenüberstehen. Diese Kräfte werden weder einheitlich
geführt noch organisatorisch zentral zusammengefaßt
sein. In dem Fall werden wir es aber mit aktiven, erprobten und
zuverlässigen Gruppen und Menschen zu tun haben, die die
Keimzellen und den Organisationskern der neuen Partei bilden werden.
Das erste praktische Problem ist, daß wir uns sobald als
möglich - selbstverständlich intern - auf Grund unserer
Erfahrungen und Personalkenntnisse eine Übersicht über
diese Kräfte verschaffen. In der Hitlerdiktatur erprobte
Vertrauensleute in großen Betrieben, bewährte Funktionäre
und Mitglieder in den einzelnen Orten oder in den Wohnbezirken
der Großstädte werden in der ersten Zeit gleichzeitig
das organisatorische Zentrum der neuen Bewegung und ihre Vertrauensleute
oder Kommissare gegenüber der öffentlichen Verwaltung
sein müssen. Oft - vor allem in kleinen Orten - wird in den
ersten Tagen ein Mann, bewährt in seiner Gesinnungstreue
und daher anerkannt von den Arbeitern und den demokratischen Elementen
der Bevölkerung, das Zentrum der neuen Partei sein müssen.
Die Ausarbeitung einer Übersicht, an welchen Orten und in
welchen wichtigen Zentren, betrieblich oder wohnbezirklich, wir
mit Sicherheit mit solchen Vertrauensleuten rechnen können,
wird für die Lösung der ersten organisatorischen und
politischen Aufgaben von der größten praktischen Bedeutung
sein.
Andere vordringliche Fragen müssen untersucht werden: der
provisorische örtliche und bezirkliche Aufbau der Partei,
die Schaffung einer provisorischen Reichsleitung und die Wiederherausgabe
einer freien sozialistischen Presse. Eine andere wichtige Aufgabe
wird die Klarstellung der Funktionen der Vertrauensleute der Partei
im Hinblick auf die Aufrechterhaltung der lebenswichtigen Betriebe
(Lebensmittelversorgung, Kraftversorgung, Verkehr, Fürsorgeeinrichtungen)
sein. Richtung und Inhalt der neuen Entwicklung in Deutschland,
soweit sie von den innerdeutschen Kräften abhängen wird,
werden in hohem Maße davon bestimmt werden, daß der
Wille der neuen sozialistischen Bewegung an allen entscheidenden
Punkten des öffentlichen Lebens schnell und wirksam durch
die Vertrauensleute der Bewegung zur Geltung gebracht wird.
Die Bedingungen und die Aufgaben, die sich unmittelbar nach dem Sturz des Hitlerregimes ergeben werden, werden es mit sich bringen, daß die neue Bewegung weder nach der Zusammensetzung ihres Kerns, noch hinsichtlich der vordringlich zu lösenden Aufgaben immer streng unterscheiden kann zwischen rein politischen und rein gewerkschaftlichen Aufgaben. Es muß aber ihr Ziel sein, sobald als möglich aus dem Kern sowohl die neue Gewerkschaftsbewegung als die neue Partei zu entwickeln.
Das Aktionsprogramm der neuen Partei.
Alle organisatorischen und politischen Maßnahmen der neu
entstehenden sozialistischen Partei müssen unter einheitlichen
Gesichtspunkten in Angriff genommen werden, die in ihren Grundzügen
in der Form eines Aktionsprogramms schon jetzt entwickelt werden
müssen.
Wir haben bisher nur von der Notwendigkeit gesprochen, im Zuge
einer revolutionären innerdeutschen Entwicklung die wirtschaftlichen
und sozialen Triebkräfte des deutschen Faschismus und des
deutschen Militarismus durch einschneidende Eingriffe in die alte
gesellschaftliche Ordnung zu zerstören. Sie müssen Teil
eines Programms sein, das die neue sozialistische Partei zur führenden
Kraft werden läßt, und das die Mittel und Wege zeigt,
den Versuch von 1918 mit Erfolg und Bestand zu erneuern und weiterzuführen.
Dabei müssen wir von der Erkenntnis ausgehen, daß programmatische
Formulierungen allgemeiner Art und allgemeine Bekenntnisse zum
Sozialismus nicht mehr ausreichen werden. Wir müssen auf
konkrete Fragen konkrete Antworten, sachlich und eindeutig, geben.
Die neue Partei muß festhalten an unseren grundsätzlichen Vorstellungen über den freiheitlichen und demokratischen Charakter einer sozialistischen Partei. Sie haben durch die Ereignisse eine neue Rechtfertigung erfahren. Die Hitlerdiktatur, die sich das Ziel gesetzt hatte, den Freiheitswillen der Menschen zu vernichten, hat das Verlangen nach persönlicher Freiheit und sozialer Sicherheit, nach Recht und Frieden mit neuer elementarer Kraft erfüllt. Dieses Verlangen wird heute von weiten Kreisen des Volkes über die Arbeiterschaft hinaus geteilt. In dieser Entwicklung liegt die große Chance der neuen Partei. Durch ihre Zielsetzung und durch ihr praktisches Handeln muß sie sich zur Führerin dieser Bewegung machen.
Hinter dem Schlagwort von der "antikapitalistischen Sehnsucht" breiter Volksschichten speckt mehr als ein erfolgreicher Propagandatrick der Nazis. Die Erkenntnis, daß die alte kapitalistische Wirtschaftsordnung nicht in der Lage ist, den Menschen Sicherheit der Existenz und Schutz vor den Wechselfällen des Lebens zu geben, hat in der Weltwirtschaftskrise von 1930 bis 1934 große Fortschritte gemacht. Unter der Hitlerdiktatur hat sich der Scheinsozialismus der Nazis als Betrug erwiesen. Sie hat vor allem das Problem der neu proletarisierten Mittelschichten die Schaffung einer neuen Existenzsicherheit nicht gelöst. Die alte Forderung der sozialistischen Arbeiterbewegung nach einer Ablösung der kapitalistischen Ordnung durch eine durch das Interesse der Allgemeinheit bestimmte neue Ordnung wird daher auch die Unterstützung dieser Mittelschichten finden.
Die von uns geforderten Eingriffe in die bisherige gesellschaftliche Ordnung, die Aufhebung der Verfügungsgewalt der Schwerindustrie, der Hochfinanz und des Großgrundbesitzes über Produktion und Staatsverwaltung, sind daher nicht nur eine lebensnotwendige politische Maßnahme zur Sicherung der neuen deutschen Demokratie, sie sind gleichzeitig der Ausgangspunkt für eine Ordnung der sozialen Sicherheit für alle.
Die erste dringende Aufgabe der neuen Demokratie wird die Umstellung
der deutschen Wirtschaft auf eine reine Bedarfs- und Friedenswirtschaft
sein. Es ist damit zu rechnen, daß dem neuen deutschen Staat
nach dem Sturz der Hitlerdiktatur Maßnahmen in dieser Richtung
von den Alliierten als Sicherungen gegen eine neue deutsche Aggression
auferlegt werden.
Die absolute und vollständige Umstellung der heutigen deutschen
Kriegswirtschaft auf eine Bedarfs- und Friedenswirtschaft unter
Führung und Planung durch den demokratischen Staat entspricht
aber unabhängig von diesen außenpolitischen Eingriffen
einem lebenswichtigen Interesse der neuen deutschen Demokratie.
Der Eingriff in die bisherigen Besitzverhältnisse wird dem neuen Staat eine gerechte Verteilung des Arbeitsertrags zugunsten der Arbeitenden und Unbemittelten und den Aufbau einer Sozialfürsorge ermöglichen, die auch den wirtschaftlich gefährdeten Mittelschichten eine größere Existenzsicherheit verschafft. Es wird die Aufgabe von Einzelberatungen sein, die Vorstellungen über diese neue wirtschaftliche und soziale Ordnung im einzelnen zu entwickeln.
Die neue Partei muß nicht nur auf wirtschaftlichem Gebiet
in ihrer praktischen Politik über die Politik der Arbeiterbewegung
zwischen 1918 und 1933 hinausgehen, sie muß diesen Schritt
nach vorn auch auf politischem Gebiet tun.
Auch auf politischem Gebiet ist der Angriff der Hitlerdiktatur
auf die alten Vorstellungen, die auch die sozialistische Arbeiterbewegung
getragen haben, die Vorstellungen, daß sich der Fortschritt
der Menschheit nur auf dem Boden eines demokratischen Rechtsstaates
dauerhaft und beständig entwickeln kann, gescheitert. Die
totale Diktatur hat dem Verlangen nach Recht, Gesetzlichkeit und
Schutz der Persönlichkeit vor Willkür und Gewalt neue
Impulse gegeben. Neben dem Verlangen nach sozialer Sicherheit
ist das Verlangen nach Freiheit und Rechtssicherheit die stärkste
Triebkraft aller oppositionellen Regungen gegen das Naziregime.
Sie wird nach dem Sturz der Hitlerdiktatur ihre Erfüllung
suchen.
Wir dürfen die Hoffnung hegen, daß die Kraft, die das Böse wollte, das Gute schafft, das heißt, daß nach dem bitteren Experiment der totalen Diktatur breite Schichten des deutschen Volkes den Wert eines freiheitlichen Regimes und eines Rechtsstaates besser zu schätzen wissen als in der Zeit nach der Novemberrevolution von 1918. Eine sozialistische Partei, die die Schaffung eines Rechtsstaates auf dem Boden einer freiheitlichen Demokratie in Angriff nimmt, wird daher auch auf diesem Gebiet auf die Zustimmung und die Unterstützung von Volksschichten über die Arbeiterschaft hinaus rechnen können.
Die Möglichkeiten entheben uns nicht der Verpflichtung, aus
unseren Erfahrungen in der demokratischen Periode von 1918 bis
1933 unsere Schlüsse zu ziehen und nach Mitteln und Wegen
zu suchen, um die Fehler von damals und die schließliche
Vernichtung der Demokratie zu vermeiden.
Auch wenn wir die Existenz der neuen deutschen Republik durch
einschneidende Änderungen in der wirtschaftlichen Struktur
stärker unterbauen, als es 1918 geschah, so sind damit nicht
alle politischen Gefahren für die neue Demokratie gebannt.
Der deutsche Nationalismus wird selbst nach der Niederlage der
Hitlerdiktatur als ideologische und politische Kraft fortbestehen,
und er wird den Kampf um die Macht nicht aufgeben.
Die neue deutsche Demokratie muß von Anfang an eine eindeutige
Kampfstellung gegen diesen Nationalismus beziehen, die neue deutsche
Demokratie muß eine kämpferische Demokratie sein. Die
neue Partei muß auch alle die Erfahrungen und Beobachtungen
in ihre Betrachtungen und Entscheidungen über ihre Politik
in der neuen Demokratie einbeziehen, die in anderen demokratischen
Ländern Europas in den letzten zwanzig Jahren gemacht wurden.
In allen demokratischen Ländern, selbst in den klassischen
Ländern demokratischer Selbstverwaltung, haben sich im Laufe
der letzten zwei Jahrzehnte Entwicklungen vollzogen und vollziehen
sich weiter, die die Formen demokratischer Selbstverwaltung und
demokratischer Staatsführung weitgehend verändert haben
und noch verändern werden.
Für die neue deutsche Demokratie und für alle Demokratien, die sich mehr und mehr zu sozialen Demokratien mit weitgehenden Eingriffen des Staaten in das Wirtschaftsleben und mit planmäßiger Gestaltung des wirtschaftlichen und sozialen Lebens durch den Staat entwickeln, ergeben sich zahlreiche neue und schwerwiegende Probleme aus der Notwendigkeit, einen Ausgleich zwischen staatlichen dirigierter Planung, wachsender bürokratischer Verwaltung und der politischen udn persönlichen Freiheit des einzelnen Staatsbürgers zu finden.
In Deutschland wird die neue Partei als die entscheidende Trägerin eines wirklichen demokratischen Volkswillens zunächst vor der dringenden Aufgabe der politischen Sicherung der neuen Demokratie gegen ihre innerpolitischen Gegner stehen. Sie kann und darf den Feinden der Demokratie den prinzipiellen Gegnern einer demokratischen Selbstverwaltung des Volkes, nicht wieder die Möglichkeit geben, mit den Mitteln der Demokratie die Demokratie zu untergraben. Für eine absehbare Zeit können und dürfen z.B. die aktiven Träger des Naziregimes nicht in den Genuß staatsbürgerlicher Rechte der Demokratie kommen. Die neue Demokratie muß den Mut haben, diesen Feinden der Demokratie die demokratischen Rechte zu verweigern. Die praktische Aufgabe der Einzelberatung muß es sein, den Ausgleich zwischen dieser Maßnahme und der Lebensmöglichkeit einer für eine lebendige Demokratie lebensnotwendigen Opposition auf dem Boden der demokratischen Ordnung zu finden.
Mit dem Übergang vom faschistischen zum demokratischen System wird der Weg für die Eingliederung des deutschen Volkes in die Gemeinschaft der europäischen demokratischen Völker wieder frei, aber gleichzeitig wird diese neue deutsche Demokratie auch wieder in die Problematik moderner demokratischer Staatsführung einbezogen. Sie hat sich in dem Jahrzehnt seit 1933 weiter kompliziert, nachdem der Einfluß und das Aufgabengebiet des Staates durch den Ausbau staatlicher Wirtschafts- und Sozialpolitik ständig im schnellen Wachstum begriffen sind.
Angesichts dieser Entwicklung stehen alle Demokratien vor der Aufgabe, eine neue Einheit zu finden zwischen der Notwendigkeit einer starken Führung, die auf lange Sicht planen kann, und der Notwendigkeit der Schaffung eines lebendigen demokratischen Bewußtseins im Volk.
Die neue deutsche Demokratie wird versuchen müssen, in erster Linie ein lebendiges demokratisches Bewußtsein im Volk zu entwickeln und zu erhalten. Der Kontakt zwischen dem Wähler und dem Gewählten muß enger gestaltet werden, als es in der Weimarer Republik der Fall war. Das frühere Listensystem hat in hohem Maß die Entfremdung zwischen den Volksvertretern und den Wählern gefördert. Bei Aufrechterhaltung des Prinzips des allgemeinen und gleichen Wahlrechts für alle Staatsbürger ohne Rücksicht auf Geschlecht, Rasse oder soziale Stellung muß der Wähler die Möglichkeit erhalten, eine Persönlichkeit und nicht nur eine Liste zu wählen.
Der unmittelbare Anteil des Volkes an der Verwaltung seiner Geschicke muß durch einen Ausbau der Selbstverwaltung, vor allem in den unteren kommunalen Gliederungen gesteigert werden. Die Heranziehung breitester Volksschichten zur praktischen Mitarbeit wird auch eines der wesentlichen Erziehungsmittel der neuen Demokratie zu demokratischer Haltung und zur Beherrschung der Technik der politischen Verwaltung sein müssen.
Das Parlament, gestützt auf den direkten und ständigen Kontakt mit den Wählern, wird in der neuen Demokratie wieder zur vollen Ausübung seiner Grundrechte kommen. Die Grundlinien der Innen- und Außenpolitik unterliegen der Entscheidung des Parlaments. Die Entscheidung über Krieg und Frieden, die Budgetfeststellung und die Budgetkontrolle sind das ausschließliche Recht des Parlaments.
Dagegen wird die neue Demokratie sich gegen eine Wiederholung der Auflösungs-erscheinungen des Weimarer Parlaments schützen müssen. Dazu gehören Sicherungen gegen die Parteienzersplitterung, die schließlich zur Entstehung einer Vielzahl von Splittergruppen im Weimarer Parlament geführt hat. Dazu gehört auch eine neue Abgrenzung der Rechte der Regierung und des Parlaments. Die Regierung bedarf zu ihrer Amtsführung der Zustimmung der Mehrheit des Parlaments, aber die Entziehung des Vertrauens muß gebunden sein an eine prinzipielle Entscheidung über die Politik der Regierung.
Die neue Demokratie muß der Erziehung eine bedeutsamere Stellung einräumen. Die Anforderungen an die in der öffentlichen Erziehung tätigen Personen müssen dem gleichen strengen Maßstab für die zuverlässige demokratische und soziale Gesinnung unterliegen, die für alle anderen Funktionäre des Staates bindend sein werden. Die Erziehung ist eine öffentliche Angelegenheit, ihre Grundlagen müssen eindeutig demokratisch und sozial sein. Das Erziehungsziel muß mit bewußter Unterstreichung des prinzipiellen Gegensatzes zu der nazistischen und nationalistischen Zielsetzung der Vergangenheit auf die Erweckung einer sozialen, humanen und friedlichen Gesinnung gerichtet sein.
Die neue Demokratie muß sich aus eigenem Entschluß,
als Ausfluß ihrer neuen geistigen und politischen Haltung
zu einer eindeutigen friedlichen Außenpolitik bekennen.
Sie muß den Krieg und die Anwendung von Gewalt oder die
Drohung mit der Gewalt als Mittel ihrer auswärtigen Politik
grundsätzlich ablehnen. Das schließt ein die radikale
und bedingungslose Vernichtung des deutschen Militarismus als
Organisation und als Ideologie. Friedens- und Verständigungs-
politik müssen eine der wesentlichen Grundlagen der öffentlichen
Erziehung der Jugend und der öffentlichen Meinungsbildung,
insbesondere im Rundfunk und Film, bilden.
Alle diese Bemerkungen sind nicht mehr als eine Zusammenfassung der Hauptgesichtspunkte der Politik der neuen sozialistischen Partei, die gleichermaßen getragen sein muß von der Entschlossenheit, die neue demokratische Ordnung zu sichern, daß sie sich gegenüber neuen nationalistischen und reaktionären Angriffen behaupten kann, und von dem Willen, auf ihrem Boden planmäßig und zielbewußt die Elemente einer sozialistischen Ordnung, dem obersten Ziel der Politik der Partei, zu entwickeln.
Wesen und Form der neuen Partei.
Über die Betrachtung über die Aufgaben der Partei hinaus ist noch eine Untersuchung über Wesen und Form der neuen Partei selbst notwendig. Auch hier müssen wir die Erfahrungen und Erkenntnisse der Zeit vor und während der Hitlerdiktatur in Betracht ziehen. Es liegt im Wesen einer demokratisch und freiheitlich orientierten sozialistischen Partei, daß sie ständig danach streben muß, immer neue Schichten der Bevölkerung für ihre Ansichten und Aufgaben zu gewinnen und sie von der Richtigkeit ihrer Vorstellungen und Zielsetzungen zu überzeugen.
Im Prinzip muß daher die neue Partei jedem offen stehen, der sich mit ihren Zielen und ihrer Politik verbunden fühlt und bereit ist, für ihre Erfüllung zu wirken. Auf der anderen Seite stellen die wachsenden Aufgaben, die im Zuge der Durchsetzung immer größerer Teile unserer Forderungen entstehen, immer größere Anforderungen an die Kenntnis und die Einsatzbereitschaft jedes einzelnen Mitgliedes. Auch in der Partei wird daher die Erziehung im weitesten Sinne des Wortes, die innere Verpflichtung des einzelnen für die Aufgabe, von wachsender Bedeutung sein. Das Gewicht der Zahl der Anhänger muß verstärkt werden durch die Kraft entwickelter Persönlichkeiten. Die Partei wird auch aus einem anderen Grund für die Vertiefung ihres inneren geistigen Lebens wirken müssen.
Die Einsicht in die Notwendigkeit der Änderung der gegenwärtigen gesellschaftlichen Ordnung wird heute von allen einsichtigen und denkenden Menschen geteilt. Die neue Partei muß bereit sein, ohne doktrinäre Enge, die Führung dieser Kräfte im Volk zu übernehmen und sich zum Zentrum des Kampfes für eine gerechte und soziale Ordnung für alle Volksschichten zu entwickeln. Sie kann es nur werden, wenn sie gegenüber weltanschaulichen, religiösen oder anderen philosophischen Motivierungen einer fortschrittlichen sozialen Einstellung des einzelnen tolerant ist.
Die notwendige Einheitlichkeit der politischen Aktion muß in der Partei mit Hilfe einer starken Parteidemokratie erarbeitet werden. Das Problem der Parteidemokratie muß auch noch unter einem anderen Gesichtspunkt untersucht werden. Die neue Partei bedarf zu ihrer Verwaltung und zur Erfüllung der praktischen politischen Aufgaben einer Bürokratie. Die Bürokratie wird wachsen in dem Maße, als die Partei als entscheidender Träger des Volkswillens in die Verwaltung der Gesellschaft eingreift. Sie wird sich weiter spezialisieren, und damit werden auch in ihr alle Tendenzen der Mechanisierung und der Entpersönlichung wirken, die heute in jeder modernen Demokratie zu finden sind. Das praktische Problem ist, einen Ausgleich der Spannung zwischen der politischen Führung der Partei, der Mitgliedschaft und der Parteibürokratie zu finden.
Im Prinzip wird man dabei von der Auffassung ausgehen müssen, daß die organisatorischen Leiter und die fachlichen Mitarbeiter der Partei nicht identisch sein müssen mit der politischen Führung der Partei, sowohl in der zentralen Körperschaft wie in den verschiedensten Untergliederungen der Partei.
Das Verhältnis zu den Kommunisten.
Die neue Partei muß sich schließlich mit ihrem Verhältnis
zu den Kommunisten auseinandersetzen. Selbstverständlich
muß sie das Ziel verfolgen, das Unglück der Spaltung
der Arbeiterschaft endgültig zu überwinden.
Im Prinzip wird die Frage der alten Parteizugehörigkeit bei
dem Aufbau der neuen Partei keine Rolle spielen. In der Illegalität
haben viele frühere Kommunisten ihre Überzeugungstreue
und ihre Zuverlässigkeit ebenso unter Beweis gestellt wie
die früheren Sozialisten. Die gemeinsame Gefahr hat auch
vor allem in den örtlichen und betrieblichen Einheiten der
illegalen Bewegung Ansätze für ein neues Vertrauensverhältnis
zwischen solchen früheren Kommunisten und Sozialisten geschaffen.
Nur ein Teil der früheren Kommunisten war von den Sozialisten
durch wirkliche prinzipielle Gegensätze getrennt, bei vielen
gab das Bedürfnis nach einer "radikaleren" entschlosseneren
Politik den Ausschlag für die Orientierung zu der Partei
"links von den Sozialdemokraten".
Viele dieser Kommunisten werden einem konstruktiven sozialistischen
Programm der neuen sozialistischen Partei aus innerster Überzeugung
zustimmen, und eine aktive Politik der neuen Partei kann viele
Ursachen für die Existenz einer selbständigen Arbeiterpartei
links von den Sozialisten aufheben. Eine solche Entwicklung zur
Einheit soll die neue Partei bewußt und freudig fördern.
Dagegen darf man die Augen nicht vor der Tatsache verschließen,
daß damit die Frage des Verhältnisses zu der KPD als
Organisation nicht gelöst ist. Die Spaltung zwischen Sozialisten
und Kommunisten nach dem letzten Krieg in allen Ländern der
Welt hat tiefere Ursachen, die zum Teil noch heute fortbestehen
und die auch die neue sozialistische Partei nicht auf dem Wege
eines Kompromisses oder einer neuen eigenen Orientierung zu lösen
vermag. Diese Ursachen liegen nicht in erster Linie in den Unterschieden
der Form und der Methoden des politischen Kampfes um den Sozialismus.
Die neue sozialistische Partei im besonderen wird sich bewußt
sein, daß vor allem in der Übergangszeit nach dem Sturz
der Diktatur die Grundlagen der neuen Ordnung nicht auf demokratisch-parlamentarischem
Weg im alten Sinne durchgesetzt werden können und daß
die Notwendigkeit der Sicherung der Demokratie die Gewährung
der staatsbürgerlichen Rechte unterschiedslos für alle
Staatsbürger in der Übergangszeit ausschließt.
Darüber hinaus und in ihrem Wesen will aber die neue sozialistische
Partei die Partei eines freiheitlich-demokratischen Sozialismus
sein. Für sie ist daher die innere Parteidemokratie die entscheidende
Grundlage ihres Organisationslebens.
Die kommunistischen Parteien sind dagegen auf organisatiorischen Prinzipien begründet, die im unvereinbaren Gegensatz zu unseren Vorstellungen stehen. Die kommunistischen Parteien kennen keine Parteidemokratie. Die Entscheidung über die Politik der Partei fällt in der KPD nicht in der Meinungs- und Willensbildung durch die Mitgliedschaft der Partei. Sie fällt in der Parteiführung, die in den einzelnen Landessektionen wiederum abhängig ist von den Entscheidungen der Komintern, einem Instrument, das von der russischen Kommunistischen Partei dirigiert wird, deren Entscheidungen allein der Kontrolle der russischen Diktatur unterliegen. Die KPD hat heute die rein kommunistische Propaganda zugunsten einer demokratischen und allgemein antifaschistischen Propaganda zurückgestellt, aber diese Änderung ist bis jetzt nur eine rein taktische, denn am inneren Aufbau der KPD und der Komintern hat sich nichts geändert.
Solange die neue sozialistische Partei an ihren Prinzipien eines
freiheitlichen Sozialismus festhält und solange die KPD sich
nicht zu einer unabhängigen deutschen Arbeiterpartei entwickelt,
bedeutet eine organisatorische Verschmelzung der Sozialisten und
Kommunisten in einer Partei die Unterstellung dieser vereinten
Partei unter den direkten Einfluß der Prinzipien und der
Politik der Komintern.
Die neue Partei würde vom ersten Augenblick ihrer Existenz
an der Möglichkeit einer freien Meinungs- und Willensbildung
beraubt sein, weil ein Teil ihrer Mitglieder von Weisungen abhängig
sein würde, die völlig außerhalb der Kontrolle
und Einwirkungsmöglichkeiten der Partei liegen.
Die innere Organisation der KPD als einer Sektion der Komintern
schließt eine Lösung des Problems auf nationaler Basis
aus. Es sei dahin gestellt, ob eine Lösung zur Zeit überhaupt
möglich ist. Auf jeden Fall ist sie nur möglich auf
internationaler Basis, auf dem Wege
von Verhandlungen zwischen der Repräsentation der internationalen
sozialistischen Arbeiterbewegung und der Komintern.
Die neue Sozialistische Arbeiter-Internationale.
Der wichtigste Schritt zur Sammlung aller Kräfte für eine aktive sozialistische Politik ist daher zunächst die Vereinigung der verschiedenen Gruppierungen im sozialistischen Lager und die schnellste Wiederherstellung der Sozialistischen Arbeiter-Internationale (SAI). Dabei gehen wir von der Überzeugung aus, daß auch die SAI über ihre alte Form hinaus entwickelt werden muß. Unter Aufrechterhaltung des Grundsatzes, daß sie der freiwillige Zusammenschluß freier sozialistischer Parteien sein muß, muß sie sich zu einem Aktionszentrum praktischer internationaler Politik entwickeln.
Auch die sozialistischen Parteien müssen bereit sein, Teile ihrer Selbständigkeit zugunsten frei gefaßter Beschlüsse in der Internationale aufzugeben und solche internationalen Beschlüsse als bindend für die eigene Politik zu betrachten. In einem Europa, das eine übernationale Politik anstrebt und durchführt, muß es auch eine gemeinsame praktische europäische Politik der sozialistischen Arbeiterbewegung geben.
Schlußbemerkungen.
Es sei noch einmal unterstrichen, daß dieses Referat eine erste Zusammenfassung der wesentlichen Grundgedanken ist, die bisher in den vorbereitenden Aussprachen aufgetaucht sind. Viele Einzelheiten müssen noch erarbeitet werden, und nicht in allen Fragen besteht volle Übereinstimmung. Aus dem bisherigen Verlauf der Diskussion kann man jedoch die Hoffnung schöpfen, daß das Gemeinsame stark genug ist, um mit Erfolg den Versuch zu unternehmen, das Aktionsprogramm und die politischen und organisatorischen Grundlagen der neuen Partei zu erarbeiten und dadurch einen wichtigen Beitrag der deutschen sozialistischen Emigration zu den schweren Aufgaben der deutschen Arbeiterbewegung in der Zukunft zu leisten.
Quelle: Sozialistische Mitteilungen (Beilage), Dezember 1942