Die "Osterbotschaft": Erlaß Kaiser Wilhelms II.
7. April 1917
Noch niemals hat sich das deutsche Volk so fest gezeigt wie in
diesem Kriege. Das Bewußtsein, daß sich das Vaterland
in bitterer Notwehr befand, übte eine wunderbar versöhnende
Kraft aus, und trotz aller Opfer an Blut draußen im Feld
und schwerer Entbehrungen daheim ist der Wille unerschütterlich
geblieben, für den siegreichen Endkampf das Letzte einzusetzen.
Nationaler und sozialer Geist verstanden und vereinigten sich
und verliehen uns ausdauernde Stärke. Jeder empfand: was
in langen Jahren des Friedens unter manchen inneren Kämpfen
aufgebaut worden war, das war doch der Verteidigung wert.
Leuchtend stehen die Leistungen der gesamten Nation in Kampf und
Not vor Meiner Seele. Die Erlebnisse dieses Ringens um den Bestand
des Reiches leiten mit erhabenem Ernste eine neue Zeit ein. Als
dem verantwortlichen Kanzler des Deutschen Reiches und Ersten
Minister meiner Regierung in Preußen liegt es Ihnen ob,
den Erfordernissen dieser Zeit mit den rechten Mitteln und zur
rechten Stunde zur Erfüllung zu verhelfen. Bei verschiedenen
Anlässen haben Sie dargelegt, in welchem Geiste die Formen
unseres staatlichen Lebens auszubauen sind, um für die freie,
freudige Mitarbeit aller Glieder unseres Volkes Raum zu schaffen.
Die Grundsätze, die Sie dabei entwickelten, haben, wie Sie
wissen, Meine Billigung. Ich bin Mir bewußt, dabei in den
Bahnen Meines Großvaters, des Begründers des Reiches,
zu bleiben, der als König von Preußen mit der Militärorganisation
und als Deutscher Kaiser mit der Sozialreform monarchische Pflichten
vorbildlich erfüllte und die Voraussetzung dafür schuf,
daß das deutsche Volk in einmütigem, ingrimmigem Ausharren
diese blutige Zeit überstehen wird.
Die Wehrmacht als wahres Volksheer zu erhalten, den sozialen Aufstieg
des Volkes in allen seinen Schichten zu fördern, ist vom
Beginn Meiner Regierung an Mein Ziel gewesen. Bestrebt, in fest
bewahrter Einheit zwischen Volk und Monarchie dem Wohle der Gesamtheit
zu dienen, bin Ich entschlossen, den Ausbau unseres inneren politischen,
wirtschaftlichen und sozialen Lebens, so wie es die Kriegslage
gestattet, ins Werk zu setzen.
Noch stehen Millionen Volksgenossen im Felde, noch muß der
Austrag des Meinungsstreites hinter der Front, der bei einer eingreifenden
Verfassungsänderung unvermeidlich ist, im höchsten vaterländischen
Interesse verschoben werden, bis die Zeit der Heimkehr unserer
Krieger gekommen ist und sie selbst am Fortschritt der neuen Zeit
mitraten und -taten können. Damit aber sofort beim glücklichen
Ende des Krieges, das, wie ich zuversichtlich hoffe, nicht mehr
fern ist, das Nötige und Zweckmäßige auch in dieser
Beziehung geschehen kann, wünsche Ich, daß die Vorbereitungen
unverweilt abgeschlossen werden.
Mir liegt die Umbildung des preußischen Landtags und die
Befreiung unseres gesamten innerpolitischen Lebens von dieser
Frage besonders am Herzen. Für die Änderung des Wahlrechtes
zum Abgeordnetenhaus sind auf Meine Weisung schon zu Beginn des
Krieges Vorarbeiten gemacht worden. Ich beauftrage Sie nunmehr,
Mir bestimmte Vorschläge des Staatsministeriums vorzulegen,
damit bei der Rückkehr unserer Krieger diese für die
innere Gestaltung Preußens grundlegende Arbeit schnell im
Wege der Gesetzgebung durchgeführt werde. Nach den gewaltigen
Leistungen des ganzen Volkes in diesem furchtbaren Kriege ist
nach Meiner Überzeugung für das Klassenwahlrecht in
Preußen kein Raum mehr. Der Gesetzentwurf wird ferner die
unmittelbare und geheime Wahl der Abgeordneten vorzusehen haben.
Die Verdienste des Herrenhauses und seine bleibende Bedeutung
für den Staat wird kein König von Preußen verkennen.
Das Herrenhaus wird aber den gewaltigen Anforderungen der kommenden
Zeit besser gerecht werden können, wenn es in weiterem und
gleichmäßigerem Umfange als bisher aus den verschiedenen
Kreisen und Berufen des Volkes führende, durch die Achtung
ihrer Mitbürger ausgezeichnete Männer in seiner Mitte
vereinigt.
Ich handle nach den Überlieferungen großer Vorfahren,
wenn Ich bei der Erneuerung wichtiger Teile unseres festgefügten
und sturmerprobten Staatswesens einem treuen, tapferen, tüchtigen
und hochentwickelten Volk das Vertrauen entgegenbringe, das es
verdient.
Ich beauftrage Sie, diesen Erlaß alsbald bekanntzugeben.