Als die empörten Volksmassen Berlins sich am 9. November
1918 im Zentrum Berlins, Frieden und Freiheit fordernd, versammelten,
war es Philipp Scheidemann, der in dieser historischen Stunde
auf ein Fenster des Reichstages stieg, zu den Massen sprach und
mit den Worten schloß: "Es lebe die freie deutsche
Republik!"
Das kaiserliche deutsche Regime war damit endgültig gefallen.
Scheidemann war einer der ersten beim Ausbau der deutschen Republik. Der Mann, der für die Verständigungsfrieden gearbeitet hatte, trat auch für die prinzipielle Anerkennung des Völkerbundes ein und arbeitete in diesem Sinne im Rate der Volksbeauftragten wie später als Ministerpräsident und Reichskanzler. Die deutschen Nationalsozialisten verfolgten Scheidemann mit grimmigem Haß. Nur einem Zufall war es zu verdanken, daß Scheidemann einem Anschlag der Nazis in seiner Vaterschaft Kassel entkam. Was mit der Waffe des Meuchelmordes nicht zu erreichen war, versuchten die Nazis mit der Waffe der Verleumdung. Dabei hatte Scheidemann das höchste Amt der deutschen Republik freiwillig niedergelegt, weil er den Vertrag von Versailles nicht zu unterzeichnen vermochte. Er wurde Oberbürgermeister von Kassel und hat dort eine äußerste segensreiche Tätigkeit entfaltet. Große Teile seiner Einnahmen spendete er den sozialen Einrichtungen seiner Vaterstadt und hat damit ein Beispiel gegnüber jenen gegeben, die heute in Deutschland Eigennutz vor Gemeinnutz stellen.
Als Flüchtling mußte Scheidemann nach Hitlers Machtergreifung in der Tschechoslowakei Zuflucht nehmen. Es entsprach ganz seinem einfachen Wesen, daß er gern in das vom Kapitän Voska zur Verfügung gestellte Flüchtlingsheim der sudetendeutschen Sozialdemokraten ging. Scheidemann ist, 75-jährig, mit der Gewißheit gestorben, daß Hitlers Tage gezählt sind.
Sozialistische Mitteilungen, Zeitschrift der deutschen Exil-Sozialdemokratenin England