Nachruf auf Philipp Scheidemann
Dezember 1939

Philipp Scheidemann, der erste Reichskanzler der ersten deutschen Republik ist am 30. November im Exil bei seinen dänischen Freunden in Kopenhagen gestorben. Er war ein Kind von Arbeitereltern, einfach und schlicht erzogen, dann Handwerkslehrling, Funktionär einer Buchdruckergewerkschaft, dann Redakteur, seit 1903 Abgeordneter des Reichstags, dessen erster Vizepräsident er mehrere Jahre war. Scheidemann war einer der besten Redner des Reichstags. Die deutsche Sozialdemokratie trug viele Jahre die Wesenszüge dieses Mannes, der scharfe Worte im Kampf gegen rechts, im Kampf für einen Verständigungsfrieden während des Weltkrieges und im Kampf der deutschen Sozialdemokratie gegen die Verantwortlichen des Kapp-Putsches prägte.

Als die empörten Volksmassen Berlins sich am 9. November 1918 im Zentrum Berlins, Frieden und Freiheit fordernd, versammelten, war es Philipp Scheidemann, der in dieser historischen Stunde auf ein Fenster des Reichstages stieg, zu den Massen sprach und mit den Worten schloß: "Es lebe die freie deutsche Republik!"
Das kaiserliche deutsche Regime war damit endgültig gefallen.

Scheidemann war einer der ersten beim Ausbau der deutschen Republik. Der Mann, der für die Verständigungsfrieden gearbeitet hatte, trat auch für die prinzipielle Anerkennung des Völkerbundes ein und arbeitete in diesem Sinne im Rate der Volksbeauftragten wie später als Ministerpräsident und Reichskanzler. Die deutschen Nationalsozialisten verfolgten Scheidemann mit grimmigem Haß. Nur einem Zufall war es zu verdanken, daß Scheidemann einem Anschlag der Nazis in seiner Vaterschaft Kassel entkam. Was mit der Waffe des Meuchelmordes nicht zu erreichen war, versuchten die Nazis mit der Waffe der Verleumdung. Dabei hatte Scheidemann das höchste Amt der deutschen Republik freiwillig niedergelegt, weil er den Vertrag von Versailles nicht zu unterzeichnen vermochte. Er wurde Oberbürgermeister von Kassel und hat dort eine äußerste segensreiche Tätigkeit entfaltet. Große Teile seiner Einnahmen spendete er den sozialen Einrichtungen seiner Vaterstadt und hat damit ein Beispiel gegnüber jenen gegeben, die heute in Deutschland Eigennutz vor Gemeinnutz stellen.

Als Flüchtling mußte Scheidemann nach Hitlers Machtergreifung in der Tschechoslowakei Zuflucht nehmen. Es entsprach ganz seinem einfachen Wesen, daß er gern in das vom Kapitän Voska zur Verfügung gestellte Flüchtlingsheim der sudetendeutschen Sozialdemokraten ging. Scheidemann ist, 75-jährig, mit der Gewißheit gestorben, daß Hitlers Tage gezählt sind.

Sozialistische Mitteilungen, Zeitschrift der deutschen Exil-Sozialdemokratenin England