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1871-1914AntisemitismusDie in Deutschland seit der Revolution von 1848/49 immer stärker geforderte Gleichberechtigung des jüdischen Bevölkerungsteils war in der Reichsverfassung von 1871 verankert. Damit war die Emanzipation der etwa 512.000 Juden im Deutschen Reich (1,25 Prozent der Gesamtbevölkerung) formal abgeschlossen. Doch gegen die Assimilation der Juden wandte sich eine antisemitische Propaganda, deren Judenfeindschaft nicht mehr nur religiös, sondern rassisch begründet wurde. Schon in der Wirtschaftskrise der 1870er Jahre waren Rassismus und Antisemitismus vernehmbar. Wenig später entstanden die ersten antisemitischen Parteien.
Seit Anfang der 1890er Jahre betonten die Antisemiten den "Rassegedanken" immer stärker. Paul de Lagarde (1827-1891) forderte in seinen "Deutschen Schriften" die Einheit des deutschen Volkes in "Rasse und Religion". Und in den 1899 von Houston Stewart Chamberlain, dem Schwiegersohn Richard Wagners, veröffentlichten "Grundlagen des 19. Jahrhunderts" war die Rede von der "germanischen" bzw. der "arischen Rasse", die nach den vielen "Vermischungen mit Juden" ihre "Reinheit" unbedingt wiedererlangen müsse. Als "Juden-Schutztruppe" wurden die freisinnigen Parteien bezeichnet, die sich aus liberaler Überzeugung für die Gleichstellung der Juden einsetzten. Zum Kampf gegen den Antisemitismus gründeten Angehörige christlicher und jüdischer Konfessionen 1891 den "Verein zur Abwehr des Antisemitismus", zwei Jahre später schlossen sich weite Kreise des liberalen Bürgertums in Berlin zum "Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" zusammen.
Der Hofprediger Adolf Stoecker trug den Antisemitismus
mit seiner Christlich-Sozialen Arbeiterpartei ab 1878 in
die parteipolitische Auseinandersetzung. Er wollte die Arbeiterschaft
der "unchristlichen" und "unpatriotischen"
Sozialdemokratie entziehen. Stoecker erhielt 1879 ein Mandat
für das Preußische Abgeordnetenhaus und 1881
eines für den Reichstag. Seine Partei schloß
sich von 1881 bis 1896 der Deutschkonservativen Partei
an, deren Programm den Kampf gegen den "zersetzenden jüdischen
Einfluß" forderte.
Einen Höhepunkt erreichten die antisemitischen Parteien 1893, als sie bei den Reichstagswahlen mit 2,9 Prozent der Stimmen 16 Mandate errangen. Danach verloren die antisemitischen Parteien zwar an Einfluß, aber Verbände und Vereine wie der politisch einflußreiche Bund der Landwirte, der Deutschnationale Handlungsgehilfen-Verband als wichtigste Gewerkschaftsorganisation der Angestellten, die Vereine deutscher Studenten, studentische Korporationen und Burschenschaften sowie nicht zuletzt der Alldeutsche Verband und der Reichshammerbund bekannten sich eindeutig und nachdrücklich zum Antisemitismus. Traditionell antisemitisch eingestellt war auch das im Kaiserreich hoch angesehene Offizierskorps. Zur zukünftigen Bedeutung der "Judenfrage" erklärte das Hamburger Programm der Vereinigten Antisemitenparteien 1899, die "Judenfrage" werde sich im 20. Jahrhundert zur "Weltfrage" entwickeln; sie könne nur "durch völlige Absonderung und ... schließliche Vernichtung des Judenvolkes gelöst werden". (ba)
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