Die Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 veränderte
das europäische Mächtesystem nachhaltig. Deutschland
war nun die politisch, militärisch und wirtschaftlich dominierende
Kraft in Mitteleuropa. Die Aufrechterhaltung des friedensichernden Kräftegleichgewichts
zwischen den sich gegenseitig mißtrauenden Großmächten
war das vorrangige Ziel der deutschen Außenpolitik unter
Reichskanzler Otto von Bismarck. Unter Kaiser Wilhelm
II. strebte das Kaiserreich nach "Weltgeltung" und verlangte seinen "Platz an der Sonne".
Wilhelms II. leidenschaftlich betriebener Flottenausbau und die
von ihm tatkräftig unterstützte Kolonialpolitik
waren eine deutliche Abkehr von den bisherigen Maximen deutscher
Politik.
Bismarck erklärte nach der Reichsgründung mehrfach, das Reich sei "saturiert": Von seinen Nachbarn müßte es nicht als potentieller Aggressor gefürchtet werden. Durch die Annexion Elsaß-Lothringens hatte Deutschland sich allerdings Frankreich dauerhaft zum Gegner gemacht. Während es der deutschen Politik um den Erhalt und die Sicherung der neuen Reichsgrenzen ging, strebte Frankreich nach Rückgewinnung der 1871 verlorenen Gebiete. Von diesem unüberbrückbaren Gegensatz ausgehend und um das junge Deutsche Reich vor einem möglicherweise existenzbedrohenden Krieg zu bewahren, zielte Bismarcks Außenpolitik von Anfang an darauf, Frankreich zu isolieren und Koalitionen der Großmächte gegen Deutschland zu verhindern. Bismarcks Bündnispolitik war auch deshalb erfolgreich, weil die starken Interessengegensätze der Kolonialmächte Frankreich, Rußland und Großbritannien außerhalb Europas vorerst gegen Deutschland gerichtete Koalitionen verhinderten. Den Argwohn, mit dem die älteren europäischen Mächte das Deutsche Reich seit 1871 beobachteten, suchte Bismarck zu beschwichtigen, indem er eine Politik des europäischen Ausgleichs betrieb. Den Höhepunkt dieser Politik stellte 1878 der Berliner Kongreß dar, der die akute Gefahr eines europäischen Kriegs vorerst bannte.
Mit dem Zweibund von 1879 eng an Österreich-Ungarn
gebunden, sollte der 1887 zwischen dem Deutschen Reich und Rußland
abgeschlossene Rückversicherungsvertrag einen Zweifrontenkrieg
gegen Frankreich und Rußland verhindern. Doch kurz nach
der Entlassung Bismarcks gab Wilhelm II. das sorgenvoll geknüpfte
Bündnissystem auf und lehnte den Wunsch der russischen Regierung
nach einer Verlängerung des Rückversicherungsvertrags
1890 ab.
Die bislang ungewohnt brüske Form der Ablehnung
verstärkte in Rußland die antideutsche Stimmung.
Auf einen grundlegenden Richtungswechsel deutscher Außenpolitik
unter dem jungen Kaiser schien der zur gleichen Zeit mit Großbritannien
abgeschlossene Helgoland-Sansibar-Vertrag hinzudeuten. Im Austausch
gegen koloniale Besitzungen erhielt das Deutsche Reich mit Helgoland
ein Bollwerk vor der Elbmündung und dem westlichen Ausgang
des in Bau befindlichen Nord-Ostee-Kanals. Die Nichterneuerung
des Rückversicherungsvertrags sowie ein von deutscher Seite
begonnener Zollkrieg gegen Rußland führten nahezu zwangsläufig
zur Annäherung des Zarenreichs an das republikanische Frankreich.
Die zwischen beiden Staaten 1893 vereinbarte Militärkonvention
beendete die politische Isolierung Frankreichs. Den nun möglich gewordenen Zweifrontenkrieg betrachtete
man in Deutschland als ein eher militärstrategisches Problem.
Einer stärkeren Annäherung des Deutschen Reichs an Großbritannien
standen neben den kolonialpolitischen Reibereien vor allem die
deutsche Flottenrüstung sowie die sprunghafte und oft von
theatralischem Donnergrollen begleitete Politik Wilhelms II. im
Wege. So beglückwünschte der Kaiser in seiner "Krüger-Depesche"
1896 den Präsidenten der Republik Transvaal dazu, daß
er "die Unabhängigkeit seines Landes gegen einen Angriff
von außen" bewahrt habe. Da nach britischem Verständnis
Transvaal zum Empire zählte, verschlechterte diese Einmischung
die deutsch-britischen Beziehungen erheblich. Das undiplomatisch
provokante Auftreten das Kaisers gegenüber Großbritannien beruhte
nicht zuletzt auf der Annahme, das Inselreich müsse wegen
seines unüberbrückbaren kolonialpolitischen Konflikts
mit Rußland und Frankreich von sich aus ein Bündnis
mit dem Deutschen Reich suchen. Diese Auffassung schien sich zu
bestätigen, als eine britische und eine französische
Sudan-Expedition 1898 bei Faschoda aufeinanderstießen. Doch
angesichts der Möglichkeit eines kriegerischen Konflikts
gab Frankreich überraschend nach. Da die gleichzeitigen Bemühungen
Großbritanniens um ein Bündnis mit Deutschland scheiterten,
war der Weg für eine britisch-französische Annäherung
geebnet. 1904 schlossen beide Staaten die "Entente cordiale".
Drei Jahre später wurde die "Entente cordiale"
durch den russisch-britischen Interessensausgleich zur Tripelentente
erweitert. In Deutschland fühlte man sich nun von feindlichen
Mächten "eingekreist" und sah den Hauptschuldigen
dafür in Großbritannien.
Dabei ist die Liste von Leichtfertigkeiten und Versäumnissen
der deutschen Außenpolitik nach 1890 lang. Sie reicht von
der rüden Zurückweisung des russischen Antrags auf Verlängerung
des Rückversicherungsvertrags über die unnachgiebige
Haltung des Kaisers gegenüber allen Ansätzen zu Rüstungsbeschränkungen
bis zur "Kanonenboot-Politik". Insbesondere der
1897 zum Staatssekretär im Reichsmarineamt berufene Admiral
Alfred von Tirpitz
trug zur Verschlechterung der deutsch-britischen
Beziehungen bei. Begleitet von der massiv antibritischen Propaganda
des Deutschen Flottenvereins und des
Alldeutschen Verbands
setzte Tirpitz - mit Unterstützung des Kaisers - alles auf
den Ausbau der deutschen Kriegsflotte, um jedem Gegner auf den
Weltmeeren Paroli bieten zu können. Am starren Festhalten
des geplanten Ausbaus der deutschen Flotte scheiterten alle Bemühungen
Großbritanniens, die Frage der Rüstungsbegrenzung 1907
auf die Tagesordnung der Zweiten Haager Friedenskonferenz
zu bringen. So setzte sich der kostspielige Rüstungswettlauf
fort, der mit der Bewilligung enormer Ausgaben durch den Reichstag
für den Bau von Großkampfschiffen der Dreadnought-Klasse
1906 begonnen hatte.
Ein letzter Verständigungsversuch Großbritanniens
scheiterte 1912, als dem kompromißbereiten Kriegsminister
Lord Richard Haldane deutlich gemacht wurde, daß der
Kaiser es strikt ablehne, über "seine Flotte" überhaupt
zu verhandeln.
Diesem Konfrontationskurs bei der Flottenrüstung
stand ein naives Werben des Kaisers um Großbritannien als
Partner gegenüber: Seine Äußerungen über
das deutsch-britische Verhältnis sowie seine "Ratschläge"
zum britischen Vorgehen im Burenkrieg wurden von der Zeitung
"The Daily Telegraph" im Oktober 1908 veröffentlicht
und fügten der deutschen Politik schweren Schaden zu. Die
"Daily-Telegraph-Affäre" erinnerte an die
unbesonnene "Hunnenrede" des Kaisers, mit der er 1900
das deutsche Expeditionskorps zur Niederschlagung des Boxeraufstands
verabschiedet hatte. Ihre Fortsetzung fand die Politik diplomatischer
Ungeschicklichkeiten und theatralischer Drohgebärden mit
der "Kanonenboot-Politik" des "Panthersprungs
nach Agadir" während der Marokko-Krise im
Frühjahr 1911, als Frankreich zu Zugeständnissen für
sein Vorgehen in Marokko gezwungen werden sollte.
Frankreich, Großbritannien und Russland empfanden das Deutsche Reich und seine Rüstungsanstrengungen zunehmend als ernste Bedrohung. Deutschland wiederum sah sich von Feinden umgeben und entwickelte Pläne für einen Zweifrontenkrieg.
Mit seiner wenig kalkulierbaren, sprunghaft durchgeführten
"Weltpolitik" hatte sich das Kaiserreich selbst in eine
schwierige Außenseiterrolle manövriert. Nur auf das
enge Bündnis mit Österreich-Ungarn war am Vorabend des
Ersten Weltkriegs noch Verlaß.
(ba)
Video: Rüstung vor dem Ersten Weltkrieg
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