[Büste: Kaiser Wilhelm II., um 1900]



[Fahne des Deutschen Reiches]

[Helm Otto von Bismarcks, 1867]

[Büste: Otto von Bismarck, 1876]

[Protest-Pfeife gegen das Sozialistengesetz, 1878]

[Sozialdemokratisches Transparent, 1888]

[Gemälde: Der Unzufriedene, 1877]

[Gemälde: Doerstling, Emil, "Preußisches Liebesglück", 1890]

[Skulptur: Aichele, Paul, Ganymed und der Adler, 1910]



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1914


Das Kaiserreich









Der deutsche Nationalstaat wurde noch während des dritten "Reichseinigungskriegs" am 18. Januar 1871 auf französischem Boden im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles gegründet. Als Datum wurde der Jahrestag der Erhebung Preußens zum Königtum gewählt. Der Nationalfeiertag des Deutschen Reiches (2. September) erinnerte als "Sedanstag" Jahr für Jahr an den militärischen Sieg über Frankreich. Die Reichsgründung von 1871 war nicht die 1848/49 "von unten" angestrebte Reichseinigung, sondern ein Bündnis der 22 deutschen Monarchen und der drei Freien Städte. Stets in Sorge um die äußere Sicherheit des Reichs, knüpfte Reichskanzler Otto von Bismarck sein außenpolitisches Vertragssystem. Nicht weniger besorgt um die innere Einheit des Reichs, suchte er den Einfluß des politischen Katholizismus wie den der aufstrebenden Sozialdemokratie zurückzudrängen. Nach der Entlassung Bismarcks strebte das Kaiserreich unter dem "persönlichen Regiment" Wilhelms II. nach "Weltgeltung". Seine sprunghafte Außenpolitik und seine voller Leidenschaft betriebene Aufrüstung der Flotte führten schließlich zum Schulterschluß von Frankreich, England und Rußland. Am Vorabend des Ersten Weltkriegs sah sich das Deutsche Reich von Feinden "eingekreist".

Das Kaiserreich kannte keinen außenpolitischen Frieden, sondern nur den "Zustand des Nicht-Krieges". Es suchte keine Aussöhnung mit Frankreich, das den Verlust von Elsaß-Lothringen nie akzeptierte und immer nach einer Revanche für die Niederlage von 1870/71 trachtete. Die politische und militärische Isolierung Frankreichs war deshalb die Prämisse von Bismarcks Politik. Einen neuen Krieg verhindern konnte diese Politik aber nur so lange, wie unter den sich gegenseitig mißtrauisch beobachtenden Großmächten ein militärisches Gleichgewicht bestand. Seit 1879 mit dem Zweibund vertraglich eng an den Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn gebunden, sollte vor allem der 1887 zwischen Deutschland und Rußland abgeschlossene Rückversicherungsvertrag das Deutsche Reich vor einem französischen Angriff schützen. Von Anfang an belastet war diese Bündniskonstellation durch den schwelenden Konflikt zwischen Österreich-Ungarn und Rußland auf dem Balkan.

Nach der Entlassung Bismarcks wies der junge Kaiser Wilhelm II. das russische Angebot einer Verlängerung des Rückversicherungsvertrags 1890 mit imperialer Selbstüberschätzung zurück. Durch eine Reihe weiterer Brüskierungen Rußlands ebnete Wilhelm II. schließlich den Weg zur russisch-französischen Annäherung. 1892 schlossen Rußland und Frankreich eine Militärkonvention. Überzeugt, Großbritannien werde wegen seines Gegensatzes zu Frankreich dem Deutschen Reich ein Bündnisangebot unterbreiten, betrachteten Kaiser und Reichsregierung den durch die französisch-russische Militärkonvention möglichen Zweifrontenkrieg als ein rein militärstrategisches Problem. Doch die Verhandlungen mit Großbritannien scheiterten am deutschen Weltmachtanspruch in Ostasien und im Pazifik. Statt dessen verständigten sich Großbritannien und Frankreich über ihre Herrschaftsansprüche auf Ägypten und Marokko und schlossen 1904 die Entente cordiale. Durch eine Reihe diplomatischer Ungeschicklichkeiten sowie durch die konsequente Weigerung, auf der Zweiten Haager Friedenskonferenz über eine Begrenzung der Flottenrüstung überhaupt zu verhandeln, isolierte sich das Deutsche Reich zunehmend. Als Rußland und Großbritannien sich 1907 über Afghanistan und China verständigten, trat Rußland der Entente bei, die sich zur Tripelentente erweiterte. In Deutschland sah man sich jetzt von feindlichen Staaten "eingekreist".

Auch für die innenpolitischen Probleme des neu gegründeten Kaiserreichs hatte Bismarck keine überzeugende, dauerhafte Lösung. Den politischen Katholizismus, der sich in der Zentrumspartei organisiert hatte, betrachtete der preußische Protestant mißtrauisch. Er kritisierte die "Romhörigkeit" der "Ultramontanen" und sprach ihnen nationale Verläßlichkeit ab. In nur wenigen Jahren scheiterte Bismarcks "Kulturkampf" gegen den politischen Katholizismus. Ebenso erfolglos verlief sein Kampf gegen die Sozialdemokratie und die Arbeiterbewegung. Das 1878 verabschiedete "Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie" wurde ab 1890 nicht mehr verlängert. Die Meinungsverschiedenheiten zwischen Bismarck und Wilhelm II. über das "Sozialistengesetz" gaben schließlich auch den Anlaß zur Entlassung des alten Reichskanzlers. Die Sozialgesetzgebung und der Arbeitsschutz, mit denen Bismarck ursprünglich den Sozialdemokraten "den Wind aus den Segeln" nehmen wollte, wurden jedoch weltweit als vorbildlich geachtet.

Von den Wertvorstellungen des altpreußischen Landadels geprägt, blieb dem Junker Bismarck der Zugang zu den Problemen der entstehenden Industrie- und Massengesellschaft verschlossen. Der junge, technikbegeisterte Wilhelm II. schien ungleich mehr Verständnis für die fortschreitende Modernisierung der industriellen Gesellschaft zu haben. Doch auch dem von ihm eingeschlagenen "Neuen Kurs" lag kein wirklich tragfähiges Konzept zugrunde. In starkem Kontrast zu seiner Aufgeschlossenheit für die "soziale Frage" stand ein überkommenes Verständnis seiner persönlichen Herrscherrolle mit einer ausgeprägten Vorliebe für Prunk, Orden, Aufmärsche und militärische Manöver. Die extreme Überbetonung des Militärischen prägte die gesamte Gesellschaft. Das Ausland sah im Deutschen Reich eine bedrohliche Hochburg des Militarismus, während innerhalb der Reichsgrenzen vor allem Preußen mit seinem Dreiklassenwahlrecht als Hort von Reaktion und Militarismus galt. In festem Glauben an die Überlegenheit der deutschen Wehrkraft wollte Wilhelm II. dem Deutschen Reich einen "Platz an der Sonne" sichern. Doch die Welt war unter den imperialistischen Staaten schon weitestgehend aufgeteilt. Der unter dem Kaiser erworbene Kolonialbesitz war unbedeutend und stand in keinem Verhältnis zu den politischen Folgekosten der Flottenaufrüstung.

Das Kaiserreich war ein wirtschaftlich prosperierendes Land. Während der von 1890 bis 1914 fast ununterbrochenen Hochkonjunktur überflügelten Industrie und Wirtschaft das bis dahin führende England. Dem starken Wirtschaftswachstum stand ein ebenso rasanter Aufschwung von Wissenschaft und Forschung zur Seite. Vor dem Ersten Weltkrieg ging jeder dritte Nobelpreis für Naturwissenschaften nach Deutschland. Die Fortschritte von Medizin und Hygiene ließen die Säuglingssterblichkeit deutlich sinken. Mit seinen 67 Millionen Einwohnern stand Deutschland 1914 unter den souveränen Staaten hinsichtlich der Bevölkerungszahl weltweit an vierter Stelle. Fast der gesamte Bevölkerungszuwachs wurde von den Städten in den industriellen Ballungszentren aufgenommen. Hier entstanden vor allem im Dienstleistungsbereich neue Berufsfelder. Neben den Arbeiter trat nun der Angestellte, und immer mehr Frauen wurden erwerbstätig.

Der Anschluß an die Wasser- und Stromversorgung veränderte das Alltagsleben der Menschen in bislang unbekanntem Ausmaß. Elektrizität, Telephon und die ersten Automobile gaben der entstehenden Massengesellschaft ihr Gesicht und waren Vorläufer einer neuen Zeit. Zugleich war Deutschland eines der wichtigsten europäischen Agrarländer. Die rund 24.000 Personen starke Gruppe von Aristokratie und grundbesitzendem Landadel bestimmte das politische Geschehen maßgeblich. Mit Hilfe des 1893 gegründeten Bundes der Landwirte (BdL) setzten die Agrarier eine drastische Erhöhung der Schutzzölle für landwirtschaftliche Produkte durch. Die gesellschaftliche Leitfunktion des Adels blieb vor allem in Preußen unangefochten. Nobilitierungen galten als Ausdruck gesellschaftlichen Aufstiegs, das Reserveoffizierspatent war Nachweis "vaterländischer Gesinnung". Mit seinem lauten "Hurra-Patriotismus" machte insbesondere der Alldeutsche Verband von sich reden. Säbelrasselnd forderten die Alldeutschen eine Ausdehnung des Reichs, den Erwerb von Kolonien und die "Germanisierung" des polnischen Siedlungsgebiets in den preußischen Ostprovinzen.

Als reinste Verkörperung preußischer Tradition und Tugenden galt die Armee. In ihr als Offizier zu dienen, wurde als hohe Auszeichnung betrachtet. Die Militarisierung der Gesellschaft und die Identifikation mit dem wilhelminischen Staat reichten über die modischen Matrosenanzüge bis in die Arbeiterschaft, die von den Gewerkschaften immer weiter an den Staat herangeführt wurden. Aus der antagonistischen Klassengesellschaft der frühen Industrialisierung bildete sich eine differenzierte Schichtengesellschaft. Mit der Nichtverlängerung des "Sozialistengesetzes" sowie durch die Liberalisierung des Vereins- und Versammlungsrechts hatte der Staat seinerseits wesentliche Forderungen der Arbeiterbewegung erfüllt. Doch die soziale und politische Distanz zwischen Arbeiterschaft, Bürgertum und Adel war kaum zu überbrücken. Die von Liberalen und Sozialdemokraten geforderte Einführung einer parlamentarischen Regierungsform war im Kaiserreich nicht durchsetzbar.

Voller Widersprüche und Spannungen waren auch Kunst und Kultur. Dem Selbstverständnis der wilhelminischen Gesellschaft begegneten satirische Zeitschriften wie der "Simplicissimus" mit beißender Kritik. Der vom Kaiser favorisierten Historienmalerei und Heimatdichtung standen "Secession" und künstlerische Avantgarde gegenüber. Naturalistische Werke eines Gerhart Hauptmann waren für Wilhelm II. "Rinnsteinliteratur", eroberten aber gleichwohl die deutschen Bühnen und genossen auch international hohes Ansehen. Thomas Mann und Heinrich Mann zählten zu den Literaten, die kritisch auf die alten und neuen Autoritäten blickten und sich deutlich von der vorherrschenden deutschtümelnden Literatur unterschieden.

Dem barock-wilhelminischen, auf Repräsentation bedachten Baustil stand der eher nüchterne Jugendstil gegenüber. Lebensreformbewegung und Jugendbünde strebten zu einem neuen Selbstverständnis jenseits aller Konventionen. Zur Ambivalenz der Modernisierung zählte trotz der rechtlichen Emanzipation der Juden ein latenter, sich gelegentlich deutlich hörbar machender Antisemitismus, der in nahezu allen Schichten, Parteien und Verbänden vorhanden war.

Insgesamt zeigte sich das deutsche Kaiserreich unter Wilhelm II. so widerspruchsvoll wie der Monarch: Deutschland schwankte zwischen den Extremen einer überaus dynamischen Modernisierung und dem strikten Beharren auf längst unzeitgemäßen Traditionen. Vor allem in Preußen, dem mit Abstand wirtschaftlich stärksten und bevölkerungsreichsten Land, prallten industrieller Fortschritt und extrem konservative Agrarstrukturen hart aufeinander.

(ba)


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