1866-1914
Die Freikonservative Partei ging 1866 aus einer Abspaltung von
den Altkonservativen im Preußischen Abgeordnetenhaus hervor.
Im Unterschied zu den Altkonservativen unterstützte die Freikonservative
Partei die Politik Otto von Bismarcks und erkannte
die preußischen Annexionen von 1866 an. Ein Teil der Altliberalen
schloß sich den Freikonservativen an. Zu den namhaftesten
Repräsentanten der Freikonservativen zählten der Rittergutsbesitzer
Wilhelm von Kardorff (1828-1907) sowie der Schwerindustrielle
Carl Ferdinand Freiherr von Stumm-Halberg (1836-1901). Die Partei
hatte bis 1906 kein festes Parteiprogramm und war ohne Parteiorganisation
eine reine Honoratiorenpartei. Sie war monarchisch gesinnt und
gemäßigt konservativ. Sie vertrat die Interessen von
Agrariern und Industriellen und strebte ein starkes deutsches
Reich unter preußischer Führung an. Sie unterstützte
Bismarcks Kampf gegen die Sozialdemokratie ebenso wie seinen "Kulturkampf"
gegen den Katholizismus. Die Freikonservativen wirkten vermittelnd
zwischen der ebenfalls regierungsnahen Deutschkonservativen
Partei und der Nationalliberalen Partei. Nach der Reichsgründung
von 1871 nannten die Freikonservativen sich auch Deutsche Reichspartei.
Sie stellten in Preußen zahlreiche Minister und im Reich
zahlreiche Staatssekretäre. Sie traten für eine offensive
Militär- und Kolonialpolitik ein und hatten enge Bindungen
zum Alldeutschen Verband sowie zum Bund der Landwirte
(BdL). Die Freikonservativen unterstützten die Finanzreformen
des Reichskanzlers Theobald von Bethmann Hollweg, aber
sie verschlossen sich allen innenpolitischen Reformvorhaben, die
auf eine Parlamentarisierung zielten. Zur Änderung des preußischen
Dreiklassenwahlrechts waren die Freikonservativen bereit, nicht
aber zur Einführung eines allgemeinen gleichen Wahlrechts.
Bei den Reichstagswahlen fiel die Freikonservative Partei
von 57 Mandaten (1878) auf 12 Mandate (1912) zurück.
1914-1918
Im Ersten Weltkrieg forderten die Freikonservativen einen
Siegfrieden und hatten weitreichende Annexionsziele. Seit 1916
plädierten zwar einzelne Mitglieder der Partei für Friedenssondierungen,
aber die Friedensresolution vom Juli 1917 lehnten die Freikonservativen
entschieden ab. Sie unterstützten die als Reaktion auf die
Friedensresolution gegründete Deutsche Vaterlandspartei.
Während des revolutionären Umbruchs im November
1918 löste sich die Parteiorganisation auf. Die meisten Freikonservativen
traten der neugegründeten Deutschnationalen Volkspartei
(DNVP) bei.
(ba)