Aus einem Zusammenschluss liberaler und demokratischer Mitglieder
des preußischen Abgeordnetenhauses ging am 6. Juni 1861
die Deutsche Fortschrittspartei hervor. Als erste deutsche Programmpartei
forderte sie unter anderem die Einigung Deutschlands unter einer
starken preußischen Zentralgewalt und eine gemeinsame deutsche
Volksvertretung. Für die innere Entwicklung Preußens
standen die Durchsetzung aller verfassungsgemäßen Rechte
und neue Gemeinde-, Kreis- und Provinzialordnungen auf der Liste
politischer Forderungen. Zwischen 1861 und 1866 war die Deutsche
Fortschrittspartei, zu deren Mitgliedern auch der Mediziner Rudolf
Virchow, der Althistoriker Theodor Mommsen, Paul Singer und der
Industrielle Werner Siemens gehörten, stärkste
Fraktion im preußischen Abgeordnetenhaus. Nach innerparteilichen
Differenzen über die Indemnitätsvorlage, die der preußischen
Regierung unter Ministerpräsident Otto von Bismarck
nachträglich Schutz vor Strafverfolgung bezüglich der
verfassungswidrigen Finanzierung der Heeresreform 1861 zubilligte,
trennten sich die Unterstützer Bismarcks von der Fortschrittspartei
und gründeten 1867 die Nationalliberale Partei.
Mit dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 und der Reichsgründung
1871 glaubte die Deutsche Fortschrittspartei, ihre verfassungspolitischen
Ziele erreicht zu haben. Sie befürwortete die am 14. April
1871 mit überwältigender Mehrheit im Reichstag verabschiedete
Reichsverfassung und unterstützte anfangs die meisten
innen- und außenpolitischen Ziele Bismarcks: Im "Kulturkampf"
stimmten große Teile der Reichstagsfraktion der Fortschrittlichen
für die antikatholischen Gesetzesvorlagen. Dennoch kam es
gerade bei innenpolitischen Fragen nach dem "Gründerkrach"
von 1873 immer wieder zu Differenzen innerhalb der Partei. Bei
einem Antrag des Zentrums im preußischen Abgeordnetenhaus
auf Einführung des allgemeinen und gleichen Wahlrechts
anstatt des bisherigen Dreiklassenwahlrecht in Preußen
im November 1873 votierte die Fraktion der Fortschrittspartei
ebenso wenig geschlossen wie bei der Reichstagsabstimmung zum
neuen Militärgesetz 1874. Zahlreiche Mitglieder der Partei
lehnten unter Führung von Eugen Richter auch
das "Sozialistengesetz" ausdrücklich ab,
während der konservative Parteiflügel dafür stimmte.
Überschattet von der antisozialistischen Kampagne im Kaiserreich
verabschiedete der Parteitag der Deutschen Fortschrittspartei
im November 1878 ein neues Programm, dass in den Hauptpunkten
alten liberaldemokratischen Forderungen glich: Die Rechte des
Reichstags sollten gestärkt, die verfassungsgemäße
Rechtstaatlichkeit vor allem auf den Gebieten der Presse-, Versammlungs-
und Vereinsfreiheit konsequent durchgesetzt sowie die Gestaltung
des Wirtschaftsmarktes nach sozialliberalen Gesichtspunkten verbessert
werden. Ihre Ablehnung der Schutzzollpolitik Bismarcks 1878/79
und die deutliche positionelle Abgrenzung von den Nationalliberalen
brachten der Fortschrittspartei neue Sympathien vor allem im städtischen
Mittelstand ein. Als einzige bürgerliche Partei konnte sie
vor allem in ihren organisatorischen Zentren in Berlin, Schleswig-Holstein
und Sachsen bei der Reichstagswahl am 27. Oktober 1881
deutliche Stimmengewinne verbuchen und wurde mit 60 Mandaten zweitstärkste
Fraktion nach dem Zentrum. Der linke Flügel nutzte den Wahlerfolg
zur weiteren Opposition gegen Bismarck, teilweise gemeinsam mit
den Sozialdemokraten. Zu einem offenen Konflikt mit dem
Kanzler kam es allerdings nicht. Vielmehr strebte Parteiführer
Eugen Richter die Stärkung des Linksliberalismus in Deutschland
an und forcierte den Zusammenschluss der Fortschrittspartei mit
der 1880 von den Nationalliberalen abgespaltenen Liberalen
Vereinung. Am 5. März 1884 fusionierten beide Parteien
zur Deutsch-Freisinnigen Partei.
(jl)