Die bereits seit Gründung der Deutsch-Freisinnigen Partei
1884 bestehenden innerparteilichen Differenzen zwischen gemäßigten
und linksliberalen Mitgliedern kamen schließlich in der
Reichstagsabstimmung über die Militärvorlage am 6. Mai
1893 offen zum Vorschein. Sechs Abgeordnete, darunter der Direktor
der Deutschen Bank Georg von Siemens, stimmten im Gegensatz
zur Fraktionsmehrheit für die Regierungsvorlage des Reichskanzlers
Leo von Caprivi. Unmittelbar nach dem Abstimmungseklat
forderte Parteiführer Eugen Richter den Ausschluss
der sechs Abtrünnigen aus der Deutsch-Freisinnigen Partei,
der von der Fraktion mit einer knappen Mehrheit beschlossen wurde.
Die Befürworter der Heeresvorlage erhielten nach dem Ausschluss
unerwartete Unterstützung, denn die Mitglieder des gemäßigten
Parteiflügels unter der Führung von Karl Schrader (1834-1913)
erklärten ihren Parteiaustritt und formierten sich mit den
Ausgeschlossenen zur Freisinnigen Vereinigung. Deren personelle
Zusammensetzung glich weitgehend der von 1880-1884 bestehenden
Liberalen Vereinigung. Der verbliebene linke Parteiflügel
der Deutsch-Freisinnigen Partei um Eugen Richter konstituierte
sich nach der Spaltung als Freisinnige Volkspartei.
Durch die Auflösung des Reichstags nach der Ablehnung der
Caprivischen Militärvorlage fielen das Zerwürfnis der
Deutsch-Freisinnigen Partei und die Formierung der beiden neuen
Gruppierungen mit der Reichstagswahl 1893 zusammen. Im Wahlkampf
trat die Freisinnige Vereinigung besonders für eine wirtschaftsliberale
Handels-, Steuer- und Zollpolitik ein. Doch aufgrund der Spaltung
der linksliberalen Fraktion und dem damit einhergehenden Vertrauensverlust
in der Bevölkerung mussten beide liberalen Parteien deutliche
Stimmenverluste bei der Reichstagswahl am 15. Juni 1893
hinnehmen. Die Freisinnige Vereinigung erreichte nur 13 Mandate.
Erst nach der Reichstagswahl trafen sich die Mitglieder zur konstituierenden
Generalversammlung. Der Fraktionsvorsitzende Schrader erklärte,
dass die Freisinnige Vereinigung nicht eine geschlossene Partei
sei, sondern eher als "Wahlverein der Liberalen" agieren
sollte. Aufgrund der zahlreichen Trennungen und Abspaltungen in
der Vergangenheit waren die Parteiführer nicht bestrebt,
die verschiedenen liberalen Strömungen erneut in einer großen
Partei zu vereinen, sondern eine konstruktive und wirkungsvolle
Zusammenarbeit aller liberalen Gruppen im Reichstag zu erreichen.
Ein eigentliches Parteiprogramm besaß die Freisinnige Vereinigung
nicht. Die Realisierung der programmatischen Forderungen der Deutsch-Freisinnigen
Partei von 1884 blieben weiterhin gültig. Auch die innere
Organisation der Vereinigung blieb lose und unverbindlich, geregelte
Statuten für Mitglieder gab es ebenso wenig wie Wahlen zu
den alljährlichen Generalversammlungen, an denen jedes Mitglied
teilnehmen konnte. Die Bestimmungen für die Mitgliedschaft
beschränkten sich einzig auf die Festlegung eines jährlichen
Beitrags von zwei Reichsmark. Zu den bekannteren Mitgliedern gehörten
unter anderem der Publizist Hellmut von Gerlach, der Theologe
Friedrich Naumann, der Politiker Rudolf Breitscheid,
die Frauenrechtlerin Helene Lange und Theodor Barth (1849-1909),
der Herausgeber der Liberalen Wochenzeitschrift "Die Nation".
Die Zentren der Freisinnigen lagen neben Bremen, wo sie bei der
Reichstagswahl 1893 stärkste Partei wurde, in Pommern, Schleswig-Holstein,
Lübeck und Mecklenburg-Strelitz. Fast zwei Drittel ihrer
Kandidaten für die Reichstagswahl am 16. Juni 1898
kamen aus den ostelbischen Gebieten. Als Vertreter wirtschaftsliberaler
und großbürgerlicher Interessen verfügten die
Mitglieder der Freisinnigen Vereinigung über gute Kontakte
zu zahlreichen Handelskammern, Handelsgesellschaften und -vereinen
wie dem Deutschen Handelstag, dem Zentralverband des deutschen
Bank- und Bankiergewerbes, dem Verein zur Förderung der Handelsfreiheit
und dem Verein zum Schutze der deutschen Goldwährung. Die
Vereinigung unterstütze im Gegensatz zur Freisinnigen Volkspartei
auch die Flottengesetze von Alfred von Tirpitz aus
den Jahren 1898 und 1900 sowie die Kolonialpolitik des
Reichskanzlers Bernhard von Bülow. Damit näherte
sie sich im Laufe der Jahre im weiter den Positionen der Nationalliberalen
Partei an, die sich ihrerseits zunehmend für die linksliberalen
Gruppierungen öffnete.
Die Idee einer Vereinigung aller liberalen Parteien kursierte
bereits Ende der 1890er Jahre, eine Fusion mit den Nationalliberalen
kam aber trotz zahlreicher gemeinsamer Standpunkte nicht zustande.
Vielmehr traf sich 1905 eine kleine Gruppe von Vertretern der
Freisinnigen Vereinigung, der Freisinnigen Volkspartei und der
Deutschen Volkspartei zu vertraulichen Gesprächen
und der Ausarbeitung einer gemeinsamen Plattform für die
inhaltliche und später auch organisatorische Vereinigung
der drei linksliberalen Parteien. Dem von den Verhandlungsführern
entwickelten "Frankfurter Minimalprogramm" stimmte der
Delegiertentag der Freisinnigen Vereinigung im Februar 1906 zu.
Nach gemeinsamen Wahlkampf, in dem sich die Linksliberalen mit
der Deutsch-Konservativen Partei, der Freikonservativen
Partei und der Nationalliberalen Partei im regierungsfreundlichen
"Bülow-Block" formierten, und der Reichstagswahl
am 25. Januar 1907 bildeten die drei Parteien eine Fraktion.
Mit ihrem Zusammenschluss zur Fortschrittlichen Volkspartei
1910 entstand erstmals in Deutschland eine einheitliche Partei
der linksliberalen Kräfte.
(jl)