1910-1914
Zur Fortschrittlichen Volkspartei schlossen sich 1910 die Freisinnige
Volkspartei, die Freisinnige Vereinigung und die Deutsche
Volkspartei zusammen. Damit entstand in Deutschland erstmals
eine einheitliche Partei der linksliberalen und bürgerlich-demokratischen
Kräfte. Die Partei war relativ straff organisiert und hatte
kurz nach ihrer Gründung rund 130.000 Mitglieder. Zu den
bekanntesten Politikern der Fortschrittlichen Volkspartei zählten
Friedrich Naumann, Friedrich Payer (1847-1931) und
Ludwig Quidde.
Die Partei trat für Reformen zur Parlamentarisierung
des Reichs, für die Beseitigung des preußischen
Dreiklassenwahlrechts
sowie für die Trennung von Staat und Kirche ein. Sie stand
für eine wirtschaftsliberale Politik und vertrat die Interessen
der Exportindustrie, des Handels, der Banken sowie des Handwerks
und Gewerbes. Unter dem Einfluß Naumanns setzte sich in
der Fortschrittlichen Volkspartei eine sozialreformerische Haltung
durch. Mit ihrer liberal-demokratischen Ausrichtung stand die
Partei in der Innen-, Wirtschafts- und Finanzpolitik in Opposition
zur Reichsregierung.
Die linksliberale Partei bekämpfte die Konservativen und
anfangs auch die religiös gebundene Zentrumspartei.
Sie suchte die parlamentarische Zusammenarbeit mit der
Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) und der
Nationalliberalen Partei.
Bei den Reichstagswahlen 1912 erhielt die von ihr nahestehenden
Wirtschaftsverbänden finanziell geförderte Partei 9,7
Prozent der Stimmen.
1914-1918
Im Ersten Weltkrieg stand die Fortschrittliche Volkspartei
zunächst hinter der annexionistischen Politik der Reichsleitung,
kritisierte aber schon bald die "uferlosen Annexionspläne".
Unter dem Vorsitz von Payer bildete die Partei mit den Sozialdemokraten,
den Nationalliberalen und dem Zentrum den "Interfraktionellen
Ausschuß", mit dem die Reichstagsmehrheit Reformen
durchsetzen und einen "Verständigungsfrieden" erreichen
wollte. Die Partei lehnte den uneingeschränkten
U-Boot-Krieg
ab und verabschiedete im Juli 1917 mit der SPD und dem Zentrum
die Friedensresolution. Im November 1917 beteiligte sich
die Fortschrittliche Volkspartei mit Payer als Vizekanzler an
der Reichsregierung. Anschließend unterstützte sie
die unter Reichskanzler Prinz
Max von Baden eingeleiteten
Reformen zur Parlamentarisierung des Reichs. Während der
Novemberrevolution 1918 löste sich die Fortschrittliche
Volkspartei auf und gründete mit dem linken Flügel der
Nationalliberalen Partei die Deutsche Demokratischen Partei
(DDP).
(ba)