Am 28. August 1880 verkündeten 28 führende nationalliberale
Politiker ihren Austritt aus der Nationalliberalen Partei.
Sie kritisierten die enge Bindung ihrer Parteiführer Karl
Rudolf von Bennigsen und Johannes Miquel (1828-1901)
an Reichskanzler Otto von Bismarck und die uneingeschränkte
Unterstützung seiner Politik. Bereits in der Debatte um das
"Sozialistengesetz" 1878 waren erste innerparteiliche
Differenzen aufgetreten, die sich in der Frage der Bismarckschen
Schutzzollpolitik zum offenen Konflikt entwickelten. Die "Sezessionisten",
wie die Mitglieder des ausgetretenen linken Parteiflügels
ab 1881 genannt wurden, gründeten darauf hin 1880 die Liberale
Vereinigung. Sie forderten die Rücknahme der Schutzzollbestimmungen,
die Liberalisierung der Wirtschaft und die Parlamentarisierung
der konstitutionellen Monarchie. Neben den Parteiführern
Eduard Lasker (1829-1884) und Franz August Freiherr Schenk von
Stauffenberg (1834-1901) gehörten auch der Jurist Ludwig
Bamberger (1823-1899), der Berliner Bürgermeister Maximilian
von Forckenbeck (1821-1892), der Althistoriker Theodor Mommsen
und der Direktor der Deutschen Bank, Georg von Siemens,
zur neuen linksliberalen Partei.
Bei der Reichstagswahl am 27. Oktober 1881 erreichte die
Liberale Vereinigung mit 46 Abgeordnete ebenso viele Mandate wie
die Nationalliberale Partei. Inhaltlich positionierten sich die
Linksliberalen in der folgenden Legislaturperiode in Opposition
zu Bismarcks Wirtschafts- und Innenpolitik. Allerdings ging ihr
1882 verabschiedetes Parteiprogramm in zentralen Punkten nicht
über die alten liberalen Forderungen hinaus, neue Positionen
wurden nicht entwickelt. In der Hoffnung auf einem baldigen Thronwechsel
durch den als liberal bekannten Kronprinz Friedrich Wilhelm von
Preußen, dem späteren Kaiser Friedrich
III., strebten die "Sezessionisten" die zügige
Einigung der linksliberalen Reichstagsfraktionen an. Im März
1884, noch vor der Reichstagswahl am 28. Oktober 1884,
fusionierte die Liberale Vereinigung nach kurzen Verhandlungen
mit der Deutschen Fortschrittspartei zur Deutsch-Freisinnigen
Partei.
(jl)