1870-1914
Die Nationalliberale Partei ging 1867 als eine Abspaltung aus
der Deutschen Fortschrittspartei hervor und vertrat vor
allem die Interessen des national eingestellten protestantischen
Besitz- und Bildungsbürgertums. Die Nationalliberalen unterstützten
die Gründung des Deutschen Kaiserreichs und setzten sich
ebenso für einen Verfassungsstaat ein wie für den Ausbau
parlamentarischer Rechte. Im Jahrzehnt nach der Reichsgründung
stellte die Nationalliberale Partei die stärkste Fraktion
im Reichstag. Wirtschaftspolitisch begrüßten die Nationalliberalen
die Umwandlung Deutschlands in einen modernen Industriestaat.
Sie unterstützten Reichskanzler Otto von Bismarck
bereitwillig im "Kulturkampf", folgten ihm beim "Sozialistengesetz"
aber nur widerstrebend.
Die innerparteilichen Gegensätze traten mit Bismarcks Übergang
zur Schutzzollpolitik 1877/78 offen hervor: Zunächst verließen
die Anhänger des Schutzzolls 1879 die Fraktion. Im folgenden
Jahr traten 28 führende Nationalliberale aus der Fraktion
aus, weil sie die enge Bindung ihrer Parteiführer Karl Rudolf
von Bennigsen und Johannes (seit 1897: von) Miquel
(1828-1901) an Bismarcks Politik für "rückschrittlich"
hielten. Seitdem bildeten die Nationalliberalen nur noch eine
Partei mittlerer Größe.
Nach der Entlassung Bismarcks 1890 entwickelten sich die Nationalliberalen
zur führenden Partei der deutschen Großindustrie und
der Großbanken. Sie unterstützten die offensive Ausrichtung
der deutschen Militär-, Flotten-
und Kolonialpolitik
und hatten enge Beziehungen zum
Alldeutschen Verband und
dem Deutschen Flottenverein. Innenpolitisch vollzog sich in der
Partei jedoch unter Ernst Bassermann und Gustav Stresemann
seit der Jahrhundertwende eine langsame Öffnung zu den links
von den Nationalliberalen stehenden Parteien. Mit den Jahren sank
der Stimmenanteil der Nationalliberalen von 30 Prozent (1871)
auf 14 Prozent (1912).
Die Nationalliberale Partei war lange eine Honoratiorenpartei
ohne festgefügte Organisationsstrukturen. Nach der Jahrhundertwende
wandelte sie sich langsam zu einer modernen Partei mit einem dichten
Vereinsnetz.
1914-1918
Im Ersten Weltkrieg forderten die Nationalliberalen weitreichende
Annexionen und unterstützten den uneingeschränkten U-Boot-Krieg.
Trotz der parlamentarischen Zusammenarbeit im Interfraktionellen
Ausschuß lehnten die Nationalliberalen die Friedensresolution
von SPD, Zentrum und Fortschrittspartei vom
Juli 1917 ab. Mit der Verschlechterung der militärischen
Lage vertieften sich die innerparteilichen Gegensätze. Der
linke Parteiflügel orientierte sich zur Reichstagsmehrheit
und forderte innenpolitische Reformen, die zu einer Parlamentarisierung
im Reich führen sollten.
Während der Novemberrevolution 1918 zerfiel die Nationalliberale
Partei: Ihr rechter Flügel schloß sich der Deutschnationalen Volkspartei an, ihr linker Flügel der Deutschen Demokratischen Partei (DDP), die an Stresemann orientierte Mehrheit gründete
mit ihm die Deutsche Volkspartei (DVP).
(ba)