1870-1914
Der 1863 unter Ferdinand Lassalle gegründete
Allgemeine Deutsche Arbeiterverein sowie die 1869 unter August
Bebel und Wilhelm Liebknecht gegründete Sozialdemokratische
Arbeiterpartei (SDAP) schlossen sich 1875 auf dem Gothaer Kongreß
zur Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) zusammen. Damit verfügte
Deutschland im Unterschied zu anderen europäischen Ländern
über eine einheitliche sozialistische Partei. Programmatisch
stand die SAP in grundsätzlicher Opposition zum politischen
System des Kaiserreichs. Von Otto von Bismarck zum
"Reichsfeind" gestempelt, wurde die SAP durch das Gesetz
"wider die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie"
1878 verboten. Desgleichen wurden alle Organisationen der SAP,
ihre Presse und die von ihr aufgebauten Gewerkschaften durch dieses
"Sozialistengesetz" verboten, die Reichstagsfraktion
jedoch blieb weiter bestehen. Ausnahmegesetze, polizeistaatliche
Unterdrückung und Terror konnten den Aufstieg der Sozialdemokratie
aber nicht verhindern. Unter dem "Sozialistengesetz"
verdreifachte die Partei ihre Stimmen und erhielt 1890 bei den
Reichstagswahlen mit knapp 20 Prozent erstmals die meisten der
abgegebenen Stimmen. Aufgrund des Mehrheitswahlrechts, der gegen
sie gerichteten Wahlbündnisse der bürgerlichen Parteien
sowie der sie stark benachteiligenden Wahlkreiseinteilung erhielt
sie als stimmenstärkste Partei jedoch nur 35 der 391 Mandate.
Die Verfolgung unter dem "Sozialistengesetz" hinterließ
in der Arbeiterbewegung tiefe Verbitterung und machte marxistische Ideen attraktiv
und populär. Nach der Nichtverlängerung des "Sozialistengesetzes"
gründete sich die SAP 1890 offiziell als Sozialdemokratische
Partei Deutschlands (SPD) neu.
Das 1891 verabschiedete Erfurter Programm vertrat einen dogmatischen
Marxismus, gegen den die sozialreformerische Politik der Freien
Gewerkschaften sich unter Personen wie Carl Legien jedoch
immer stärker behauptete. Führender Theoretiker der
"Revisionisten" war Eduard Bernstein. Erbittert bekämpft
wurde der Revisionismus von führenden Sozialdemokraten wie August Bebel,
Karl Kautsky,
Rosa Luxemburg und
Clara Zetkin. Unbeschadet des innerparteilichen Streits
um die richtige Theorie war die SPD die mit Abstand mitgliederstärkste
Partei vor dem Ersten Weltkrieg und stellte 1912 erstmals
auch die stärkste Reichstagsfraktion. Die SPD war vor allem
die Partei protestantischer und konfessionsloser Industriearbeiter,
aber sie hatte auch im Mittelstand Anhänger. Keine andere
Partei unterhielt im Kaiserreich ein so dichtes Organisationsnetz
von Vereinen, keine andere Partei prägte das soziokulturelle
Milieu ihrer Anhänger so wie die SPD das der Arbeiterschaft.
Noch vor dem Ersten Weltkrieg entwickelte sich im Reichstag eine
parlamentarische Zusammenarbeit zwischen der SPD und den bürgerlichen
Mitte-Links-Parteien, auf regionaler Basis hatte es bereits vorher
Koalitionen gegeben.
1914-1918
Nach Beginn des Ersten Weltkriegs stimmte die SPD unter dem Eindruck
der nationalen Hochstimmung am 4. August 1914 im Reichstag geschlossen
für die Kriegskredite zur Landesverteidigung. Allerdings
hatten 14 Abgeordnete parteiintern gegen die Kredite gestimmt,
sich bei der Abstimmung des Reichstags aber der Fraktionsdisziplin
gebeugt. Zudem verpflichtete sich auch die SPD mit dem sogenannten
Burgfrieden,
für die Dauer des Krieges auf jede Auseinandersetzung
mit den anderen Parteien sowie auf jegliche Agitation gegen die
Reichsregierung zu verzichten.
Die schon vor dem Krieg hervorgetretenen inneren Gegensätze
der Partei ließen sich nur für kurze Zeit überdecken.
Die radikale Linke der Vorkriegszeit unter Führung von
Karl Liebknecht
und Rosa Luxemburg wandte sich bereits Ende 1914
gegen die Fortsetzung des Krieges. Sie bildete ab dem 1. Januar
1916 die "Gruppe Internationale", die sich bald den
Namen Spartakusbund
gab. Auch der gemäßigte,
aber gegen den Krieg agitierende linke Parteiflügel um
Hugo Haase lehnte ab Dezember 1915 weitere Kriegskredite ab und
verweigerte die Fortsetzung der Burgfriedenspolitik. 18 Abgeordnete
dieser gemäßigten Linken wurden 1916 aus der SPD-Fraktion
ausgeschlossen und gründeten die "Sozialdemokratische
Arbeitsgemeinschaft". Gespalten wurde die Parteiorganisation
im April 1917 mit Gründung der Unabhängigen Sozialdemokratischen
Partei (USPD).
Die SPD, die sich nach der Spaltung den Namen Mehrheitssozialdemokratische
Partei (MSPD) gab, setzte unter Friedrich Ebert zwar die
weitere Bewilligung der Kriegskredite fort, drängte aber
zugleich auf eine Friedenspolitik und innere Reformen im Reich.
Sie bildete 1917 im Reichstag zusammen mit der
Fortschrittlichen Volkspartei (FVP) und mit
dem Zentrum den "Interfraktionellen
Ausschuß", der in seiner Friedensresolution
vom Juli 1917 den Verzicht von Annexionen forderte. Im Oktober
1918 unterstützte die SPD die unter Reichskanzler Prinz
Max von Baden
eingeleitete Parlamentarisierung und stellte mit
Philipp Scheidemann und
Gustav Bauer erstmals zwei Staatssekretäre.
(ba)