1871-1914

[Photo: Berliner Dom, 1906]



Architektur im Kaiserreich


Für die Architektur des 20. Jahrhunderts in Deutschland waren die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg von entscheidender Bedeutung. Neben dem Fortbestehen des historisierenden Stils kamen revolutionäre Entwürfe, die Ästhetik als auch die Bautechnik betreffend, zur Ausführung. Zwischen den Extremen existierten jedoch alle graduellen Abstufungen. Darüber hinaus waren viele Architekten gezwungen, sich den jeweiligen Vorgaben der Auftraggeber anzupassen. Oft gingen die architektonischen Neuerungen mit einer ästhetischen Wiederaufnahme klassizistischer Formen einher. Neben den sozialreformerisch Inspirierten gab es viele, die explizit heimatlich-national gesinnt waren, oder sogar beides. Erst nach dem Weltkrieg spitzten sich die programmatisch-politischen Gegensätze eklatant zu.

Mit dem Bau des Reichstags (1848-1894) und des Berliner Doms (1884-1904) erreichte die neobarocke Tendenz des Jahrhundertendes ihren Höhepunkt. An diesen Architekturbeispielen läßt sich exemplarisch die Schwäche des Historismus festmachen: Übersteigerung und Überdimensionierung. Hinzu kam der Vorwurf der absoluten Gegensätzlichkeit von Form und Funktion, wie sie der trivialisierte Historismus von Wohn- und Geschäftsbauten bot. Auch der wissenschaftlich betriebene Städtebau war noch kaum entwickelt, so daß es zur beliebigen, den persönlichen Vorstellungen, Wirtschafts- und Spekulationsinteressen entsprechenden Aneinanderreihung von Architektur kam. Typisch für die Entwicklung dieser Zeit in Deutschland war die Vielfalt der Zentren. Anders als in Frankreich, gab es keine maßgebende Instanz wie etwa eine Akademie.

(tk)

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