1871-1914

[Buch: Thomas Mann "Buddenbrooks. Verfall einer Familie" (Schutzumschlag), 1901]

[Buch: Thomas Mann "Buddenbrooks. Verfall einer Familie" (Titelblatt), 1901]

[Buch: Thomas Mann "Buddenbrooks. Verfall einer Familie" (Buchdeckel), 1901]



Thomas Mann: Buddenbrooks


Roman von Thomas Mann, entstanden 1897-1900, erschienen 1901. - Im Mai 1897 bot der Verlag S. Fischer unter dem Eindruck des Novellenbandes "Der kleine Herr Friedemann" dem Autor an, " ein größeres Prosawerk" zu veröffentlichen, "vielleicht einen Roman, wenn er nicht zu lang ist". Das Werk, umfangreicher als erwartet, bedeutete für Mann die endgültige literarische Anerkennung und wurde sein "meistgelesenes und meistgeliebtes Buch" (P. de Mendelssohn). 1929 wurde Thomas Mann dafür mit dem Nobelpreis ausgezeichnet; das Werk galt, wie der Autor selbst konstatierte, als repräsentative "Seelengeschichte des deutschen Bürgertums, von der nicht nur dieses selbst, sondern auch das europäische Bürgertum überhaupt sich angesprochen fühlen konnte".

Das im Untertitel genannte Thema des Romans wird an vier Generationen einer Lübecker Kaufmannsfamilie dargestellt. Die Handlung erstreckt sich jedoch nur über rund vierzig Jahre (1835 bis 1877). Der zu Beginn des Werks ungefähr siebzigjährige Urgroßvater Johann Buddenbrook repräsentiert das noch unerschütterte Lebensgefühl eines Bürgertums, das, selbstsicher und tatkräftig, seinen Besitz klugem Unternehmungsgeist verdankt und dessen "Wille zum Leben" ungebrochen ist. Für seinen Sohn, Konsul Johann Buddenbrook, gelten die überkommenen Prinzipien bürgerlicher Lebensführung unverändert, doch ist für ihn bereits nicht mehr unbekümmerte Lebensbejahung, sondern ein pietistisch-strenges Ethos charakteristisch. Im Gegensatz zu seinem humanistisch gebildeten Vater tritt er für "praktische Ideale" ein, ist aber als Kaufmann nicht besonders erfolgreich und erleidet durch einen betrügerischen Schwiegersohn einen erheblichen geschäftlichen Verlust. Mancherlei Anzeichen verraten überdies eine innere Problematik, in der sich die spätere Auflösung der Familie ankündigt. In den Charakteren und Schicksalen seiner vier Kinder treten verschiedene Formen des unaufhaltsamen Verfalls zutage, am sinnfälligsten in der eindrucksvollen Gestalt seines ältesten Sohnes Thomas, den der Autor in den "Betrachtungen eines Unpolitischen" einen "späten und komplizierten Bürger" nennt, "dessen Nerven in seiner Sphäre nicht mehr heimisch sind - welcher, modern herkömmlichen Geschmacks und von entwickelt europäisierenden Bedürfnissen, die gesunder, enger und echter gebliebene Umgebung zu befremden und - zu belächeln begonnen hat". Sein Bruder Christian, schon als Kind neurotisch, führt in Bohemekreisen das Leben eines exzentrischen Clowns und verschuldeten Lebemanns. Seine Schwester Tony, naiv und töricht, anmutig und liebenswert, ist auch nach zwei gescheiterten Ehen von kindhafter Unreife. Die viel jüngere Clara stirbt kurz nach ihrer Heirat an Gehirntuberkulose.

Allein Thomas ist - wenn auch nur mit äußerster Anspannung und Selbstbeherrschung - noch in der Lage, das Erbe zu übernehmen. Er wird Senator, und äußerlich erreicht das Ansehen der Familie erst jetzt seinen Höhepunkt. Seine Frau, eine reiche, musikalisch hochbegabte Holländerin von "nervöser Kälte", bringt ein exotisches Element und künstlerische Begabung in die Familie. Der Sohn aus dieser Ehe, Hanno, repräsentiert das letzte Stadium eines Prozesses, in dessen Verlauf die Buddenbrooks den Gewinn an Sensibilität und Bewußtsein mit dem Verlust ihrer Vitalität und zuletzt auch ihrer gesellschaftlichen Stellung bezahlen. Die naive Unbekümmertheit der vorangegangenen Generation - "die Situation ohne Schamgefühl auszunutzen, sagte er sich, das ist Lebenstüchtigkeit" - wurde abgelöst durch ein bestimmtes Rollenverhalten, durch eine Charaktermaske: "Thomas Buddenbrooks Dasein", so heißt es im Roman, "war kein anderes mehr als das eines Schauspielers, eines solchen aber, dessen ganzes Leben bis auf die geringste und alltäglichste Kleinigkeit zu einer einzigen Produktion geworden ist, einer Produktion, die mit Ausnahme einiger weniger und kurzer Stunden des Alleinseins und der Abspannung beständig alle Kräfte in Anspruch nimmt und verzehrt." Er stirbt, nach einer Zahnoperation, einen banalen Tod, sein Sohn Hanno - Inbegriff lebensfremder Zartheit und sensiblen Künstlertums, in dessen musikalischen Neigungen der Prozeß der Entbürgerlichung sich vollendet - erliegt dem Typhus.

Der Untergang der Buddenbrooks steht für das Schicksal eines patrizischen Bürgertums, an dessen Stelle - im Roman durch den Aufstieg der Familie Hagenström angedeutet - der kapitalistische Bourgeois tritt. Der Untertitel "Verfall einer Familie" darf indessen nicht in einem kulturpessimistischen Sinne verstanden werden. Verfall ist für Thomas Mann, wobei seine Geschichtsvorstellung nicht ohne Biologismen auskommt, auch die Voraussetzung für neue Lebensformen, Verfall ist Differenzierung und Steigerung der geistigen und ästhetischen Empfindungsfähigkeit, und "ohne den décadent, den kleinen Hanno, wären Menschheit und Gesellschaft seit diluvialen Zeiten keinen Schritt vorwärtsgekommen. Es ist die Lebensuntauglichkeit, welche das Leben steigert, denn sie ist dem Geist verbunden."

Thomas Mann hatte zunächst, "nach dem Muster skandinavischer Kaufmanns- und Familienerzählung" gedacht, "die ungefähr das letzte Viertel des Romans, den Verfall Thomas Buddenbrooks und Hannos Tod zum Inhalt hat". Wie bei den späteren Romanen auch, wuchs ihm jedoch das Werk unter den Händen: "Da aber ein epischer Instinkt mich trieb, ab ovo zu beginnen und die gesamte Vorgeschichte mit aufzunehmen, so entstand ... ein als Familien-Saga verkleideter Gesellschaftsroman, der als solcher dem westeuropäischen Typ des Romans näherstand als dem deutschen, ein vom Verfallsgedanken überschattetes Kulturgemälde." Dementsprechend wurde der Roman stets bezogen auf die Sozialgeschichte des Bürgertums, auf dessen Verhaltenskodex und Wertevorstellungen. Am Beispiel der Lübecker Familie schildert Thomas Mann ein allgemeines Phänomen; im ersten Teil des Romans geschieht dies mit den Mitteln realistischer Erzählweise. Die Ereignisse ordnen sich der Chronologie unter, Vergangenes erscheint durch Familienpapiere oder erinnernde Dialoge vergegenwärtigt, die Personen werden mit kunstvoller Indirektheit durch ihre Redeweise charakterisiert. Im zweiten Romanteil jedoch, der mit Hannos Geburt beginnt, bleibt es nicht bei der Erzähltechnik einer Familienchronik. Der fortschreitenden Differenzierung der Hauptfiguren entspricht eine "Komplizierung der Griffe", und die psychologisch vieldeutigen Vorgänge des "Verfalls" werden nicht in traditionell realistischer Weise abgebildet und widergespiegelt. Die Forschung problematisierte daher teilweise die Kennzeichnung des Werks als realistischen Roman und hob das fiktionale Gefüge von Strukturen und Motiven hervor, mit deren Hilfe der Autor die historische Wirklichkeit zu einer eigenen Wirklichkeit ordnet: "Die Geschichte dient der Struktur, sie bestimmt sie nicht" (H. Lehnert). In das Werk eingefügt sind reflexive Partien, etwa die "Gedankenprotokolle" Thomas Buddenbrooks bei seiner Schopenhauer-Lektüre, und wissenschaftliche Ausführungen, so etwa über den Typhus. Kontrastierung und Variation der Motive, Ergänzung der direkten Rede durch indirekte und erlebte Rede, gegen- oder parallelläufige Anordnung mehrerer Handlungen differenzieren das epische Gewebe.


(Kindlers Neues Literaturlexikon, Kindler Verlag, München.)

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