1871-1914![]()
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Richard Dehmel: Zwei Menschen. Roman in RomanzenIm literarischen Leben der Jahrhundertwende genoß der Lyriker Richard Dehmel höchste Verehrung; Frank Wedekind bezeichnete ihn als "größten deutschen Dichter" seiner Zeit, und Detlev von Liliencron prophezeite: "Von uns lebenden (zur Zeit bekannten) Künstlern des Verses wird keiner auf die Nachwelt kommen. Nur ein einziger: Richard Dehmel." Heute ist das lyrische Werk Dehmels, der sich daneben auch als Dramatiker ("Der Mitmensch", 1895; "Lucifer", 1899; "Michel Michael", 1911) versucht hatte, weitgehend vergessen; der Ruhm des Autors war eng mit der Ausstrahlung seiner Person verbunden, die Forschung, die das Werk zwar als "repräsentativ" (H. Fritz) für den Stilpluralismus der Jahrhundertwende bewertet, widmete sich ihm nach 1945 nur mehr sporadisch. (...) Dehmels Lyrik gehört der antinaturalistischen Literaturbewegung der Jahrhundertwende an; zahlreiche seiner Erstausgaben waren mit Jugendstil-Illustrationen versehen, von Fidus stammen die Randbilder des Bandes "Über die Liebe", Peter Behrens gestaltete das Versepos "Zwei Menschen. Roman in Romanzen" (1903), in dem der Autor auch auf seine Begegnung mit Ida Coblenz anspielt, die er 1901, nach seiner Scheidung, heiratete. Gegliedert in drei "Umkreise", überschrieben mit "Die Erkenntnis", "Die Seligkeit" und "Die Klarheit" und gefaßt in je 36 Romanzen mit je 36 Versen, eröffnet dieser Balladenzyklus, dessen Fabel sich auf den Kampf eines Bibliothekars um die Ehefrau eines Adligen reduziert, eine fiktive Liebeswelt jenseits bürgerlicher Normen und Werte; in den Bildern Dehmels entsteht das Tableau des Jugendstil-Dekors der Zeit, der Tanz im Frühling darf so wenig fehlen wie die Anbetung der Sonne, die Begegnung am Strand so wenig wie die Beschwörung der Alleinigkeit alles Seienden. "Im kleinsten Kreise Unendliches erreichen", mit diesem Credo beschließt Dehmel das Werk, mit dem er das Versepos wiederbeleben wollte. (...) (Kindlers Neues Literaturlexikon, Kindler Verlag, München)
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