1871-1914

[Buch: Else Lasker-Schüler "Hebräische Balladen" (Buchdeckel), 1920]

[Buch: Else Lasker-Schüler "Hebräische Balladen" (Titelblatt), 1920]


Else Lasker-Schüler: Hebräische Balladen


Gedichtzyklus von Else Lasker-Schüler, erschienen 1913, in einer zweiten, vermehrten Auflage 1914. - Die Sammlung, mit der Widmung »Karl Kraus zum Geschenk« versehen, umfaßt in der ersten Ausgabe 15 Gedichte, von denen "Versöhnung, David und Jonathan", "Ruth" und "An Gott" aus der Sammlung "Meine Wunder" (1911), "Sulamith" aus der Sammlung "Styx" (1902) sowie "Zebaoth" und "Mein Volk aus Der siebente Tag" (1905) stammen; die endgültige Ausgabe enthält zwanzig, nicht chronologisch geordnete Gedichte, deren jüngstes, "Abigail", 1923 entstand.

Neben der Liebeslyrik bilden die Gedichte mit jüdischer Thematik ein Charakteristikum der Lyrik von Else Lasker-Schüler, ohne daß sich beide Elemente in strikter Weise scheiden ließen. Die erotisch erfüllte Intensität, wie sie etwa im Gedicht "Sulamith" aufscheint (»O ich lerne an Deinem süßen Munde / Zuviel der Seligkeiten kennen!«) löst sich nicht nur in diesem Gedicht selbst in eine Hingabe an ein nicht weiter benennbares Unendliches auf (» Und ich vergehe / Mit blühendem Herzeleid / Und vewehe im Weltraum / In Zeit, / In Ewigkeit, / Und meine Seele verglüht in den Abendfarben / Jerusalems.«), sondern fügt sich auch bruchlos in die Komposition des gesamten Zyklus ein, der - eröffnet durch die Gedichte "Versöhnung sowie "Mein Volk", abgeschlossen durch das Gebet "An Gott" - in der Reihenfolge ihres Erscheinens in der Bibel die großen Namen des jüdischen Volkes, von "Abel" bis "Sulamith", nennt. Wie kaum ein anderes Motiv der Lyrik von Else Lasker-Schüler aber ist ihr Verständnis des Jüdischen in der Forschung umstritten. Es geht ihr weniger um die Schicksale und Erfahrungen des geschichtlichen Judentums, sondern vielmehr um den Mythos eines mehr oder minder selbstgeschaffenen Hebräertums, in dem alttestamentarische Motive mit ägyptischen, arabischen, ganz allgemein »orientalischen« sich eigentümlich vermischen. Zugleich jedoch manifestiert sich hier ein - wenn auch zutiefst subjektiv getöntes - Bekenntnis zur jüdischen Tradition, so daß etwa W. KRAFT konstatierte: »Dies ist das Erstaunliche, wie sie zur Dichterin der Hebräischen Balladen wurde, wie sie aus ihrem mythischen Chaos den Sprung ins Judentum wagte«. Dagegen hebt S. BAUSCHINGER in ihrer Untersuchung des Gesamtwerks hervor, daß sich Else Lasker-Schüler »nie ein systematisches Wissen« über ihre Religion angeeignet und auf eher intuitiv-emotionale Weise die ihr zentralen Gedanken und Parabeln in ihren Kosmos transformiert habe. Versöhnung aber vor allem war eine zentrale Kategorie ihres Denkens, so daß auch von einer »Umkehr« zurück zu einer streng jüdischen Tradition, wie W. MUSCHG es sah, nicht gesprochen werden könne.

Sowenig wie die Vorstellung Lasker-Schülers vom Judentum oder dem »Hebräischen« ist auch der Begriff der »Ballade« im Titel der Sammlung in traditioneller Weise zu fassen. Der Band enthält keine Balladen im Sinne des 19. Jahrhunderts. Die Gedichte sind zumeist in zweizeiliger Strophenform gehalten und, ganz im Gegensatz etwa zu Goethe Ausführung über die Ballade, herrscht ein lyrisch-subjektiver Ton vor, wie auch anstelle eines dramatischen Geschehens die Anspielung auf einen umfassenden, gewußten oder geahnten Zusammenhang steht. Im Gedicht "David und Jonathan" etwa heißt es: »Deine Abschiedsaugen aber / Immer nimmst du still im Kusse Abschied // Und was soll dein Herz / Noch ohne meines - // Deine Süßnacht / Ohne meine Lieder.« Vor allem sind es die Themen von Liebe und Freundschaft, Abschied und Verlust, die in der Gestaltung der biblischen Figuren immer wieder aufscheinen und der Dichterin als Masken der lyrischen Selbstaussage dienen. Was die teils gereimten, teils in reimlosen freien Versen geschriebenen Gedichte auszeichnet, ist die Kraft der mythenschöpfenden Phantasie, eine starkfarbige Ornamentik und ein unverwechselbar eigener Ton. Eine psychologisch einleuchtende Erklärung für Else Lasker-Schülers Eigenmächtigkeiten in der Behandlung altbiblischer Stoffe gibt Meir Wiener, einer ihrer frühesten Interpreten: »Als die Dichterin einst die biblischen Geschichten vernahm, lachte sie, aber leicht ungläubig und ungeduldig wie einer, der es längst besser weiß. Eigenwillig vernahm sie bei der Erzählung nur, was sie bereits erschaut hatte, zwang die gehörten Geschehnisse in den eigenen Rahmen; was sich nicht fügte, wurde überhört. Kaum war der Erzählende zu Ende, als die Dichterin lebhaft, gleich einem Augenzeugen zu erzählen begann, wie es eigentlich zuging...«

(Kindlers Neues Literaturlexikon, Kindler Verlag, München.)

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