1871-1914

[Gemälde: Anton von Werner "Die Ankunft Seiner Majestät in Saarbrücken (9. August 1870)", 1877]

[Gemälde: Anton von Werner "Der 70. Geburtstag des Kommerzienrates Valentin Manheimer", 1887]



Historienmalerei


Der Begriff der Historienmalerei umfaßt im weiteren Sinne die Wiedergabe jeglicher mythologischer, religiöser oder literarischer Themen in ideal-überhöhter oder realistischer Form. Im engeren Sinne versteht man darunter den auf die Wiedergabe vor allem politischer Ereignisse orientierten akademischen Malstil des 19. Jahrhunderts, zu dessen maßgeblichen Vertretern in Deutschland Maler wie Wilhelm von Kaulbach (1804-1878), Karl von Piloty (1826-1886), Adolph von Menzel und Anton von Werner zählen.

Die Historienmalerei erfaßt das allgemein Menschliche in der Konkretion der entscheidenden geschichtlichen Begebenheit, um es dem Gedächtnis der Nachwelt einzuprägen. Die Geschichte wird zur stofflichen Fundgrube der Kunst; ihr Spiegel avanciert zum künstlerischen Genre. Gegen die wachsenden Bilderflut aus Landschaft und alltäglichem Leben in den bürgerlichen Heimen, Ausstellungsorten und Kunstmärkten kam der Historienmalerei allein die offizielle und öffentliche Vermächtnissicherung der konservativen Werte von Volk, Staat, Nation und Religion zu. Das identitätsbildende Moment ist dabei nicht nur für das 1871 neugegründete Deutsche Reich unübersehbar.

Neben der Darstellung vergangener Ereignisse unternahm vor allem Anton von Werner den Versuch, die jüngstvergangenen Ereignisse der deutschen Geschichte festzuhalten. Das wilhelminisch verordnete Geschichtsbild wurde dabei zum Maßstab ihrer Wirkung. Die Tatsache der Existenz verschiedener, manchmal nur in Nuancen abweichender Versionen desselben Ereignisses, z. B. der Eröffnung des Reichstages am 25. Juni 1888 durch Kaiser Wilhelm II., wirft die Frage nach der Objektivität der Geschichtsmalerei deutlich auf. Trotz der vermeintlich photographisch genauen Wiedergabe darf das Abgebildete nicht ohne genaue Prüfung akzeptiert werden. Dennoch mußten schon Werners Zeitgenossen erkennen, daß ihr Geschichtsbild von der dargestellten Präsentation geprägt wurde.

(lw)

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