1871-1914Kunst & Kultur
Die Bildende Kunst des 19. Jahrhunderts war stark durch die Historienmalerei geprägt. Maler dieser Stilrichtung wie Karl von Piloty (1826-1886) und Adolph von Menzel bildeten wichtige historische Momente und bedeutende Persönlichkeiten ab. Sie verbanden historische Themen und politische Ereignisse zumeist mit einer patriotischen Botschaft. Zahlreiche Gemälde wie "Der König überall" von Robert Müller (1859-1895) zeigen Ereignisse und Begebenheiten aus dem Leben von Friedrich dem Großen (1712-1786). Bei vielen Deutschen genoss dieser preußische König große Popularität. Die Friedrich-Begeisterung wurde nach der Reichseinigung 1871 Teil des preußischen und gesamtdeutschen Nationalmythos. Kaiser Wilhelm II. sah sich ausdrücklich in der Tradition seines in der Außenpolitik erfolgreichen und von ihm besonders verehrten Ahnherrn. Nach der Reichsgründung erfreuten sich insbesondere Gemälde großer Beliebtheit, die den Sieg im Deutsch-Französischen Krieg thematisierten. Zu den bekanntesten Schlachtenmalern der Zeit zählten Wilhelm Camphausen (1818-1885) und Georg Bleibtreu (1828-1892). Der Militärmaler Carl Röchling (1870-1920) schuf mehr als ein Vierteljahrhundert nach Kriegsende mit "Schlacht bei Gravelotte - Tod des Majors von Hadeln" (1897) eines der bekanntesten Gemälde über den Krieg 1870/71. Wie die meisten Darstellungen über den Deutsch-Französischen Krieg akzentuiert auch dieses Gefechtsbild trotz des Titels nicht die Führungsrolle einer einzelnen Persönlichkeit. Der adelige Bataillonschef von Hadeln ragt mit seinem gezückten Säbel kurz vor dem tödlichen Treffer nicht aus dem Dargestellten heraus. Im Mittelpunkt steht vielmehr ein bärtiger Infanterist, der trotz Verwundung die Bataillonsfahne ergriffen hat, hinter ihm die voranschreitende Masse der Soldaten: Der Sieg gegen Frankreich 1871 war nicht das Werk einzelner Persönlichkeiten, sondern der gesamten deutschen Bevölkerung - so die Botschaft dieses Bildes.
Neben der vom kaiserlichen Hof geförderten Historienmalerei eines Anton von Werner gewannen um die Jahrhundertwende Sezession und Avantgarde an Bedeutung. Immer neue Vereinigungen opponierten gegen die offizielle Kunstpolitik und Förderung des Konventionellen.
Durch Abspaltung und Neugründungen bildeten sich immer neue, zum Teil stilprägende Künstlervereinigungen. Um 1905 kam in Deutschland der Expressionismus auf. Er zeichnete sich durch eine starke Farbigkeit und durch Abstraktion aus. Die Maler der "Neuen Secession" (1910/11) und der folgenden "Freien Secession", der von Wassily Kandinsky in München initiierten Gruppierungen "Phalanx" (1901), "Neue Künstlervereinigung" (1909) und "Blauer Reiter" (1911) sowie der in Dresden 1905 ins Leben gerufenen "Brücke" waren die Hauptvertreter dieses vom offiziellen Kunstbetrieb abgelehnten Stils. Durch ihre oft vehemente Ablehnung des Herkömmlichen und Konventionellen beeinflußten sie erheblich das Kunstschaffen nicht nur im Bereich der Malerei. Auch das musikalische Schaffen reflektiert die Uneinheitlichkeit der wilhelminischen Gesellschaft. Stießen "moderne" zeitgenössische Komponisten wie Richard Wagner, Johannes Brahms und Anton Bruckner noch auf allgemeine Anerkennung, so begegnete man der Musik von Gustav Mahler oder Richard Strauss schon mit weniger Verständnis, ganz zu schweigen von der sich um 1910 entwickelnden atonalen Musik Arnold Schönbergs. Kaiser Wilhelm II., der sich gerne als neuer Lohengrin sah, verließ 1911 empört die Berliner Erstaufführung von Strauss' "Rosenkavalier" - einer Oper, die im Verleich zu den 1905 und 1909 entstandenen "Salome" und "Elektra" traditionelle, fast konservative Züge aufweist - und kommentierte sein Verhalten mit den Worten: "Det is keene Musik für mich!" Der Kaiser schwärmte für Giacomo Meyerbeers (1791-1864) komische Oper "Nordstern".
Ebensowenig wie die beiden genannten Kunstrichtungen ist die Literatur
auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Auch hier beherrschte
und belebte die Ablehnung des offiziellen akademischen wie gesellschaftlichen
Kunstbetriebes weite Strecken des literarischen Schaffens.
Der umfassende kulturelle Aufbruch stieß bei den konservativen Eliten auf heftige Kritik. Sie spiegelte die Uneinheitlichkeit und die durch eine allzu schnelle Industrialisierung und Verstädterung entstandenen tiefen Brüche in der wilhelminischen Gesellschaft wieder. Weite Kreise der Bevölkerung blieben von den Debatten über die "neue Kultur" ausgeschlossen. Sie nahmen die Moderne nicht in der Kunst, sondern über die vielen technischen Neuerungen in ihrem Alltag wahr. (lw)
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