1871-1914



Wassily Kandinsky:
Über das Geistige in der Kunst


Kunsttheoretische Schrift von Wassily Kandinsky, erschienen 1911. - Zehn Jahre lang hat sich der zum Juristen ausgebildete Russe, der sich erst mit dreißig Jahren für die Künstlerlaufbahn entschied, nach München ging (1896) und damit eine vielversprechende Karriere in Moskau abbrach, Notizen gemacht, aus denen sich diese programmatische Schrift zusammensetzt. Das Besondere an ihr ist, daß sie nicht nur die subjektive Selbstinterpretation eines modernen Künstlers bietet, wie sie in vielen Autobiographien zu finden ist, sondern darüber hinaus als gedankliche Quelle für die Anfänge der modernen Kunst fungiert. - Die geistigen Grundlagen für die Schrift fand Kandinsky einerseits bei Goethe, Schiller, C. L. Fernow und dem Kunsttheoretiker K. Fiedler (vor allem der Begriff der "inneren Notwendigkeit", den Kandinsky allerdings in einer Absolutheit gebraucht, die über alles bisher Gesagte hinausgeht), andererseits in der gegenaufklärerischen Bewegung der deutschen Romantik [...].

"Über das Geistige in der Kunst erschien kurz bevor Kandinsky sein erstes abstraktes Bild malte. (Die Vordatierung des "Ersten abstrakten Aquarells" von 1913 auf 1910 wird heute nicht mehr angezweifelt.) Er nahm diesen neuen Schritt seines Schaffens in seiner Schrift theoretisch vorweg. - Im ersten, allgemeinen Teil führt Kandinsky den Begriff der Notwendigkeit ein, die der inneren richtungweisenden Kunst innewohnt und den Keim der Zukunft in sich birgt. Diese stellt er über die "l'art pour l'art", die der handwerklich mehr oder weniger geschickte Künstler herstellt, um dafür seinen materiellen Lohn zu empfangen: "Eine derartige Kunst kann nur das künstlerisch wiederholen, was schon die gegenwärtige Atmosphäre klar erfüllt. Diese Kunst, die keine Potenzen der Zukunft in sich birgt ... ist eine kastrierte Kunst."

Um die Gesamtheit des geistigen Lebens zu veranschaulichen, wählt Kandinsky die Form eines sich "langsam, kaum sichtbar nach vor- und aufwärts" bewegenden Dreiecks, an dessen Spitze wenige Menschen stehen, die neue, noch nicht erschlossene Wege gehen. Das, was ihnen heute verständlich und dem "übrigen Dreieck eine unverständliche Faselei ist, wird morgen zum sinn- und gefühlvollen Inhalt des Lebens der zweiten Abteilung". Zu den ganz oben befindlichen, die "geistige Wendung" vollziehenden Menschen zählt Kandinsky auch die Theosophen. - In realer Form macht sich die geistige Wendung zuerst in der Literatur, Musik und Kunst bemerkbar: "Diese Gebiete spiegeln das düstere Bild der Gegenwart sofort ab, sie erraten das Große, was erst als ein ganz kleines Pünktchen nur von wenigen bemerkt wird und für die große Menge nicht existiert." Am Beispiel der Musik seiner Zeit, die der Kunst um einiges voraus sei, erklärt Kandinsky seinen Begriff der "inneren Notwendigkeit". Er unterscheidet am Beispiel der Musik Debussys zwischen äußerem und innerem "Schönen" (harmonisch und disharmonisch empfundenen Klängen). [...]

Im zweiten, der Malerei gewidmeten Teil der Schrift behandelt Kandinsky die "Wirkung der Farbe auf Physis und Psyche und stellt eine direkte Einwirkung der Farbe auf die Seele fest. Die Farbenharmonie beruhe nur auf dem Prinzip der "zweckmäßigen Berührung der menschlichen Seele". - Im wichtigsten Kapitel "Formen- und Farbensprache" geht er davon aus, daß Form, aber nicht Farbe, selbständig existieren kann, das heißt, die Form beeinflußt die Farbe. Eine Form habe immer den ihr eigenen Charakter, wo eine Farbe den ihren verändere, je nachdem, welche Form sie ausfülle; z. B. verstärke sich der Charakter einer "spitzen Farbe" wie Gelb in der spitzen Form eines Dreiecks. Kandinsky beschreibt die verschiedenen Wirkungen von Form und Farbe und bildnerische Nutzungsmöglichkeiten im Sinne des "Prinzips der inneren Notwendigkeit". Er betont immer das Abstrakte der Formen, auch wenn er meint, der Künstler komme heute mit ausschließlich abstrakten Formen nicht aus. Die in diesem Kapitel dennoch entwickelten Prinzipien der abstrakten Malerei vertiefte er 1914 in dem Aufsatz "Über die Formfrage". Dort finden sich auch die berühmten Gegenpole der "Großen Realistik" und "Großen Abstraktion".

Die berühmt gewordene Schrift "Über das Geistige in der Kunst "ist aufgrund ihrer Vielfalt an Gedanken, Ideen und Vorstellungen, die oft aneinandergereiht scheinen, keine leichte Lektüre. Dennoch wirkte sie wie eine Offenbarung. Innerhalb eines Jahres waren drei Auflagen vergriffen. Kandinskys Gedanken waren für die weitere Entwicklung der abstrakten Malerei von grundlegender Bedeutung. Seine Schriften werden noch heute in Abhandlungen über die Entwicklung der modernen Kunst immer wieder zitiert. Bereits 1911 hatte er die bis heute relevanten Möglichkeiten abstrakten Gestaltens im Ansatz theoretisch vorformuliert.

(Kindlers Neues Literaturlexikon, Kindler Verlag, München.)

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