Kunsttheoretische Schrift von
Wassily Kandinsky, erschienen 1911. - Zehn Jahre lang hat sich der zum Juristen
ausgebildete Russe, der sich erst mit dreißig Jahren für
die Künstlerlaufbahn entschied, nach München ging (1896)
und damit eine vielversprechende Karriere in Moskau abbrach, Notizen
gemacht, aus denen sich diese programmatische Schrift zusammensetzt.
Das Besondere an ihr ist, daß sie nicht nur die subjektive
Selbstinterpretation eines modernen Künstlers bietet, wie sie in
vielen Autobiographien zu finden ist, sondern darüber hinaus als
gedankliche Quelle für die Anfänge der modernen Kunst
fungiert. - Die geistigen Grundlagen für die Schrift fand
Kandinsky einerseits bei Goethe, Schiller, C. L. Fernow und dem
Kunsttheoretiker K. Fiedler (vor allem der Begriff der "inneren
Notwendigkeit", den Kandinsky allerdings in einer Absolutheit
gebraucht, die über alles bisher Gesagte hinausgeht),
andererseits in der gegenaufklärerischen Bewegung der deutschen
Romantik [...].
"Über das Geistige in der Kunst erschien kurz bevor
Kandinsky sein erstes abstraktes Bild malte. (Die Vordatierung des
"Ersten abstrakten Aquarells" von 1913 auf 1910 wird heute
nicht mehr angezweifelt.) Er nahm diesen neuen Schritt seines
Schaffens in seiner Schrift theoretisch vorweg. - Im ersten,
allgemeinen Teil führt Kandinsky den Begriff der Notwendigkeit
ein, die der inneren richtungweisenden Kunst innewohnt und den Keim
der Zukunft in sich birgt. Diese stellt er über die "l'art
pour l'art", die der handwerklich mehr oder weniger geschickte
Künstler herstellt, um dafür seinen materiellen Lohn zu
empfangen: "Eine derartige Kunst kann nur das künstlerisch
wiederholen, was schon die gegenwärtige Atmosphäre klar
erfüllt. Diese Kunst, die keine Potenzen der Zukunft in sich
birgt ... ist eine kastrierte Kunst."
Um die Gesamtheit des geistigen Lebens zu veranschaulichen, wählt
Kandinsky die Form eines sich "langsam, kaum sichtbar nach vor-
und aufwärts" bewegenden Dreiecks, an dessen Spitze wenige
Menschen stehen, die neue, noch nicht erschlossene Wege gehen. Das,
was ihnen heute verständlich und dem "übrigen Dreieck
eine unverständliche Faselei ist, wird morgen zum sinn- und
gefühlvollen Inhalt des Lebens der zweiten Abteilung". Zu
den ganz oben befindlichen, die "geistige Wendung"
vollziehenden Menschen zählt Kandinsky auch die Theosophen. - In
realer Form macht sich die geistige Wendung zuerst in der Literatur,
Musik und Kunst bemerkbar: "Diese Gebiete spiegeln das
düstere Bild der Gegenwart sofort ab, sie erraten das
Große, was erst als ein ganz kleines Pünktchen nur von
wenigen bemerkt wird und für die große Menge nicht
existiert." Am Beispiel der Musik seiner Zeit, die der Kunst um
einiges voraus sei, erklärt Kandinsky seinen Begriff der "inneren Notwendigkeit". Er unterscheidet am Beispiel der Musik Debussys zwischen äußerem und innerem "Schönen" (harmonisch und disharmonisch empfundenen Klängen). [...]
Im zweiten, der Malerei gewidmeten Teil der Schrift behandelt
Kandinsky die "Wirkung der Farbe auf Physis und Psyche und stellt
eine direkte Einwirkung der Farbe auf die Seele fest. Die
Farbenharmonie beruhe nur auf dem Prinzip der
"zweckmäßigen Berührung der menschlichen
Seele". - Im wichtigsten Kapitel "Formen- und
Farbensprache" geht er davon aus, daß Form, aber nicht
Farbe, selbständig existieren kann, das heißt, die Form
beeinflußt die Farbe. Eine Form habe immer den ihr eigenen
Charakter, wo eine Farbe den ihren verändere, je nachdem, welche
Form sie ausfülle; z. B. verstärke sich der Charakter einer
"spitzen Farbe" wie Gelb in der spitzen Form eines
Dreiecks. Kandinsky beschreibt die verschiedenen Wirkungen von Form
und Farbe und bildnerische Nutzungsmöglichkeiten im Sinne des
"Prinzips der inneren Notwendigkeit". Er betont immer das
Abstrakte der Formen, auch wenn er meint, der Künstler komme heute mit ausschließlich abstrakten Formen nicht aus. Die in diesem Kapitel dennoch entwickelten Prinzipien der abstrakten Malerei vertiefte er 1914 in dem Aufsatz "Über die Formfrage". Dort finden sich auch die berühmten Gegenpole der "Großen Realistik" und "Großen Abstraktion".
Die berühmt gewordene Schrift "Über das Geistige in der
Kunst "ist aufgrund ihrer Vielfalt an Gedanken, Ideen und
Vorstellungen, die oft aneinandergereiht scheinen, keine leichte
Lektüre. Dennoch wirkte sie wie eine Offenbarung. Innerhalb
eines Jahres waren drei Auflagen vergriffen. Kandinskys Gedanken
waren für die weitere Entwicklung der abstrakten Malerei von
grundlegender Bedeutung. Seine Schriften werden noch heute in
Abhandlungen über die Entwicklung der modernen Kunst immer wieder
zitiert. Bereits 1911 hatte er die bis heute relevanten
Möglichkeiten abstrakten Gestaltens im Ansatz theoretisch
vorformuliert.
(Kindlers Neues Literaturlexikon, Kindler Verlag, München.)