1871-1914

[Buch: Arno Holz "Phantasus", 1898]



Arno Holz: Phantasus


Lyrischer Zyklus von Arno Holz, in zwei Heften erschienen 1898/99. - Einen großen Teil der Gedichte des Phantasus-Zyklus hatte Holz bereits in verschiedenen repräsentativen Zeitschriften und Anthologien der Jahrhundertwende publiziert (Jugend, Pan, Moderner Musen-Almanach auf das Jahr 1893).

Der auf eine romantische Tradition (Ludwig Tieck, 1773-1853) zurückweisende Titel des Werkes ist der Name einer Gestalt der antiken Mythologie. Bei Holz wird Phantasus, ein Sohn des Schlafes, der durch seine vielfältigen Verwandlungskünste die menschlichen Träume erzeugt, zur Allegorie der dichterischen Existenz stilisiert. Das Thema des Phantasus ist das phantasiegelenkte Bewußtsein des Dichters selbst, das sich durch eine Fülle von Metamorphosen aller Erscheinungen bemächtigt. Zu dieser poetischen Selbstdarstellung erklärt Holz: "Das letzte 'Geheimnis' der... Phantasuskomposition besteht im wesentlichen darin, daß ich mich unaufhörlich in die heterogensten Dinge und Gestalten zerlege."

Zwei Ebenen stehen in diesem dichterischen Bewußtsein einander gegenüber. Auf der einen Seite steht die Welt des Berliner Alltags mit zahlreichen lokalen Anspielungen und Impressionen. Modernes Großstadtleben, Industriezeitalter, ironisierte Stimmungen des Fin de siécle und Bildungsphilistertum im Rahmen der bourgeoisen Gesellschaft der Wilhelminischen Epoche - all diese Motive erscheinen reflexartig in den Umweltnotierungen der Gedichte. Diesen "naturalistischen" Milieuspiegelungen steht eine künstliche Sphäre gegenüber, in deren poetische Unwirklichkeit das lyrische Ich seine Glücksvisionen, Wunschträume des Vergessens und der Identitätsentgrenzung, mythisierte Vergangenheit und elegisches Leiden an der desillusionierenden Gegenwart projiziert. Die Darstellung dieser Ebene ist gekennzeichnet durch immer wiederkehrende romantisierende Motive und Chiffren; dazu gehören z. B. das Lied des Vogels, der Farb- und Klangzauber exotischer Fernen, Märchen und Mythos sowie eine requisitenreiche ästhetische Scheinwelt mit jugendstilhaften Park-, Schloß- und Insellandschaften. - Das zentrale Strukturprinzip der "Phantasus"-Dichtung besteht darin, daß diese beiden Ebenen kontrastieren, entweder innerhalb eines Gedichts oder in aufeinanderfolgenden Gedichten. Im universalen Bewußtsein des Dichters sollen sich beide Ebenen zu jener Einheit zusammenschließen, die Holz im lyrischen Werk Walt Whitmans (1819-1892) entdeckt zu haben glaubte. Holz fordert eine Universaldichtung als "Gesamtorganismus", der dem "naturwissenschaftlichen Zeitalter" gemäß sei.

Der naturwissenschaftliche Hintergrund des "Phantasus" ist vor allem durch die biogenetischen Theorien Ernst Haeckels bestimmt; das lyrische Ich durchwandert alle Entwicklungsstadien der lebenden Substanz, indem es sie in Metamorphosen nachvollzieht (vgl. das Eingangsgedicht des Zweiten Heftes: "Sieben Billionen Jahre vor meiner Geburt / war ich eine Schwertlilie"). In einer Selbstinterpretation heißt es bei Holz: "Wie ich vor meiner Geburt die ganze physische Entwicklung meiner Spezies durchgemacht habe, wenigstens in ihren Hauptstadien, so seit meiner Geburt ihre psychische. Ich war 'alles', und die Relikte davon liegen ebenso zahlreich wie kunderbunt in mir aufgespeichert."

Gegenüber seiner vorangehenden lyrischen Produktion - "Das Buch der Zeit. Lieder eines Modernen" (1886) -, die zwar thematische Neuerungen brachte, aber den epigonalen Formen Emanuel Geibels (1815-1884) verpflichtet blieb, bedeutet Phantasus einen entscheidenden Schritt zur Formerneuerung der Lyrik, die Holz auch in seiner gleichzeitig erschienenen Schrift "Revolution der Lyrik" (1899) theoretisch forderte. Zentrum seiner Lyriktheorie ist der Begriff des Rhythmus, der als lyrisches Formelement absolut gesetzt wird und an die Stelle der älteren konventionellen Mittel wie Reim und Strophenform tritt. Als formale Konsequenz des rhythmischen Prinzips erklärt Holz die Anordnung seiner Zeilen um eine imaginäre Mittelachse; die Zeilen sind so gedruckt, daß ihre räumliche Mitte mit der Mitte der Seite übereinstimmt.

Der atomisierend-impressionistische lyrische Stil des Phantasus ist ein Pendant zur Technik des von Holz und Johannes Schlaf (1862-1941) gemeinsam für Drama und Prosa entwickelten naturalistischen "Sekundenstils". In späteren Fassungen der Dichtung versuchte Holz dem Programm der quasi wissenschaftlich registrierten Empfindungstotalität noch näherzukommen. Er entwickelte dabei eine barocke Sprachphantasie, welche die Gegenstände mit äußerstem Nuancenreichtum und minuziöser Präzision darstellt - oder fast schon wieder auflöst. In dieser Sprachaufschwellung schlägt sich eine extreme Gegenposition zu der von Holz scharf kritisierten preziösen Sprachaskese Stefan Georges nieder (die letzte vom Autor selbst veröffentlichte Fassung des Phantasus von 1925 umfaßt drei Bände). Im experimentellen Impuls seiner Sprachgebung antizipiert Holz hier Techniken der Lyrik des 20. Jahrhunderts.

(Kindlers Neues Literaturlexikon, Kindler Verlag, München)

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