1871-1914

[Buch: Gustav Frenssen "Jörn Uhl" (Buchdeckel), 1902]



Gustav Frenssen: Jörn Uhl


Roman von Gustav Frenssen, erschienen 1901. - Das Buch erzählt die Geschichte von Jörn Uhl, dem nachgeborenen Sohn eines grobschlächtigen holsteinischen Bauern und seiner sensiblen Frau, der von seinen Brüdern und dem Vater vernachlässigt, als einsames Kind aufwächst. Der Vater und die beiden älteren Brüder wirtschaften das Anwesen herunter, da sie sich mehr um Kartenspiel und Alkohol als um Pflügen und Säen kümmern. Die Gleichgültigkeit seines Vaters bringt Jörn um die Möglichkeit, das Gymnasium zu besuchen; er müht sich nun als einziger, den Hof vor dem Ruin zu bewahren. Als seine erste Liebe keine Erfüllung, findet, verhärtet sich Jörn innerlich immer mehr und wird fast zum Sonderling. Doch im Krieg 1870/71 erweist er sich als tüchtiger Kanonier. Er kehrt zurück und übernimmt nach einem Schlaganfall des Vaters und nach Abfindung der liederlichen Brüder den schwer verschuldeten Besitz. Zusammen mit seiner treuen alten Großmagd, die seit dem Tod der Mutter im Kindbett an ihm Mutterstelle vertritt, führt er nun das Regiment mit Zuversicht, die ihn auch dann nicht verläßt, als die Schwester mit ihrem Liebhaber nach Amerika flieht und ein Bruder Selbstmord begeht. Doch bald nach seiner Heirat trifft ihn neues Unglück: Seine Frau stirbt im Kindbett, eine Mäuseplage vernichtet die Weizenernte. Da fängt Jörns Charakter an, "brüchig zu werden". Eine letzte Katastrophe jedoch bringt zugleich auch eine Wende in seinem Leben: Ein Brand vernichtet den Hof, und plötzlich fühlt sich Jörn seltsam frei. Unter dem Einfluß eines Onkels und seiner nie vergessenen und jetzt wiedergetroffenen Jugendliebe Lisbeth Junker studiert er Deich- und Kanalbau und die Landvermesserei: Am Ende ist er doch der Landvogt, der er schon als Kind hatte werden wollen. Der vierschrötige und wortkarge Mann, der "zwischen Sorgen und Särgen hindurch mußte", ist zum Schluß dennoch glücklich geworden, weil er immer "demütig war und Vertrauen hatte".

Als Pastor in Dithmarschen hatte Frenssen oft mit ansehen müssen, wie Bauern ihren Hof vertranken und verspielten; seine Empörung hierüber spricht noch aus den Flüchen, mit denen Jörn Uhl seinen Vater bedenkt. Doch wird dieses moralische Motiv überlagert von der tiefsinnigen Geschwätzigkeit des Erzählers; sie und die Vielzahl an Episoden, an Erzählungen von und über Nebenfiguren, an grüblerischen Gesprächen Jörns mit Pastoren und Freunden zerdehnen den Handlungsablauf des Romans. Frenssen erzählt zwar von einem "harten Menschenschlag" mit "zusammengepreßten Lippen", benutzt auch ständig plattdeutschen Dialekt, erlegt sich aber selbst wenig sprachliche Disziplin auf. Dennoch hatte das Buch wegen seiner engen Beziehung zur holsteinischen Landschaft mit ihren Föhrenwäldern und Torfmooren und wegen seines volkstümlich formulierten "hohen, sittlichen Geistes" (W. Alberts) einen außerordentlichen Erfolg, der nur noch durch Frenssens nächsten Roman, "Hilligenlei" (1905), übertroffen wurde.

(Kindlers Neues Literaturlexikon, Kindler Verlag, München.)

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