1918-33

[Buch: Heinrich Mann "Professor Unrat" (Titelblatt), 1905]



Heinrich Mann: Professor Unrat oder Das Ende eines Tyrannen


Roman von Heinrich Mann, erschienen 1905. - In seinen seit 1900 veröffentlichten Romanen hatte Heinrich Mann die bürgerliche Gesellschaft vorwiegend an ihrem ästhetischen Erscheinungsbild gemessen und - über eine Kritik décadence - ihren spätzeitlichen Verfallszustand analysiert. Das in dem Roman Die Jagd nach Liebe zentrale Problem von Kunst und Leben behandelte er nach 1903 in einer Reihe von Novellen (Pippo Spano, 1905). Mit dem 1904 verfaßten Professor Unrat, dessen Niedschrift nach Aussage des Autors "nur wenige Monate" in Anspruch nahm, wandte er sich - die großstädtische, kosmopolitische und bohemienhafte Weitläufigkeit der früheren Werke preisgebend - unmittelbar der deutschen Provinz zu.

Die Geschicke eines wilhelminischen Schullehrers in einer norddeutschen Kleinstadt (die unschwer als das Lübeck des Schülers Heinrich Mann zu verifizieren ist) scheinen sich ganz den Schulsatiren Frank Wedekinds, Ludwig Thomas (1876-1921), Gerhart Hauptmanns und Hermann Hesses zuzuordnen. Vollends die mit Billigung des Autors entstandene Filmfassung Carl Zuckmayers von 1931 unter dem Titel Der blaue Engel (Regie: Josef von Sternberg, in den Hauptrollen Emil Jannings und Marlene Dietrich) veranlaßte das Publikum dazu, das Werk als eine karikierende Schulsatire zu verstehen. Doch eine historisch präzisere, werkgetreue Interpretation vermag - entgegen der im Film nivellierten Schlußwendung - die Doppelsinnigkeit der in sieben Kapiteln locker aneinandergereihten Einzelszenen zu beschreiben.

Daß ein tyrannischer, verknöcherter Gymnasialprofessor auf der nächtlichen Jagd nach seinen ihm verhaßten Schülern die Sängerin und "Barfußtänzerin" Rosa Fröhlich kennenlernt, sich in sie verliebt und deswegen seine Stellung verliert, bewahrt ganz den Anschein satirischer Lächerlichkeit; daß aber diese "lebensfeindliche" Lehrerfigur unversehens ihre bürgerliche Umwelt enthemmt und eine anarchistische Revolte gegen sie unternimmt (wogegen der Gymnasialprofessor im Film auf klägliche und mitleiderregende Weise endet), verstört das Lachen des Lesers und hebt seine anfängliche Übereinstimmung mit dem Autor auf. Eine bislang wenig beachtete Äußerung Heinrich Manns ("'Unrat' dieses lächerliche Scheusal... hat doch einige Ähnlichkeit mit mir") und die groteske Umkehrung der kleinstädtischen Verhältnisse - Aggressionslust, strammer Nationalismus und Autoritätsgläubigkeit schlagen in blinde Anarchie um - weisen darauf hin, daß die Hauptfigur nicht nur als typisiertes Objekt der Satire, sondern auch als Vexierbild des Satirikers zu verstehen ist. Der Roman stellt sich, abgehoben von bisherigeriger populärer Auffassung, als sozialpathologische Studie dar, in der die psychologische Motivation des Leidens und Handelns den einzelnen auch dann noch prägt, wenn er den politischen Mechanismus seiner Gesellschaft durchschaut und gegen sie revoltiert.

Der alternde Gymnasialprofessor Raat, seit mehr als einem Vierteljahrhundert im Schuldienst tätig und traditionsgemäß als "Unrat" verhöhnt, ordnet sein Verhältnis zu den Schülern psychologisch demselben Machtprinzip unter, das er - ein glühender Chauvinist, der "über die Pflichttreue, den Segen der Schule und die Liebe zum Waffendienst" Aufsätze schreiben läßt - politisch vertritt. Seiner tyrannischen Herrschsucht, die sich in drakonischen Strafen, ungerechten Zensuren und sinnwidrigen Anordnungen manifestiert, entspricht innere Ohnmacht und Triebverdrängung. Immer auf dem Sprung, "jeden je möglicben Widerstand zu brechen, allle bevorstehenden Attentate zu vereiteln, es ringsumher noch stummer zu machen, Kirchhofsruhe herzustellen", gerät er auf der Suche nach widerborstigen Schülern in die Spelunke "Zum blauen Engel", wo die leichtlebige "Künstlerin" Rosa Fröhlich gastiert. Aus der Sucht, die Schüler zu "fassen", es den vermeintlich Aufsässigen zu "beweisen" und seine "Erbfeinde" an ihrer "Laufbahn" zu hindern, verirrt er sich in einen fremdartigen, verwirrend-erotischen Dunstkreis; seine Machtvorstellung - politisch "eine einflußreiche Kirche, ein handfester Säbel, strikter Gehorsam und starre Sitten" - wird allmählich von bislang zurückgedrängter, triebhafter Sinnlichkeit unterhöhlt. Je öfter er im "Kabuff" der Rosa Fröhlich verkehrt je mehr seine autoritäre Stellung bei den Schülern dadurch untergraben wird, desto näher rückt er den von ihm Unterjochten; der in seiner Macht geschwächte Tyrann begegnet seinen Untertanen auf der gleichen Stufe: als ein Untertan. Als schließlich "die überreizte Zärtlichkeit des Menschenfeindes" über alle Hemmungen und Konventionen siegt und Unrat die nach Sicherheit sich sehnende Fröhlich heiratet, ist seine bürgerliche Stellung verloren. Verteidigt er als Zeuge in einem Prozeß gegen drei seiner Schüler wegen mutwilliger Beschädigung eines Hünengrabs anfangs noch die geheiligten Güter staatserhaltender Gesinnung, so bricht im folgenden der unterdrückte Haß auf die bürgerliche Gesellschaft, die ihn geprägt hat, durch: In einer geifernden Rede wendet er sich gegen die großbürgerliche Kaste, den dekadenten Adel und die korrumpierten Kleinbürger, wie sie repräsentativ in den drei pubertären Sündenböcken Lohmann, von Ertzum und Kieselack erscheinen.

"Auf neue, unvorhergesehene Weise" dehnt sich Unrats Kampf aus, als er nach einem lehrreichen Aufenthalt an der See mit seiner Frau in die Stadt zurückkehrt. Aus einem Seitensprung Rosas hat er gelernt, daß erotische Libertinage die Bürger fesselt und sie - wie ihn selbst - unversehens zu Untertanen macht. Seine "Villa vor dem Tor" wandelt er nun zu einer Stätte nächtlichen Vergnügens und verbotener Glücksspiele um, was sich im Getuschel der Kleinsadt zu einer um so größeren Sensation ausweitet, als das Glück im Verborgenen blüht: "Was sie hertrieb, war die Leere ihrer Gehirne, der Stumpfsinn der humanistisch nicht Gebildeten, ihre dumm Neugier, ihre mit Sittlichkeit schlecht zugedeckten Lüsternheiten, ihre Habgier, Brunst, Eitelkeit und zu alledem hundert verquickte Interessen." Unverhüllt entblößt sich, was die Bürger vorher im Spottnamen "Unrat" auf ihren Lehrer abgewälzt haben. Je mehr durch dieses anarchistische treiben die "Entsittlichung einer Stadt" vorantreibt, desto mehr fällt jedoch auch Unrat seiner verzehrenden Rachsucht zum Opfer. Seine Seele, "ihre Abgrundflüge, ihr fürchterliches Auskohlen, ihr über alles hinaus zu sich selber Verdammtsein", legt die Disposition des Satirikers bloß, der - wie seine Hauptfigur - an dieser von ihm analysieren Gesellschaft leidet. - "All dies fanatisch Überkochende", in expressionistischen Metaphern zum Sprachbild abgründiger Dämonie erhöht, kann jedoch die Gesellschaft im letzten nicht gefährden: Als Unrat eine Brieftasche stiehlt, wird er verhaftet und die vormalige bürgerliche Fassade der Wohlanständigkeit kann renoviert werden.

Der doppelten Negation, der Satire auf die kleinstädtisch-bürgerlichen Verhältnisse und dem Vexierbild des "Menschenfeindes", steht in diesem Roman, zum erstenmal in Heinrich Manns Werk, eine Figur gegenüber, die sich in den Rahmen später ausformulierter demokratischer und sozialethischcr Utopie fügt: In der Gestalt der Rosa Fröhlich, eines Mädchens aus dem Volk beschrieb der Autor, noch weitgehend ironisch gebrochen, eine Repräsentatin humanen "Mitleids"; in der Figur des jungen Literaten Lohmann, durch den der Erzähler den Professor analysieren läßt und der mit dem Lübecker Schüler Heinrich Mann verblüffende Gemeinsamkeiten aufweist, stellt er kritisch den wirklichkeitsfernen Ästheten dar und festigt seinen Standort als sozialkritischer Realist.

Professor Unratfindet sein stoffliches und thematisches Pendant in dem 1914 fertiggestellten Roman Der Untertan, in dem Heinrich Mann vor derselben kleinstädtischen Kulisse Lübecks die Dialektik des Tyrann-Untertan-Verhältnisses wiederaufnahm, mit der historischen Perspektive vom Aufstieg des chauvinistischen Kleinbürgers und dem Untergang liberaler Humanität verband und - weitgehend entlastet von der Selbstauseinandersetzung des Satirikers - schärfer politisierte.


(Kinders Neues Literaturlexikon, Kindler Verlag, München.)

KaiserreichI. WeltkriegWeimarer RepublikHome