1871-1914

[Buch: Heinrich Mann "Der Untertan" (Buchdeckel), 1918]

[Buch: Heinrich Mann "Der Untertan" (Titelblatt), 1918]



Heinrich Mann: Der Untertan


Dieser 1906 begonnene und 1914 "zwei Monate vor Ausbruch des Krieges" beendete Roman schließt die Reihe der "wilhelminischen" Bücher Heinrich Manns ab. Als die schärfste (und prophetische) Analyse nationalistischer Politik und Machtverhältnisse unter der Regierung Kaiser Wilhelms II., die in der zeitgenössischen deutschen Literatur zu verzeichnen ist, wurde das Buch, von Kurt Tucholsky als "Herbarium des deutschen Mannes" und als "Anatomie-Atlas des Reichs" bezeichnet, nach dem Ersten Weltkrieg zu einem sensationellen Erfolg. Es greift wie der erste "wilhelminische" Roman, "Im Schlaraffenland" (1900), auf die Nachgründerzeit zurück und schließt - in topographischen Anspielungen wie in der Mikroskopie von Autoritätsfiguren - unmittelbar an "Professor Unrat" (1904) an. Hier wie dort geht es um die Kritik der "Grundlagen" des Staates: "eine einflußreiche Kirche, ein handfester Säbel, strikter Gehorsam und stramme Sitten" (Professor Unrat), die - nach einem ursprünglichen Untertitelentwurf - in der "Geschichte der öffentlichen Seele in Deutschland" widergespiegelt werden sollten. Plan und Ausführung des Buchs begleitete die Entwicklung einer Utopie von Demokratie, die sowohl die Beseitigung der Feudalherrschaft wie der aristokratischen Esoterik intellektueller Opposition forderte. In dem Aufsatz "Reichstag" (1911) ist der wilhelminische Bürger beschrieben als "dieser widerwärtig interessante Typus des imperialistischen Untertanen, des Chauvinisten ohne Mitverantwortung, des in der Masse verschwindenden Machtanbeters, des Autoritätsgläubigen wider besseres Wissen und politischen Selbstkasteiers". Heinrich Mann arbeitete zunächst einzelne Episoden aus, die er als abgeschlossene novellistische Szenen im "Simplicissimus" veröffentlichte. Seit Januar 1914 erschien der Roman bis kurz nach Kriegsausbruch, als die Veröffentlichung abgebrochen werden mußte, in der Illustrierten "Zeit im Bild" in Fortsetzungen (und in einer russischen Buchausgabe), 1916 in einem Privatdruck von zehn Exemplaren, bis er nach Wegfall der Zensur veröffentlicht werden konnte.

Die sechs Kapitel des Buchs, die wiederum in locker gefügte Einzelszenen unterteilt sind, erzählen analog dem formalen Muster eines Bildungsromans und mit autobiographischen Anspielungen auf Heinrich Manns Geburtsstadt Lübeck die Lebensgeschichte des Bürgers Diederich Heßling (urspr. Hänfling) von seiner früheren Kindheit bis zur Sicherung seiner Stellung in seiner Heimatstadt Netzig. In detailfreudigem, Drastik nicht scheuendem Realismus werden die Träume des Kindes beschrieben, die Taten des Schülers, die Erfahrungen des Studenten in Berlin: Demütigungen durch einen Stärkeren, Eingliederung in die Korporation Neuteutonia, Liebesaffäre mit Agnes Göppel, der Tochter eines Geschäftsfreundes, Prägung durch nationalkonservative Massenstimmung, das Dasein eines Drückebergers beim Militär. Nach Ende des Studiums - dem Abschluß des "Bildungs"-Gangs - wird die Hauptfigur fast ausschließlich in ihrem heimischen Aktionskreis vorgeführt: als Agitator am Stammtisch, als Herr über einen Betrieb und Beherrscher einer Familie, als Eiferer gegen das Proletariat, der selbst die Erschießung eines Demonstranten begrüßt, und als Zeuge im Prozeß gegen einen jüdischen Mitbürger wegen Majestätsbeleidigung; als geschickter Familienpolitiker und Winkeladvokat auf einem Ball, als Stadtverordneter und intriganter Kumpan des verhaßten Sozialdemokraten Napoleon Fischer, als erfolgreicher Liebediener des Regierungspräsidenten von Wulckow, als glücklicher Bräutigam des geldschweren Mädchens Guste Daimchen. Die Hochzeitsreise führt den Helden auf den Spuren seines Kaisers nach Rom; geheime Machenschaften schließlich sichern dem wohlhabenden Bürger die Aktienmehrheit an der Papierfabrik seines alternden Konkurrenten Klüsing, seine chauvinistische Haltung und Stadtratspolitik einen hohen Orden, der ihm bei der Einweihung eines Denkmals für Wilhelm I. überreicht wird.

An dieser Kette von Episoden und mit Hilfe eines aus Kaiserreden entlehnten Zitatfeldes wird die Doppelrolle Heßlings als Tyrann und Untertan entwickelt. Einerseits prägt ihn "Zugehörigkeit zu einem unpersönlichen Ganzen, zu diesem unerbittlichen, menschenverachtenen, maschinellen Organismus", den die Hierarchie des imperialistischen Wilhelminismus in jeder ihrer Institutionen darstellt. Andererseits verschafft ihm gerade das Erleiden institutioneller Macht - in Schule, Universität, Korporation, Militär etc. - persönlichen Machtbesitz; in Heßlings Maxime "wer treten wollte, mußte sich treten lassen" versteinert der Oppotunismus dieses Lebenslaufs zum Erfolgsgesetz. In Momenten totaler Unterwerfung verschiebt sich der Machtwille Heßlings zum Umsturz-Rausch; doch jedesmal, wenn er "alles niedergeworfen, zerstoben" sehen will: "die Herren des Staates, Heer, Beamtentum, alles Machtverbände und sie selbst, die Macht!", richtet er selbst "das Gebäude der Ordnung" wieder auf. Als er in seiner Festrede zur Einweihung des Ehrenmahls "die Seele deutschen Wesens" mit der "Verehrung der Macht, der überlieferten und von Gott geweihten Macht, gegen die man nichts machen kann" gleichsetzt und damit sich selbst als den repräsentativen Typus der Zeit bündig formuliert, wird die Kritik Heinrich Manns ins Utopische projiziert: in einem Gewitter - einer satirischen Apokalypse - löst sich alle Ordnung auf. Die "über alle Begriffe" hinausgehende Vision einer Anarchie des Himmels, eines Strafgerichts gibt die Ahnung von der Selbstzerstörung des Wilhelminismus, ein "Kehraus, wie der einer betrunkenen Maskerade, Kehraus von Edel und Unfrei, vornehmstem Rock und aus dem Schlummer erwachtem Bürger, einzigen Säulen, gottgesandten Männern, idealen Gütern, Husaren, Ulanen, Dragonern und Train!"

Gegenfigur des zwischen Pathos und Sentimentalität schwankenden Heßling ist sein Schulkamerad Wolfgang Buck; er exemplifiziert - als Medium und Objekt der Kritik zugleich - eine "Tatsache der inneren Zeitgeschichte": die in Ästhetizismus abgeglittene intellektuelle Opposition, die den wilhelminischen Bürger an seinem teutonischen Kunstbegriff richtet (wie Heinrich Mann in einer Szene den zeitgenössischen Wagner-Kult als schlechtes Theater entlarvt), die ihn zwar als "Schauspieler" und "Komödianten" erkennt, aber über dem Studium von "Sensationen" die Handlungsfähigkeit verliert.

Mit diesem zweiseitig kritischen Gegensatz von Macht und Geist verknüpft Heinrich Mann die historische Auseinandersetzung zwischen dem erstarkten wilhelminischen Imperialismus und dem verkümmernden Liberalismus. Wolfgang Bucks Vater, ein unzeitgemäßer 48er-Revolutionär, dessen Ansehen und Stellung in der Stadt von Heßling untergraben werden, stirbt im Angesicht des triumphierenden Untertans, den er als "Fremden", ja als "den Teufel" erkennt.

Der Roman, häufig als "Pamphlet" mißverstanden und im Gefolge der Kritik Thomas Manns in seinen "Betrachtungen eines Unpolitischen" von völkischen Rezensenten abgewertet, gilt heute als das Hauptwerk deutscher Satire im 20. Jahrhundert. - Mann faßte diesen und zwei später veröffentlichte Romane zu der Sammlung "Das Kaiserreich" zusammen: Die 1917, noch vor der Buchausgabe des "Untertan" erschienene unmittelbare Fortsetzung "Die Armen" versteht sich als "Roman des Proletariats", vermag aber wegen mangelhafter Detail-Kenntnisse ihres Verfassers und schematischer Handlung ebensowenig zu überzeugen wie das als "Roman der [geistigen] Führer" angelegte Buch "Der Kopf" wegen seiner Unübersichtlichkeit.


(Kindlers Neues Literaturlexikon, Kindler Verlag, München.)

KaiserreichI. WeltkriegWeimarHome