1871-1914

Das Reich




Am 18. Januar 1871 wurde der preußische König Wilhelm I. im Spiegelsaal von Versailles zum Deutschen Kaiser proklamiert. Schon bei der Reichsgründung war das "kleindeutsche" Kaiserreich seinen Nachbarn Frankreich und Österreich-Ungarn an Bevölkerungszahl, Fläche, wirtschaftlicher Kraft und militärischer Stärke überlegen. Mit 41 Millionen Menschen im Jahr 1871 war Deutschland der bevölkerungsreichste Staat in Mitteleuropa. Noch vor dem Ersten Weltkrieg wurde die industrielle Produktion Großbritanniens überflügelt. Die Konkurrenz beim imperialistischen Streben nach Kolonien und die damit einhergehende Aufrüstung der deutschen Flotte brachten Deutschland immer wieder in Konflikt mit den anderen europäischen Großmächten.

[Gemälde: Wilhelm I., 1879] Das Kaiserreich wurde von der Gesamtheit der deutschen Fürsten und Freien Städte als Bundesstaat gegründet. Der Kaisertitel war erblich und lag beim preußischen König, der als Kaiser den Oberbefehl über die gesamte deutsche Land- und Seemacht ausübte. Er hatte das Recht zur Einberufung, Eröffnung und Schließung des Reichstags und ernannte den Reichskanzler, der im Regelfall zugleich preußischer Ministerpräsident war und den Vorsitz im Bundesrat führte. Dem Reichskanzler unterstellt waren die Staatssekretäre als Leiter der Reichsämter. Träger des Gesetzgebungsverfahrens für Reichsgesetze war der Reichstag. Seine rund 400 Abgeordneten wurden in allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlen gewählt. Die Reichsverfassung vom 16. April 1871 lehnte sich eng an die des Norddeutschen Bunds an.

Insgesamt bestand das Kaiserreich aus 25 Bundesstaaten: vier Königreichen (Preußen, Bayern, Sachsen, Württemberg), sechs Großherzogtümern (Baden, Hessen, Mecklenburg-Schwerin, Mecklenburg-Strelitz, Oldenburg, Sachsen-Weimar-Eisenach), fünf Herzogtümern(Anhalt, Braunschweig, Sachsen-Altenburg, Sachsen-Coburg-Gotha, Sachsen-Meiningen), sieben Fürstentümern (Waldeck, Lippe, Schaumburg-Lippe, Schwarzburg-Rudolstadt, Schwarzburg-Sondershausen, Reuß Ältere Linie, Reuß Jüngere Linie) und drei Freien Städten (Hamburg, Bremen, Lübeck), die zusammen den Bundesrat bildeten. Das "Reichsland" Elsaß-Lothringen wurde seit 1879 von einem Statthalter regiert und war ab 1911 auch im Bundesrat vertreten. Bei weitem größter und einflußreichster Einzelstaat war das Königreich Preußen. Es umfaßte zwei Drittel der Fläche und rund drei Fünftel der Bewohner Deutschlands. Bis auf die drei Königreiche wurden alle Truppen der Bundesstaaten der preußischen Armee ein- bzw. angegliedert. Den Oberbefehl über die Armeen Sachsens, Bayerns und Württembergs hatte im Frieden der jeweilige König.

[Fahne des Deutschen Reiches] Die Armeen sämtlicher Bundesstaaten übernahmen nach der Reichseinigung 1871 die aus Preußen stammende Pickelhaube. Für das Ausland, aber auch für viele Intellektuelle in Deutschland wurde sie zu einem Symbol für das neue, als militaristisch bewertete Deutsche Reich. Dessen Farben waren "Schwarz-Weiß-Rot", die schon jene des Norddeutschen Bundes gewesen waren. Otto von Bismarck hatte 1870 die Kombination des Hanseatischen "Weiß-Rot" mit dem Preußischen "Schwarz-Weiß" auf das neu zu gründende Kaiserreich übertragen.

Die meisten Bundesstaaten waren konstitutionelle Monarchien; die drei Hansestädte waren Stadtrepubliken, und die beiden mecklenburgischen Großherzogtümer hatten sich ihre landständische Verfassung aus dem 16. Jahrhundert bewahrt. Das allgemein gleiche Wahlrecht wurde in acht Staaten praktiziert, und in elf Staaten galt das Dreiklassenwahlrecht.

Der Zusammenschluß der deutschen Staaten ermöglichte die Vereinheitlichung von Maßen und Gewichten, von Zolltarifen und Verbrauchssteuern sowie des Münzwesens. In den Jahren nach der Reichseinigung verschwanden Taler und Gulden aus dem Zahlungsverkehr. Anstelle der verschiedenen Währungseinheiten trat eine einheitliche, auf dem Goldstandard basierende Währung: die Mark zu 100 Pfennig. 1876 erfolgte die Gründung der Reichsbank.

Das 1868 im Norddeutschen Bund eingeführte metrische System wurde auf das Reich übertragen. Ein Neuscheffel faßte 50 Liter. Der alte Scheffel hatte zwischen 36,59 Litern in Lübeck und 106,16 Litern in Gera geschwankt. Vor der Einführung des Gramms 1868 war das Pfund die Hauptmaßeinheit in Deutschland. Sein Gewicht und die Aufteilung in Loth und Quentchen hatte in den einzelnen Staaten aber ebenso stark variiert wie die Länge der Elle. Vor Vereinheitlichung der Längenmaße betrug die Elle zwischen 66,77 Zentimetern in Berlin und 83,80 in Bayern. Mit den ganzen Vereinheitlichungen war eine wichtige Voraussetzung für den wirtschaftlichen Aufstieg gegeben. Kennzeichnend für das Reich war ein starker Bevölkerungswachstum: Mit seinen fast 68 Millionen Einwohnern war Deutschland auch am Vorabend des Ersten Weltkriegs 1914 das mit Abstand bevölkerungsreichste Land Mitteleuropas. Drei zahlenmäßig große Minderheiten waren seit 1871 bestrebt, den deutschen Staatsverband zu verlassen: im Osten die Polen, im Norden die Dänen und im Westen die Franzosen Elsaß-Lothringens.

(ba)


Karte: Deutsches Reich 1871-1918

[Landkarten der Länder der Reiches mit Wappenkunde]


Statistik: Fläche der Bundesstaaten 1871-1918

[Statistik: Fläche der Bundesstaaten]





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