1871-1914Wissenschaft & ForschungBei der Entwicklung zukunftsträchtiger Technologien belegte Deutschland dank des intensiven Zusammenwirkens von wissenschaftlicher Forschung und Kapital, das Unternehmer zur Verfügung stellten, weltweit einen führenden Platz. Die Forschung an den deutschen Universitäten zeichnete sich im Kaiserreich durch beachtliches Niveau aus. Gesellschaftspolitisch hingegen waren die Universitäten Bollwerke tradierter Normen und Wertvorstellungen. Vor allem die Studierenden entwickelten starke Affinitäten zum Antisemitismus. Liberale Forscher und Gelehrte wie Rudolf Virchow oder Theodor Mommsen wurden seit den achtziger Jahren immer seltener. Sozialdemokraten erhielten keine Lehrbefugnis. Seit 1908 waren in ganz Deutschland auch Frauen zum Hochschulstudium zugelassen.
Größte Aufmerksamkeit in Deutschland erregten seit 1900 die Luftschiffe des Grafen Ferdinand von Zeppelin. Nach mehreren Rückschlägen seit 1900 gelang Zeppelin mit seinem dritten Luftschiff LZ 3 der Durchbruch, dessen Fahrten in der Öffentlichkeit auf große Aufmerksamkeit stießen. Ein wahrer Publikumsmagnet waren die auf dem 1909 eröffneten Flugplatz Johannisthal bei Berlin abgehaltenen Flugwochen. Für die Beherrschung des Luftraumes interessierte sich von Anbeginn auch die deutsche Armee,
Die von der Hochindustrialisierung ausgelösten Umbrüche beschleunigten vor allem die Entwicklung der naturwissenschaftlichen und technisch-orientierten Fächer an den Universitäten und Hochschulen. Zugleich erhielt die schulische Ausbildung einen stärkeren Praxisbezug und richtete sich an den Bedürfnissen von Wirtschaft, Industrie und Verwaltung aus. Einen Höhepunkt erreichte die Förderung von Wissenschaft und Forschung mit der 1911 in Berlin gegründeten Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften (heute: Max-Planck-Gesellschaft). Um die Jahrhundertwende erlangten die deutschen Universitäten mit ihrer systematischen Grundlagenforschung sowie die erstmals in großem Umfang eingeführten außeruniversitären Forschungseinrichtungen weltweiten Vorbildcharakter: Von den 42 zwischen 1901 und 1914 verliehenen naturwissenschaftlichen Nobelpreisen ging jeder dritte an einen deutschen Forscher. Der Entdecker der elektromagnetischen Strahlen Wilhelm Conrad Röntgen erhielt 1901 den ersten Nobelpreis für Physik. In den Körper zu schauen, ohne ihn zu öffnen, war bis 1900 eine abenteuerliche Vorstellung. Durch die von Röntgen 1895 entdeckten X-Strahlen war es nun möglich, auch im Innern Krankheiten aufzuspüren. Zu den mit diesem Nobelpreis ausgezeichneten Wissenschaftlern zählten u.a. auch die Physiker Max Planck und Max von Laue.
An den deutschen Universitäten herrschte ein stark konservativer
Geist. So war für Studenten die Mitgliedschaft in einer schlagenden
Verbindung fast selbstverständlich, denn die "Alten
Herren" der Burschenschaften hatten bei der Verteilung von
Ämtern ein gewichtiges Wort mitzureden.
Bekleideten die Absolventen der Universitäten hauptsächlich Führungspositionen im öffentlichen Bereich, so befriedigten die Technischen Hochschulen vor allem den Bedarf der großen Wirtschaftsunternehmen an wissenschaftlich ausgebildeten Technikern und Ingenieuren. Als Angestellte übernahmen die Hochschulabsolventen immer mehr Leitungs- und Kontrollfunktionen der noch handwerklich ausgebildeten Meister. Mit der Verleihung des Promotionsrechts erreichten die Technischen Hochschulen 1899 die lange angestrebte Gleichstellung mit den Universitäten.
Die technisch-industrielle Entwicklung brachte nicht nur den neuen
Typ der Technischen Hochschule und die außeruniversitären
Forschungsstätten auf den Weg, sondern sie formte auch das
Schulwesen um.
Zugleich wurden die ersten höheren Mädchenschulen gegründet. Sie erhielten 1908 auch in Preußen das Recht zur allgemeinen Reifeprüfung. Vorher konnten Frauen ihr Abitur nur unter erschwerten Bedingungen ablegen. Seit dem Wintersemester 1908/09 waren Frauen zur regulären Immatrikulation an den preußischen Hochschulen zugelassen. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg waren 4.000 Frauen immatrikuliert; die Zahl ihrer Kommilitonen war inzwischen von 13.000 (1871) über 34.000 (1900) auf 56.000 gestiegen. (ba)
Statistik: Studenten an wissenschaftlichen Hochschulen 1907-1935
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