1871-1914

[Photo: Max Planck]

[Photo: Fritz Haber]

[Photo: Carl Bosch]

[Photo: Adolf Harnack, vor 1910]



Die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft


Die "Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung von Wissenschaft und Forschung" (KWG, heute: Max-Planck-Gesellschaft) wurde am 11. Januar 1911 als eingetragener Verein unter dem Vorsitz des preußischen Kultusministers August von Trott zu Solz (1855-1938) in Berlin gegründet. Mit der Gründung schloß sich Preußen einem internationalen Trend zur Errichtung staatsunabhängiger Forschungsinstitute an und stieß dabei auf großes Interesse bei Kaiser Wilhelms II.. Dieser gab der überwiegend durch privates Mätzenatentum finanzierten aber staatlich kontrollierten Selbstverwaltungskörperschaft seinen Namen. Ihr Ziel war die Errichtung und Unterhaltung von vorwiegend naturwissenschaftlichen außeruniversitären Forschungsinstituten, welche die Königlich Preußische Akademie der Wissenschaften ergänzen sollten. Präsident der Gesellschaft wurde der Theologe Adolf von Harnack, Vizepräsidenten Gustav Krupp von Bohlen und Halbach und der Bankier Ludwig Delbrück (1860-1913).

Der Gründungsbeitrag von fast zehn Millionen Mark wurde von Industrie, Landwirtschaft, Bankiers und grundbesitzendem Adel gespendet. Da die neue Finanzierungsart auf privater Basis mit der Freiheit von Forschung und Lehre in Konflikt stand, sollte staatliche Hilfe die KWG unabhängig von der Privatwirtschaft machen. Der Preußische Staat stiftete die Grundstücke in Berlin-Dahlem und schuf Beamtenstellen für die Direktoren der verschiedenen Institute. Die Mitglieder hatten einen Aufnahmebeitrag von 20.000 Mark zu entrichten, der jährliche Mitgliedsbeitrag betrug 1.000 Mark.

Die ersten beiden Kaiser-Wilhelm-Institute (KWI) für physikalische Chemie und Elektrochemie sowie für experimentelle Therapie wurden am 23. Oktober 1912 in Berlin-Dahlem eröffnet. Bis 1933 kamen 20 neu gegründete oder übernommene Einrichtungen dazu. Offiziell bestand völlige Freiheit und Unabhängigkeit in der Forschung und die KWG konnte relativ frei über die Verwendung der bereitgestellten Mittel entscheiden. Doch durch zweckgebundene Spenden und den großen Einfluß einzelner Mitglieder wurden auch industrienahe Institute wie das am 19. September 1914 eröffnete KWI für Kohleforschung in Mülheim/Ruhr gegründet.

Im Ersten Weltkrieg konnte die Arbeit der Institute nur sehr eingeschränkt fortgesetzt werden. Die einzelnen Institute verlagerten ihre Forschungsschwerpunkte - wenn auch in unterschiedlichem Maße - auf die Kriegsunterstützung. Vor allem das KWI für physikalische Chemie und Elektrochemie unter der Leitung von Fritz Haber richtete seine Forschungstätigkeit auf Gaskampf und Gasschutz aus. Ein kriegswirtschaftliches Gesamtkonzept für die KWG, die Kriegsanleihen für fast zehn Millionen Mark zeichnete, existierte allerdings nicht. Nach Kriegsende hielt die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft trotz der Abdankung von Wilhelm II. ihren Namen bei.

Das Verhältnis der KWG zur Weimarer Republik war zwiespältig, da viele der Mitglieder auch wegen des Protektorats des Kaisers beigetreten waren, das mit der Satzungsänderung von 1921 abgeschafft wurde. Steigende finanzielle Unterstützung von Seiten des Staats trug jedoch dazu bei, daß auch kritisch eingestellte Mitglieder die Loyalität der KWG zur Republik mittrugen. Vor allem durch die Inflation geriet die KWG in eine schwierige wirtschaftliche Lage, doch das Deutsche Reich und Preußen gewährten großzügige laufende Zuschüsse aus ihren Etats. Auch andere deutsche Länder und die 1920 gegründete Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft (ab 1929: Deutsche Forschungsgemeinschaft) unterstützten die KWG finanziell, um die internationale Konkurrenzfähigkeit der deutschen Wissenschaft zu gewährleisten. Nach Ende der Inflation 1923 wurde die KWG von einer preußischen zu einer gesamtdeutschen Forschungsorganisation. Auch bemühte sich die KWG um eine intensivere Zusammenarbeit mit ausländischen Forschungseinrichtungen wie der Akademie der Wissenschaften in Wien oder der Rockefeller Foundation in New York.

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 bedeutete für die deutsche Wissenschaft eine Zäsur. Die nationalsozialistische Gleichschaltung und die Durchsetzung des "Arierparagraphen" hatten für das KWG den Verlust einer Reihe von zum Teil bedeutenden Mitarbeitern wie Fritz Haber zur Folge. Der Nobelpreisträger für Physik Max Planck, der nach dem Tod Harnacks 1930 das KWG leitete, hatte sich vergeblich für Haber und andere führende jüdische Wissenschaftler eingesetzt. Dem NS-Regime fehlte zwar ein einheitliches Konzept zur Wissenschaftspolitik, dennoch erhöhte es trotz kritischer Einstellung zur Grundlagenforschung die finanziellen Zuschüsse für die KWG, deren Institute sich zunehmend in den Dienst der nationalsozialistischen Ideologie und Politik stellten. Der NS-Staat strebte vor allem eine intensive militärische Forschung an, die der Aufrüstung und Autarkie dienen sollte. So wurden nach der Verkündung des Vierjahresplans im Oktober 1936 Sondermittel in beträchtlicher Höhe vor allem für die Aerodynamische Versuchsanstalt durch das Luftfahrtministerium unter Hermann Göring bereitgestellt.

Die Forschungen Werner Heisenbergs vom KWI für Physik über Kernsprengstoff und die Herstellung einer Uranbombe erbrachten dagegen keinen langfristigen militärischen Nutzen für das Deutsche Reich. Das 1927 gegründete "KWI für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik" unter seinem Direktor Eugen Fischer (1874-1967) stand dem NS-Regime ideologisch besonders nah und spielte eine herausragende Rolle bei der Vorbereitung der gesetzlichen Grundlagen der nationalsozialistischen Rassenpolitik. Fischer war ebenso wie der Direktor des KWI für Psychatrie, Ernst Rüdin (1874-1952), für die Regierung zudem als Gutachter bei Zwangssterilisationen tätig.

Nachfolger Plancks wurde am 29. Mai 1936 Carl Bosch. Mit einer neuen Satzung verstärkte er in der KWG das "Führerprinzip" und gab dem Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, Bernhard Rust (1883-1945), weitgehende Eingriffsrechte. Nach dem Tod Boschs wurde 1940 der Stahlindustrielle Albert Vögler neuer Präsident der KWG. Ab 1943 konnte die Arbeit der Institute nicht nur durch Personalmangel aufgrund von Einberufungen in den Zweiten Weltkrieg, sondern auch wegen der Luftangriffe nur eingeschränkt fortgesetzt werden. Nach dem Krieg wurde die KWG von Göttingen aus neu konstituiert und 1948 in die Max-Planck-Gesellschaft umgewandelt. Diese übernahm einen großen Teil der Institute und das verbliebene Vermögen der KWG.

(mh)

Wilh. DeutschlandI. WeltkriegWeimarHome